Marc Ryszkowski

Die ersten Konzentrationslager in Baden-Württemberg

Gedenkstättenrundbrief Nr. 203 S. 3-11

EINE BESTANDSAUFNAHME

Das Forschungsprojekt Die Vorstellung von einem nationalsozialistischen Konzentrationslager (KZ) im öffentlichen Bewusstsein ist geprägt vom Bild der großen Arbeits- und Vernichtungslager der 1940er-Jahre. Parallel zur historischen Beschäftigung mit diesen Tatorten sind die baulichen Zeugnisse der "Lagerarchitektur" schon seit längerem ein Objekt denkmalpflegerischer Theorie und Praxis geworden und der angemessene konservatorische Umgang mit den materiellen Zeugnissen steht nach wie vor im Zentrum eines intensiven Diskurses.

Die Gruppe der frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager hat mit diesem Bild im Allgemeinen nur wenig gemeinsam. Unter den Aspekten der Organisation, Verantwortlichkeit und dem Zweck der Errichtung unterscheiden sie sich größtenteils von den späteren Lagern. Als historisches Phänomen und unter besonderer Berücksichtigung der einzelnen Häftlingsschicksale wurden auch die frühen Konzentrationslager bundesweit in den letzten Jahrzehnten erforscht und aufgearbeitet. Sie stehen heute teilweise im Zentrum einer intensiven Vermittlungs- und Bildungsarbeit. Ungeachtet dessen fand in diesem Zusammenhang bisher keine objektübergreifende Erfassung und Erforschung der tatsächlichen Bestandssituation statt.

Die frühen Lager der Jahre 1933 bis 1935 konstituieren sich reichsweit in der Mehrzahl durch den Rückgriff auf zum Teil parallel zu einem anderen Zweck genutzte Bestandsgebäude. Die Phase der Lagernutzung zeichnet sich als vergleichsweise dünne Zeitschicht in einem vielschichtigen Denkmalkontext ab. Gerade darin liegt eine der Herausforderungen des auf zwei Jahre angesetzten Projektes des Landesamts für Denkmalpflege Baden-Württemberg (LAD) zur Erforschung der Bestandssituation der frühen Konzentrationslager in Baden und Württemberg, das Anfang 2020 angelaufen ist.

Das Forschungsprojekt beschäftigt sich ausgehend von der quellenbasierten Rekonstruktion der räumlichen Organisation innerhalb der Einzelbeispiele und ihrer baulichen Veränderungsgeschichte mit den Fragen, welche Spuren des Konzentrationslagers sich im aktuellen Bestand erhalten haben und welcher Anteil ihnen an der Denkmalbedeutung des Objekts in Zukunft zukommen muss.

Die Situation in Baden und Württemberg

Die ersten Konzentrationslager in den Ländern Baden und Württemberg waren keine "wilden Lager", sondern Einrichtungen in der Verantwortlichkeit des jeweiligen Innenministeriums, das die zu verwendenden Gebäude in der Regel anmieten musste. Im Betrachtungszeitrum zwischen 1933 und 1935 wurden in Baden zwei und in Württemberg drei nationalsozialistische Konzentrationslager durch das jeweilige Innenministerium betrieben. In allen Fällen sind die verwendeten Gebäude als solche bis heute erhalten geblieben. Die Gruppe der zu untersuchenden Objekte umfasst das Fort Oberer Kuhberg als Teil der Bundesfestung Ulm, die kaiserzeitlichen Kasernengebäude des Lagers Heuberg bei Stetten am kalten Markt, Räumlichkeiten des ehemaligen Klosters Gotteszell in Schwäbisch Gmünd und des ehemaligen Fürstbischöflichen Schlosses Kislau sowie das Hofgut Ankenbuck, die einzige realisierte Arbeiterkolonie im Großherzogtum Baden.

