Randi Becker

Die Gnade der weiblichen Geburt? – Frauen als Täterinnen in ›Euthanasie‹-Gedenkstätten

Gedenkstättenrundbrief 195 S. 41-48

Immer noch gelten Frauen in der öffentlichen Wahrnehmung als friedliebend und wenig gewalttätig. Debatten um Beate Zschäpe und andere Neonazistinnen forderten in den letzten Jahren das Geschlechterbild vom männlichen, gewalttätigen Nazi heraus und machen deutlich, dass eine geschlechterreflektierende Perspektive auf Rechtsextremismus notwendig ist, um die Akteurinnen und Akteure des aktuellen Rechtsextremismus in den Blick nehmen zu können. Der Widerwille, sich auch mit mordenden Frauen auseinanderzusetzen, wird auch historisch im Hinblick auf NS-Täterinnen sichtbar. Es existieren bislang nur wenige Forschungen zu Frauen als Täterinnen[1], die diese tatsächlich in ihrem Beitrag zum Massenmord ernstnehmen. Dieser Forschungslücke widmete sich die Autorin, die in ihrer Masterarbeit untersuchte, wie Frauen als Täterinnen von 1945 bis heute in der NS-Aufarbeitung und in Gedenkstätten verhandelt wurden und werden. Die wichtigsten Ergebnisse werden im vorliegenden Artikel sowie in der in der nächsten Ausgabe erscheinenden Fortsetzung zusammengefasst.

Im vorliegenden ersten Teil wird zuerst ein Überblick über Aktionsfelder von Frauen im NS gegeben und ihre Beteiligungsmöglichkeiten dargestellt. Anknüpfend wird dann die Rolle von Frauen in der NS-Aufarbeitung nach 1945 zusammengefasst und zuletzt die Darstellung von Frauen in Euthanasie-Gedenkstätten untersucht. Dabei werden die Ausstellungen der Gedenkstätten Pirna/Sonnenstein und Bernburg im vorliegenden Aufsatz analysiert, die Analysen der Ausstellungen der Gedenkstätten Hadamar und Brandenburg an der Havel folgen in der Fortsetzung. Aus diesen Analysen ergeben sich Tipps für die Thematisierung von Frauen als Täterinnen in Gedenkstätten, die ebenfalls in der Fortsetzung dargestellt werden, sodass Anregungen für Gedenkstätten zur geschlechtergerechten Thematisierung von Täterinnen gegeben werden können.

 

Beteiligung von Frauen im NS

Ausgehend von der These, dass Frauen an der Durch- und Umsetzung des Nationalsozialismus ebenso beteiligt waren wie Männer, unterschieden sich aber die Tätigkeitsbereiche von Männern und Frauen im NS: Frauen waren in ihrem Alltag aktiv an der Durchsetzung von NS-Prinzipien beteiligt. Durch die Aufwertung der Mutterschaft im NS kamen Frauen die Verantwortung für die Bereiche Familie, Ehe und Reproduktion zu, in denen sie einen entscheidenden Beitrag zur Ideologisierung der Kinder leisteten. Die Aufwertung der Mutterschaft bot zumindest den »arischen« Frauen darüber hinaus auch einen Weg, an der Volksgemeinschaft teilzuhaben, die sie unter der Voraussetzung, die geschlechtlich festgelegte Bestimmung zu erfüllen (vgl. Wagner 1996: 87), zu gleichwertigen Mitgliedern in eben dieser machte: »Was der Mann einsetzt an Heldenmut auf dem Schlachtfeld, setzt die Frau ein in ewig geduldiger Hingabe, in ewig geduldigem Leid und Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für das Sein und Nichtsein ihres Volkes. […] Wir haben deshalb die Frau eingebaut in den Kampf der völkischen Gemeinschaft, so, wie die Natur und die Vorsehung es bestimmt hat. So ist unsere Frauenbewegung für uns nicht etwas, das als Programm den Kampf gegen den Mann auf seine Fahne schreibt, sondern etwas, das auf sein Programm den gemeinsamen Kampf mit dem Mann setzt. Denn gerade dadurch haben wir die neue nationalsozialistische Volksgemeinschaft gefestigt, daß wir in Millionen von Frauen treueste fanatische Mitkämpferinnen erhielten.« (Adolf Hitler auf der Tagung der NS-Frauenschaft am 8. September 1934, zitiert nach Domarus 1998: 451)

