Aya Zarfati

Die Wannsee-Konferenz und ihre Stellung in der israelischen Erinnerung an die Shoah

Gedenkstättenrundbrief 193 S. 26-44

Erfahrungen israelischer jüdischer Besucherinnen und Besucher in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

 

 

Einleitung

Am 21. Januar 2018, dem 76. Jahrestag der Wannsee-Konferenz, veranstaltete die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHWK) in Berlin eine Diskussion mit der Holocaust-Überlebenden Batsheva Dagan, die hierzu eigens aus Israel anreiste.[1]

Die erste Frage, die ihr in Raum 9 der Ausstellung gestellt wurde, den die Gedenkstätte als den Raum ausweist, in dem die Wannsee-Konferenz stattfand,[2] lautete: »Was ist das für ein Gefühl, hier und heute, in diesem Raum zu sitzen und zu uns zu ­sprechen?«

Dagan antwortete: »Es ist wie ein surrealistischer Traum von damals. Damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, dass ich in meinem Leben jemals in diesem Haus sein werde.[3] Dies ist der Ort, an dem die Ermordung der europäischen Juden geplant wurde, die sogenannte Endlösung. Durch diesen Ort habe ich meine Familie verloren. Meine Eltern, drei Schwestern und zwei Brüder und alle Verwandten mütterlicherseits, die fromm waren, wurden ermordet. Dies ist der Ort, der wie kaum ein anderer Ort Auswirkungen auf mein Leben hat. Ich habe überlebt. Und nun bin ich hier, sehr gerührt, mit Ihnen hier an diesem Ort zu sein, mit so vielen Interessierten, die heute hier sind. Das ist alles, was ich sagen kann.«[4]

Dagans Antwort belegt sehr gut, welche Bedeutung die Wannsee-Konferenz für Jüdinnen und Juden (Israelis und Angehörige anderer Staaten) bei ihrem Erinnern an die Shoah besitzt: Es handelt sich um einen Ort, der unmittelbar mit dem eigenen tatsächlichen oder möglichen Schicksal verknüpft ist.

Betrachtet man die Stellung der Wannsee-Konferenz im deutschen Diskurs, so findet man sie vor allem im akademischen Kontext. Man begegnet ihr im Umfeld der Historiker, die zu ergründen versuchen, warum das Treffen vom 20. Januar 1942 stattfand.[5] Die Suche nach dem Begriff »Wannsee-Konferenz« im Online-Katalog der Joseph Wulff Bibliothek der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ergibt nicht weniger als 280 Treffer an Büchern und Zeitschriften, die entweder auf Deutsch verfasst wurden oder wichtig genug erschienen, um ins Deutsche übersetzt zu werden.[6] Dieselbe Suche in der Online-Bibliothek der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, und zwar mit dem hebräischen Ausdruck »ועידת ואנזה«, lieferte nur fünf Ergebnisse. Nur zwei der Werke haben Israelis verfasst, nur eines ein Historiker.[7] Bei einem der fünf Treffer handelt es sich um das erste und einzige Buch über die Wannsee-Konferenz, das auf Hebräisch verfasst wurde. Die beiden Journalisten Itamar Levin und Shlomit Lan veröffentlichten es 2012 unter dem Titel »Issue: Extermination. The Wannsee-Konferenz and the final solution«.[8] Der Band erschien am 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz. Er führt keine neuen Erkenntnisse oder Materialien zu den historischen Ereignissen im Vorfeld oder Nachgang zur Wannsee-Konferenz ein, sondern fasst den Forschungsstand zu jener Zeit zusammen.

Eine des Hebräischen unkundige Person, die nach Informationen über die Wannsee-Konferenz sucht, würde sicherlich auf den britischen Historiker Mark Roseman und seine 2002 veröffentlichte Publikation »The Villa, The Lake, The Meeting« stoßen.[9] Diese wurde direkt nach ihrem Erscheinen ins Deutsche übersetzt und trägt dort den Titel »Die Wannsee-Konferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte«.[10] Ins Hebräische wurde das Buch nie übersetzt, und die Suche nach ihm oder seinem Autor in hebräischen Suchmaschinen erbrachte keine Ergebnisse. Doch das bedeutet keineswegs, dass die Wannsee-Konferenz für die israelische Erinnerung an die Shoah weniger wichtig ist. Tatsächlich soll dieser Aufsatz das genaue Gegenteil belegen: Die israelische Auseinandersetzung mit der Wannsee-Konferenz ist jedoch nicht wissenschaftlicher oder akademischer Natur sie ist emotional und identitätsstiftend.

Das Ziel dieses Beitrags besteht darin, die Bedeutung der Wannsee-Konferenz und der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz im Rahmen des israelischen Erinnerungsdiskurses zu untersuchen. In den Blick genommen wird dabei nicht nur die Bedeutung für die erste Generation der Holocaust-Überlebenden wie Batsheva Dagan, sondern auch für die zweite, dritte und vierte Generation. Diese Arbeit soll auch die Erfahrungen israelischer Jüdinnen und Juden bei ihrem Besuch der Gedenkstätte beschreiben: ihre Reaktionen darauf, ihr Umgang mit dem Ort, mit der Ausstellung und insbesondere mit ihrer eigenen Identität während eines solchen Besuchs. Hierfür werden verschiedene Quellen genutzt. Bei einer von ihnen handelt es sich um die Auswertung einer Forschungsarbeit zu den Besucherinnen und Besuchern, die 2017 in der Gedenkstätte durchgeführt wurde. Um deren Ergebnisse besser zu erläutern, werden Hilfsquellen herangezogen. Zu nennen sind die Berichterstattung in den Medien, der israelische Lehrplan mit den Abschlussprüfungen im Fach Geschichte sowie ein offizieller Besuch der Gedenkstätte durch alle Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Berlin im April 2017.

 

Die Wannsee-Konferenz und die Einrichtung der Gedenk- und Bildungsstätte

Bei dem Haus der Wannsee-Konferenz, oder für viele Israelis schlicht der »Villa Wannsee«, handelt es sich um eine im süd-westlichen Berliner Vorort Wannsee gelegene Villa. Das Wohnhaus wurde 1914/1915 im Auftrag einer nicht-jüdischen deutschen Familie errichtet und 1940 von einer Geheimorganisation der SS (»Stiftung Nordhav«) gekauft. Zwischen 1941 und 1945 diente es der SS als Gästehaus für Offiziere des Geheimdienstes und der Geheimpolizei. Am 20. Januar 1942 versammelten sich dort auf Einladung von Reinhard Heydrich, Leiter des Reichssicherheitshauptamts (RSHA), fünfzehn SS-Mitglieder und Ministerialbeamte, um »die Endlösung der Judenfrage« zu erörtern, woran sich ein Frühstück anschloss. Der Ausdruck, den Reinhard Heydrich für diese Zusammenkunft ursprünglich verwendete, lautete »Besprechung«, ein gewöhnliches Arbeitstreffen. Die Bezeichnung »Wannsee-Konferenz« wurde erstmalig nach 1945 verwendet.[11] Entgegen landläufiger Ansicht war sie nicht der Ort, an dem die Entscheidung zur Ermordung sämtlicher europäischer Juden getroffen wurde. Stattdessen wurde dort die Umsetzung eines zuvor auf höherer Ebene (Hitler und seine Minister) getroffenen Beschlusses erörtert. Die fünfzehn Teilnehmer waren dabei nicht aufgefordert, ihre Ansichten zu der Frage als solcher vorzutragen. Vielmehr sollten sie die Interessen ihrer jeweiligen Behörden bei der Umsetzung dieser Entscheidung abstimmen und wahren. Für viele Jahre hielt man die Wannsee-Konferenz tatsächlich für den Ort, an dem die Entscheidung für die Auslöschung der europäischen Juden fiel. Es scheint allerdings, als habe der Wandel des historischen Wissens keinen Einfluss auf die Wahrnehmung der Konferenz als Ort der Entscheidung. Selbst wenn Besuchende mit dem Ende des Mythos über die Konferenz konfrontiert werden, tragen sie oft unmittelbar danach in das Gästebuch ein, dass sie »an jenem Ort stehen, an dem die Entscheidung zur Vernichtung aller Juden fiel«.[12] Der Historiker Peter Klein schrieb von einem »verbreiteten Bedürfnis [], außergewöhnliche geschichtliche Ereignisse mit konkreten Entscheidungssituationen zu belegen« wobei die systematische Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Juden ein solches Ereignis darstellt.[13]

