Diana Gring und Thomas Rahe

Die Ausstellung »Kinder im KZ Bergen-Belsen«

Gedenkstättenrundbrief 192 S. 11-20

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen hat erstmalig den jüngsten Opfern des Konzentrationslagers eine Ausstellung gewidmet. Erzählt wird die Geschichte der etwa 3 500 Häftlinge unter 15 Jahren, die im KZ Bergen-Belsen inhaftiert waren. Im deutschsprachigen Raum ist es die erste Ausstellung, die die Gruppe der Kinder in einem Konzentrationslager und ihre spezifischen Lebensbedingungen und Verhaltensweisen auf so einer breiten Quellengrundlage und einem so weit gespannten Themenspektrum in den Mittelpunkt stellt. Die Wanderausstellung war, begleitet von einem umfangreichen Programm und großem öffentlichem Interesse, von April bis September 2018 in der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu sehen, aktuell wird sie in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück gezeigt.

 

Historischer Hintergrund

Kinderhäftlinge haben in allen nationalsozialistischen Konzentrationslagern nur wenige Spuren und historische Quellen hinterlassen. Sofern sie nicht unmittelbar der systematischen Vernichtung zum Opfer gefallen sind, war ihr Überleben innerhalb des Lagersystems meist nur eine Frage des Zufalls oder Glücks, der solidarischen Bemühungen von Mithäftlingen oder der Berechnung der SS. Das KZ Bergen-Belsen nahm insofern im Konzentrationslagersystem eine Sonderstellung ein, als es dort nicht nur viele Kinder unter den Häftlingen gab, sondern auch verhältnismäßig viele, die überlebten.

Im KZ Bergen-Belsen befanden sich zwischen 1943 und 1945 unter den rund 120 000 Häftlingen aus fast allen europäischen Ländern auch etwa 3 500 Kinder. Die meisten von ihnen wurden als Juden verfolgt, andere gehörten zur Gruppe der Sinti und Roma oder waren zusammen mit ihren Müttern zur Zwangsarbeit oder aus politischen Gründen inhaftiert worden. Auch kamen ungefähr 200 Kinder im Lager zur Welt. Kinderhäftlinge befanden sich in unterschiedlicher Anzahl in allen Lagerteilen des KZ Bergen-Belsen.

Das im Frühjahr 1943 eingerichtete KZ Bergen-Belsen fungierte zunächst als Sonderlager für bestimmte Gruppen jüdischer Häftlinge, die von der SS als Geiseln benutzt wurden, um sie gegen deutsche Zivilisten im westlichen Ausland auszutauschen und die deshalb vorerst von der Vernichtung ausgenommen waren. Darunter befanden sich viele Familien mit Kindern vor allem aus den Niederlanden, Polen und Ungarn, die in das »Austauschlager« deportiert wurden. Bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres brachte die SS dort Kinder mit ihren Müttern in denselben Baracken unter. Danach mussten die Jungen in die Männerbaracken umziehen und es bestand Arbeitspflicht. Aufgrund der geplanten Verwendung der jüdischen Geiseln behandelte die SS die Häftlinge in diesem Lagerbereich zunächst noch vergleichsweise besser als in den übrigen Konzentrationslagern, sodass die Kinder hier nicht einem unmittelbaren Selektions- und Vernichtungsdruck ausgesetzt waren. Kam die SS jedoch zu der Überzeugung, dass die Menschen für einen Austausch »wertlos« waren, erfolgte der Abtransport. So wurde zwischen Oktober 1943 und Mai 1944 eine unbekannte Anzahl Kinder mit ihren Familien von Bergen-Belsen aus nach Auschwitz deportiert und in den Gaskammern ermordet. Durch schrittweise Funktionserweiterungen kamen neue Häftlingsgruppen in das KZ Bergen-Belsen, darunter immer wieder auch Kinder und Kindergruppen. In dem im März 1944 für kranke und »arbeitsunfähige« Häftlinge eingerichteten Männerlager befanden sich nur wenige Minderjährige, meist durch eine falsche Altersangabe, die es ihnen bei zuvor erfolgten Selektionen erlaubt hatte, beim Vater, Bruder oder Onkel zu bleiben. Die Todesrate in diesem Teillager war so hoch, dass die Überlebenschancen für die Häftlinge allgemein, für die jüngsten unter ihnen aber im Besonderen nur gering waren.