Über den privaten Bereich hinaus konnten Frauen sich im NS politisch in diversen NS-Frauenorganisationen engagieren, die unter dem Dachverband des Deutschen Frauenwerks zusammengeschlossen waren: »In Massen strömten Frauen auch in die pro-nationalsozialistischen Frauenorganisationen. So hatten sich dem Deutschen Frauenwerk, dem Dachverband aller zugelassener Frauenorganisationen, 6–8 Millionen Frauen angeschlossen, die NS-Frauenschaft hatte 2 Millionen Mitglieder […]. Von den 120.000 Lehrerinnen waren 83.000 im Nationalsozialistischen Lehrerinnenbund organisiert.« (Heyne 1993: 152)

Auch im Bereich der Denunziationen spielten Frauen eine tragende Rolle. Denunziationen boten ihnen Spielräume, Macht über andere auszuüben, die ihnen der NS ­ermöglichte. Gerade im Bereich der Denunziationen wird das Handeln von Frauen aber sehr unterschiedlich interpretiert. Feministische Autorinnen wie Katrin Dördelmann machen in der Vorstellung Denunziationen seien ein klassisches Frauenverbrechen, klassisch sexistische Stereotypen des »Klatschweibes« aus. (vgl. Dördelmann 1997: 191)

Auch durch berufliche Tätigkeiten trugen Frauen entscheidend zur Durchsetzung des NS bei, indem sie in weiblich konnotierten Berufen in erzieherischen, sozialen und pflegerischen Bereichen zur Indoktrination der zu Erziehenden beitrugen oder sogar aktiv NS-Vorstellungen von Ausgrenzung oder Abgrenzungen umsetzten.

Als Ehefrauen von SS-Männern unterstützen Frauen das Morden ihrer Männer aktiv und beteiligten sich an Ausbeutung und Vernichtung. Und nicht nur als Ehefrauen, sondern auch als weibliches SS-Personal beteiligten sie sich aktiv am Morden: KZ-Aufseherinnen wurden in Frauenkonzentrationslagern oder in Bereichen von KZ eingesetzt, wo es nur weibliche Häftlinge gab und standen ihren männlichen Kollegen in Brutalität in nichts nach: »Versucht man, ein Resümee über die Tausenden von Frauen zu ziehen, die überall im Dritten Reich als Aufseherinnen tätig waren, so lässt sich sagen, dass sie durchgehend als sadistisch und grausam beschrieben werden und ihren männlichen Kollegen bei der Vernichtung hunderttausender Menschen in nichts nachstanden (…).« (Radonić 2004: 99)

Ebenso im Bereich der Pflege und Fürsorge trugen Frauen zum Massenmord bei, indem sie Beihilfe zur Euthanasie-Morden leisteten, indem sie als Fürsorgerinnen Informationen über Klienten an Ämter weiterleiteten, die zu Zwangssterilisierung oder Einweisung in Tötungsanstalten führten, oder als Pflegerinnen, die aktiv die tödlichen Spritzen setzten.

 

Thematisierung von Täterinnen nach 1945

Zur Rolle von Geschlecht in NS-Prozessen liegen bis jetzt nur wenige Arbeiten vor. Deutlich wird aber, dass unter den Angeklagten in den meisten NS-Prozessen Frauen in der Minderheit waren. Sie wurden häufig als Befehlsempfängerinnen mit nicht vorhandener Eigenmotivation wahrgenommen und dementsprechend gar nicht angeklagt. Diejenigen, die angeklagt wurden, weisen eine deutliche Dichotomie auf: Entweder wurden sie als Täterinnen wahrgenommen und als Bestien dargestellt. Dabei wurden sie meist als unweiblich dargestellt, da ihre Brutalität mit ihrem Geschlecht in der Vorstellung der Öffentlichkeit nicht vereinbar war. Oder sie konnten, trotz belegter Brutalität, durch Bezüge auf ihr Geschlecht diese Vorstellung der Unvereinbarkeit von Weiblichkeit und Brutalität für sich nutzen und diese Vorstellung als Entlastungsstrategie bedienen.[2]

Diese Dichotomisierung kann auch in der medialen Berichterstattung rund um die Prozesse beobachtet werden. Hier finden sich zum Einen Beispiele von Verharmlosungen von Täterinnen, die als friedfertige und harmlose Befehlsempfängerinnen dargestellt werden, denen das bewusst-politische Handeln abgesprochen wird, zum Anderen aber auch die Vorstellung der SS-Teufelin, die durch ihre Brutalität aber weniger Frau als Monster war. Die Fokussierung auf die »Teufelinnen« hat damit auch verhindert, sich mit all den anderen Frauen zu beschäftigen, deren Brutalität und Beteiligung nicht ganz so offensichtlich ins Auge sprang.