Das Protokoll der Wannsee-Konferenz wurde Anfang März 1947 in den Akten des Auswärtigen Amts entdeckt, als Mitarbeiter des stellvertretenden Hauptanklägers der Vereinigten Staaten Robert Kempner gegen führende Nazi-Ministerialbeamte ermittelten. Laut diesem Dokument, das Reinhard Heydrich dem Unterstaatssekretär Martin Luther am 26. Februar 1942 übermittelte, gab es 30 Abschriften des Protokolls. Die aufgefundene Abschrift (als Nummer 16 gekennzeichnet) ist bis heute das einzige erhaltene Exemplar. Das Protokoll der Wannsee-Konferenz ist eine einzigartige Quelle, denn es handelt sich um das einzige erhaltene Dokument, in welchem das Ziel des staatlich geförderten Massenmords so eindeutig formuliert ist. Die Seite sechs des fünfzehn Seiten umfassenden Dokuments ist eine von Adolf Eichmann erstellte Statistik. Sie beschreibt den quantitativen und geografischen Umfang der »Endlösung«: über 11 Millionen Juden in mehr als 30 europäischen Ländern.

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz wurde 50 Jahre nach dem Ereignis eröffnet, an dessen Folgen sie erinnert: am 20. Januar 1992. In der Zeit zwischen der Befreiung Berlins durch sowjetische Truppen und der Einweihung der Gedenkstätte beherbergte das Gebäude das August Bebel Institut der Sozialdemokratischen Partei (von Februar 1947 bis Januar 1952) und diente Klassen aus dem Berliner Bezirk Neukölln als »Schullandheim« (19521988).

Das Haus der Wannsee-Konferenz wird als ein authentischer Ort wahrgenommen. Da jedoch erst 1992 eine Gedenkstätte auf dem Gelände eröffnet wurde, bestand kein Bewusstsein für die Notwendigkeit, den Ort in genau demselben Zustand zu erhalten wie zur Zeit seiner Nutzung durch die SS (19411945). Im Lauf der Jahre wurde die Villa mehrmals umgebaut. Es sind daher nur noch wenige Teile der ursprünglichen Innenraumgestaltung sichtbar.[14] Das einzige originale Artefakt der Gedenkstätte ist genau genommen die Villa selbst. Eine für die Gedenkstätte interessante Frage, wie etwa in welchem Raum das Treffen tatsächlich stattfand, war während der Ermittlungen und des Prozesses gegen Adolf Eichmann verständlicherweise nicht von Belang. Es gab auch keinen Versuch, die von ihm im Verlauf des Prozesses erwähnte Stenografin zu finden.

In seinem einflussreichen Werk über Geschichte und Gedächtnis erläuterte Pierre Nora, dass das Gedächtnis externe Unterstützung und konkrete Bezugspunkte benötigt, durch welche es dann existiert, wenn die persönliche innere Erlebensweise der Erinnerung abnimmt und schwindet.[15] Das Haus der Wannsee-Konferenz bietet eine solche externe Unterstützung und gehört daher zu den Erinnerungsorten (lieux de mémoire) – jenen gewissen Orten, in denen sich aufgrund einer als fortbestehend empfundenen historischen Kontinuität das Gedächtnis verkörpert.[16] Nora betrachtete Gedächtnis und Geschichte als Gegensätze und schrieb: »Das Gedächtnis ist ein stets aktuelles Phänomen, eine in ewiger Gegenwart erlebte Bindung, die Geschichte hingegen eine Repräsentation der Vergangenheit [] Weil das Gedächtnis affektiv und magisch ist, behält es nur die Einzelheiten, welche es bestärken.«[17] Die Reaktionen und Kommentare israelischer Besucherinnen und Besucher auf einen solchen »Erinnerungsort« verraten uns somit mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit. In Anlehnung an Nora lässt sich sagen, dass der Standort einer Gedenkstätte ein Eigenleben hat, und dass seine Bedeutung von den Menschen abhängt, die ihn besuchen. Die Bedeutung für eine nationale Gruppe könnte sich daher erheblich von derjenigen unterscheiden, die ihr von einer anderen zugeschrieben wird.

Für die Gedenkstättenpädagogik in Deutschland ist die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ein Täterort ein Ort, der vor allem die Täter in den Blick nimmt. Obwohl an diesen Orten weitreichende und oft unheilvolle Entscheidungen des Nazi-Regimes erfolgten, wurde dort niemand ermordet. Sie unterscheiden sich deutlich von den Opferorten, bei denen die Täter im Hintergrund stehen, und der Schwerpunkt auf der Würdigung der Opfer liegt (wie etwa ehemalige Konzentrationslager).[18] Wie dieser Aufsatz zeigen wird, nehmen Israelis die Gedenkstätte anders wahr und verwischen, ignorieren oder negieren jene Unterteilung in Täter- und Opferorte bewusst oder unbewusst.

 

Die Bedeutung der Wannsee-Konferenz im israelischen Erinnerungsdiskurs

Welche Wichtigkeit der Ort der Wannsee-Konferenz im Rahmen der israelischen Erinnerung an die Shoah hat, lässt sich nur begreifen, wenn man die Bedeutung Adolf Eichmanns in der israelischen Erinnerungskultur versteht. Zu betrachten ist zudem der Stellenwert der Konferenz in den israelischen Schulabschlussprüfungen im Fach Geschichte.

In Israel ist Adolf Eichmann vermutlich der nach Adolf Hitler bekannteste Nazi-Verbrecher. Ich kann mich nicht erinnern, wann oder in welchem Kontext ich seinen Namen zum ersten Mal hörte. Als Gymnasiastin im israelischen Bildungssystem war ich jedoch überzeugt davon, dass er einer der wichtigen Nazi-Generäle war, der vermutlich in direktem Kontakt zu Hitler stand, den er wahrscheinlich gelegentlich zum Mittag- oder Abendessen traf. In der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz arbeite ich seit acht Jahren mit israelischen Erwachsenen und Schülerinnen und ­Schüler, die dort weiterführende Schulen besuchen. Mir ist nie ein Israeli begegnet, der den Namen Adolf Eichmann vor dem Besuch der Gedenkstätte noch nie gehört hatte.

Als Organisator der Deportationen zwischen Oktober 1941 und 1945 spielte der SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann eine führende Rolle im Holocaust. Für Israelis ist seine Wichtigkeit innerhalb des nationalsozialistischen Systems unzweifelhaft: Er war einer der wichtigsten und bösartigsten Nazis (auf Hebräisch bezeichnet als

גדול המרצחים, הצורר הנאצי der große Mörder, der Nazi-Tyrann)[19] und wurde daher gesucht, gefangen genommen und in Israel vor Gericht gestellt. Eichmann aufzuspüren und ihn durch eine Geheimoperation des Mossad in Argentinien gefangen zu nehmen, gilt als einer von Israels größten Erfolgen aller Zeiten obwohl Israel erst 2011 die Verantwortung für die Durchführung der Gefangennahme übernahm.[20]

Am 23. Mai 1960 gab Israels Premierminister David Ben-Gurion bekannt, dass Eichmann »einer der wichtigsten nationalsozialistischen Kriegsverbrecher« gefasst war.[21] Die historische, politische und gesellschaftliche Bedeutung für den jungen jüdischen Staat lag auf der Hand: Das Land der Opfer hatte nun eine Machtposition inne. Die früheren Opfer waren jetzt diejenigen, die Gerechtigkeit für die an ihnen begangenen Verbrechen übten. Der Prozess selbst sollte das zionistische Narrativ von der Negation der Diaspora und der Auferstehung des jüdischen Volkes im Land Israel formen. Er hatte immense Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Überlebenden in der israelischen Gesellschaft und veränderte die israelische Erinnerung an die Shoah von Grund auf. Man spricht daher oft über den Erinnerungsdiskurs in Israel vor und nach dem Eichmann-Prozess.[22]

Die zentrale Rolle, die der Eichmann-Prozess und Eichmann als Person in Israel haben, beeinflusst natürlich die Bedeutung der Wannsee-Konferenz. Die Verbindung zwischen beiden könnte tatsächlich ein Problem für die Vermittlung historischer Fakten darstellen: Falls der Eichmann-Prozess zu Israels größten Erfolgen zählt, muss die Bedeutung von Eichmann innerhalb des Nazi-Systems gewahrt bleiben. Die Bedeutung der Konferenz zu schmälern, heißt die Bedeutung Eichmanns zu schmälern den Eichmann-Prozess herabzusetzen und dadurch den Erfolg Israels herabzusetzen. In anderen Worten: Adolf Eichmann muss wichtig bleiben, und deshalb muss auch die Wannsee-Konferenz bedeutsam bleiben. Zwischen beiden besteht eine symbiotische Beziehung: Sie sind voneinander abhängig.