Im Spätsommer und Herbst 1944 erreichten mehrere große Transporte mit tausenden Frauen, unter denen sich auch Kinder befanden, aus Auschwitz und aus dem Warschauer Aufstand das Lager. Aus Platznot brachte man einen Teil dieser Häftlinge in einem Zeltlager unter. Viele dieser weiblichen Häftlinge verließen mit ihren Kindern nach nur wenigen Tagen Bergen-Belsen wieder und wurden für die Zwangsarbeit in KZ-Außenlager bzw. Rüstungsbetriebe verteilt. Andere – wie etwa die Schwestern Anne und Margot Frank – blieben als »arbeitsunfähig« im Frauenlager zurück.

Die Kinder, die in das Frauen- und Männerlager des KZ Bergen-Belsen kamen, hatten in vielen Fällen bereits eine Odyssee durch Ghettos und Lager hinter sich und in den meisten Fällen schon einen Großteil ihrer Familie durch die Verfolgungsmaßnahmen verloren. Selektionen, die sie fast immer als nicht »arbeitsfähig« und damit als nicht »lebenswert« deklarierten, hatten diese Kinder aus unterschiedlichen Gründen überstanden – sei es durch Zufall, Glück, Bestechung oder Tricks wie eine falsche Altersangabe oder einen Identitätstausch.

Zwischen Ende 1944 und April 1945 kamen mindestens 85 000 Frauen, Männer und Kinder auf Räumungstransporten und mit Todesmärschen in das KZ Bergen-Belsen, das zunehmend die Funktion eines Auffang- und Sterbelagers erhielt. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich das Lager zu einem Ort des Massensterbens. Ab Anfang 1945 fungierte Bergen-Belsen zudem als Ziellager für schwangere Häftlinge und Mütter mit Kleinkindern aus anderen Konzentrationslagern und deren Außenstellen. Bergen-Belsen übernahm damit die Funktion, die zuvor Auschwitz und das zentrale Frauenkonzentrationslager Ravensbrück innegehabt hatten. Mehrere Transporte mit Frauen und Kindern, Schwangeren und Müttern mit Säuglingen sowie Kinder der Sinti und Roma mit ihren Familienmitgliedern kamen im Frühjahr 1945 aus Ravensbrück und Mauthausen nach Bergen-Belsen. Die Anzahl der Geburten stieg rapide an – der aktuelle Forschungsstand geht von 200 Kindern aus, die im KZ Bergen-Belsen geboren wurden. Aus vielen Erinnerungsberichten ist bekannt, dass die meisten Säuglinge nur wenige Tage oder Wochen nach der Geburt aufgrund von Schwäche, Unterernährung und den katastrophalen Lebensbedingungen starben.

So unterschiedlich anfangs noch die Lebenssituation für die Kinderhäftlinge im »Austauschlager« einerseits und im Frauenlager andererseits waren, so sehr glich sie sich in der Endphase in den letzten Monaten vor der Befreiung einander an. Hunger, Krankheiten und Tod erfassten in diesem Zeitraum auch die zunächst noch privilegierten Häftlinge im »Austauschlager«. Sie gerieten in physischer und psychischer Hinsicht immer mehr in jene Lebensumstände, die die Gefangenen im Frauenlager bereits seit ihrer Ankunft hatten erfahren müssen. Die Kinder im »Austauschlager« wurden mit ihren Familien noch Anfang April 1945 vor den anrückenden alliierten Truppen mit drei Transporten aus dem Lager gebracht. Am 15. April 1945 befreite die britische Armee das KZ Bergen-Belsen. Unter den rund 55 000 Häftlingen befanden sich zu diesem Zeitpunkt etwa 800 Kinder.

Da die SS vor der Befreiung nahezu die gesamte Lagerregistratur verbrannte, sind detaillierte statistische Angaben über die Anzahl der Kinderhäftlinge in den jeweiligen Teillagern oder zu deren Geburts- und Todesrate nur begrenzt möglich. Nach aktuellem Forschungsstand sind etwa 600 Kinder in Bergen-Belsen um ihr Leben gebracht worden.

