Mareike Schön

Erhalten – Restaurieren – Rekonstruieren?

Gedenkstättenrundbrief 198 S. 11-19

Zur Nutzung historischer Bausubstanz an Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren

Vom 23. bis zum 24. Januar 2020 fand in den Räumen der Gedenkstätte Lager Sandbostel die 5. Fachtagung der Volontär*innen an Orten der Aufarbeitung des Nationalsozialismus statt. Das Netzwerk ist in Eigeninitiative von Volontärinnen und Volontären an Gedenkstätten, NS-Dokumentationszentren und vergleichbaren Einrichtungen entstanden und dient zum fachlichen Austausch sowie zur Vernetzung. Teilgenommen haben Volontärinnen und Volontäre aus dem gesamten Bundesgebiet und aus sehr unterschiedlichen Einrichtungen.

Vertreten waren neben der Gedenkstätte Lager Sandbostel bei dieser Tagung die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, die KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme, die Gedenkstätte Hadamar, die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde und die Gedenkstätte Zuchthaus Brandenburg-Görden, die NS-Dokumentation Vogelsang, die Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg, der Geschichtsort Hotel Silber vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, auch deren Abteilung Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit sowie die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz.

Die Vielzahl unterschiedlicher Orte ermöglichte vielschichtige Diskussionen mit zum Teil sehr unterschiedlichen Perspektiven und Erfahrungen. Über den Kreis der Teilnehmenden hinaus bestehen einige weitere Volontariate in anderen Gedenkstätten und Dokumentationszentren, die ebenfalls mit der Gruppe vernetzt sind.

Thema dieser Tagung waren bauliche Hinterlassenschaften aus der NS-Zeit sowie die diversen Nutzungskonzepte an Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren. Dazu sprachen Laura Miete (Gedenkstätte Hadamar) zur Restaurierung und Trans­lozierung der Busgarage in Hadamar, Johannes Lauer (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) zur Neukonzeption des historischen Steinbruchs Wurmstein in Flossenbürg und Mareike Schön (NS-Dokumentation Vogelsang) zu Aushandlungsprozessen zwischen Tourismus, Kultur und historisch-politischer Bildung auf dem Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang.

Ines Dirolf (Gedenkstätte Lager Sandbostel) führte die Teilnehmenden über das Gelände der Gedenkstätte Lager Sandbostel und beleuchtete ausführlich Fragen des Denkmalschutzes, der Restaurierung und des kontrollierten Verfalls sowie der Nachnutzungen vor Ort. Am 24. Januar diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit Andreas Ehresmann (Gedenkstätte Lager Sandbostel) und Juliane Hummel (Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten) diese Fragen in einem Expertengespräch.

In den Präsentationen zeigte sich, dass Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren oft mit ähnlichen Situationen konfrontiert sind: Es handelt sich meist um akut sanierungsbedürftige bauliche Hinterlassenschaften auf riesigen Arealen, die zum Teil denkmalgeschützt, allerdings durch Nachnutzungen stark überformt sind. Diese Nutzungen können sehr unterschiedlich sein und oft entstehen dadurch gegensätzliche Interessen. Den Gedenkstätten und Dokumentationszentren allein fehlen in der Regel die finanziellen Mittel, die Hinterlassenschaften komplett zu erwerben und zu erhalten. So gibt es in vielen Fällen weitere Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Investoren und Drittelmittelgeber, die in Entscheidungsprozesse involviert werden müssen. Das führt an den jeweiligen Orten zu sehr unterschiedlichen Wegen, mit der Situation umzugehen.

Der Steinbruch Wurmstein in Flossenbürg ist seit Jahrzehnten Ausgangspunkt für Debatten zwischen dem Freistaat Bayern, der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, der Gemeinde Flossenbürg, ortsansässigen Firmen sowie zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren. Die SS wählte Flossenbürg ganz bewusst als Standort für ein Konzentrationslager aus, da sich dort große Granitvorkommen befinden. Das Konzentrationslager verfügte über mehrere Steinbrüche und entwickelte sich schnell zum größten Wirtschaftsbetrieb in Flossenbürg. Zu Beginn wurden dort mehrere hundert, später tausende Häftlinge zur Arbeit unter schwersten Bedingungen gezwungen. Der dort abgebaute Granit wurde unter anderem zu Bauarbeiten für das entstehende Reichsparteitagsgelände in Nürnberg genutzt.

