Robert Neisen

Buchrezension

Gedenkstättenrundbrief 199 S. 40-46

Wolfram Wette (Hg.): "Hier war doch nichts!"

Waldkirch im Nationalsozialismus

Robert Neisen

Die Stadt Waldkirch, 20 Kilometer nördlich von Freiburg im Schwarzwälder Elztal gelegen, gehörte zu den badischen Kommunen, die sich bei der Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit lange Zeit besonders schwer taten. Gewiss hatte man auch in vielen anderen Städten und Gemeinden spätestens ab dem Jahr 1947/48 über mehrere Jahrzehnte hinweg die Zeit des Nationalsozialismus großräumig umfahren, wenn es um die Beschäftigung mit der lokalen Geschichte ging. Die Tatsache, dass die Täter vor Ort ein Gesicht bekamen und sich der nette Nachbar oder der eigene Onkel nicht selten als radikaler Nationalsozialist mit "Blut an den Händen" entpuppte; der Umstand, dass sich Anhänger und Gegner des Nationalsozialismus nach 1945 in zahlreichen lokalen Gremien und Vereinen Auge in Auge gegenübersaßen; die Angst der Bürgermeister, eine offene Befassung mit dem nationalsozialistischen Unrecht und ihren ­Urhebern vor Ort könne alte Gräben wieder aufreißen; die Scheu der älteren Gemeindebürger, sich mit ihrem eigenen Verhalten in der nationalsozialistischen Zeit auseinanderzusetzen - all das verhinderte in vielen Kommunen den ebenso offenen wie schmerzhaften Diskurs über die nationalsozialistische Diktatur und ihre vielen Helfershelfer in der eigenen Gemeinde.

Dennoch war der Weg, den man in Waldkirch zurücklegen musste, ehe man sich offen mit der lokalen NS-Geschichte befasste, mühsamer und länger als anderswo. Dies hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen war Waldkirch in der Weimarer Republik und in der Bundesrepublik eine Hochburg des politischen Katholizismus. Hatte dies in der Weimarer Republik noch dazu geführt, dass die Nationalsozialisten selbst in der Endphase von Weimar nur schwer Fuß fassen konnten, verhinderte die kommunalpolitische Dominanz von CDU und Freien Wählern nach 1945 eine intensivere Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus. Dies zeigte sich beispielsweise bei der Umbenennung des städtischen Gymnasiums von Waldkirch in Geschwister Scholl-Gymnasium auf Initiative der Schülerschaft im Jahre 1987 (Beitrag von Wolfram Wette). Als die Schwester der hingerichteten Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl, Inge Aicher-Scholl, anlässlich der feierlichen Umbenennung der Schule eine Festansprache halten sollte, verlangte der Schulleiter eine Vorab-Einsichtnahme in ihr Redemanuskript; er befürchtete eine politische Indoktrination der Jugendlichen durch Inge Aicher-Scholl, die sich in den Jahren der Konflikte um den NATO-Doppelbeschluss eindeutig auf Seiten der Friedensbewegung positioniert hatte. Zur Erinnerung: Es war die Zeit des "Historikerstreits" von 1986, als Historiker wie Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Michael ­Stürmer indirekt die Singularität des "Holocaust" zu relativieren versuchten, drohte in ihren Augen doch die dauerhafte Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und die Betonung der deutschen "Schuld" die Identifikation mit der eigenen Nation zu mindern und auf diese Weise nicht nur die Bindung zur NATO zu schwächen, ­sondern außerdem eine kollektive nationale Sinnstiftung zu verhindern, ohne die der Werte- und Interessenpluralismus der modernen Industriegesellschaft unweigerlich in den Bürgerkrieg führen müsse.[1] Das bürgerlich-konservative Lager tat sich daher in den 1980er- und 1990er-Jahren vielerorts nach wie vor schwer, den Verbrechen des National­sozialismus offen ins Auge zu blicken und ihre Protagonisten vor Ort zu benennen.