 

Täterinnen in Euthanasiegedenkstätten

Ausgehend von diesen historischen Gegebenheiten hat die Autorin in ihrer Arbeit untersucht, wie Täterinnen in heutigen Euthanasiegedenkstätten dargestellt werden. Dabei wurden die Ausstellungen der Gedenkstätten Bernburg (alte Ausstellung bis Sommer 2018), Sonnenstein/Pirna, Brandenburg und Hadamar untersucht. Im vorliegenden Aufsatz werden die Analysen der Ausstellungen aus Pirna und Bernburg ausgeführt:

 

Pirna

Die Dauerausstellung in Pirna, Sonnenstein, wurde im Juni 2000 eröffnet (vgl. Gedenkstätten für die Opfer der NS-Euthanasie 2016). Sie gliedert sich in folgende Bereiche:

1 1811–1933. Die Heilanstalt Sonnenstein und die Entstehung der Rassenhygiene in Deutschland

2 1933–1939. Nationalsozialistische Gesundheitspolitik – Zwangssterilisationen,

3 1940–1941. Die »Aktion T4« und die Tötungsanstalt Sonnenstein

4 Häftlingsmorde auf dem Sonnenstein 1941

5 Von den Krankenmorden zur ›Endlösung der Judenfrage‹

6 Die zweite Phase der ›Euthanasie‹

7 Die Nachgeschichte der ›Euthanasie‹-Verbrechen.

Täterinnen und Täter werden vor allem in Bereich 3 thematisiert. Unter der Überschrift »Das Personal der Tötungsanstalt Sonnenstein« findet sich folgender Text: »In der »Euthanasie«-Anstalt Sonnenstein waren in den Jahren 1940/41 etwa 100 Personen beschäftigt: Ärzte, Pfleger und Schwestern, Kraftfahrer und Polizisten, Handwerker und Küchenpersonal, Leichenverbrenner und Büroangestellte. Ungefähr 60 bis 70 Männer und Frauen waren ständig anwesend. (…) Die Mitarbeiter mussten vor Dienstantritt eine Schweigeverpflichtung unterschreiben, für deren Nichteinhaltung die Todesstrafe angedroht wurde. Zur Teilnahme an der Mordaktion wurden sie jedoch nicht gezwungen.« (Dauerausstellung Pirna, Stand 23.08.2018)

Sprachlich fällt auf: Gegendert[3] wird hier nicht, sodass in geschlechtsneutralen Begriffen wie »Personal«, »Angestellte«, oder auch eindeutig männlichen Begriffen wie »Mitarbeiter« Täterinnenschaft verschleiert wird. Andererseits wird durch »Männer und Frauen« und den Begriff »Schwestern« eine weibliche Beteiligung erkennbar. Außerdem wird das Personal in einer weiteren Abbildung aufgeschlüsselt:

Die Abteilungen Ärzteschaft, Pfleger- und Schwesternschaft, Leichenverbrenner, Büro und Fahrkommando sowie Wirtschaftsabteilung werden jeweils die Tätigkeiten der Abteilung und die leitenden Personen namentlich genannt. Frauen werden im Bereich Pflege explizit erwähnt: »Oberpfleger: Heinrich Gley, Oberschwester Frieda Kutschke, 23 Pfleger, 10 Schwestern«. (ebd.) Daraus ergibt sich eine weibliche Beteiligung im Bereich Pflege von 30,3 Prozent. In den Abteilungen Büro und Wirtschaft wird die weibliche Beteiligung allerdings verschleiert, in dem nur von »Mitarbeitern« die Rede ist.

