Britta Scheuer

Ein (un)bekannter Ort

Gedenkstättenrundbrief 88 S. 17-20

Das KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte

Für zweieinhalb Wochen im August 1998 rückte ein kleines Gebiet in unserem Landkreis in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Aus Frankreich, Belgien, Holland, Polen, Tschechien und natürlich Deutschland kamen Jugendliche, um gegenüber dem Bahnhofsgelände in Ellrich nach Überresten einer Zeit zu suchen, in der dieses Gelände für ca. 8000 Menschen gleichzeitig Platz bieten mußte. Damals, im letzten Kriegsjahr 44/45, entstand dort unter der harmlosen Bezeichnung »Erich« eines der über 40 Außenlager des KZ-Komplexes Mittelbau-Dora. Es war das größte und zugleich furchtbarste Außenlager. Man nutzte eine stillgelegte Gipsfabrik, umgab sie mit Stacheldraht und Wachtürmen, baute einige Baracken dazu und ließ die dort befindlichen Naßstellen von den Gefangenen mit Steinen verfüllen. Von einigen Ausnahmen abgesehen waren die Häftlinge ausschließlich im Stollenvortrieb tätig – sollte doch im Südharz, im sogenannten Mittelraum, außer der V-Waffenmontage auch anderer Rüstungsproduktion unterirdischer Fertigungsraum geboten werden. Zu Fuß von Ellrich nach Woffleben oder mittels Bahntransport, der meist mit stundenlangem Warten verbunden war, erreichten die Häftlinge ihren Arbeits- und so oft auch Todesort. Die Stollenanlage im Himmelsberg und später auch das Projekt B11 im Kohnstein sind u.a. durch Häftlinge von Ellrich-Juliushütte aufgefahren worden. Genaue Zahlen gibt es bisher nicht, es wird aber von einer Todesrate von 50% ausgegangen. Das noch ganz zum Schluß errichtete Krematorium unterstreicht die grausame Wahrheit.

 

Nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands teilte die Demarkationslinie zwischen der sowjetischen und der britischen Besatzungszone und später die Staatsgrenze zwischen der DDR und der BRD das ehemalige Lagergelände in zwei Teile. Erneut gab es dort Wachtürme und Stacheldraht, war es wieder lebensgefährlich, sich auf diesem Flecken Erde zu bewegen. So geriet auf beiden deutschen Seiten das Lager bald in Vergessenheit, zumal Gebäudereste und vor allem die Schornsteine vom ehemaligen Krematorium und der Küche ebenfalls auf beiden deutschen Territorien gesprengt worden waren. Auf ostdeutscher Seite war das Lagergelände offiziell nicht mehr erreichbar, auf westdeutscher Seite planierte man die Reste platt.

Die politische Wende brachte auch in bezug auf die weitere Geschichte von Ellrich-Juliushütte neue Möglichkeiten. Auf eine Privatinitiative zurückgehend wurde 1989 von der Nachbargemeinde Walkenried ein Gedenkstein gesetzt, der auf die Stelle des ehemaligen Krematoriums hinweisen soll. Einige Jahre später, 1995, stiftete die belgische Stadt Leuven ebenfalls einen Gedenkstein und verweist darauf, daß unter den Gefangenen und Toten viele Belgier gewesen sind. Von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora wurde ein Rundweg angelegt, um vor allem den immer noch zahlreichen Delegationen ehemaliger Häftlinge die Möglichkeit einer Gedenkveranstaltung und Geländebegehung zu geben. Ebenfalls wichtig war eine Initiative der Stadt Ellrich, die mehrere Verkehrsleitschilder anbrachte und so die Suche nach dem KZ-Standort erleichterte bzw. für viele Durchreisende der einzige Hinweis auf dieses ehemalige Konzentrationslager ist.

Auch in der theoretischen Geschichtsbearbeitung hat sich in der jüngeren Vergangenheit einiges ereignet. Die 1987 von Manfred Bornemann veröffentlichte Chronik des KZ-Außenlagers mit einem Bilderteil stellte über einen längeren Zeitraum die einzige Publikation zu Ellrich-Juliushütte dar.1 Seit 1995 liegt eine Magisterarbeit von Jens-Christian Wagner vor, die sich mit dem Außenlagersystem des KZ-Komplexes Mittelbau auseinandersetzt. In dieser Arbeit nimmt das Lager Ellrich-Juliushütte als größtes Außenlager naturgemäß einen breiten Raum ein. Es gibt Aussagen zu Einzelbereichen der KZ-Thematik, Funktionsbestimmungen und Betrachtungen über Aufgaben und Stellung Ellrichs im gesamten Komplex Mittelbau. So geht Jens-Christian Wagner z.B. davon aus, daß das Ellricher Lager am unteren Ende einer Hierarchie innerhalb der Mittelbau-Lager stand. Häftlinge, die in Produktionskommandos verbraucht waren oder keine geeignete Berufsausbildung besaßen, wurden in der Regel vom Stammlager in kleinere Kommandos verschickt. Dieses Herumreichen endete meistens in Ellrich, wo die Häftlinge nur noch im kräfteraubenden Stollenvortrieb eingesetzt wurden.2