Heute finden geführte Touren zum Steinbruch seitens der Gedenkstätte statt, vor allem, um die Ausmaße des Lagers zu verdeutlichen. Allerdings können Besucherinnen und Besucher den Steinbruch nur bedingt besichtigen, da dort bis heute Granit abgebaut wird. Von vielen Akteurinnen und Akteuren vor Ort wird die Situation als der Opfer unwürdig betrachtet. Das Gelände selbst gehört dem Freistaat Bayern, der es an einen Unternehmer verpachtet hat. Dieser Pachtvertrag läuft im Jahr 2024 aus und soll nicht weiter verlängert werden. Die Gemeinde Flossenbürg sowie die ortsansässigen Unternehmen befürchten den Verlust von Arbeitsplätzen und Gewerbesteuereinnahmen, sollte der Steinbruch geschlossen werden. Für die Gedenkstätte wäre der Steinbruch mit den umliegenden Gebäuden jedoch ein enormer Zugewinn, der das Gedenkstättengelände in etwa verdoppeln würde.

Gedenkstättenleiter Jörg Skriebeleit hat daher Anfang dieses Jahres ein Konzept zur weiteren Nutzung des Steinbruchs für die Bildungsarbeit vorgelegt. So ist unter anderem eine Unterkunft für Gruppen geplant, die den Ort für Gedenk-, Bildungs- und Forschungsarbeit nutzen möchten. Zur Verfügung stehen sollen auch Arbeitsplätze für Studienzwecke sowie Veranstaltungs- und Ausstellungsräume. Die Universität Regensburg wird als Kooperationspartner in die Umsetzung miteinbezogen. Jörg Skriebeleit spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Memory Lab. Ziel sei es, wissenschaftlich, kulturell und künstlerisch Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz herzustellen. So soll vermieden werden, dass sich Formen der Erinnerungskultur ritualisieren und einen moralisierenden Charakter erhalten. Vorgesehen ist dafür ein ehemaliges Verwaltungsgebäude neben dem Steinbruch. Laut Skriebeleit ist nicht denkbar, dass parallel zu dieser Nutzung weiter Arbeiten im Steinbruch stattfinden. Dieser Wunsch scheint sich nun zu erfüllen, denn der Ministerrat in Bayern beschloss kürzlich, den Pachtvertrag nicht zu verlängern.

Eine andere Situation findet sich in der Gedenkstätte Hadamar, die an die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen erinnert. Allein in der Tötungsanstalt Hadamar wurden etwa 14 500 Menschen ermordet, zunächst über 10 000 im Rahmen der "Aktion T4" und später 4 500 im Zuge der "dezentralen Euthanasie".

Ende 1940 war die Anstalt Hadamar zu einer Tötungsanstalt mit Gaskammer und Krematorien umgewandelt worden. Auch eine Busgarage wurde gebaut, in der die zur Ermordung bestimmten Menschen in den sogenannten "Grauen Bussen" ankamen. Die Garage in Hadamar bot Platz für drei Busse, aus denen die ankommenden Menschen in das Gebäude der dortigen sogenannten Landesheilanstalt gebracht wurden. Ursprünglich stand die Garage dicht neben diesem Gebäude und diente zusammen mit einem durch Holz verkleideten Gang, der heute nicht mehr erhalten ist, dazu, die Ankommenden vor der Öffentlichkeit zu verbergen sowie eine mögliche Flucht zu unterbinden.

1948 wurde die Garage auf das zur Anstalt gehörende Hofgut versetzt und dort als Scheune genutzt, die jedoch zusehends verfiel. Sie ist damit auch Symbol für die Verdrängung der Geschichte des Ortes. Finanziert durch Fördermittel wurde ab 2003 mit der Planung für Sanierung und Translozierung der Garage begonnen, bis sie im Jahr 2006 im Innenhof der Gedenkstätte für Besuchende geöffnet werden konnte.

Die Busgarage in Hadamar hat einen hohen Denkmalwert, da sie die einzige bauliche Hinterlassenschaft ihrer Art ist. Auch in den anderen fünf Tötungsanstalten der sogenannten "Aktion T4" gab es Busgaragen, diese sind jedoch nicht mehr erhalten oder nicht zugänglich. Die Busgarage steht heute um einige Meter versetzt zum ursprünglichen Standort, der durch Pflastersteine im Boden markiert ist. Eine reine Rekonstruktion des historischen Zustandes sollte bewusst nicht vorgenommen werden. Am Gebäude selbst ist durch den unterschiedlichen Grad der Verwitterung sehr gut zu erkennen, welche Teile der Außenwände aus der NS-Zeit stammen und welche Teile saniert wurden.

Tafeln auf dem Außengelände und im Innenraum erläutern Besuchenden den ursprünglichen Zweck der Busgarage. Heute finden dort Bildungsprogramme und Gedenkveranstaltungen statt. Ende 2019 fiel die Entscheidung, die Gedenkstätte bis 2025 zu vergrößern. Mit den erweiterten Räumlichkeiten wird sich die Gesamtfläche der Gedenkstätte verdoppeln, die Ausstellungsfläche verdreifachen. Finanziert wird die Erweiterung zu 40 % aus Bundesmitteln sowie zu jeweils 30 % aus Mitteln des Landeswohlfahrtsverbandes und des Landes Hessen. Die Busgarage wird auch nach der Neugestaltung einen bedeutenden Teil der Ausstellung ausmachen.