Zum anderen wurde im Jahr 1989 bekannt, dass der aus Waldkirch stammende SS-Standartenführer Karl Jäger als Kommandeur des Einsatzkommandos 3 und Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) in Litauen direkt für die Ermordung von über 136 000 Juden verantwortlich war. Dass mit dem gelernten Orchestrion­macher, der bis 1936 im Ort gelebt hatte und Mitinhaber einer Orchestrionfabrik gewesen war, ein "Sohn" der eigenen Stadt zum Massenmörder avancierte, war für viele Stadtbewohnerinnen und -bewohner kaum zu ertragen. Wie der in Waldkirch wohnende Militärhistoriker Wolfram Wette, der im Jahr 2011 eine umfangreiche Monografie über Karl Jäger vorgelegt hat[2], als Herausgeber des Bandes in der Einleitung schreibt, rief dies bei vielen Stadtbewohnerinnen und -bewohnern eine "instinktive Abwehr­haltung" (S. 15) gegen die Beschäftigung mit der NS-Zeit hervor. Nicht zuletzt aus diesen ­Gründen hatten viele Menschen in Waldkirch, wie es Heiko Haumann im zweiten einleitenden Beitrag beschreibt, einen "schützenden 'Panzer'" (S. 35) um sich gelegt und sich mit der selbstentlastenden Deutung beholfen, wonach sich der Nationalsozialismus in Waldkirch eher harmlos gebärdet habe und hier doch eigentlich nichts gewesen sei.

Wenn die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in Waldkirch und die Beschäftigung mit ihren Ursachen gegen viele Widerstände dennoch stets auf der Tagesordnung blieben, war dies vor allem dem Engagement der örtlichen Schüler- und Lehrerschaft, einzelnen Gemeinderäten und vor allem der im Jahr 2011 gegründeten Ideenwerkstatt "Waldkirch in der NS-Zeit" unter Leitung Wettes (der überdies als Vorsitzender der SPD-Gemeinderatsfraktion in den 1980er-Jahren direkt in die erinnerungspolitischen Kämpfe der damaligen Zeit involviert war) zu verdanken. Diese Gruppen starteten Mitte der 1980er-Jahre zahlreiche geschichts- und erinnerungspolitische Initiativen und hielten auf diese Weise das Thema am Leben. Eines der zahlreichen Ergebnisse dieser Initiativen ist der vorliegende Band, in dem nicht weniger als 27 Autorinnen und Autoren in 50 (!) durchweg gut lesbaren Beiträgen ein ebenso umfang- wie facettenreiches Panorama der NS-Herrschaft in Waldkirch entwerfen.

Die Bandbreite an Themen ist beeindruckend und dürfte - gemessen an der eher geringen Größe der Stadt Waldkirch - für die lokale NS-Geschichtsschreibung ziemlich einmalig sein: Die Frühgeschichte der NSDAP, ihre Mitglieder- und Wählerstruktur in der Weimarer Republik; die Stationen, Methoden und örtlichen Akteure der sogenannten Machtergreifung; die Waldkircher SS und die Entnazifizierung ihrer Mitglieder; die vielfache Instrumentalisierung des Ersten Weltkriegs durch die Nationalsozialisten; die "Euthanasie"-Morde an Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt; der christliche und proletarische Widerstand; die Schulen im Nationalsozialismus; die Wahrnehmung des Krieges in Feldpostbriefen Waldkircher Soldaten; unerlaubte Liebschaften zwischen einheimischen Frauen und französischen Kriegsgefangenen; das Kriegsende in Waldkirch samt der Erschießung von sieben Wehrmachtsdeserteuren in den letzten Kriegstagen; die Beziehungen zwischen NS-Staat und katholischer Kirche - nahezu kein Aspekt der örtlichen NS-Herrschaft bleibt unbeleuchtet. Insgesamt zeichnen die Beiträge das Bild einer Kommune, in der, wie in zahlreichen anderen deutschen Städten und Gemeinden auch, nicht mutiger Widerstand und Zivilcourage, sondern partielle ideologische Übereinstimmung sowie ein erheblicher Grad an Anpassung und opportunistischer Anbiederung an die neuen "braunen" Herrscher das vorherrschendende Signum der nationalsozialistischen Diktatur waren.