Projektentwicklung und Produktion der Ausstellung

In den letzten Jahren hat die Gedenkstätte Bergen-Belsen die Kinderhäftlinge zu einem Schwerpunkt in ihrer Forschungs- und Sammlungstätigkeit gemacht. Die Grundlagen dazu schuf Dr. Thomas Rahe bereits in den 1990er-Jahren mit mehreren Aufsätzen zum Thema. Auf einem wissenschaftlichen Workshop, zu dem die Gedenkstätte Bergen-Belsen im Sommer 2013 einlud, kamen HistorikerInnen verschiedener KZ-Gedenkstätten und Universitäten zusammen, um über den jeweiligen Forschungsstand zu Kinderhäftlingen zu berichten. Es zeigte sich, wie lückenhaft und disparat die Quellenlage zu diesem Thema insgesamt ist. Auch gab es nur wenige übergreifende, einheitliche Kriterien der SS bezüglich der Häftlingskategorie »Kind« – je nach Lagertypus, Struktur der jeweiligen Häftlingsgesellschaft oder Zeitraum. Deutlich wurde auch, dass sich im KZ Bergen-Belsen aufgrund seiner speziellen Lagergeschichte vermutlich mehr Kinderhäftlinge befunden haben als in anderen Konzentrationslagern (mit Ausnahme von Auschwitz und den Vernichtungslagern).

Durch die lebensgeschichtlichen Interviews mit Überlebenden, die seit 1999 an der Gedenkstätte geführt werden, konnten in den letzten Jahren die Erfahrungen und Erinnerungen einer Vielzahl von ZeitzeugInnen aufgenommen werden, die als Kind in Bergen-Belsen waren. Unter den rund 450 audiovisuellen Interviews im Bestand der Gedenkstätte befinden sich aktuell 125 Interviews mit Child Survivors der Jahrgänge 1930 bis 1945. Dieser Bestand und seine inhaltliche Auswertung lieferten ganz wesentliche Grundlagen für die Erarbeitung einer Sonderausstellung zu dieser Thematik. Gleiches gilt für die eigene Exponat- und Objektsammlung zum Thema. Die zunächst noch privilegierte Stellung der jüdischen Geiselhäftlinge im »Austauschlager« erlaubte den persönlichen Besitz von Büchern, Kleidung, Schreibutensilien, Spielzeug etc., sodass in den vergangenen Jahren einige erhalten gebliebene Originalobjekte der Gedenkstätte von Child Survivors übergeben wurden. Zusätzlich konnten durch Recherchen in anderen Archiven weitere wichtige Erkenntnisse gesammelt und eindrucksvolle historische Bild-, Ton- und Textdokumente gefunden werden.

Nach den 2017 erfolgten Finanzierungszusagen von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und der Klosterkammer Hannover für das Projekt konnte ein beschränkter Wettbewerb mit fünf renommierten Gestalterbüros durchgeführt werden. Ende Juni 2017 wurde Charlotte Kaiser mit ihrer Firma IT ’S ABOUT (Berlin) als Gewinnerin gekürt. Ihr Gestaltungsentwurf überzeugte durch eine klare, nüchterne, zurückgenommene Formgebung, bei der jedoch die dem Thema immanente Emotionalität und der Aspekt der Individualität der Opfer durch ein entsprechendes Farb- und Grafikkonzept eingebunden wurden. Die Jury bewertete das präsentierte Ensemble aus Pult-, Hänge- und Standelementen für den Kapitelablauf, mit einem Quader als Form des Gedenkens an die ermordeten Kinder sowie mit den präsentierten Lösungen für die Medienintegration und die Objekthandhabung als bestes Konzept.

In den kommenden Monaten wurde die Ausstellung in enger Zusammenarbeit zwischen dem Team der Gedenkstätte Bergen-Belsen und der Firma IT ’S ABOUT entwickelt und realisiert. Der rege Austausch zwischen den HistorikerInnen und den GestalterInnen über inhaltliche Strukturierung und Proportionierung, über den Einsatz grafischer und gestalterischer Elemente, über die Objektdarstellung usw. erwies sich für alle Beteiligten als bereichernd und gewinnbringend, um zu einem gemeinsamen optimalen Ergebnis zu kommen. Die Produktion von Medienstationen mit Interviewausschnitten und historischem Filmmaterial fand in-house statt, da die Gedenkstätte Bergen-Belsen über einen Schnittplatz für AV-Medien verfügt. Für den Ausstellungsbau zeichnete die Firma bg5 (Berlin) verantwortlich, für die Medientechnik Verbrüggen av medien (Berlin). Parallel zur Ausstellung wurden eine projektbezogene Website entwickelt und eine Begleitbroschüre in deutscher und englischer Sprache erarbeitet.