Auf das hierarchisch angeordnete Organigramm in Raum 9 der Dauerausstellung der Gedenkstätte reagieren israelische Bürgerinnen und Bürger üblicherweise mit Verwirrung oder Verblüffung darüber, dass Eichmann den niedrigsten Rang unter den fünfzehn Teilnehmern bekleidete. Dies passt nicht zu dem Narrativ, mit dem die Besuchenden aufwuchsen.

Am 12. Oktober 2015 führte Michael Goldmann-Gilead (ehemaliger Ermittler der israelischen Polizeispezialeinheit »Bureau 06«, die für die Ermittlungen im Fall Adolf Eichmanns und seine Befragung zuständig war) ein Gespräch mit Schülerinnen und Schüler des Schiller-Gymnasiums in Berlin Charlottenburg und ging dabei auf diese Diskrepanz ein. Goldmann-Gilead verfocht den Standpunkt, Eichmann sei in der Hierarchie der Judenvernichtung nur fünf Stufen von Hitler entfernt gewesen.[23] Der israelische Historiker Tom Segev beschrieb die Bedeutung Eichmanns aus der Perspektive der Verfolgten sehr treffend: »Eichmann war der ranghöchste Nazi-Beamte, der Kontakte zu Vertretern jüdischer Gemeinden hatte und wurde stärker mit dem Holocaust identifiziert als jeder andere außer Hitler selbst , obwohl er nicht der ranghöchste Beamte in der Vernichtungsmaschinerie war.«[24]

Bezeichnend ist auch, wie die nationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in ihrer Dauerausstellung aus dem Jahr 2005 mit der Diskrepanz zwischen Eichmanns Rang und dem israelischen Narrativ umging. Die Geschichte der Wannsee-Konferenz wird in Galerie Nummer 5 des Museums erzählt. Sie trägt den Titel »Massenmord Die Endlösung beginnt«. Anstelle eines Organigramms sieht man die Teilnehmer der Wannsee-Konferenz rings um einen Tisch versammelt. Als Initiator der Wannsee-Konferenz steht Reinhard Heydrich alleine am Kopf der Tafel. Bei den übrigen Teilnehmern lassen sich keine Unterschiede bezüglich der Dienstränge erkennen.

 

Die Wannsee-Konferenz als Teil des Lehrplans für Geschichte

In einer weiterführenden Schule ist die Abschlussprüfung in Geschichte Pflicht. Ein 1980 vom israelischen Parlament verabschiedetes Gesetz verpflichtete alle Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schulen zur Beschäftigung mit den Lerninhalten »Holocaust und Heldentum«[25]. Die »Endlösung« und in ihrem Rahmen die Wannsee-Konferenz sind wesentliche Bestandteile des Curriculums. Sie tauchen daher in allen für die Abschlussprüfung zugelassenen Geschichtslehrbüchern auf.

Ich habe die Abschlussprüfungen von 2005 bis 2018 untersucht. Mit Ausnahme der in den Jahren 2006 und 2008 abgehaltenen Prüfungen wurde bei jedem Examen eine Frage zur Wannsee-Konferenz gestellt. Diese Fragen tauchen in Teil II der Prüfungen auf, in dem eine von drei Fragen zu beantworten ist. Die Geschichtsprüfung findet dreimal im Jahr statt.

Im Jahr 2011 gab es bei allen drei Terminen eine Frage zur Wannsee-Konferenz. Neben Fragen dazu, warum die Wannsee-Konferenz einberufen wurde, und welche Angelegenheiten bei ihr erörtert wurden, wiederholt sich ein Aspekt jedes Jahr in unterschiedlichen Formulierungen jener der »Totalität der Endlösung‹«. Hier ein Beispiel aus dem Winterexamen 2012:

»Historische Quelle: Protokoll der Wannsee-Konferenz (20. Januar1942) und die Vernichtung der ungarischen Juden.

A. Betrachten Sie die Tabelle, die ein Bestandteil des Protokolls der Wannsee-Konferenz ist, und erläutern Sie die Totalität der Endlösung, wie sie sich aus der Tabelle ergibt.«[26]

Oder aus dem Winterexamen 2015:

»Bitte erläutern Sie, inwiefern sich die Totalität der Endlösung in dem Protokoll der Wannsee-Konferenz widerspiegelt.«[27]

Im Sommerexamen 2015 taucht zum ersten und einzigen Mal eine Frage zu dem Moment der Entscheidung auf:

»5. Die Wannsee-Konferenz.

A) Historiker behaupten, dass die Entscheidung bezüglich der Endlösung vor der Wannsee-Konferenz erfolgte. Bitte liefern Sie ein Argument, um diese Behauptung zu untermauern, und bitte erläutern sie, warum die Wannsee-Konferenz einberufen wurde. (13 Punkte).

B) Bitte erläutern Sie, inwiefern sich die Totalität der Endlösung in dem Protokoll der Wannsee-Konferenz widerspiegelt. (12 Punkte)«[28]

Die Konfrontation mit der Totalität der »Endlösung«, also mit der Auslöschung jeder einzelnen Jüdin, jedes einzelnen Juden, bedeutet eine Auseinandersetzung mit der denkbaren oder potenziellen »eigenen« Vernichtung. Wie in den nächsten Abschnitten erläutert, führt dies dazu, dass sich israelische Besucherinnen und Besucher auf spezielle Art mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz auseinandersetzen und beschäftigen.

 

Besucherforschung in der Gedenkstätte

Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz liegt in Berlin einer Stadt, die sich in den letzten fünfzehn Jahren eines wachsenden Zuspruchs bei Touristen erfreut. Diesem Trend folgen auch die israelischen Touristen, die Berlin zu einem ihrer beliebtesten Reiseziele machten.[29] Der Grund für diese Beliebtheit bei Israelis ist schon für sich genommen ein faszinierendes Thema, das hier aber zu weit führt. Die Tatsache, dass sich die Gedenkstätte in Berlin befindet, trägt zweifellos zu ihrer Popularität bei denjenigen Besuchern bei, die sie vielleicht nicht aufgesucht hätten, wenn sie andernorts gelegen wäre. Demgemäß sollte man Folgendes im Blick behalten: Berlin bietet Menschen, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah beschäftigen wollen, viele Gelegenheiten, ohne die lange Fahrt in den Vorort Wannsee antreten zu müssen.

Für den internen Gebrauch erstellt die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz Besucherstatistiken. Hierbei werden keine Individualbesucher erfasst, sondern nur Gruppen, die sich für einen Besuch angemeldet haben (mit oder ohne Führung). In der Statistik der internationalen Gruppen in den Jahren 2000 bis 2016 bilden israelische Besucherinnen und Besucher (mehrheitlich Erwachsene) eindeutig den größten Besucheranteil der Gedenkstätte. Sie stellen bis zu 30% aller internationalen Gruppen. An zweiter Stelle folgen britische Schülergruppen, die bis zu 25% aller internationalen Gruppen ausmachten. In einem zweiten Diagramm sind die israelischen Besucherinnen und Besucher nach Jahren aufgeschlüsselt. Es belegt eine enorme Zunahme der Zahl israelischer Touristen: von weniger als 2000 Personen pro Jahr zu Beginn des Jahrtausends, auf annähernd 6000 im Jahr 2005 und mehr als 13000 im Jahr 2010.

Organisierte Ausflüge in die Stadt veranstalten sowohl in Berlin tätige israelische Touristikunternehmen als auch die großen Reiseagenturen in Israel. Viele von ihnen bieten »Potsdam und die Villa Wannsee« als Tagestour an. Üblicherweise beginnt diese Tour mit Gleis 17 des Bahnhofs Berlin-Grunewald und setzt sich mit einem Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz fort. Dann lässt sie den Holocaust hinter sich und führt weiter zu den Gärten von Sanssouci und den Geschichten vom Königshaus der Hohenzollern in Potsdam.