Erfreulich ist dabei, dass es sich die allermeisten Autoren nicht zu leicht machen und sämtliche Personen, die in der NS-Zeit auf die eine oder andere Weise "mitmachten", vorschnell über einen Kamm scheren und pauschal als "Nazis" verdammen. Vielmehr werden die zahlreichen Schattierungen des Verhaltens im "Dritten Reich" sowie die inneren Widersprüche und Ambivalenzen vieler Protagonisten angemessen berücksichtigt. Beispielhaft zeigt dies der Beitrag von Matthias Maier über den Waldkircher Unternehmer und Ehrenbürger Stanislaus Göppert. Der Besitzer einer Druckerei und Kartonagenfabrik trat einerseits aus taktischen Gründen schon 1932 in die Partei ein und saß für die NSDAP während der NS-Zeit im Gemeinderat, wo er zum Ersten Beigeordneten und Stellvertreter des Bürgermeisters aufstieg. Außerdem fungierte Göppert in den Jahren 1943 bis 1945 als Kreiswirtschaftsberater der Emmendinger NSDAP-Kreisleitung. Andererseits beschäftigte er vom Regime bedrängte Gewerkschafter in seiner Kartonagenfabrik und leistete nachgewiesenermaßen ideelle, praktische und finanzielle Hilfe für verfolgte jüdische Geschäftsleute. Durch seine Anpassung an das NS-System konnte er also in der Tat manch "Schlimmeres verhindern". Doch trat er, wie Maier zu bedenken gibt, andererseits "nach außen hin doch als Nationalsozialist auf". Auf diese Weise dürfte er anderen gegenüber als "Vorbild gewirkt" haben und "eine nicht unwesentliche Stütze der nationalsozialistischen Diktatur gewesen sein" (S. 385).

Trotz der großen Breite an Themen kristallisieren sich in dem Sammelband zwei inhaltliche Schwerpunkte heraus. Neben dem verwickelten Verhältnis zwischen NS-Staat und katholischer Kirche, dem drei Beiträge gewidmet sind, liegt ein zentraler Fokus auf der Aufarbeitung der NS-Zeit nach 1945 - gerade aus diesem Grund ist der Sammelband für Menschen, die sich vor Ort um ein aktives Erinnern und Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus kümmern, eine lohnende Lektüre.

In neun Beiträgen skizzieren die Autorinnen und Autoren, wie sich die örtlichen Debatten an bestimmten Streitpunkten entzündeten. Und an Kontroversen mangelte es in Waldkirch nicht! Bereits in den 1970er-Jahren entspann sich eine heftige Diskussion über Wandmalereien im Treppenhaus des Waldkircher Rathaus, die im Zweiten Weltkrieg von dem nationalsozialistischen Maler Joseph Schröder (1896-1948) gestaltet worden waren. Die Malereien zeigten im zeittypischen Nazi-Kitsch kraftstrotzende "urgermanische" Bauern und Kämpfer, die sich mit Schwert und Schild einem unsichtbaren Feind entgegenstellten, und eine mehrköpfige uniformierte Soldatengruppe, die die Kampfbereitschaft und die Unüberwindbarkeit der Wehrmacht versinnbildlichen sollte. Obwohl die - erst in den 1970er-Jahren wieder freigelegten - Malereien nationalsozialistische Ideologeme verherrlichten, fanden Gemeinderatsanträge, die Rathausbilder zu entfernen, in den 1980er-Jahren keine Mehrheit. Und noch im Jahre 2003 vermochten Stimmen von Schülern und Lehrern des Gymnasiums, die es als für jeden Demokraten unerträglich bezeichneten, wenn im Rathaus Soldaten glorifiziert wurden, die einen Vernichtungskrieg gegen die jüdische Bevölkerung und die osteuropäischen Soldaten führten, den Gemeinderat nicht mehrheitlich umzustimmen. Erst im Zuge des Rathaus-Umbaus im Jahre 2014 wurden die Bilder überdeckt. Durch kritisch-erläuternde Texte angemessen kontextualisiert, sind sie in reproduzierter Form seit 2015 im Waldkircher Elztalmuseum in der Abteilung zum Nationalsozialismus zu sehen.

