Rainer E. Klemke

Die berlinHistory.app – eine gemeinsame Plattform für Geschichte in Berlin und anderswo

Gedenkstättenrundbrief 195 S. 49-53

Mit der fortschreitenden Digitalisierung denken alle Museen, Gedenkstätten und Geschichtsinitiativen darüber nach, eigene Apps zu ihren Themen in Auftrag zu geben. Das kostet allerdings einige Zehntausend Euro und hat eine Reihe von Nachteilen: In der Regel erreichen solche isolierten Spezial-Apps nur einige Hundert oder wenige Tausend Interessierte, da niemand weiß, dass es diese App gibt und wonach man in den App-Stores suchen soll. Sie werden in der Regel von einer Agentur gemacht und jede Korrektur oder Fortschreibung kostet neues Geld. Zudem laufen die Bildrechte oftmals nach drei bis fünf Jahren aus und damit sterben die Apps in der Regel. Außerdem werden solche Apps von über 50 % der Nutzenden nach kurzer Zeit gelöscht, weil sie nichts Neues bieten und nur Gerätespeicher belasten.

Doch nicht nur Bildrechte laufen ab, viel entscheidender ist die rasante Entwicklung neuer Technologien und notwendige Aktualisierung und Anpassung an neue Betriebssysteme, die für viele Betreiber von thematischen Nischen-Apps auf Dauer nicht zu bewerkstelligen sind. Hier bietet der berlinHistory e.V. mit seinem hauseigenen Entwickler-Team die Garantie dafür, dass Support, Systempflege und technische Weiterentwicklung dauerhaft gewährleistet werden.

 

Was macht die berlinHistory App einzigartig?

Die berlinHistory-App ist eine Plattform für Geschichtsmuseen, Archive, Gedenkstätten, zeitgeschichtliche Einrichtungen und Initiativen (derzeit etwa 60), die hier ihre Themen vorstellen und dem Publikum nachhaltig verfügbar machen. Mit Hilfe dieses groß­flächigen und stetig wachsenden Netzwerks produziert die berlinHistory-App eine bislang beispiellose Fülle von qualitativ hochwertigem Content. Zum einem bietet die App die Möglichkeit, vergangene Ausstellungen digital aufleben zu lassen und nachhaltig zu bewahren. Im Sinne eines digitalen Museumsdepots stehen diese Inhalte so auch künftigen Generationen zur Rezeption und als Quelle für die Bildungsarbeit zur Verfügung. Zum anderen haben unsere Partner die Möglichkeit, fortlaufend neue Inhalte zu generieren und unmittelbar in die App einzuspeisen. So ist und bleibt die berlinHistory-App eine »lebendige« App, weil täglich neue Points of Interest (POIs), neue Karten, Biografien, Ereignisse und in Kürze auch eigene Themenlayer hinzukommen. Bislang einzigartig für eine App ist die Möglichkeit, dass unsere Partner alle Inhalte selber einstellen und jederzeit bearbeiten und – wenn gewünscht – auch korrigieren können. Wir stellen ihnen dafür personalisierte Zugänge zu unserem CMS zur Verfügung, so dass sie alle medialen Quellen wie Thementexte, Biografien, Fotografien, Vorher-nachher-Bilder, Audios und Videos selber hochladen können. All diese Informationen und unterschiedlichen Quellen werden in der berlinHistory-App sinnvoll gegliedert, miteinander verlinkt und so für die Nutzerinnen und Nutzer auffindbar und zugänglich gemacht.

Anders als die gewerblichen App-Agenturen, die Ikonenbilder aus den Bildagenturen einkaufen und zusammenstellen, arbeitet berlinHistory-App ausschließlich mit rechtefreien Bildern sowie Bildern, die wir von unseren Partnern oder privaten Quellen kostenfrei zur Nutzung erhalten. Dies eröffnet oftmals eine völlig neue Sicht auf Ereignisse und zeigt Bilder, die man sonst nicht findet, und ermöglicht unseren Fotografen und Archiven die Vermarktung ihrer Bilder, von deren Existenz man sonst nicht erfahren hätte. Die berlinHistory-App nutzt aber auch die rechtefreien Bilder aus Wikipedia und anderen Quellen.

Anders als andere Apps füllt sie die Speicher der Geräte nicht mit 400 bis 800 MB und verlangt keine ständigen Updates, sondern begnügt sich mit dem einmaligen Herunterladen von 40 MB für den Schlüssel, der Terabytes an Informationen erschließt. Die berlinHistory.app hat mit ihrem Konzept bereits in den ersten zwei Monaten ohne Werbung Zehntausende Interessierte gefunden, wovon nur 10 % die App wieder gelöscht haben und sie hat hervorragende Bewertungen in den App-Stores erzielt.