Welche Bedeutung der Besuch der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz für die Anmeldung zu einer solchen Tour hat, lässt sich nur schwer einschätzen. Es wurde daher versucht, möglichst viele unabhängig bei der Gedenkstätte Eintreffende anzusprechen, da ihre Motivation für den Besuch unzweifelhaft vorhanden ist. Die Autorin hat umfangreiche Beobachtungen israelischer Gruppen in der Gedenkstätte durchgeführt. Hierbei zeigte sich: Die Mitglieder aus solchen organisierten Gruppen haben nur sehr wenig Zeit für den eigentlichen Besuch und beschäftigen sich kaum mit der Ausstellung. Es lässt sich auch sagen, dass sie die Beschäftigung damit zumindest an einem bestimmten Punkt abbrechen müssen, für den weniger persönliches Interesse als zeitliche Beschränkung ausschlaggebend ist. Von den befragten Personen kamen 26% mit einer organisierten Gruppe zu der Gedenkstätte und 74% in eigener Regie.

Ein Fragebogen lässt sich nicht isoliert betrachten, und er stellt nicht notwendigerweise eine verlässliche Quelle dar. Manche Menschen geben nicht ihre wirklichen Ansichten preis, und sie tun dies aus den unterschiedlichsten Gründen. Zunächst einmal beseitigt die Zusage der Anonymität nicht die Sorgen bezüglich der besten Art der Selbstdarstellung. Menschen haben häufig eine (zutreffende oder unzutreffende) Vorstellung davon, welche Antworten von ihnen erwartet werden. Diese Vorstellung vernebelt ihre tatsächlichen Antworten. Im Gegensatz zu einem Test, der von einzelnen Personen bearbeitet wird, wurde bei den Fragebögen hingegen anderes beobachtet: Viele Menschen füllten sie gemeinsam mit den Personen aus, mit denen sie die Gedenkstätte besuchten ihren Angehörigen und Freunden. In einigen Fällen wurde offenkundig die Sichtweise einer dominanten Person innerhalb einer solchen Gruppe ­übernommen oder kopiert. Dies geschah gelegentlich sogar mit genau denselben Worten.

Die Ergebnisse können auch direkt oder indirekt (bewusst oder unbewusst) durch die Person beeinflusst werden, welche die Fragen formuliert. Es stellt sich zudem die Frage nach der Repräsentativität: Wie viele Fragebögen sind für die Durchführung einer repräsentativen qualitativen Forschung erforderlich? Die forschungsleitende Fragestellung ist allerdings nicht statistischer Natur. Vielmehr soll die Bedeutung der Wannsee-Konferenz im Rahmen der israelischen Erinnerung an die Shoah erläutert werden. Außerdem sollen Komponenten dieses Erinnerungsdiskurses identifiziert werden, soweit sie sich in der Auseinandersetzung mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz widerspiegeln. Ich teilte 150 Fragebögen aus und erhielt 132 ausgefüllte Fragebögen zurück.

 

Der Fragebogen

Der Fragebogen umfasst elf Fragen. Vielfach werden einfache Angaben erfragt, die kein großes Nachdenken erfordern. Beispiele sind, ob dies der erste Besuch in der Gedenkstätte ist, ob die Idee des Besuchs bereits bei den Reisevorbereitungen in Israel aufkam, ob der Besuch individuell erfolgte oder mit einer organisierten Touristengruppe usw. Acht der elf Fragen sind Multiple-Choice-Fragen. Da Kommentare auf Hebräisch viel Raum in den Gästebüchern der Gedenkstätte einnehmen, wurden jene Kommentare in drei der elf Fragen thematisiert. Die letzten drei Fragen sind offene Fragen. Die erste Frage betrifft die Dauerausstellung. Die beiden letzten Fragen adressieren hingegen direkt die persönliche Verbindung zwischen den Besuchern und der Geschichte des Nationalsozialismus und der Shoah sowie deren Bedeutung in der Gegenwart.

 

Auswertung

Von den befragten 132 Besuchern hatten 87% lange vor ihrem Berlin-Besuch Informationen über die Wannsee-Konferenz, 13% erfuhren zum ersten Mal während ihrer Reise davon. Den Eichmann-Prozess in Jerusalem nannten 9% als erste ihnen bekannte Erwähnung, 19% antworteten, sie könnten sich nicht an den genauen Zeitpunkt erinnern, »hatte aber auf jeden Fall davon gehört«, und 59% gaben an, im Unterricht an ihrer weiterführenden Schule zum ersten Mal davon gehört zu haben.

Ich habe die Umfrageteilnehmer nicht nach Einzelheiten, wie ihrem Alter, gefragt, die eine Identifikation erlaubt hätten. Dennoch belegen die Antworten auf diese Frage, wie breit das Spektrum der israelischen Gedenkstättenbesucher ist. Neben der ersten und zweiten Generation Holocaust-Überlebender, die sich an den Eichmann-Prozess erinnern, sind auch die dritte und vierte Generation vertreten, die an der weiterführenden Schule von der Konferenz erfuhren.

Den Besuch der Gedenkstätte beschlossen 71% der Umfrageteilnehmer bereits, als sie in Israel ihre Reise planten. Für 90% aller Umfrageteilnehmer war dies der erste Besuch im Haus der Wannsee-Konferenz. Von den Individualbesuchern, die an der Befragung teilnahmen, verbrachten 36% zwischen 30 Minuten und einer Stunde in der Ausstellung, 37% verbrachten mehr als eine Stunde in der Ausstellung und 13% zwei Stunden oder mehr. Von den Besuchern, die mit einer Gruppe kamen, verbrachten 50% eine halbe Stunde oder weniger in der Ausstellung und 50% zwischen einer halben und einer ganzen Stunde.

Nur 20% der Befragten gaben an, dass sie einen Kommentar im Gästebuch hinterlassen hatten 93% von ihnen auf Hebräisch. Dazu erklärten jedoch 52%, dass ihr Kommentar für alle Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte bestimmt war. Das soll als Aussage nicht bestritten werden. Doch ist ein Kommentar auf Hebräisch abgefasst, können ihn nur israelische Besucherinnen und Besucher auch wirklich lesen. Dies stellt einen möglichen Widerspruch dar. Die Kommentierenden geben folgende Zielgruppen an: An Deutsche richten sich 8%, 33% an israelische Landsfrauen und -Männer, 4% an die das Personal der Gedenkstätte sowie weitere 8% an imaginäre Gruppen, teilweise Opfer, teils Täter.

Mehrfach erkundigten sich israelische Besuchende, ob ich für die Jewish Agency oder Yad Vashem tätig sei. Aus diesem Grund wurde die Frage hinzugefügt: »Wer finanziert Ihrer Meinung nach die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und ihre Bildungsaktivitäten?«. Im Mai 2014 schrieb ein israelischer Besucher in das Gästebuch »Wer hätte 1942 gedacht, dass israelisches Geld eines Tages Bildungsaktivitäten in diesem Haus finanzieren würde, das als Meilenstein im Verlauf der Vernichtung der jüdischen Menschen diente. Unfassbar! Ich habe erwartet, zusammenzubrechen, wenn ich hierher käme. Ich kam gestärkt heraus! D.Kalir«[30]

Von den Befragten dachten 7%, die Gelder stammten von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, 19% gaben an, es handele sich um eine Kombination israelischer und deutscher Gelder. Die Mehrheit der Teilnehmer 75% nannten entweder die deutsche Regierung oder die Stadt Berlin als Geldgeber. Weil manche Umfrageteilnehmer mehr als eine Antwort markierten, addieren sich die Zahlen in diesem Fall nicht zu 100%. Die Mehrheit der befragten israelischen Besucherinnen und Besucher nahm jedenfalls die Gedenkstätte als einen deutschen Ort mit einer Finanzierung durch deutsche Stellen wahr.

Eine statistische Auswertung zu den offenen Fragen (911) ist kompliziert. Weist man die gegebenen Antworten verschiedenen Kategorien zu, addierten sich diese nicht zu 100%. Zudem darf man aus einer bestimmten Antwort Teilnehmender nicht den Schluss ziehen, dass er oder sie die Antworten der anderen Umfrageteilnehmer auf dieselbe Frage unbedingt ablehnen würde.