Das Gelände der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang umfasst über 100 Hektar und zahlreiche historische Gebäude. Damit handelt es sich um eine der größten baulichen Hinterlassenschaften aus der NS-Zeit, an der die Herrschaftsarchitektur und der damit verbundene Anspruch eines vermeintlichen Herrenmenschentums ablesbar werden. Von 1936 bis 1939 fanden in Vogelsang Lehrgänge für zukünftige Parteifunktionäre der NSDAP statt. Mehrere hundert dieser Lehrgangsteilnehmer wurden ab 1939 in der zivilen Verwaltung der besetzten Ostgebiete eingesetzt und beteiligten sich dort an den Verbrechen der Nationalsozialisten.

Das gesamte Areal ist seit 2012 und mit Korrekturen seit 2018 als Flächendenkmal eingetragen und befindet sich darüber hinaus mitten im Nationalpark Eifel. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nutzten zunächst die britische Armee, dann ab 1950 die belgische Armee und die NATO das Gelände als Truppenübungsplatz. Ende 2005 wurde das Gelände an die Bundesrepublik Deutschland übergeben. Von Seiten des Bundes bestand jedoch kein Interesse, das Areal zu nutzen, sodass über die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben der schrittweise Verkauf von Geländeabschnitten und Gebäuden begonnen wurde. Die Verantwortung für eine mögliche Nutzung für historisch-politische Bildung am Ort sah man auf der kommunalen Ebene. Da das Gelände jedoch für den Kreis Euskirchen und die Belegenheitsgemeinde Stadt Schleiden viel zu groß und finanziell nicht alleine zu tragen war, wurde von den umliegenden Kreisen, dem Landschaftsverband Rheinland (Kommunalverband), der Stadt Schleiden und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens eine gemeinnützige GmbH gegründet, die die zentralen Gebäude der Anlage übernahm und als wesentliche Programmgestalterin mit einem Leitbild für den Ort eintrat. Diese gemeinnützige GmbH trägt auch die NS-Dokumentation Vogelsang.

In den Gebäuden der GmbH befinden sich heute eine Dauerausstellung zur NS-Zeit, eine Dauerausstellung des Nationalparkzentrums sowie Seminar- und Veranstaltungsräume. Weitere Geländeteile wurden unter anderem vom Deutschen Roten Kreuz, vom Naturschutzbund und von privaten Nutzern erworben, zudem ist das Bistum Aachen als Mieterin vertreten. Die Bezirksregierung Köln unterhält gemeinsam mit der Kommune überdies eine vom DRK betriebene Flüchtlingsunterkunft auf dem Gelände. Ein Schwimm- und Sportverein nutzt die Sportanlagen aus der NS-Zeit. Ein privater Investor betreibt ein Gästehaus. Zwei weitere Investoren haben erst kürzlich große Teile des Geländes und der historischen Bausubstanz erworben, um dort weitere touris­tische Unterkünfte einzurichten. Darüber hinaus wurden große Teile der historischen Gebäude im letzten Jahr an private Sammler verkauft, die beispielsweise planen, dort ein Oldtimermuseum einzurichten.

Dieses Konglomerat an unterschiedlichen Interessen und Zielen ist eine Herausforderung in der täglichen Arbeit und kann auf Besucherinnen und Besucher mitunter irritierend wirken. Es bietet jedoch auch Chancen insofern, als dass Denkmalschutzaspekte leichter umzusetzen sind. Die Sportanlagen beispielsweise sind weitgehend im Originalzustand erhalten, da sie fast durchgehend weiter genutzt wurden. Ohne diese Nutzung würden die alten Filteranlagen des Schwimmbades verfallen. Zudem hat sich gezeigt, dass sich diese zum Teil sehr kontroversen Aushandlungsprozesse über die Nutzung des Ortes fruchtbar machen lassen für die Bildungsarbeit. Sowohl mit Erwachsenengruppen, als auch mit Schülerinnen und Schülern lässt sich anhand der Beispiele diskutieren, wie an einem Ort nationalsozialistischer Täterschaft erinnert werden sollte, welche Verantwortung dabei jeder Einzelne trägt und welche Verantwortung bei der Politik liegt.