Weiterhin werden unter der Überschrift »Die Schreibtischtäter« sowie unter »Die Tötungsärzte« jeweils zwei Männer näher beleuchtet. Allerdings ist davon auszugehen, dass im Bereich der Organisation der Morde sowie unter den Ärzten tatsächlich auch keine Frauen beteiligt waren. Im Bereich »Das nichtärztliche Personal« werden die Oberpflegerin Frieda Kutschke und der Oberpfleger Paul Rost vorgestellt. Aber auch hier wird nicht gegendert, so beginnt der Absatz mit folgender Feststellung: »Waren die Tötungsärzte und Schreibtischtäter auch die Hauptverantwortlichen des Massenmordes, so konnte die Tötungsanstalt Sonnenstein doch nicht ohne eine große Zahl bereitwilliger Gehilfen funktionieren. Bekannt sind die Namen von 98 nichtärztlichen Mitarbeitern.« (ebd.) Kutschkes Biografie, ebenso wie die Rosts, wird in Stichpunkten vorgestellt, sowie ihre Beteiligung am Mord in folgendem Absatz hervorgehoben: »In ihrer Funktion als Oberschwester hatte Kutschke die Schwestern für die Begleitung der Krankentransporte einzuteilen. Sie gehörte auch der Kommission an, der die Opfer vor der Vergasung vorgeführt wurden. Nach der Rückkehr nach Arnsdorf wurde Kutschke unter ausdrücklichem Hinweis, dass sie während der Abkommandierung ihren Dienst in vorbildlichster Weise erledig habe, befördert. (…)« (ebd.) Aus diesem Text wird deutlich, dass sie mitentschied, wer zu töten sei, sodass weibliche Beteiligung hier sichtbar wird. Zusammenfassen lässt sich so für Pirna sagen, dass Frauen nur durch Frieda Kutschke und an einigen Stellen durch die Verwendung des Begriffs »Schwester« sichtbar werden. Obwohl das Personal explizit thematisiert wird und durch Abbildungen und Biografien illustriert wird, ist so die Beteiligung von Frauen nur implizit erkennbar. Vor allem sprachliche Ungenauigkeiten und das Nicht-Gendern verschleiern hier weibliche Täterinnenschaft in der Dauerausstellung.

 

Bernburg

Die folgenden Ausführungen beschreiben die alte Ausstellung, die im Mai 2006 eröffnet, aber im Sommer 2018 überarbeitet wurde. Die überarbeitete Ausstellung konnte im Rahmen der zu Grunde liegenden Masterarbeit nicht mehr in die Analyse einfließen. Die alte Ausstellung folgt der Geschichte der Anstalt chronologisch und gliedert sich kleinschrittig in folgende Themen:

Das Krankenhaus bis 1933

Die Entstehung der Rassenhygiene

Die Diskussion über Zwangssterilisation


Die Debatte über ›Euthanasie‹, Nationalsozialistische Rassenkunde, Nationalsozialistische Gesundheitspolitik, Propaganda gegen Behinderte und sozial Auffällige, das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«, Zwangssterilisationen in Bernburg, ›Aktion T4‹

Die Organisation der ›Euthanasie‹

Die Einrichtung der ›Euthanasie‹-Anstalt, Zwischenanstalten, Ankunft und Tod,

Die Verwaltung des Todes

Das Einzugsgebiet, ›Sonderbehandlung 14 f 13‹

Die Ermordung von KZ-Häftlingen in Bernburg

Die Schließung der Tötungsanstalt


Die Anhaltische Nervenklinik, Nachkriegszeit, Strafverfolgung, NS-›Euthanasie‹ und das MfS


Die Gedenkstätte. (vgl. Hoffmann 2006)

Tätern und Täterinnen ist kein eigener Bereich gewidmet, aber sie tauchen in den unterschiedlichen Bereichen auf. Im Bereich »Aktion T4« wird zum Beispiel die Schreibkraft Judith Siebert zitiert, die bei dem Gespräch mit der T4 in Berlin über die Tötungen informiert wurde: »Ich wurde über den Sinn und Zweck dieser Stiftung (…) aufgeklärt und erfuhr bei dieser Gelegenheit, dass ihr die Heil- und Pflegeanstalten in Deutschland unterstanden, dass bestimmte Anstalten – nämlich Hadamar, Bernburg, Sonnenstein, Linz und Grafeneck – dazu bestimmt waren, dort auf Befehl des Führer Geisteskranke zum Wohle der Menschheit zu töten.« (ebd.: 12) Durch die Auswahl einer weiblichen Schreibkraft wird an dieser Stelle schon deutlich, dass Frauen in der Anstalt arbeiteten und zum anderen auch, dass Schreibkräfte durchaus von den Ermordungen wussten.