Die Frage Nummer 9 bezog sich auf die Dauerausstellung der Gedenkstätte. Die Besucherinnen und Besucher wurden gefragt, ob sie etwas in der Ausstellung vermissten, und was das gegebenenfalls wäre. Durch diese Frage lässt sich also möglicherweise etwas über die Erwartungen israelischer Besucherinnen und Besucher erfahren, und zwar in Anbetracht des spezifischen Kontextes, aus dem sie kommen. Von den Befragten gaben 19% an, dass sie Erklärungen auf Hebräisch vermissten. Diese Beanstandung habe ich unzählige Male gehört. Das gilt nicht nur für das Haus der Wannsee-Konferenz, sondern auch für das Jüdische Museum, in dem ich von 2012 bis 2016 tätig war. Für mich zeigt sich hier eine Verbindung zu zwei repräsentativen Elementen des israelischen Diskurses. Diese sind zum einen ein Verständnis der im Haus der Wannsee-Konferenz erzählten Geschichte als eine, die in erster Linie jüdisch ist. Zum anderen ein Verständnis des Staates Israel (mit seiner Amtssprache Hebräisch) als Repräsentant des heutigen Judentums weltweit. Die Nachfrage nach Erklärungen auf Hebräisch ist jedoch weit mehr als nur die Bitte einer Gruppe, die sich als Hauptzielgruppe der Gedenkstätte versteht und daher wünscht, dass ihre Muttersprache in Erscheinung tritt. Wie ein Besucher in seiner Antwort formulierte, fehlte ihm »eine Führung auf Hebräisch, um zu beweisen, dass wir hier sind und für alle Ewigkeit hier sein werden, trotz allem«.

Von den 80 Personen, die diese Frage beantworteten, gaben 31% an, dass nichts fehlt, die Ausstellung wird gut bewertet. Demgegenüber äußerten 17,5% (in verschiedenen Formulierungen), die Ausstellung sei zu textlastig oder nutze Multimedia nicht ausreichend. Manche BesucherInnen nannten die Ausstellung »nicht attraktiv genug für die Generation Y«.[31]

Weitere interessante Antworten auf diese Frage waren, dass ein stärkerer Fokus auf die Wannsee-Konferenz selbst fehle (4%), dass »mehr Emotionen« sowie mehr persönliche Geschichten erwartet würden (5%) und dass »Tkuma« (»Auferstehung/Wiedergeburt«) fehle (4%). »Ich habe den Bezug zu Israel vermisst und die Betonung der Wiederbelebung im Land Israel«, vermerkte ein Besucher. 3% der Umfrageteilnehmer erklärten, sie vermissten »die Vernichtung«. Eine von ihnen schrieb: »als Jüdin habe ich den Holocaust nicht gesehen«.

In der nächsten Frage wurden die Interessierten gebeten, einen Satz zu vervollständigen: »Der Ausdruck Nie wieder! ist zu einem allgemeinen Motto im Zusammenhang mit dem Holocaust geworden. Wie würden Sie nun diesen Satz beim Verlassen des Hauses der Wannsee-Konferenz vervollständigen? Was sollte nicht wieder geschehen? (Nie wieder …‹ was?)«. Die Antworten auf diese Frage sind faszinierend: »Nie wieder wie Schafe zur Schlachtbank«; »So lange der Staat Israel existiert, wird dies nie wieder geschehen«; »Wir werden nie wieder unseren unabhängigen Staat Israel verlieren«; »Wir werden nie wieder das besiegte Volk sein«; »Wir werden nie wieder schutzlos sein, wir werden nie wieder ohne unsere eigene Heimstatt sein: den Staat Israel«; »Nie wieder wegen Israels Stärke«; »Nie wieder, solange das jüdische Volk über einen starken Staat und militärische Mittel verfügt«; »Wir werden nie wieder als schwach wahrgenommen werden. Wir sind Macht und Stolz der Juden«; »Masada wird nie wieder fallen«[32]; »Nie wieder der Staat Israel wurde gegründet«; sowie auch »Nie wieder um jeden Preis«. In diesen Antworten liest man die existenzielle Angst, die in dem Vorhandensein eines Staates Ruhe und Sicherheit findet dessen Existenz sollte um jeden Preis aufrechterhalten werden, da jegliche Bedrohung desselben einen weiteren Untergang nach sich ziehen könnte.

Bei der Konzeption des Fragebogens wurden zwei Bewertungskategorien für diese Frage avisiert: Aussagen, die sich auf eine universelle Botschaft als Folgerung aus dem Holocaust konzentrieren, gegenüber Aussagen, die sich ausschließlich auf eine bestimmte jüdische-israelische Lektion beziehen. »Bildlich gesprochen sind aus der Asche von Auschwitz zwei Nationen hervorgegangen: Eine Minderheit, die beteuert Das darf nie wieder geschehen! und eine verängstigte und verfolgte Mehrheit, die beteuert Das darf uns nie wieder geschehen!‹«, schrieb Yehuda Elkana (ein angesehener Historiker und Wissenschaftsphilosoph, der Auschwitz überlebte) in einem wegweisenden Artikel, der 1988 in der Zeitung Haaretz erschien.[33] Aus den Fragebögen alleine lässt sich unmöglich ableiten, ob Elkanas Beobachtung zutrifft zumindest nicht quantitativ in Form einer Mehrheit gegenüber einer Minderheit. Man kann sich durchaus fragen, was als »universelle Botschaft« gilt? Würde eine Aussage wie »Nie wieder Völkermord« einer solchen gleichkommen? Letztlich wurde diese Kategorie komplett verworfen. Nichtsdestotrotz findet sich die Beteuerung »Das darf uns nie wieder geschehen!« in 18% der Antworten ihren Widerhall.

Zwischen 2008 und 2012 besuchten neun verschiedene Gruppen von »Witnesses in Uniform« die Gedenkstätte. »Witnesses in Uniform« ist ein offizielles Programm der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (Israeli Defence Forces, IDF), das im Rahmen des Holocaust-Gedenkunterrichts unter der Leitung des Bildungskorps der Armee Delegationen von regulären und Reservekommandanten der israelischen Armee nach Polen und in andere Länder entsendet.[34] Seit 2012 besuchen diese Delegationen nur Polen. Major Assaf Perl gehörte zu einer solchen Delegation, welche die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz am 28. Juni 2009 besuchte. Später schrieb er in einer speziellen Facebook-Gruppe namens »My Journey Witnesses in Uniform July 2009«: »Ich gehe durch die Korridore der Villa und habe die ganze Zeit den Klang von Stiefeln im Kopf, die an diesem schrecklichen Tag die Flure entlanglaufen. Für die Besichtigung der Villa hatten wir eine Stunde und fünfzehn Minuten Zeit. Einfach nur hier in dem Wissen unter den Bäumen zu sitzen, dass sie an diesem Ort planten, auf welche Art sie meine Familie ermorden würden, ist einfach unfassbar [] In dem Raum zu stehen, in dem die Entscheidungen getroffen wurden, und das in IDF-Uniformen mit einer israelischen Flagge auf der Schulter, das reicht.«

Um auf die Frage »›Nie wieder …‹ was?« zurückzukommen: Mehr Umfrageteilnehmer verwiesen auf die Gefahren von Ausgrenzung, Aufstachelung zu Hass und diktatorischen Regimes und plädierten für eine bessere Behandlung von Minderheiten (27%). Das Schweigen der Welt während des Holocausts führten 3,5% an. Der israelische Diskurs über die Shoah wird stark durch diesen Aspekt dominiert, der zudem politisches Gewicht hat: Wenn uns die Welt in der Vergangenheit nicht geholfen hat und in der Zukunft nicht helfen wird, dann kann sie uns in der Gegenwart egal sein. 4% behaupteten, dass die Sache, die nicht noch einmal geschehen sollte, tatsächlich gerade jetzt passiert oder sich in Zukunft wiederholen kann. Zu dem spezifischen Kontext machten sie keine weiteren Angaben.