Während ein Teil des Forts Oberer Kuhberg als KZ-Gedenkstätte genutzt wird, handelt es sich bei Kislau und Gotteszell um Justizvollzugsanstalten. Das Lager Heuberg ist Teil des Bundeswehr-Truppenübungsplatzes Heuberg und das Hofgut Ankenbuck befindet sich in Privatbesitz. Es liegt auf der Hand, dass sich die aktuelle Nutzung auch auf die Zugänglichkeit und den Umfang der Untersuchungen auswirkt. Glücklicherweise fanden sich seitens der jeweils Verantwortlichen zahlreiche Unterstützer des Forschungsprojektes, die eine Begutachtung der historischen Gebäude und Räumlichkeiten ermöglichten. In den vergangenen Monaten konnte somit für alle Objekte die räumliche Situation des jeweiligen KZ auf Grundlage der einschlägigen Archivalien rekonstruiert und mit dem aktuellen Baubestand abgeglichen werden. Schon die exakte räumliche Zuordnung stellt ein erstes wichtiges Zwischenergebnis des Forschungsprojektes dar. An einzelnen Befunden zu den frühen württembergischen Lagern Heuberg und Oberer Kuhberg lässt sich exemplarisch darstellen, was der historische Bestandsbegriff in diesem Fall beinhalten kann und welche historischen Schlüsse die materiellen Spuren im Einzelnen zulassen.

Der Heuberg - das erste württembergische Konzentrationslager

Die für das Forschungsprojekt relevanten Gebäude des Lagers Heuberg sind kein Kultur denkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes, als Liegenschaft der Bundeswehr handelt es sich außerdem um einen militärischen Sicherheitsbereich. Die Untersuchung der Gebäude erfolgte in Zusammenarbeit mit dem Leiter der militärhistorischen Sammlung Stetten am kalten Markt, Oberleutnant a.D. Marcus Klotz, der das Forschungsprojekt von Beginn an unterstützt und den Zugang ermöglichte.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert für das XIV. Badische Armeekorps errichtet, ging der Truppenübungsplatz auf dem Heuberg bei Stetten a. k. M. nach dem Ersten Weltkrieg in württembergische Verwaltung über.

Das KZ Heuberg wurde ab März 1933 als erstes württembergisches KZ in einem Teil der Unterkunftsgebäude des Truppenübungsplatzes betrieben und bereits im November desselben Jahres wieder aufgelöst, da die entsprechenden Gebäude für die Reichswehr benötigt wurden. Zu den bis heute bekanntesten Häftlingen des Heubergs gehören der SPD-Politiker Kurt Schumacher (1895-1952) und der spätere hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (1903-1968).

Die Gemeinde Stetten am kalten Markt betrachtete das KZ in ihrer unmittelbaren Nähe in erster Linie als Wirtschaftsfaktor, das heißt Absatzmarkt für regionale Erzeugnisse. Zur "Pflege der Beziehungen zum Schutzhaftlager" lud sie daher regelmäßig zu "einem gemütlichen Beisammensein" von Gemeindegrößen und Lagerleitung ein. Der ortsansässige Bauunternehmer Wilhelm Bertazzon konnte bereits im Frühjahr 1933 auf etwa 500 Häftlinge des KZ als Zwangsarbeiter im Straßenbau zurückgreifen, von deren Ausbeutung er persönlich profitierte. Trotz der historischen Nahbeziehung der Gemeinde zum Konzentrationslager blendet diese die Geschichte des ersten und größten Konzentrationslagers Württembergs bis heute weitestgehend aus.


Die historischen Gebäude auf dem Heuberg

Die ab 1912 in nur zwei Jahren vom Stuttgarter Bauunternehmen Baresel errichteten Gebäude konnten durch das KZ ohne bauliche Veränderungen bezogen werden, Grundrisse und Ausstattung entsprachen im Jahr 1933 noch dem Stand der Bauzeit, die Unterbringung der Häftlinge und der Wachmannschaften erfolgte getrennt voneinander in großflächigen Schlaf- und Aufenthaltsräumen. Die Einrichtung des KZ erfolgte in zwei Phasen, was die im Laufe des Frühjahrs 1933 stark ansteigenden Häftlingszahlen widerspiegelt.