Im Bereich Zwischenanstalten ist ein Foto abgebildet, dass die Kinderabteilung der Landes-Heil- und Pflegeanstalt Uchtspringe, Zwischenanstalt für Bernburg, zeigt. Hier sind neben Kinderbetten auch eine Krankenschwester sowie ein Pfleger abgebildet.

Im Bereich Ankunft und Tod wird der Ablauf wie folgt beschrieben: »Krankenpfleger und -schwestern führten die Gruppe, die aus 60 bis 75 Personen bestand, in die Gaskammer im Keller. In den kleinen Raum strömte drei bis fünf Minuten lang Kohlen-­Monoxidgas ein, bis eine tödliche Konzentration erreicht war. Hör- und Sehstörungen setzten ein, Herzrasen und Schwindel folgten. Manche der Eingeschlossenen standen unter dem Einfluss von Medikamenten, andere schrien und schlugen in Todesangst gegen die Türen. Erst nach ungefähr 20 Minuten trat der Tod ein. Die Gaskammer blieb etwa eine Stunde lang verschlossen, bevor eine Entlüftungsanlage das tödliche Gemisch absaugte. Dann begannen die Leichenbrenner mit dem Trennen der verkrampften Körper. Die Verbrennung erfolgte im nur wenige Meter entfernten Krematorium.« (ebd.: 17) Hier wird das Personal zwar nicht aufgeschlüsselt, die Beteiligung von Frauen wird aber durch die Benennung von »Krankenpfleger und -schwestern« deutlich.

Im Bereich »Das Einzugsgebiet« wird wieder eine Schreibkraft, Charlotte Rothmann, zitiert: »Soweit ich mich erinnere, ging es bei der Vernichtung um die Vernichtung asozialer Elemente. Vielleicht war es auch ein Sammelsurium verschiedener Menschengruppen mit Delikten. Keinesfalls handelte es sich nur um Juden. Wenn ich danach gefragt werde, ob es sich auch um Geisteskranke gehandelt haben könnte, so möchte ich sagen, dass es sicher auch Geisteskranke dabei gegeben hat, aber nicht nur um solche allein.« (ebd.: 19) Wie bei Siegert macht dieses Zitat ebenfalls zum einen die Beteiligung von Frauen deutlich, zum anderen aber auch das Wissen, dass das Verwaltungspersonal über die Morde hatte.

Im Bereich »Die Schließung der Tötungsanstalt« werden Frauen explizit erwähnt: »Bis zum Juni des Jahres verließ das letzte Personal die Einrichtung unter Mitnahme aller schriftlichen Unterlagen. Etliche Frauen hatten ihre Versetzung in andere »Euthanasie«-Anstalten erhalten. Kraftfahrer, Handwerker und Leichenbrenner setzten ihre Tätigkeit im damaligen Generalgouvernement auf polnischem Gebiet fort. Dort beteiligten sie sich maßgeblich an Aufbau und Betrieb der Vernichtungslager Treblinka, Sobibor und Belzec.« (ebd.: 22)

Auch im Bereich »Strafverfolgung« werden Frauen erwähnt: »Die wenigen Urteile im Zusammenhang mit dem Personal der ›Euthanasie‹-Anstalt Bernburg ergingen vor allem in den Jahren 1948 sowie 1952 vom Landgericht Magdeburg. Zwei Krankenschwestern und ein Leichenbrenner erhielten Zuchthausstrafen zwischen drei und fünf Jahren.« (ebd.: 25) Durch das dort untergebrachte Zitat Ernst Klees werden zumindest die Krankenschwestern auch selbstverständlich unter die Täterschaft subsumiert: »Unter anderen Umständen wären es ehrbare Leute mit ehrbaren Berufen: Ärzte, Krankenschwestern, Handwerker, Angestellte, von denen … in einer unter rechtsstaatlichen Verhältnissen lebenden Gesellschaft kaum einer kriminell geworden wäre. Eine nicht gerade ermutigende Erkenntnis, wenn wir an die Perspektive denken: Unter bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen kann sich alles wiederholen, werden Menschen ihren Fremden-Hass in die Tat umsetzen, die »Penner« ins KZ stecken (das ja immer Arbeits- oder Erziehungslager heißt) und zur Beseitigung der Minderwertigen, der Ballastexistenzen, gehorsam ihren Verwaltungsbeitrag leisten.« (ebd.)