 

Struktur und Inhalt

Die Ausstellung ist multiperspektivisch angelegt und basiert auf einem breiten Spektrum von Bild- und Textquellen, das von Dokumenten, Häftlingstagebüchern, Zeichnungen und Fotos bis zu Erinnerungsberichten und wenige Tage nach der Befreiung entstandenen Ton- und Filmaufnahmen reicht. Einen wesentlichen Bestandteil der Ausstellung bilden bislang weitestgehend unveröffentlichte Ausschnitte aus Videointerviews mit Kinderüberlebenden des KZ Bergen-Belsen, die einen Einblick in die spezifischen Formen ihrer Wahrnehmungen und Reaktionen auf die Lebensbedingungen im Konzentrationslager geben.

Die ersten zwei Kapitel der Ausstellung führen in die Thematik ein und schaffen einen kontextuellen Rahmen. Das Kapitel »Kinder im Nationalsozialismus« informiert über deren Inklusion und Exklusion und skizziert kurz die Verfolgtengruppen, zu denen auch Minderjährige gehörten. Konzipiert als Wanderausstellung bedarf es im Unterschied zu einer Sonderausstellung, die ausschließlich in der Gedenkstätte Bergen-Belsen gezeigt wird, auch eines Abrisses der Lagergeschichte des KZ Bergen-Belsen und einer Übersicht zu den Kinderhäftlingen. Das Herzstück der Ausstellung stellen fünf thematische Kapitelblöcke dar, in denen die spezifische Lebenssituation und die Erfahrungsräume von Kindern im Lager vermittelt werden. Diese Kapitel reichen von der Beschreibung äußerer Bedingungen wie »Unterkunft« oder »Kleidung« bis zu Aspekten des sozialen Lebens wie »Familie«, »Waisen« oder »Hilfe«. Sie beleuchten kindspezifische Themen wie »Schule« und »Spiel« sowie psychische Reaktionsformen wie »Angst«, »Hoffnung« oder »Phantasie«. Ebenso wird auf existenzgefährdende Faktoren wie »Hunger«, »Krankheit« und »Gewalt« eingegangen. Die Überlebenden kommen in diesem Kapitel selbst ausführlich zu Wort, indem sie ihre damaligen Erlebnisse und Erinnerungen schildern: Zu jedem der Kapitelstichworte gibt es einen entsprechenden filmischen Zusammenschnitt mit Interviewclips. In jedem der fünf thematischen Blöcke befindet sich eine Medienstation, auf der jeweils vier Filme abrufbar sind sowie eine Objektvitrine. Aus Versicherungsgründen und zur besseren Handhabbarkeit der Wanderausstellung befinden sich in den Vitrinen Repliken, u.a. ein Kinderschuh, eine Puppe und ein Henkeltopf. Diese Nachbildungen sind bewusst »neutralisiert« hinsichtlich Farbe und Textur und eher als ein »Zitat des Objekts« zu verstehen.

Das nächste Kapitel informiert über die Situation der überlebenden Kinder nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen im April 1945. Eindrückliche Tonquellen beinhalten russische und niederländische Gesänge und kurze Interviews, die ein britischer Journalist mit einigen Kindern im befreiten Lager aufgenommen hat. Thematisiert werden die medizinischen und sozialen Rehabilitationsmaßnahmen, vor allem für die Waisenkinder, im Nothospital und im DP-Camp Bergen-Belsen bis Juni 1945.

Eine Ausstellungsinstallation ist den Hunderten Kindern gewidmet, die im KZ Bergen-Belsen um ihr Leben gebracht wurden. An einem Quader mit umlaufenden Monitoren sind Fotos und Tafeln mit kurzen biografischen Angaben zu den Verstorbenen zu sehen. Die Überlieferung zur Identität dieser Kinder ist in vielen Fällen nur bruchstückhaft, so gibt es beispielsweise fast keine Angaben und keinerlei Fotomaterial über sowjetische Kinder. Im Loop der Tafeln wird daher immer wieder »Name unbekannt« eingeblendet, um an die Überlieferungslücken zu erinnern.

Dem Ausstellungsteam war es wichtig, die Erzählung über die Kinderüberlebenden bis in die Gegenwart zu ziehen. So behandelt das nächste Kapitel die Child Survivors von Bergen-Belsen: ihre Suche nach Familie und Identität, ihr Leben mit dem Trauma und ihr Weiterleben mit der Erinnerung bis heute. Exemplarisch liegen zudem in einem Regalelement rund 20 Autobiografien von Child Survivors des KZ Bergen-Belsen zur Lektüre bereit.