 

Zielgruppen der berlinHistory-App

Die berlinHistory-App richtet sich an ganz unterschiedliche Gruppen: das sind Berlinerinnen und Berliner, die ihren Kiez oder andere Stadtteile erkunden wollen und dabei zufällig auf spannende historische Orte stoßen, wie etwa im Treptower Park auf die Spuren der Berliner Kolonial- und Gewerbeausstellung von 1896, wo Venedig, Kairo und Alt-Berlin sowie Schlachtschiffe und deutsch-koloniale Eingeborenensiedlungen 1 : 1 nachgebaut waren, und die Berliner Industrie, damals weltweit führend, ihre Produkte vorstellte. Oder sie treffen auf die politischen Denkmäler, die die App wieder in der Stadt sichtbar macht und nun am Platz der Vereinten Nationen wieder das Lenindenkmal und seine Geschichte sieht. Dies mit dem Hinweis versehen, dass es dazu eine hervorragende Ausstellung in der Spandauer Zitadelle gibt.

Die App ist aber natürlich auch für die zahlreichen Gäste und Touristen der Stadt konzipiert, die in den Entdeckermodus schalten, nachdem sie die üblichen Berliner Sehenswürdigkeiten abgehakt haben und nun rund um ihr Hotel erkunden, wo etwa die Spuren der Revolution von 1918/19, des Widerstandes gegen das NS-Regime oder der Friedlichen Revolution 1989 und des Kalten Krieges zu finden sind. Sie können dabei auf den Stadtplänen der jeweiligen Zeit mit den historischen Straßennamen wandeln und punktgenau und sehen, wo diese Ereignisse stattgefunden haben. Darüber hinaus gibt es zahlreiche audiovisuelle Führungen, die immer weiter ergänzt werden.

 

SchulTool für digitale Projektarbeit
bei berlinHistory-App

Eines der wichtigsten noch zu finanzierenden Zukunftsprojekte von berlinHistory ist die Arbeit an einem speziellen SchulTool, das in einem gesonderten Raum innerhalb der berlinHistory-App ermöglichen wird, dass Schüler- oder Besuchergruppen der Gedenkstätten und Museen digitale Projekte mit Fotos, Vorher-Nachher-Bildern, Zeitzeugeninterviews, Filmen, Dokumenten und Texten erarbeiten können. Die Ergebnisse können dann auch am Smartboard in der Klasse oder einer Einrichtung präsentiert und bei entsprechender Qualität in die allgemeine App übernommen werden. Das Tool bietet die Möglichkeit, dass sich die Lehrende oder Projektleiterinnen und -leiter online einschalten und Hinweise oder Korrekturen eingeben können. Dies könnte darüber hinaus aber auch die Basis für eine Schul- und länderübergreifende Zusammenarbeit (wie auch mit Partnerschulen im In- und Ausland) zu Themen der gemeinsamen Geschichte sein.

 

Das berlinHistory-Team

Das Kern-Team des berlinHistory e.V. besteht aus dem Webdesigner Oliver Brentzel, dem Informatiker Klaus König, der Historikerin Andrea Theissen, dem Historiker und Kulturmanager Martin Recken und dem langjährigen Berliner Museums- und Gedenkstättenreferenten Rainer E. Klemke als Vereinsvorsitzender. Sie haben die App ehrenamtlich über fast drei Jahre im Dialog mit den Partnerinstitutionen entwickelt und am 21. Februar 2019 ans Netz gebracht. Aus dem dialogischen Prinzip mit den Partnern haben sich immer neue Anwendungsmöglichkeiten ergeben, die in die App einfließen. Die Idee wurde auch aus dem Gedanken heraus geboren, dass immer wieder dieselben bzw. ähnliche historische Inhalte sehr aufwendig erarbeitet werden, anstatt bereits vorliegende Arbeiten zu Veranstaltungen und Ausstellungen für alle nachhaltig nutzbar und an den jeweiligen authentischen Orten auffindbar zu machen und diese untereinander zu vernetzen. Grundlegend dafür ist für das Team der kostenfreie open access.

Die Erarbeitung von Inhalten sowie die Recherche erfolgt einerseits über die Partnerinstitutionen, unter deren Rubrum die jeweiligen POIs/Kacheln/Layer bei der App erscheinen, andererseits durch sach- und fachkundige Vereinsmitglieder und Sympathisanten sowie durch eine Schar von Praktikanten aus den Bereichen Geschichte/Politologie/PublicHistory aus dem In- und Ausland. Sollten sich trotz aller Sorgfalt doch Fehler in der App zeigen, können das die Lesenden melden und sie werden dann sehr kurzfristig korrigiert.