Abschließend lässt sich konzedieren, dass die Gedenkstätte Bernburg keinen expliziten Fokus auf Täter und Täterinnen setzt. Zudem sind die Ausstellungstexte nicht gegendert, sodass weibliche Beteiligung tendenziell verschleiert wird. Aber durch die Zitate, die jeden inhaltlichen Bereich komplettieren, wird die weibliche Beteiligung zumindest implizit deutlich. In den Ausstellungstexten werden zudem Krankenschwestern selbstverständlich erwähnt und unter das Personal subsumiert. So lässt sich sagen, dass aus der Ausstellung trotzdem die weibliche Beteiligung im Bereich Verwaltung und Pflege hervorgeht, wenn auch eher beiläufig.

 

Zwischenfazit

Aus den Analysen der Ausstellungen in Pirna und Bernburg ergibt sich, dass Frauen als Täterinnen nicht den Tatsachen ihrer Beteiligung am Massenmord entsprechend, abgebildet werden. Auch wenn sie in den Ausstellungen durchaus vorkommen, werden sie meist sprachlich nicht explizit benannt. Gedenkstätten führen so die Tabuisierung und Verschleierung weiblicher Täterinnenschaft fort. Dies geschieht, so kann man wohlwollend unterstellen, nicht intendiert, und ist mehr der generell geringen Aufmerksamkeit geschuldet, die in der Wissenschaft Frauen als Täterinnen zu kommt.

Geschlechtersensible Perspektiven auf Geschichte spielen leider nach wie vor in der Geschichtswissenschaft und Gedenkstättenlandschaft eine untergeordnete Rolle. Auch Debatten um gendergerechte Sprache kommen in der Gedenkstättenpädagogik nur langsam an. Anregungen zur besseren Gestaltung folgen in der nächsten Ausgabe.

 

Randi Becker, M.A. (Sozialwissenschaft, Soziologie, Politische Theorie) ist freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar. Sie arbeitet zudem als Lehrbeauftragte an der JLU Gießen, Dozentin im Bildungszentrum Wetzlar und freiberufliche Referentin für Politische Bildung.

 

Literatur:

Domarus, Max (1998): Hitler. Reden und Proklamationen 1932–1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen., Band 1: Triumph, Halbband 1932–1934, Wiesbaden.

Dördelmann, Katrin (1997): »Aus einer gewissen Empörung hierüber habe ich nun Anzeige erstattet« ­Verhalten und Motive von Denunziantinnen, in: Heinsohn, Kirsten; Vogel, Barbara; Weckel, Ulrike (1997): Zwischen Karriere und Verfolgung, Handlungsspielräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland, Campus Verlag, Frankfurt am Main, New York, S. 189–205.

Gedenkstätte Brandenburg/Havel (2012): Dauerausstellung, Stand August 2018.

Gedenkstätten für die Opfer der NS-Euthanasie (2016): Gedenkstätten an den Orten der NS-Euthanasie – »Aktion T4«, Broschüre, 2016.

Heyne, Claudia (1993): Täterinnen. Offene und versteckte Aggressionen von Frauen, Kreuz Verlag, Zürich.

Hoffmann, Ute (2006): »… dass das Unkraut vernichtet werden müsse«, NS-Zwangssterilisation, »Euthanasie« und Ermordung von KZ-Häftlingen in Bernburg, Texte und Bilder der Ausstellung, Broschüre der Gedenkstätte Bernburg, Calbe.

Radonić, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnisse und Antisemitismus, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main.

Wagner, Leonie (1996): Nationalsozialistische Frauenansichten, Vorstellungen von Weiblichkeit und Politik führender Frauen im Nationalsozialismus, dipa-Verlag, Frankfurt am Main.



[1]    Eine herausragende Arbeit zu dem Thema stellt folgendes Werk dar: Radonić, Ljiljana (2004): Die friedfertige Antisemitin? Kritische Theorie über Geschlechterverhältnisse und Antisemitismus, Frankfurt am Main 2004.

 

[2]    Vgl. dazu Weckel, Ulrike und Edgar Wolfrum (Hg.): »Bestien« und »Befehlsempfänger«: Frauen und Männer in NS-Prozessen nach 1945, Göttingen 2003.

 

[3]    Unter Gendern wird hier die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen und anderen Geschlechtern verstanden, die in der deutschen Sprache durch verbreitete Verwendung des maskulinem Plurals untergeht.