Ein großer Screen führt mit Schwarz-weiß-Porträtbildern der Child Survivors in das Kapitel »Biografien« ein: Zu sehen sind jeweils zeitgenössische Fotos aus der Verfolgungszeit und der Gegenwart. Die Kinder von damals sind heute Menschen in ihren siebziger und achtziger Lebensjahren. Die Beschäftigung mit ihrem besonderen Schicksal ist immer auch ein Wandeln zwischen Damals und Heute, eine Bewegung auf verschiedenen Zeitebenen. Vierzehn Biografien sind in Medienanwendungen über zwei Touchscreens aufrufbar und geben Einblicke in Lebensläufe und Lebensstationen der Kinderüberlebenden.

 

Eröffnung und Begleitprogramm

Am 15. April 2018, dem 73. Jahrestag der Befreiung des KZ Bergen-Belsen, wurde die Sonderausstellung in feierlichem Rahmen in der Gedenkstätte Bergen-Belsen im Beisein von 20 Child Survivors eröffnet. Die Überlebenden der Jahrgänge 1930 bis 1945 waren zu diesem Anlass aus den USA, Niederlanden, Australien, Kanada, Israel, Schweiz, Luxemburg, Slowakei, Frankreich und Deutschland mit ihren Angehörigen angereist. Für einige der Überlebenden war die Präsentation ihrer Biografie in der Ausstellung ein ganz besonders wichtiges und eindrückliches Ereignis, da sie zum ersten Mal überhaupt mit ihrer Lebensgeschichte eine öffentliche Wahrnehmung und Würdigung erfuhren. Besonders positiv überrascht wurden das Ausstellungsteam und die Gäste von dem großen Interesse der Öffentlichkeit und dem Medienecho. Im Vor- und Nachgang zur Eröffnungsveranstaltung gab es eine umfangreiche regionale und überregionale Berichterstattung im Fernsehen, Hörfunk, Internet und in Printmedien.

In den der Eröffnung nachfolgenden Tagen organisierte die Gedenkstätte Bergen-Belsen für Schüler und Jugendliche aus der Region ein Zusammentreffen mit den Überlebenden. In dem bereits mehrfach erfolgreich durchgeführten Veranstaltungsformat »Zeitzeugen im Dialog« ergaben sich für alle Beteiligten interessante Begegnungen, lebhafte Gespräche und nachhaltige Erfahrungen. Als Begleitprogramm fanden von April bis September 2018 verschiedene Veranstaltungen zum Ausstellungsthema statt. Das Recherche-Theater-Projekt »Das Tagebuch des János Reisz« richtete sich an Jugendliche und erzählte die Geschichte von Jovan Rajs (früher János Reisz), der im Alter von elf Jahren in das KZ Bergen-Belsen deportiert worden war und dort ein Tagebuch verfasste. Der Zeitzeuge war bei der Aufführung anwesend und stand für Fragen zur Verfügung.

Am Internationalen Museumstag stand die Sonderausstellung im Mittelpunkt: Bei KuratorInnenführungen wurden einzelne Themen, Exponate und Biografien vorgestellt und Einblicke in die Forschungs- und Entwicklungsgeschichte des Projekts gegeben. Dr. Peter Lantos, geboren 1939 in Ungarn und Überlebender des KZ Bergen-Belsen, kam für eine Lesung und ein Zeitzeugengespräch aus London in die Gedenkstätte. Seine Autobiografie »Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück. Eine Zeitreise«, verfasst 2006, erschien kürzlich in deutscher Sprache in der Schriftenreihe der Gedenkstätte Bergen-Belsen.

Der Regisseur Celino Bleiweiss, Jahrgang 1937, wurde nach der Ermordung seiner Eltern 1943 mit einer falschen Identität aus Polen in das KZ Bergen-Belsen deportiert. Im Rahmen des Begleitprogramms zeigte er in der Gedenkstätte seinen Spielfilm »Mein blauer Vogel fliegt« (DDR 1975) über eine Gruppe polnischer Jugendlicher im Konzentrationslager und beantwortete danach Fragen zu seiner besonderen Lebensgeschichte und seinem künstlerischen Werk.

Im Juni 2018 fand zudem in der Gedenkstätte Bergen-Belsen ein wissenschaftlicher Workshop in Kooperation mit der Gedenkstätte Neuengamme zum Thema »Zwischen Verfolgung und ›Volksgemeinschaft‹. Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus« statt. Vorgestellt und diskutiert wurden Forschungsergebnisse aus den Bereichen Inklusion und Exklusion von Kindern im NS-Regime, die das Ausstellungsthema in einen größeren gesellschafts- und sozialgeschichtlichen Kontext einbetteten.