Ein aufschlussreicher Fall ist auch das Kriegerdenkmal in Kollnau, einer in der NS-Zeit noch selbstständigen Gemeinde, die heute Teil von Waldkirch ist. Das Denkmal zum Gedenken an die toten deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges gab schon zum Zeitpunkt seiner Errichtung im Jahre 1935 Anlass zu Konflikten, als seine Gestaltung zu einem Kampf um die Deutungshoheit im NS-Staat geriet. Damals scheiterte der örtliche Pfarrer mit seinem Versuch, dem Denkmal durch ein deutlich hervortretendes Kreuzsymbol eine christliche, Leiden und Mitgefühl vermittelnde Prägung zu geben, an den Widerständen der nationalsozialistisch dominierten Denkmalbehörden. Nach dem Zweiten Weltkrieg versandeten Versuche, das martialisch gestaltete Denkmal, das die Soldaten als entindividualisierte, gefühllose Kampfmaschinen darstellte, zu entfernen und durch einen schlichten Gefallenen-Gedenkstein zu ersetzen, in der zeittypischen Stimmung der Nachkriegsjahre, die von Verdrängung der NS-Zeit und der Bewältigung der mannigfaltigen Kriegsfolgen geprägt war. Stattdessen begnügte man sich mit der Anbringung der Namen der 169 Toten des Zweiten Weltkrieges am alten Denkmal unter der Überschrift "Kameraden, wir warten auf Euch". Wie die Autorin des Beitrags, Marion Bentin, urteilt, verhinderte diese Form des Gedenkens "eine Auseinandersetzung mit dem NS-Regime, seinen Zielen und seiner Kriegsführung geradezu" (S. 449). Auch hier dauerte es bis Mitte der 2010er-Jahre, ehe Podiumsdiskussionen und Vorträge über die Instrumentalisierung der Kriegerdenkmäler für einen kriegerisch-aggressiven Nationalismus vor 1945 zu einer Neubewertung des Denkmals führten. Höhepunkt dieser Bestrebungen einer Problematisierung und Dekonstruktion des Denkmals waren eine szenische Lesung des Waldkircher Jugendtheaters, die die grausame Wirklichkeit der beiden Weltkriege aufgriff, und eine künstlerische Aktion am Denkmal im Oktober, die es in einen Ort der stillen Reflexion über den Krieg verwandelte. Auch jetzt aber gab es einige Proteste gegen die Neukommentierung des Denkmals, wie die Verfasserin eher beschreibend als analysierend feststellt - hier hätte man sich eine eingehendere Nachzeichnung der Argumentation gewünscht.