Nach 1933 wurden die Unterkunftsgebäude wieder durchgängig militärisch genutzt. Für den baulichen Bestand der dem KZ zuzuordnenden Gebäude bedeutet dies den
nahezu vollständigen Verlust an historischen Grundrissen und Ausstattungsdetails in den Innenräumen, da bis in die jüngste Vergangenheit der geltende Standard der Truppenunterbringung umgesetzt worden ist. Eine seit der Bauzeit beibehaltene Nummerierung der Gebäude ermöglicht die gesicherte Zuordnung einzelner Bauten im aktuellen Bestand. Unterkunfts- und Funktionsbauten des KZ, wie die Strafbauten, die Kommandantur und das Krankenrevier - in dem am 9. September 1933 der Häftling Simon Leibowitsch von Angehörigen der Wachmannschaft ermordet wurde - lassen sich zweifelsfrei benennen. Ihre räumliche Binnenorganisation für das Jahr 1933 ist aber nur noch in Form zeitgenössischer Pläne und der Häftlingsberichte überliefert.


Die "Hundezwinger"

In den späteren Berichten der Häftlinge findet die räumliche Situation vor allem dann Erwähnung, wenn sie mit negativen Erfahrungen verbunden war. Ein Kristallisationspunkt der Erinnerung sind daher die Dachgeschosse der Strafbauten 19 und 23 als Orte von Verhör und Folter und insbesondere die dort eingebauten - "Hundezwinger" genannten - Arrestzellen. Da die Dachgeschosse aus Brandschutzgründen von der Truppenunterbringung ausgenommen sind, konnte im Laufe der letzten Monate die Lage und Konstruktion dieser Zellen rekonstruiert werden.

Arrestzellen wurden in den Dachgeschossen von Gebäude 19 und 23 bereits im Ersten Weltkrieg eingerichtet. Während die Akten von 1918 ihre Nutzbarkeit auf die Sommermonate beschränken, die Aufstellung eines Ofens konnte aus Gründen des Brandschutzes nicht gestattet werden, wurden Kälte und Sommerhitze in der KZ-Phase zu einem bewussten Mittel der Folter.

In Gebäude 19 hat sich auf der, der Dachhaut zugewandten Seite einer Stuhlständerstrebe ein seltenes Zeugnis aus der KZ-Zeit erhalten: Die Bleistiftinschrift eines Häftlings, die neben seinen Initialen auch den Zeitraum seines Arrests (25. 7. 1933 bis 29. 7. 1933) nennt. Die Lage dieser Inschrift beweist, dass 1933 zusätzlich zu den seit 1918 vorhandenen Zellen die Bereiche zwischen ihnen und der anschließenden Dachschräge durch eine einfache Verbretterung ebenfalls zu Zellen ausgebaut wurden, die durch ihre geringe Größe und ihre Lage direkt unter der Dachhaut die verschärften Arrestbedingungen des Jahres 1933 widerspiegeln. Die Inschrift belegt als materielles Zeugnis die überlieferten Aussagen zahlreicher Heuberg-Häftlinge. Sie erlaubt es zudem erstmals, einen "Hundezwinger" im historischen Bestand sicher zu verorten, denn die 1933 eingebauten Zellen wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten nahezu restlos entfernt.

Die Spuren der Arrestzellen in Gebäude 19 stellen eine der wenigen Schnittmengen der archivalischen und materiellen Überlieferung dar. Typisch für das KZ Heuberg ist der Rückgriff auf bestehende Einrichtungen, die pragmatisch und ohne aufwendige bauliche Maßnahmen den veränderten Anforderungen angepasst wurden. Das KZ Heuberg war von Beginn an eine Einrichtung auf Zeit.


Das Fort Oberer Kuhberg

Als Teil der Bundesfestung Ulm ab der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet und immer weiter fortifikatorisch angepasst, diente das Fort in der Zwischenkriegszeit, während und nach dem zweiten Weltkrieg unterschiedlichsten militärischen und zivilen Zwecken. Zwischen 1933 und 1935 wurde in einem Teil der Räume ein KZ als Nachfolgelager des KZ Heuberg betrieben.