Weitere Informationen gibt die 1996 abgeschlossene Dissertation von Dr. Joachim Neander, der die Evakuierungstransporte der Mittelbau-Lager beschreibt, so auch die von Ellrich-Juliushütte. Dr. Neander geht von einem Transport nach Bergen-Belsen aus, der dort am 10. April 1945 eintraf, und einem weiteren Transport, der am 19. April Sachsenhausen erreichte.3

Die Arbeitsgemeinschaft »Spurensuche in der Südharzregion« leistet auf ganz anderem Gebiet einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des Lagers. So werden von Mitgliedern dieser AG Luftbildaufnahmen von einer Überfliegung aus dem Jahre 1945 ausgewertet und sollen für die Herstellung einer Karte bzw. eines Lageplanes des KZ Ellrich genutzt werden. Erfahrungen mit solchen Vorgehensweisen konnte die AG bereits bei anderen Mittelbau-Lagern sammeln.

Im Sommer 1998 wurde der Auseinandersetzung mit diesem vielschichtigen Ort eine neue Initiative zugefügt. Auf sehr lebendige Art und Weise vereinnahmten die 35 Teilnehmer des Workcamps den heute kaum erkennbaren KZ-Standort, um einige der noch vorhandenen Gebäudereste freizulegen. Im wahrsten Sinne des Wortes wurde dabei das Gras, das über diese Sache gewachsen war, beseitigt. Auf zwei Grabungsstellen holten die jungen Leute Gebäudefundamente aus dem Pflanzendickicht hervor, schaufelten Treppen frei und nahmen Pflegearbeiten am Rundweg vor. Dabei war besondere Behutsamkeit angesagt, da sich die beiden Grabungsstellen in einem Naturschutzgebiet befinden. (Das KZ befand sich, wie so oft, in einem landschaftlich sehr reizvollen Gebiet, in dem sich sogar ein Teich befand.)

Zusätzlich waren drei Überlebende, die als Häftlinge in Ellrich-Juliushütte waren, eingeladen. Sie waren jeweils drei Tage beim Workcamp dabei. Gemeinsame Rundgänge, Gespräche und Grillabende von Workcampteilnehmern und Überlebenden bereicherten diese zweieinhalb Wochen auf sehr intensive Weise. Wachgewordene Erinnerungen und mitgebrachte Fotos, die von einem der ehemaligen Häftlinge wenige Jahre nach seiner Befreiung aufgenommen wurden, ließen das Geschehen dieses KZ-Ortes 53 Jahre später mehr denn je erkennen. Bei den Begegnungen fanden sehr detaillierte Gespräche zwischen den Jugendlichen und den Überlebenden statt. Dabei wurde wieder einmal sichtbar, daß es für die Deportierten auch und gerade nach mehr als 50 Jahren ein tiefes Bedürfnis ist, das nicht zu Bewältigende u.a. mit Hilfe solcher Gespräche zu bewältigen. Der Inhalt dieser Darstellungen wurden von den Workcamp-Teilnehmern protokolliert und zu ausführlichen Zeitzeugenberichten aufbereitet. Als Ergebnis dieser Kontakte und persönlichen Erinnerungen entstand auf beiden Seiten der Wunsch nach Fortführung der Begegnungen und sogar nach Briefkontakten und Freundschaften.

Kontakte dieser Art und die Durchführung von Workcamps sind den Organisatoren und Ausrichtern des 98er Ellrich-Projektes nicht neu. Bereits in den zwei vorangegangenen Jahren hatte der Verein »Jugend für Dora e.V.« in Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora internationale Workcamps organisiert. Während in den vergangenen Sommern Arbeitsaufgaben in Mittelbau-Dora wahrgenommen wurden, verließen die Jugendlichen in diesem Jahr die gewohnten Bahnen und die gewohnte Umgebung und luden andere Jugendliche zu einem Workcamp in einem unbekannten KZ-Außenlager ein. Die Resonanz auf diese Ankündigung war unerwartet groß. Zum einen meldeten sich viel mehr Jugendliche als erwartet an, so daß schließlich 35 junge Leute aus sechs Ländern am Workcamp teilnahmen. Unter ihnen waren fünf Enkelkinder ehemaliger Dora-Häftlinge und die 21jährige Tochter eines tschechischen Überlebenden.

Zum anderen war die Beachtung in den Medien erstaunlich. Bereits auf eine kleine Ankündigung in der Zeitung hin meldete sich ein ZDF-Team, das schon im Vorfeld einen Beitrag über den unbekannten Ort Ellrich-Juliushütte sendete. Während der Projektzeit selbst machten vier Fernsehteams Aufnahmen von Ellrich und dem Camp. Darüber hinaus waren in mehreren Zeitungen entsprechende Artikel zu finden.