Diese Beobachtung gilt nicht für den konzisen Aufsatz des langjährigen Waldkircher Stadtoberhaupts Richard Leibinger (Bürgermeister von 1983 bis 2015) zu den "Waldkicher Kulturtagen" im Jahre 1989, die sich anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegsbeginns zum ersten Mal schwerpunktmäßig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigten. Anhand eigener Erinnerungen und zeitgenössischer Akten rekonstruiert Leibinger, dass die bürgerliche Mehrheit aus CDU und Freien Wählern zwar das allgemeine Motto der Kulturtage hinnahm. Doch erfolgte das nur mit großem Zähneknirschen, da man der Meinung war, dass sich Kulturtage eigentlich erbaulichen Themen zuwenden sollten und lebende Zeitgenossen der Diktatur oder deren Nachkommen sich durch die offene Befassung mit der NS-Zeit in der eigenen Stadt diskriminiert fühlen könnten. Dementsprechend wurden auch weitergehende Anträge, in Waldkirch eine Galerie der Widerstandskämpfer zu errichten oder eine Podiumsdiskussion zum Umgang Waldkirchs mit seiner NS-Vergangenheit zu veranstalten, vom Gemeinderat mehrheitlich abgelehnt.

Dennoch markierten die Waldkircher Kulturtage von 1989 zusammen mit dem Streit um die Rede von Inge Aicher-Scholl im Jahr 1987 einen Wendepunkt. Seit den späten 1980er-Jahren ist in Waldkirch Schritt für Schritt eine lebendige lokale Erinnerungskultur entstanden, die den Abwehrpanzer vieler Ortsbewohner schrittweise aufbrach. So kam im Jahre 1989 anlässlich der Kulturtage eine Broschüre "Waldkirch 1939 - davor und danach" mit einer Sammlung von ersten Aufsätzen zu Waldkirch im National­sozialismus heraus. Auch die Schüler- und Lehrerschaft des Geschwister-Scholl-Gymnasiums blieben aktiv: Hervorgegangen aus einem Zeitzeugengespräch mit Heinz Drossel, das anlässlich des Auschwitz-Gedenktages 2001 in Waldkirch stattfand, entstand an der Schule ein Geschichtsprojekt, das in eine filmische Biografie über den "Gerechten unter den Völkern" mündete. Der ehemalige Wehrmachtsleutnant, der sich nach seiner Pensionierung als Richter am Sozialgericht Freiburg in der Nähe von Waldkirch niederließ, hatte in Berlin verfolgte Juden versteckt und sich in den letzten Kriegstagen geweigert, seine Truppen in ein Selbstmordkommando zu schicken. Zweck des Films war es, wie der beteiligte Lehrer Ulrich Fischer-Weissberger in seinem Beitrag erläutert, den Betrachtern die Handlungsspielräume aufzuzeigen, die Zeitgenossen selbst in der Diktatur des Nationalsozialismus hatten. Auf diesem Weg sollte die auch von viele Waldkirchern gestrickte Mär von der völligen individuellen Machtlosigkeit im "Dritten Reich" in Frage gestellt werden. Es folgten weitere Filme, die mit Günter Fontheim einen von Drossel geretteten Berliner Juden porträtierten und die Auseinandersetzung um die NS-Propagandabilder im Waldkircher Rathaus nachzeichneten.

Im Mittelpunkt der aktiven Erinnerung an die Gewaltherrschaft des National­sozialismus und des Gedenkens an seine Opfer stand außerdem die Auseinandersetzung mit der Vita Karl Jägers, des "emsigen und willfährigen Buchhalter des Todes" (Jürgen Dettling, S. 486), und dem mit seiner Person verbundenen Genozid an den Jüdinnen und Juden in Litauen. Sie fand ihren Ausdruck im Mehrgenerationen-Film "Karl Jäger und wir" aus dem Jahr 2016, in dessen Zentrum die Schilderungen von litauischen jüdischen Überlebenden des "Holocaust" standen und auch ein Enkel Karl Jägers zu Wort kam, der sich den Verbrechen seines Großvaters selbstreflektiert und offen stellte. Durch den Filmtitel wurde zum Ausdruck gebracht, dass der "Holocaust" erneut passieren könne und alle aktiv dazu beitragen müssten, dass so etwas nicht erneut geschieht (Beitrag des Filmautoren Jürgen Dettling). Nur wenige Wochen nach der Uraufführung des Films wurde im Januar 2017 außerdem ein Denkmal in Form steinerner Stelen im Gedenken an die ermordeten Jüdinnen und Juden Litauens an prominenter Stelle in Anwesenheit zahlreicher Überlebender enthüllt.[3] Die Präsentation des Films und die Enthüllung des Denkmals stießen auf eine überwältigende Resonanz in der Bevölkerung und in der regionalen Presse.