Das Fort bietet schon aufgrund seiner aktuellen Nutzung durch die KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg und den Förderkreis Bundesfestung Ulm e.V. hinsichtlich der Zugänglichkeit gute Voraussetzungen für eine detaillierte Untersuchung. Allerdings handelt es sich auch in diesem Fall um ein Objekt, das im Verlauf der letzten Jahrzehnte viel von seiner historischen Vielschichtigkeit verloren hat. Obwohl es seit 1960 ein Kulturdenkmal im Sinne des Denkmalschutzgesetzes ist, gingen die Einrichtung der Gedenkstätte im Reduit ab den späten 1970er Jahren und die zuvor einsetzende Renovierung weiter Teile der Anlage als Festungsmuseum mit einem hohen Maß an Substanzverlust einher. Die Bedeutung des Ortes als frühes KZ wurde bereits 1979 als eine zentrale Denkmaleigenschaft formuliert, die materiellen Spuren dieser Zeitschicht aber praktisch nicht als denkmalwert, geschweige denn denkmalkonstituierend betrachtet, was im Reduit, der ehemaligen KZ-Kommandantur, zum Verlust der meisten historischen Wandoberflächen führte. Die bis heute diesen Bereich dominierende Steinsichtigkeit der Innenräume geht auf die Vorgabe des Anfand der 1980er-Jahre mit dem Raumkonzept betrauten Architekten zurück, der auf diese Weise eine Ästhetisierung vornahm, die nichts mit dem Raumeindruck der Jahre 1933 bis 1935 zu tun hat. Das Problem der fehlenden Beziehung zwischen historischem Ort und materiellem Zeugnis wird gerade an diesem Beispiel besonders deutlich.

 

Dekorierte Hafträume?

Die Kasemattengänge im Norden, Süden und Westen des Forts, die durch das KZ als Hafträume genutzt wurden, blieben vom Rückbau der letzten Jahrzehnte unberührt. Hier haben sich, wie auch im nördlichen Flankenturm - der KZ-Küche - Wanddekorationen in Form schablonierter vegetabiler und geometrischer Bänder und farbig gestalteter Wandzonen und Sockelbereiche erhalten. Als ein Ergebnis der quellenbasierten bauhistorischen Untersuchung unter Miteinbeziehung der überlieferten Bau-, Veränderungs- und Nutzungsgeschichte müssen diese Dekorationen im Zusammenhang mit dem Konzentrationslager entstanden sein.

Für diese Zuordnung sprechen auch das Vorkommen der Wandgestaltung in allen überlieferten Haftbereichen - und ausschließlich dort - als quantitatives Phänomen mit lokalen Variationen und der formale Zusammenhang zur frühesten Elektrifizierung in den nördlichen Dechargekasematten 1934.

In den Häftlingsberichten wird eine Gestaltung der Hafträume nicht explizit erwähnt, ein ehemaliger Häftling nennt allerdings "das Streichen" der Kasemattenwände als eine der frühen Instandsetzungsmaßnahmen zum Jahreswechsel 1933/34. Ähnlich wie schon im Fall des Heubergs finden räumliche Details auch hier nur dann Eingang in die Überlieferung, wenn sie negativ konnotiert gewesen sind. Die Summe der Häftlingsberichte und die historisch belegbare Raumsituation sind nur teilweise kongruent zueinander und vor allem späte Erinnerungen an die eigenen Haftbedingungen beziehen mitunter Baudetails mit ein, die es zum Zeitpunkt des KZ nachweislich noch gar nicht gab. Ein Beispiel hierfür sind die ab etwa 1942 eingegossenen stufenförmigen Betonfundamente in einem Bereich des Forts, der durch das KZ als Haftraum genutzt wurde. In der Beschreibung eines Kuhberg-Häftlings aus den 1970er-Jahren benennt er im Rahmen einer Ortsbegehung diese Betonstufen ausdrücklich als Standort der Stockbetten.

Aufschlussreich für die Zuordnung der Wandgestaltung ist die Beschreibung des Häftlings Johann Schneider, nach der in den Kasemattengängen auf jeweils zwei "Schlafbunker" ein "Aufenthaltsbunker" folgte. Auf den Grundriss der drei Häftlingsbereiche übertragen, muss es sich bei diesen Aufenthaltsräumen um die jeweils mit einer Feuernische ausgestatteten Kasematten handeln. Diese Sonderräume weisen an allen vier Wänden Dekorationen auf, während die Schlafräume lediglich über eine entsprechend dekorierte durchgehende Stirnwand und Ganglaibung verfügen.