Die Einladung der drei ehemaligen Ellrich-Häftlinge zum Workcamp ging ebenfalls von »Jugend für Dora« aus. Der Verein verfolgt seit drei Jahren ein Projekt, in dessen Rahmen Überlebende nach ihrer Lebensgeschichte befragt werden. Die Befragungsergebnisse werden in die Dokumentationsstelle der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora eingegliedert und sollen außerdem nach Abschluß des Projektes zusammengefaßt publiziert werden. Die Befragungsergebnisse der drei ehemaligen Ellrich-Häftlinge werden dort ebenfalls einfließen.

Am Ellricher Bahnhof ist es nun wieder ruhig geworden. Die Betriebsamkeit und Lebendigkeit der Augustwochen 1998 ist erneut einer nur durch die vorbeifahrenden Züge unterbrochenen Ruhe gewichen. Trotzdem ist der Ort nicht wie vorher. Neben dem Rundweg und den zwei Gedenksteinen weisen zwei Fundamentreste auf das KZ hin. Damit diese Flächen auch in Zukunft frei bleiben, hat das Waldjugendheim Zorge seine Hilfe angeboten. So gab es den Vorschlag aus Zorge, daß Projektgruppen, die sich im Waldjugendheim aufhalten, Pflegearbeiten in Ellrich-Juliushütte durchführen können. Mitglieder aus »Jugend für Dora« boten als Gegenleistung Führungen an, um die Projektgruppen aus Zorge und auch andere interessierte Besucher mit der vielschichtigen Geschichte des Ortes Ellrich-Juliushütte vertraut zu machen. Das bietet die Möglichkeit, sie darauf hinzuweisen, daß das Städtchen Ellrich noch ein weiteres KZ-Außenlager beherbergte. Mitten im Ort, im Saal einer Gastwirtschaft brachte man das Außenlager Ellrich-Bürgergarten unter. Die ca. 1200 Häftlinge der 4. SS-Baubrigade waren zum Bau der Helmetalbahn eingesetzt gewesen.

Fest eingeplant ist auch eine Beschilderung des Gedenkortes, die gemeinsam von Mitgliedern des Jugendvereins, der Arbeitsgemeinschaft »Spurensuche in der Südharzregion« und der Gedenkstätte realisiert werden soll. Außerdem arbeitet »Jugend für Dora« an seiner zweiten Broschüre, in der die Workcampergebnisse den größten Raum einnehmen werden. Sowohl historische Fakten und Bilder über Ellrich, Aussagen ehemaliger Häftlinge, Grabungsberichte als auch persönliche Eindrücke aus dem Workcamp-Tagebuch werden dort nachzulesen sein und auch die Tatsache, daß das Workcamp gleichzeitig in einem neuen und einem alten Bundesland stattfand – in Thüringen und Niedersachsen. Ministerien aus beiden Ländern bewilligten Förderanträge des Jugendvereins, es gab Zusammenarbeit mit Institutionen, kleinen Firmen und Gemeinden aus beiden Bundesländern.

Ellrich ist nicht wie vorher. An diesem Ort ist schon viel geschehen, sehr viel Leidvolles. Im August 1998 aber haben 35 Jugendliche hier miteinander gearbeitet, gelebt, geliebt, gesprochen, gestritten. Junge Menschen aus sechs Ländern haben unter Einsatz ihrer individuellen Erfahrungen, ihrer unterschiedlichen Kulturzugehörigkeit und Sprachen die Chance genutzt, hier friedvoll miteinander umzugehen. Jugendliche haben etwas für Jugendliche getan – und für die Schwester eines in Ellrich im Herbst 1944 gestorbenen Franzosen. Sie hatte nämlich in einer französischen Zeitschrift von den Aktivitäten der Jugendlichen auf dem Ellricher Lagergelände gelesen und einen Brief an die Vorsitzende von »Jugend für Dora«, Dorothea August, geschrieben. Neben der Anerkennung für diese Leistung und der Bitte um Material über den so unbekannten Ort hat Ellrich für sie ein Gesicht und eine Adresse bekommen.

 

1 Bornemann, Manfred: Chronik des Lagers Ellrich 1944/45. Ein vergessenes Konzentrationslager wird neu entdeckt. Hamburg 1987.

2 Wagner, Jens-Christian: Zwangsarbeit im Konzentrationslager: Das Außenlagersystem des KZ Mittelbau-Dora. Hausarbeit zur Erlangung des Magistergrades am Fachbereich Historisch-Philologische Wissenschaften der Universität Göttingen. Göttingen 1995. (DMD–Mag 8)

3 Neander, Joachim: Das Konzentrationslager »Mittelbau« in der Endphase der nationalsozialistischen Diktatur. Zur Geschichte des letzten im »Dritten Reich« gegründeten selbständigen Konzentrationslagers unter besonderer Berücksichtigung seiner Auflösungsphase. Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Dr. phil., Universität Bremen 1996.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund88_17-20.pdf)