Diese breite Thematisierung der "zweiten Geschichte" des Nationalsozialismus nach 1945 und seine Verklammerung mit der eigentlichen NS-Geschichte ist es mithin, die den Sammelband gegenüber vergleichbaren Lokalstudien auszeichnen. Der Band offenbart dabei auf exemplarische Weise, dass jede Kommune - abgeleitet von den Personen, Symbolen und Ereignissen vor Ort - ihre eigene lokale Erinnerungskultur und ein eigenes kommunales Gedächtnis herausbilden muss.[4] Ebenso macht der Band deutlich, dass es unabhängig von den jeweiligen lokalen Gegebenheiten in allen Kommunen eine Gruppe von "Unruhestiftern" (so Roland Burkhart in seinem Beitrag) braucht, die die zum Teil massiven, bis hin zu Morddrohungen reichenden Widerstände gegen eine Auseinandersetzung mit der lokalen NS-Vergangenheit überwindet und eine Neudeutung und -kommentierung zeitgenössischer nationalsozialistischer Ereignisse und Symbole herbeiführt. Sofern dies, wie es in Waldkirch trotz der Heftigkeit der lokalen Debatten der Fall war, als offener, diskursiver und inklusiver Prozess angelegt ist, der verschiedene Generationen und Sichtweisen berücksichtigt und den selbstgefälligen Gestus der moralischen Erhebung über die Zeitgenossen des NS-Regimes vermeidet, kann ein solcher Prozess sogar eine signifikant gemeinschaftsstiftende Wirkung entfalten und nachhaltig eine Erziehung zu demokratischen Werten befördern.

Dr. Robert Neisen ist Inhaber eines Büros für Unternehmens- und Stadtgeschichte in Freiburg. Er forscht seit 2009 zum Nationalsozialismus in badischen Kommunen und kuratierte Ausstellungen zur NS-Diktatur in Lörrach und Freiburg.

Wolfram Wette (Hrsg,): 'Hier war doch nichts!' Waldkirch im Nationalsozialismus. Mit einem Geleitwort von Roman Götzmann. In Verbindung mit der Stadt Waldkirch und der Ideenwerkstatt Waldkirch in der NS-Zeit: Bremen: Donat 2020 (= Waldkircher Stadtgeschichte, Bd. 5), 528 S., ca. 300 Bilder.


[1] Vgl. hierzu: "Historikerstreit". Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1989 (7. Auflage).

[2] Wolfram Wette: Karl Jäger. Mörder der litauischen Juden. Mit einem Vorwort von Ralph Giordano, Frankfurt am Main 2001.

[3] Wolfram Wette: Enthüllung. Opfergedenken und Tätererinnerung in Waldkirch. Hrsg. von der Stadt Waldkirch (= Reihe "Waldkircher Stadtgeschichte", Bd. 3). Upstadt-Weiher: Verlag Regionalkultur 2018.

[4] Vgl. hierzu Robert Neisen, Die Macht der lokalen Verhältnisse. Nationalsozialistische Herrschaft in südwestdeutschen Kommunen. Eine Einführung, in: Ders./Heinrich Maulhardt/Konrad Krimm (Hgg.), Kommunen im Nationalsozialismus. Verwaltung, Partei und Eliten in Südwestdeutschland, Ostfildern 2019, S. 9-39, hier S. 33 f; Malte Thießen: Der kleine Nationalsozialismus. Perspektiven und Potenziale der Lokal- und Regionalgeschichte, in: Ebd., S. 41-57, hier S. 50-55.