Die wahrscheinlichste Erklärung für eine gestalterische Abstufung ist die unterschiedliche Ausstattung der jeweiligen Räume zum Zeitpunkt ihrer Ausgestaltung. Während die undekorierten Wandbereiche in den Schlafräumen von den Stockbetten der Häftlinge verstellt waren, befanden sich in den theoretisch beheizbaren Aufenthaltsräumen lediglich niedrige Bänke und Tische. In der Konsequenz spiegelt die abgestufte Wandgestaltung bis heute die räumliche Organisation und Ausstattung der Hafträume wider. Darüber hinaus markieren die Unterschiede in den Gestaltungsdetails auch die Grenzen der überlieferten Haftbereiche. Da die Häftlinge auch zum Zeitpunkt der Ausgestaltung über diese Bereiche hinweg keinen Kontakt zueinander hatten, wurde die "Gestaltungsvorgabe" in jedem Haftbereich unterschiedlich umgesetzt.

In ihrer historischen Aussagekraft ist die Gestaltung quantitativ und qualitativ ein herausragendes materielles Zeugnis des KZ im Fort Oberer Kuhberg.

Das "Schutzhaftlager Ulm" im Spiegel der (bau)historischen Befunde

Im Gegensatz zu den bezugsfertigen Gebäuden des Lagers Heuberg brachten bereits die Voraussetzungen des Forts im November 1933 die Notwendigkeit mit sich, bauliche Maßnahmen im weitesten Sinne durchzuführen. Diese erschöpften sich allerdings nicht in der jeweils pragmatischsten Lösung.

Die Gestaltung der Hafträume durch die KZ-Häftlinge mag mit Blick auf die überlieferte Lebenswirklichkeit des Lagers paradox erscheinen, sie steht aber im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von Bau- und Veränderungsmaßnahmen in dieser Nutzungsphase des Forts, die im aktuellen Bestand nur noch rudimentär vorhanden sind:

1934 wurde ein Weg zwischen dem Fort und dem nahegelegenen Infanteriestützpunkt Gleißelstetten, der Eingangs- und Arreststufe des KZ, von Häftlingen befestigt und mit einer elektrischen Beleuchtung versehen. Etwa zeitgleich erfolgte die früheste Elektrifizierung der Kasematten. Das um 1905 angebrachte Staketentor am Zugang zum Reduit wurde mit Einrichtung der Kommandantur ausgehängt, eingelagert und erst nach Auflösung des KZ wieder angebracht. Ohne das Tor verfügte der Eingang zur Kommandantur hinter dem komplett zurückgeschlagenen Eisentor des 19. Jahrhunderts über ein hölzernes Türelement und hatte damit einen vollkommen anderen Charakter als heute. Im Inneren der Kommandantur waren die gefassten Wände großflächig mit Inschriften, Symbolen und Hoheitszeichen dekoriert, die spätestens nach dem Krieg übertüncht und mit Einrichtung der Gedenkstätte entfernt wurden.

Auch das sogenannte "Schmalzbrünnele", ein Frischwasserbrunnen mit Abwaschplatz vor dem Küchenzugang wurde im Frühjahr 1934 von Häftlingen angelegt, dekorativ gestaltet und neben einschlägigen Symbolen mit einer okkultistischen Inschrift versehen. In den 1970er-Jahren abgebrochen, zeugen davon neben den erhaltenen Ansätzen der Umrandungsmauer und einem älteren, in die Konstruktion integrierten Ablauf nur noch die historischen Fotos.

Den Aufwand der Maßnahmen des Jahres 1934, die natürlich auch der Beschäftigung der Häftlinge dienen sollten, vor dem Hintergrund der Schließung des Lagers nur ein Jahr später als Widerspruch wahrzunehmen wäre ein Anachronismus. Grund für die Auflösung war neben den hohen Kosten der "Schutzhaft" und den rückläufigen Häftlingszahlen vor dem Kontext der machtpolitischen Konsolidierung des NS die reichsweite Umstrukturierung der Konzentrationslager und Zentralisierung ihrer Organisation. Das rasche Ende war für die Verantwortlichen auf dem Oberen Kuhberg 1934 noch nicht abzusehen. In ihrer Umsetzung unterstreichen die Maßnahmen den Anspruch eines Lagers als dauerhafte Einrichtung und Teil nationalsozialistischer Herrschaft. Auch davon zeugen bis heute die letzten Spuren des KZ auf dem Oberen Kuhberg als materielle historische Quelle.