Die letzte Frage »Welche Beziehung haben Sie zum Holocaust? (persönlich, familiär, anderweitig)?« wurde absichtlich ganz ans Ende des Fragebogens gestellt. Den Besuchern sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, dass die Forscherin nur nach einer persönlichen-familiären Verbundenheit mit dem Holocaust sucht. Die interessanteste Beobachtung bezüglich dieser Frage ist, wie viele Besuchende, ohne darum gebeten worden zu sein, ihre persönliche/familiäre Verbindung näher auszuführen, das Bedürfnis verspürten, dies zu tun. »Mein Großvater kämpfte gegen die Nazis. Wegen des Krieges wurde ein Teil meiner Familie in Russland zu verschiedenen Orten deportiert«; »Aus der Familie meiner Mutter die meisten kamen aus Budapest in Ungarn – wurde die Mehrzahl der Familie, Großvater, Großmutter, Brüder, Onkel und Neffen während des Holocausts ermordet, und nur wenige überlebten. Wenige gelangten nach dem Krieg nach Israel«; »Die Familie meiner Mutter war in Auschwitz, acht ihrer Brüder und Schwestern sowie ihre Eltern wurden im Holocaust ermordet. Die erste Familie meines Vaters wurde von den Deutschen umgebracht«, sind nur einige Beispiele. 18% der Umfrageteilnehmer berichteten von der Geschichte ihrer Familie während des Holocausts.

Dieses Bedürfnis, die konkrete Familiengeschichte aufzuschreiben oder kurz zu skizzieren wird auch in den Gästebüchern der Gedenkstätte ersichtlich. Hierin werden oft die Namen und Orte der Verfolgung von Familienmitgliedern, die umkamen, aufgeschrieben. Dem Gästebuch wird so auf eigentümliche Art die Funktion eines Registers der verlorenen jüdischen Gemeinden zugewiesen. »Wir haben einen Kreis geschlossen. Gali Ladner/Shkedi, die Enkelin der Holocaust-Überlebenden Greta Ladner, die den Krieg und die Shoah im Keller eines Hauses in Sambor (Polen) überlebte war hier«, vermerkte eine Besucherin im Mai 2014.[35] Der Eintrag, den Aliza Melamed aus dem Kibbuz Givat Oz am 8. Mai 2017 im Gästebuch hinterließ, lautet: »Ich kam hierher, um das Andenken meines Vaters, Simcha Melamed, zu ehren sowie das Andenken seiner weitverzweigten Familie, die im Warschauer Ghetto ermordet wurde.«[36]

Bei 57% der Personen, die sich an der Umfrage beteiligten, bestand eine familiäre Beziehung zum Holocaust, und 21% gaben an, dass bei ihnen eine persönliche Beziehung vorlag. Eine Besucherin notierte: »Ich bin die Tochter von Holocaust-Überlebenden und selbst Holocaust-Überlebende. Ich wurde am 1.9.1941 geboren und verbrachte die ersten beiden Jahre meines Lebens bei einer christlichen Familie, die mich rettete.«

Ihre Verbindung bestehe darin, jüdisch zu sein, gaben 21% an. »Dies ist das bedeutendste Ereignis, welches das jüdische Volk in der Neuzeit erlebt hat. Deshalb ist es meiner Meinung nach ein persönliches Ereignis für jeden Juden«, schrieb ein Besucher. Eine andere Besucherin führte aus, dass bei ihr keine familiäre Beziehung zum Holocaust vorliegt. Doch ist sie der Meinung, dass sie als Jüdin »Anteil an der Tragödie hat, die unser Volk heimgesucht hat.« Das jüdische Volk oder eine »nationale Verbindung« erwähnten 18%, 6% nannten sich »israelisch«. Eine »universelle«, »bürgerliche« oder »humanistische« Verbindung erwähnten 4%. Historische Neugierde und Interesse bezeichneten 5% als ihre Verbindung zum Holocaust, 6% markierten »anderweitig«, ohne weiteres anzugeben. Eine Besucherin beschrieb sogar ihre Empfindungen bei dem Besuch: »Ich zitterte, als ich in dem Raum stand, in dem die Endlösung beschlossen wurde, in dem wir das Böse in der Welt besiegten. Das darf man nicht für eine Selbstverständlichkeit halten«.

Viele Antworten auf diese Frage belegen eine Überlappung von privatem Gedächtnis und kollektivem Erinnern: Die Grenzen zwischen beiden verwischen. Um diesen Punkt zu erläutern, beschreibe ich einen offiziellen Besuch der Gedenkstätte durch die Israelische Botschaft in Berlin, der im April 2017 stattfand. Es handelt sich hierbei um ein herausragendes Beispiel für das israelische kollektive Gedächtnis bezüglich der Wannsee-Konferenz und der Shoah im Allgemeinen.

Die israelische Botschaft hatte den Besuch der Gedenkstätte ursprünglich für den 24. April 2017 geplant, auf den in diesem Jahr der israelische Holocaust-Gedenktag Yom HaShoah fiel. Im März bat die Botschaft darum, die Veranstaltung einen Tag später stattfinden zu lassen, da der Botschafter davor eine anderweitige Verpflichtung hatte. Der Anlass blieb jedoch der israelische Holocaust-Gedenktag. Dieser Tag wird gemäß dem jüdischen Kalender festgelegt und liegt jedes Jahr genau eine Woche vor dem Gedenktag für die gefallenen israelischen Soldaten und die Opfer von Terrorismus, auf den unmittelbar der Unabhängigkeitstag Israels folgt. Gemeinsam bilden sie das zionistische/israelische Narrativ משואה לתקומה »vom Holocaust zur Auferstehung«. Jüdisches Leben in der Diaspora kann für das jüdische Volk nur eine Katastrophe bedeuten, während das jüdische Volk im Land Israel (»Eretz Israel«) wiedergeboren wurde. Diesem Narrativ folgend bietet der Staat Israel die Garantie, dass sich ein Holocaust nie wiederholen wird.

Die israelische Erinnerungskultur beruht im Wesentlichen auf der Verwendung von Symbolen und konzentriert sich auf persönliche Erfahrungen. Genau dieser Erinnerungsdiskurs veranlasste die Israelische Botschaft dazu, die wöchentliche Sitzung der Diplomaten in das Haus der Wannsee-Konferenz zu verlegen, in den Raum, in dem die Wannsee-Konferenz stattfand, und zwar an genau dem Tag, an dem in Israel des Holocausts gedacht wird. Zehn Diplomaten nahmen an der kurzen Sitzung (etwa 30 Minuten) teil, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Als die Sitzung vertagt wurde, kamen fünfzig Mitarbeiter der Botschaft zumeist Israelis mit einem Bus in die Gedenkstätte und schlossen sich den Diplomaten im »Konferenz-Raum« an.

In seiner Eröffnungsansprache bat Gesandter Avi Nir-Feldklein die anwesenden Mitarbeiter, ihre Augen zu schließen. Sie sollten sich vorstellen, es wäre dieser sehr kalte, sonnige Dienstag, der 20. Januar 1942. »Es sind minus 12 Grad, die Autos der Teilnehmer treffen bei der Villa ein«, sagte er. Als sie ihre Augen wieder öffneten, erblickten sie nun in dem Raum, in dem einst fünfzehn Männer aus Regierungsbehörden und SS die vollständige Vernichtung der europäischen Juden erörtert hatten, rings um den mit israelischen Flaggen geschmückten Tisch fünfzig Beschäftigte der israelischen Botschaft, stolze Staatsbürger, die ihre Köpfe hoch erhoben hielten.

Bemerkenswerterweise wurde ein Bericht über die Veranstaltung auf »ynet« veröffentlicht, der in Israel beliebtesten Nachrichtenseite. In dem Artikel steht: »Heute weiß man, dass die Entscheidung zur Umsetzung der Endlösung bereits erfolgt war, und die Diskussion am Wannsee nur den Zweck hatte, die Mittel zur Umsetzung aufeinander abzustimmen.« Übertitelt ist er jedoch mit: »Eine Tagung der Israelischen Botschaft in Berlin in der Villa, in der die Endlösung beschlossen wurde«.[37]

 

Zusammenfassung

Das Trauma Holocaust begleitet die Israelis eindeutig durch ihr Leben entweder als Teil der kollektiven Erinnerung oder als Teil des »kommunikativen Gedächtnisses«. Mit diesem Ausdruck bezeichnen die deutschen Kulturwissenschaftler Jan und Aleida Assmann ein Gedächtnis, das sich aus der mündlichen Überlieferung persönlicher Erfahrungen konstituiert.[38] Die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ist kein »Ort der Opfer«. Da es sich um den historischen Schauplatz einer Versammlung handelt, der so starke Auswirkungen auf die Opfer zugeschrieben werden, weckt die Gedenkstätte jedoch starke Gefühle. Angesichts der Totalität der Wannsee-Konferenz und von Eichmanns Statistik, sieht sich jede/r mit der denkbaren oder potenziellen eigenen Vernichtung konfrontiert.