 

Sprachen

Die berlinHistory-App ist zunächst zweisprachig Deutsch/Englisch, wobei automatisch in allen fremdsprachigen Geräten die englische Version erscheint. Weitere Sprachversionen sind angestrebt, auch als Insellösungen für einzelne Themen, die besonders für eine Nationalität von besonderer Bedeutung sind, wie z.B. das »russische« Karlshorst oder die Geschichte der Julius-­Leber-Kaserne, dem ehemaligen »Quartier Napoleon« auf Französisch. Über eine polnische Version wird verhandelt.

 

Finanzierung

Die Finanzierung der aufwendigen Software wurde von dem berlinHistory-Team aus eigenen Mitteln und Spenden aufgebracht. Die externen Kosten der laufenden Produktion (neue POI, Biografien, Ereignisse, Kacheln und Layer) werden über den Verkauf von Themen-Layern an unsere Partner finanziert. Solche Themen-Layer haben für die Anmutung eigener, exklusiver Apps, obwohl sie gleichzeitig in die Meta-App eingebunden sind. Diese eigenständigen Themen-Layer können von den Partnern auch an einem digitalen Infoterminal in ihrer Einrichtung eingesetzt werden. Das spart einmal mehr Geld und Ressourcen. Ein eigener Themen-Layer kostet allerdings nur einen Bruchteil einer eigenen App und ist eingebettet in eine technisch hochwertige und derzeit in den Möglichkeiten einzigartige Bildungsapp. Vor allem aber haben sie den großen Vorteil, dass auch Interessierte auf diese Layer verwiesen werden, die von der betreffenden Einrichtung bzw. dem Thema noch nie etwas gehört haben, weil sie auf der App-Karte zufällig auf einen der POI des Layers gestoßen sind. Die Museen, Gedenkstätten und sonstigen Initiativen gehen somit mit ihren Inhalten in die Stadt hinein zu den Menschen an die Ereignisorte ihrer Themen und holen ihr künftiges Publikum dort ab.

Solche Layer der berlinHistory-App werden zum Teil in Förderanträgen zu den Projekten der Partner gleich mit beantragt. Als erster Layer ist zum 20. Juli 2019 einer zu den Orten der Täter, Opfer und stillen Helden des Widerstandes für die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, eingestellt worden. Die Orte der Spionage für das Deutsche Spionagemuseum, die Orte der künstlerischen Initiativen in der Friedlichen Revolution sowie zu den Orten des Wirkens von Willy Brandt und Ernst Reuter werden folgen. Weitere zwölf Themen-Layer sind in der Verhandlung bzw. Vorbereitung.

Eine weitere Finanzierungsquelle sind natürlich auch Spenden durch die Nutzenden im Sinne eines »pay what you want«, Crowd-Funding-Aktionen für Einzelprojekte sowie eigene Förderanträge für spezielle Vorhaben.

 

Zukunft der berlinHistory-App

Nach dem überaus erfolgreichen Start der App meldete sich nicht nur eine Vielzahl von öffentlichen und privaten Contentanbietenden, die die App unterstützen wollen, sondern auch Institutionen aus Luxemburg, Österreich, Polen, Thüringen und NRW, die die Software der App übernehmen und mit eigenen Inhalten füllen möchten. Dazu entwickeln wir derzeit Konzepte, wie wir Nutzungsrechte und Lizenzen an der Software (NICHT an den Inhalten, die Eigentum unserer Partner bleiben!) vergeben werden.

Mit Blick auf das 100-jährige Stadtjubiläum Groß-Berlins 2020 sind eigene Layer zur bezirklichen Geschichte in Vorbereitung.

Die Stiftung Stadtmuseum Berlin hat dem Verein berlinHistory vorgeschlagen, in Gestalt einer unselbstständigen Stiftung künftig als eine Art »digital Department« unter ihrem Dach zu arbeiten, was für die App eine auch langfristig gesicherte Existenz bedeuten würde. Das Stadtmuseum wird dann davon profitieren, dass seine Themen dauerhaft in der Stadt an den Orten der Geschichte präsent sind und neue Besucher angesprochen werden können, aber auch von der digitalen Kompetenz im eigenen Haus für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben. Die Softwareentwicklung und die Franchise-Kooperation mit Interessenten außerhalb von Berlin sollen dann in eine GmbH der Stiftung ausgelagert werden. Die Einzelheiten dazu werden gegenwärtig ausgearbeitet.

 

Rainer E. Klemke war von 1995 bis 2012 Referats- und Gruppenleiter für Museen, Gedenkstätten und Zeitgeschichte in der Berliner Kulturverwaltung, ist Initiator der Berlin Jahresthemen, wie z.B. »2013 – Zerstörte Vielfalt« und arbeitet nun freiberuflich als Projektentwickler für Museen und Gedenkstätten.