Bauforschung als Spurensuche: Das Lager im historischen Baubestand

Im Zuge der Untersuchung der fünf Objekte wurde schnell deutlich, dass es keinen selektiven Zugriff auf den historischen Bestand aus der KZ-Zeit geben kann. Innerhalb teils sehr komplexer Denkmalstrukturen ergeben sich Rückschlüsse auf ihn nur aus der Kenntnis der vollständigen Bau- und Nutzungsgeschichte des jeweiligen Objektes. Die am Beispiel Ulm beschriebene fehlende Kongruenz zwischen dem aktuellem Bestand und den überlieferten Quellen lässt sich dadurch ein Stück weit auffangen und zum Ausgangspunkt einer quellenkritischen Betrachtung machen.

Die Übernahme und Nutzung bestehender Einrichtungen wie im Fall des Heubergs, aber auch Spuren einer teilweise auch historisch interessanten Nachnutzung nach Auflösung des jeweiligen KZ tragen zur Dynamik des eigentlichen Bestandsbegriffs bei. So finden sich in den Kasematten des Kuhbergs noch die kyrillischen Inschriften der dort von Ulmer Betrieben beschäftigten Zwangsarbeiter der Jahre 1943 bis 1945 und in einem Dachbereich des Heubergs die Inschrift eines standrechtlich verurteilten: "Morgen werde ich erschossen 1943". Angesichts der Fragestellung des Forschungsprojektes liegen diese Zeugnisse natürlich außerhalb des historischen Rahmens, als bedeutende, bisher unbeachtete Denkmalbestandteile müssen sie dennoch dokumentiert und historisch aufgearbeitet werden.

Auch diese Details verweisen auf den vielschichtigen Charakter der Objekte als historische Denkmale. Die Schwerpunktsetzung liegt dabei beim Rezipienten, denn das Fort Oberer Kuhberg ist sowohl Bestandteil der Bundesfestung Ulm, als auch frühes Konzentrationslager, Stätte von Zwangsarbeit etc. Die materiellen Spuren jeder dieser Phasen tragen in ihrer Gesamtheit zur historischen Objektbedeutung bei, die nicht zuletzt auch die Ergebnisse unseres Forschungsprojekt stärken möchte. Dies gilt natürlich nicht nur für das Beispiel Ulm, sondern für alle frühen Lager in Baden und Württemberg.

Als reichsweites Phänomen sind die frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager heute ein wichtiger Bestandteil der bundesweiten Gedenkstättentopografie. Da dem Forschungsprojektes als landesweite Untersuchung angesichts seiner Fragestellung auf der Bundesebene eine beispielgebende Position zukommt, ist im Rahmen einer am 13. und 14. 1. 2022 in Ulm stattfindenden Tagung über die Vorstellung und Diskussion der Ergebnisse zu den Objekten in Baden-Württemberg hinaus auch der länderübergreifende Austausch vorgesehen. Neben dem bauforscherischen Schwerpunkt geht es auch um die Perspektive der Vermittlung und Gedenkstättenarbeit. Welchen Stellenwert hat das Objekt als materielle Quelle in der Vermittlungsarbeit und wo liegen die Schwierigkeiten der objektbezogenen Vermittlung im Bereich der frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager? Anmeldungen sind ab Oktober 2021 unter www.denkmalpflege-bw.de/service/veranstaltungen/ möglich.

Marc Ryszkowski studierte Kunstgeschichte sowie Denkmalpflege/Heritage Science und arbeitet seit Anfang 2020 als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Landesamtamt für Denkmalpflege an dem Forschungsprojekt zur Bestandssituation der frühen nationalsozialistischen Konzentrationslager in den ehemaligen Ländern Baden und Württemberg.