Wenn es dies ist, was die Konferenz und die Gedenkstätte für israelische Bürgerinnen und Bürger symbolisieren, dann ist es ein Ort, an dem sie vor allem mit ihrer eigenen Identität beschäftigt sind. Diese Beschäftigung und Auseinandersetzung ist zuerst und vor allem emotionaler, nicht kognitiver Natur. Es ist nicht unbedingt ein Ort des Lernens, sondern eher ein Ort der Erinnerung an die Toten. Für manche Besucherin und Besucher fungiert er als Ersatz für den fehlenden Friedhof.

Eingangs dieses Artikels habe ich von dem persönlichen Bericht der Holocaust-Überlebenden Batsheva Dagan zu den Auswirkungen der Wannsee-Konferenz auf den Verlauf ihres Lebens berichtet. Anhand der Befragungsergebnisse konnte man sehen, wie wichtig es für Israelis (nicht nur als Individuen, sondern als Kollektiv) ist, ein Gefühl von dieser Wirkung zu verspüren und es an die nächsten Generationen weiterzugeben. Die Häufigkeit, mit der die Wannsee-Konferenz in den israelischen Abschlussprüfungen in Geschichte auftaucht, ist ein weiterer überzeugender Beleg dafür.

In der israelischen Sicht der Wannsee-Konferenz und des Holocausts im Allgemeinen stehen nicht die deutschen Entscheidungsträger im Vordergrund, sondern deren jüdische Opfer. Die Wannsee-Konferenz und Eichmanns Statistik sind am stärksten mit der Entscheidung verbunden, alle europäischen Juden zu vernichten, bis keiner mehr übrig ist, auch nicht die 200 Juden aus Albanien. Aus diesem Blickwinkel verwundert es möglicherweise weniger, dass eine Besucherin anmerkte, sie als Jüdin »habe den Holocaust nicht gesehen«. Sie hatte erwartet, alle verschiedenen geografischen Schauplätze zu sehen, an denen der Holocaust stattfand. Im Juni 2014 notierte ein Besucher im Gästebuch: »Schockierend. Angsteinflößend. Erstaunlich. Die gesamte Familie meines Vaters, die Familie Sheki aus Thessaloniki (Griechenland) wurde im Holocaust ermordet. Die Gemeinde in Griechenland ist seit Jahren in Vergessenheit geraten [] Auch hier findet diese Gemeinde keine Erwähnung.«[39]

Im Dezember 2015 fand ein offizieller Besuch durch Heiko Maas (seinerzeit deutscher Justizminister) und seiner israelische Amtskollegin Ayelet Shaked (von der Partei »Jüdisches Heim«) statt. Frau Shaked beschloss, auf dem Gelände der Gedenkstätte eine kurze Zeremonie abzuhalten. In diesem Rahmen wurde das Kaddisch gesprochen – das traditionell bei Trauergottesdiensten und zum Andenken Verstorbener erklingende jüdische Gebet. Mir fiel es extrem schwer, das Kaddisch mit einem Täterort in Einklang zu bringen. Dies gilt insbesondere, weil Gleis 17 so nahe liegt, von dem aus Berliner Jüdinnen und Juden in den Osten deportiert wurden. Doch kein Mitglied der israelischen Entourage zeigte während der Zeremonie irgendwelche Anzeichen von Unbehagen.[40] Interessant war auch, dass die Ministerin, als sie erfuhr, dass neben dem Direktor eine israelische Mitarbeiterin anwesend war, eine Führung auf Hebräisch vorzog. Dies lag nicht an fehlenden Sprachkenntnissen, sondern wieder an der besonderen Bedeutung des Ortes. Wie bei dem Eichmann-Prozess, als die Opfer plötzlich zu Richter wurden, wollen die wiedergeborenen Söhne und Töchter der Opfer jetzt an dem Ort der Täter ihre eigene Sprache sprechen. Dieselbe Auffassung findet sich möglicherweise bei den 19% Umfrageteilnehmern, die es für angemessen hielten, eine außerhalb von Israel gezeigte Ausstellung komplett auf Hebräisch zu präsentieren. Dies ist sehr charakteristisch für eine in Israel verbreitete Auffassung, der zufolge man selbst die primäre Zielgruppe für eine solche Ausstellung zum Thema Holocaust ist. Selbst wenn man nicht die größte Besuchergruppe vor Ort darstellt, wäre es ein passendes Symbol, ihre Sprache in ihren Augen die Sprache der Opfer dargestellt zu sehen. Israel als ultimativer Vertreter der jüdischen Opfer und Überlebenden (unabhängig von deren jeweiligen Identitäten und politischen Einstellungen) ist ein Narrativ, das der Staat Israel bei vielen Gelegenheiten fördert. Ich werde hierfür nur ein Beispiel nennen: Ein Sonderausschuss des israelischen Parlaments genehmigte im Juni 2011 ein Pilotprogramm bezüglich der Ausstellung biometrischer Personalausweise, das im November desselben Jahres beginnen und zwei Jahre dauern sollte. Auf Beschluss des Innenministeriums sollten die Seriennummern dieser Ausweise zum Gedenken an die im Holocaust umgekommenen Jüdinnen und Juden bei sechs Millionen beginnen. Dieser Beschluss war weit mehr als eine »Erinnerung an die Opfer«, sondern er hatte die 6 Millionen Ermordeten im Nachhinein zu Bürgern des Staates Israel gemacht.[41]

Neben der Erinnerung an die Opfer und ihrer Ehrung ist die Auseinandersetzung mit der Wannsee-Konferenz auch eine Bekräftigung der Gründung des Staates Israel und seines Überlebenskampfs ab Anbeginn. Unter diesem Aspekt überrascht es kaum, dass viele Besuchende die Ausstellung nur kurz besuchen. Der »Höhepunkt« des Besuchs besteht schließlich darin, dass er überhaupt stattfindet. Dort zu stehen, in jenem Haus, in jenem Raum, der das Leben ihrer Familien und ihres Volkes für immer verändert hat, bedeutet dort zu sein »trotz alledem«. Deshalb ist es vielleicht auch überhaupt kein Widerspruch, einen Kommentar auf Hebräisch in das Gästebuch zu schreiben, diesen aber an alle Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätte zu richten. Der Kommentar selbst ist ein Denkmal dafür, dass sie dort waren, und es noch immer sind, alledem zum Trotz.

 

Aya Zarfati, Mitarbeiterin in der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, führte im Rahmen eines Universitäts-Colloquiums Befragungen mit israelischen Gästen durch. Helena Bohle-Szacki

Von Białystok nach Berlin

Ulrich Tempel

 

Sommer 2017 in Białystok im Nordosten Polens. Unweit des Marktplatzes wird zu einer Ausstellung der Städtischen Galerie (Galeria Sleńdzińskich) eingeladen: »Helena Bohle-Szacka Mosty/Die Brücken«. Das Porträtfoto zeigt eine elegant gekleidete Frau, die den Betrachter direkt anschaut und in ihren Bann zieht. Wer war diese Frau, der die Galerie eine Präsentation an gleich zwei Ausstellungsorten widmete? Was hat es mit den Brücken auf sich?

 


[1]    Batsheva Dagan wurde 1925 als Isabella Rubinstein in Łódź, (Polen) geboren. Sie hat Auschwitz überlebt, wo sie 20 Monate verbrachte sowie Ravensbrück und zwei Todesmärsche. Im Mai 1945 wurde sie von britischen Truppen befreit.

[2]    Raum 9 der Ausstellung von der Gedenkstätte als Raum der Konferenz gekennzeichnet war das Speisezimmer der von der SS erworbenen Villa. Reinhard Heydrich nutze sie als Veranstaltungsort für eine Zusammenkunft bezüglich der »Endlösung der Judenfrage«, nebst anschließendem Frühstück. Der Raum befand sich direkt neben der Küche, was die Frage aufwirft, ob diese höchst geheime Besprechung der Ermordung von 11 Millionen Juden in derartiger Nähe zum Küchenpersonal hätte stattfinden können. Diese Frage wird vermutlich unbeantwortet bleiben.