 

Pädagogische Materialien

Parallel zu der Erarbeitung der Ausstellung wurden pädagogische Materialien zum Themenfeld »Kinder im KZ Bergen-Belsen« entwickelt, die sowohl im schulischen Unterricht wie auch in der außerschulischen Bildung genutzt werden können. Anhand von biografischen und thematischen Zugängen ermöglichen diese Materialien am Beispiel Bergen-Belsens Einblicke in die spezifische Lebenssituation von Kindern in den NS-Konzentrationslagern – ein in der bisherigen Bildungsarbeit zur Geschichte des Nationalsozialismus nur wenig berücksichtigter Aspekt. Die thematische Auswahl der Quellen orientiert sich an existentiellen Erfahrungskategorien und Handlungsfeldern. Durch sie wird zugleich eine Brücke geschlagen zwischen der heutigen alltäglichen Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler und der Situation und dem Verhalten von Kindern in den NS-Konzentrationslagern. Zu diesen Kategorien, an die sie kognitiv und emotional anknüpfen können, zählen u.a. Essen und Trinken, Helfen, Fühlen, Lernen und Spielen, Leiden und Sterben.

Dabei konnte u. a. auf den Bestand der aktuell 125 lebensgeschichtlichen Videointerviews zurückgegriffen werden, die in den vergangenen Jahren von der Gedenkstätte Bergen-Belsen mit Überlebenden des KZ Bergen-Belsen geführt werden konnten, die zum Zeitpunkt ihrer Deportation nach Bergen-Belsen nicht älter als 14 Jahre alt waren. Neben Teiltranskriptionen aus diesen Interviews handelt es sich bei den auf Karten gedruckten Bild- und Textquellen u.a. um Passagen aus Häftlingstagebüchern und schriftlichen Erinnerungsberichten sowie zeitgenössische Fotografien und Häftlingszeichnungen. Diese werden ergänzt um Informationen und Bilder zu allen ehemaligen Kinderhäftlingen des KZ Bergen-Belsen, von denen Selbstzeugnisse in die Sammlung der pädagogischen Materialien aufgenommen wurden, einschließlich künstlerischer Verarbeitungen des eigenen Verfolgungsschicksals von Kinderüberlebenden. Die Auswahl dieser Biografien wie auch der Quellen spiegelt die Bandbreite der Verfolgung von Kindern in den NS-Konzentrationslagern in nationaler und sozialer Hinsicht wider.

Das pädagogische Material ist nicht explizit nach Schulformen oder Jahrgangsstufen gegliedert. Der Umfang und die qualitative Bandbreite der ausgewählten Quellen sollen es vielmehr der einzelnen Lehrkraft ermöglichen, das für das Lernniveau der jeweiligen Gruppe bzw. Klasse geeignete Material aus dem Sample selbst auszuwählen. Dem dienen auch die beigefügten didaktischen Leitfragen mit aufsteigendem Komplexitätsgrad. Ein Begleitheft, das sich speziell an die Lehrkräfte wendet, enthält didaktische Handreichungen sowie historische Hintergrundskizzen zur Geschichte von Kindern in den NS-Konzentrationslagern insgesamt und im KZ Bergen-Belsen im Besonderen. Die pädagogischen Materialien werden in einer Box mit Karten im Format DIN A5 zum Preis von 29 Euro plus Versandkosten angeboten, die über die Gedenkstätte Bergen-Belsen zu beziehen ist.

Die Ausstellung ist noch bis Ende März 2019 in der Gedenkstätte Ravensbrück zu sehen. Vom 12. April bis 29. September 2019 befindet sie sich zur Präsentation im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen (Schweiz). Weitere Angaben – Veranstaltungskalender, Fotogalerie, Presseinformation, Katalog, Bildungsmaterialien, Informationen für Leihnehmer – befinden sich auf der zugehörigen Website unter www.kinder-in-bergen-belsen.de.

 

Diana Gring, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, ist die Kuratorin der Ausstellung.

Dr. Thomas Rahe, Historiker und stellvertretener Leiter der Gedenkstätte Bergen-Belsen, war im Ausstellungsteam tätig und ist Mitherausgeber der pädagogischen Materialbox.