[3]    Dagan hätte »damals« nichts von der Wannsee-Konferenz wissen können, noch sich vorstellen können, je einen Fuß in das Haus zu setzen, in welchem sie stattfand. Ihre Wortwahl zeigt jedoch, welch bedeutende Rolle die Konferenz innerhalb des israelischen Narrativs spielt, sodass sie diese in ihr persönliches übernahm.

[4]    Newsletter 60 der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, Februar 2018,

      www.ghwk.de/fileadmin/user_upload/pdf-wannsee/newsletter/newsletter60.pdf,

                aufgerufen am 14. 12. 2018. Hervorhebungen durch die Autorin.

[5]    Siehe beispielsweise die Arbeiten von Eberhard Jäckel, Christian Gerlach, Peter Longerich.

[6]    Online-Katalog der Joseph Wulf Mediothek. ghwk-bibliothekskatalog.de. Recherche durchgeführt am 5.7.2018.

[7]    Online-Katalog der Yad Vashem Bibliothek. db.yadvashem.org/library/search.html. Recherche durchgeführt am 5.7.2018

[8]    Levin, Itamar and Lan, Shlomit, Issue: Extermination. The Wannsee-Konferenz and the Final Solution, Ben Shemen, 2012. Bei den anderen Treffern handelt es sich um einen Artikel des israelischen Historikers Dan Michman, der eigentlich für einen 2012 veröffentlichten Sammelband der GHWK geschrieben wurde, den hebräischen Katalog der GHWK (2007), die Übersetzung eines Essays von Christian Gerlach, »The Wannsee-Konferenz, the Fate of German Jews, and Hitlers Decision in Principle to Exterminate All European Jews«, der erstmals 1998 (2003) erschienen war, sowie das 1978 durch Yad Vashem übersetzte Protokoll der Konferenz.

[9]    Roseman, Mark; The Villa, The Lake, The Meeting: Wannsee and the Final Solution, London 2002.

 

[10]   Auf Englisch: The Wannsee-Konferenz. How the national-socialistic bureaucracy organised the Holocaust. Roseman, Mark: Die Wannseekonferenz. Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte, Berlin 2002.

[11]   Kampe, Norbert, Dokumente zur Wannsee-Konferenz, in: Kampe, Norbert/ Klein, Peter (Hrsg.), Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942: Dokumente, Forschungsstand, Kontroversen, Köln, 2013, S.17115.

[12]   Die Autorin dieser Arbeit ist seit acht Jahren in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz tätig. Andere KollegInnen haben dieselbe Beobachtung gemacht.

[13]   Klein, Peter: Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Berlin 2017, S.2223.

[14]   Jasch, Hans-Christian: Die Konferenz und das Protokoll, in: Klein, Peter, Die Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942, Berlin 2017, S.515, hier S.7. Es ist fraglich, ob der Standort einer Gedenkstätte überhaupt als »authentischer« Ort angesehen werden kann, wenn man die Veränderungen und Renovierungen berücksichtigt, die er über die Jahre durchlaufen hat. Eine Diskussion über den passenden Begriff ist Teil eines Diskurses zwischen Wissenschaftlern und Pädagogen an Gedenkstätten, wie hier nachzulesen ist: Rüschendorf, Raphael, Tagungsbericht: Authentizität als Kapital historischer Orte, 1.3.2017 – 3.3.2017 Dachau, in: H-Soz-Kult, 4.4.2017,

                www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7097, aufgerufen am 12. 7. 2018.

[15]   Pierre Nora: Zwischen Geschichte und Gedächtnis: Die Gedächtnisorte, in: Ders., Zwischen Geschichte und Gedächtnis (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek Bd. 16), Berlin 1990, S.12 f., insbesondere S.13.

[16]   Ebd., S.13.

[17]   Ebd., S.13.

[18]   Kaiser, Wolf: Historisch-politische Bildungsarbeit an Täterorten und in Gedenkstätten, Gedenkstättenrundbrief 165 (4/2012), S.1324.

[19]   Weitere Übersetzungen lauten »Erzfeind« und »Massenmörder«.

[20]   Segev, Tom, »Eichmann-Dokumente: Ben-Gurion schaltete sich persönlich in den Prozess ein«, Haaretz, 4.4.2011, www.haaretz.co.il/news/education/1.1169987, aufgerufen am 10.7.2018.

[21]   Protokolle des israelischen Parlaments, 98. Sitzung der 4. Knesset, 23.5.1960.

[22]   Yablonka, Hanna: The Eichmann Trial and the Israelis: Forty Years Later, in: Bishvil Hazikaron 41, 2001 (Zeitschrift), S.2431.

 

[23]   Die Befehlskette, auf die sich Goldmann-Gilead bezog lautete Hitler-Himmler-Heydrich-Müller-Eichmann.

[24]   Segev, Tom: Eichmann documents.

[25]   Das staatliche Bildungsgesetz [des Staates Israel], Änderung Nr. 3, 1980.

[26]   Abschlussprüfung in Geschichte, Teil II, Winter 2014.

[27]   Abschlussprüfung in Geschichte, Teil II, Winter 2015.

[28]   Abschlussprüfung in Geschichte, Teil II, Sommer 2015.

[29]   Siehe etwa Hadar, Shiri: »Berlin: What do we like about the capital of Germany?«, ynet, 11.12.2015,

                www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-4736704,00.html, aufgerufen am 12. 7. 2018.

[30]   Gästebuch 75/14 (17.5.2014 26.8.2014) der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz«, 23.5.2014.

[31]   Die Dauerausstellung ist die zweite Ausstellung der Gedenkstätte und wurde 2006 eröffnet. Im Hinblick auf ihre Gestaltung (nicht ihren historischen Inhalt) ist sie tatsächlich überholt und entspricht vielen Standards und Trends in diesem Bereich nicht von Lesegewohnheiten bis zur Barrierefreiheit. Eine neue Ausstellung wird gegenwärtig erarbeitet und soll im Januar 2020 eröffnet werden.

[32]   »Masada wird nie wieder fallen« ist ein modernes zionistisch/israelisches Motto, das sich auf die Festung Masada am Toten Meer bezieht. Im Jüdischen Krieg, der 66 u. Z. begonnen hatte, zogen dort im Jahr 73 u. Z. mehrere Hundert jüdische Umstürzler unter dem Kommando von Eleasar ben Jair Selbsttötungen einer Gefangennahme durch die Römer vor.

[33]   Elkana, Yehuda: »Die Notwendigkeit zu vergessen«, Haaretz, 13.10.2012,

                www.haaretz.co.il/opinions/1.1841380, aufgerufen am 17. 7. 2018. Der Text war ursprünglich in der gedruckten Ausgabe vom 2. 3. 1988 erschienen.

[34]   Laut Angaben der IDF auf ihrer offiziellen Webseite: https://bit.ly/2HssPCH, aufgerufen am 12.7.2018.

[35]   Gästebuch 75/14, 25.5.2014.

[36]   Gästebuch 83/17 der Gedenkstätte »Haus der Wannsee-Konferenz«, 8.5.2017.

[37]   Eichner, Itamar: »In der Villa, in der die Endlösung beschlossen wurde eine Tagung der Israelischen Botschaft in Berlin«, ynet, 24.5.2017, www.ynet.co.il/articles/0,7340,L-4953649,00.html, aufgerufen am 10.7.2018.

[38]   Aleida Assmann, 1998 Zwischen Geschichte und Gedächtnis, in: Dies./Ute Frevert, Geschichtsvergessenheit Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945, Stuttgart, 1999, S.2152, hier S.3637.

[39]   Gästebuch 75/14, 20.6.2014.

[40]   Es ist festzuhalten, dass es sich bei dem Kaddisch selbst um einen Lobpreis Gottes handelt, in dem die Toten überhaupt nicht erwähnt werden.

[41]   »Es ist soweit: Die biometrische Datenbank ist im Aufbau«, Globes News, 2.6.2011,

                www.mako.co.il/news-money/tech/Article-5e2699095505031004.htm, aufgerufen am 11. 7. 2018.