Wieder eine andere Situation findet sich in der Gedenkstätte Lager Sandbostel. Das noch erhaltene Barackenensemble des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Stalag XB ist durch zahlreiche Nachnutzungen mehrfach baulich überformt worden. Das überhaupt noch Gebäudeteile stehen, ist Resultat dieser vielfältigen Nachnutzungen und der damit einhergehenden Instandhaltung. Diese reichen von Unterkünften für Geflüchtete aus der ehemaligen DDR über einen Militaria-Handel bis hin zu einem Schafstall. Seit 1992 stehen 23 Gebäude des Areals unter Denkmalschutz. Jedoch wurden aufgrund fehlender Forschung teilweise historische Gebäude nicht als solche erkannt und teilweise Gebäude unter Schutz gestellt, die aus der Nachkriegszeit stammten. Im Jahr 2005 begann die kurz zuvor gegründete Stiftung Lager Sandbostel stückweise mit dem Ankauf und der Sanierung von Gelände und Gebäuden.

Große Teile des ehemaligen Lagergeländes befinden sich bis heute im Privatbesitz und sind nicht öffentlich zugänglich. Dazu zählen ein privates Unternehmen, ein Tier-Gnadenhof und die örtliche Straßen­meisterei sowie privater Wohnraum. Von der Zufahrtsstraße zur Gedenkstätte lässt sich jedoch die historische Lagerstruktur gut nachvollziehen.

In den Jahren der Nutzung durch die Gedenkstätte haben ebenfalls verschiedene Formen der Aneignung und Überformung des Geländes stattgefunden. Die Gebäudereste sind inzwischen größtenteils marode und zum Teil bereits stark verfallen. Gerade das scheint jedoch besonders stark auf Besuchende zu wirken. Beobachtungen zeigen, dass die am stärksten verfallenen Baracken am häufigsten fotografiert werden. Aber auch neue Elemente sind in den vergangenen Jahren hinzugekommen. In einem Schülerprojekt sind beispielsweise mehrere Holzbettgestelle entstanden, die den mehrstöckigen Pritschen anderer Konzentrationslager nachempfunden wurden. Sie sollten den Schülerinnen und Schülern einen Eindruck von der Enge der Baracken vermitteln. Allerdings haben sich solche Pritschen vermutlich nie im Kriegsgefangenenlager befunden. Es ist davon auszugehen, dass die Kriegsgefangenen einfach auf dem Boden schlafen mussten. Einerseits ist der Eindruck, der durch die Gestelle im Raum entsteht, tatsächlich sehr stark. Ein völlig leerer Raum wirkt anders und vor allem größer, als ein Raum, in dem sich mehrere dreistöckige Pritschen befinden. Andererseits wird durch die Gestelle die tatsächliche historische Situation verfälscht und es werden aus Medien bekannte Bilder von Konzentrationslagern perpetuiert, die gegenüber Besuchenden oft emotionalisierend wirken. Ein ähnliches Beispiel sind die Beschriftungen, die von einem Filmteam für Dreharbeiten an einer der Außenwände der Baracken angebracht wurden. Alle diese Nutzungen haben Spuren an den Gebäuden und auf dem Gelände hinterlassen, die für Besuchende nur zum Teil als solche ablesbar sind. Daher hat sich das Team der Gedenkstätte dafür entschieden, diese Überformungen ganz bewusst zu erhalten, für die Bildungsarbeit zu nutzen und zu thematisieren.

So weit möglich, soll der Zustand des Geländes zum Zeitpunkt der Erwerbung durch die Stiftung erhalten werden. Ersetzt werden lediglich für die Statik und den Erhalt relevante Bauteile, die jedoch als neue Elemente zu erkennen sind. Rekonstruktionen finden nicht statt.

Im Anschluss an die Vorträge und im Expertengespräch wurden darüber hinaus die folgenden Aspekte diskutiert: Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger decken in ihrer Arbeit und über ihren gesetzlichen Auftrag in der Regel ein sehr breites Feld an Themen ab. Bau- und Bodendenkmäler aus der NS-Zeit sind dabei erst in den letzten zehn bis 15 Jahren in den Blick gerückt. Zur Beurteilung des Erhaltungswertes eines Gebäudeensembles bedarf es jedoch meist umfassender Forschung. Denkmalpflegerinnen und Denkmalpfleger sind daher auf die fachliche Beratung der Akteurinnen und Akteure am jeweiligen Ort angewiesen. Sie haben zudem einen sehr breiten individuellen Ermessensspielraum in ihren Entscheidungen und sind, wie die beschriebenen Beispiele zeigen, häufig nicht die einzigen Akteurinnen und Akteure mit bestimmten Interessen. Gibt es vor Ort beispielsweise dominierende wirtschaftliche Interessen, die dem Denkmalschutz oder der historisch-politischen Bildung entgegenstehen, sind die Chancen für bauliche Veränderungen im Interesse der Gedenkstätten schlecht. Örtliche Gegebenheiten wie Erhaltungszustand, Eigentümerschaft, aber auch die jeweilige Geschichte des Ortes selbst beeinflussen Entscheidungen für eine Nachnutzung historischer Bausubstanz ebenfalls. Je nachdem, was sich dort findet und wie ein Ort wirkt, fallen Aushandlungsprozesse also sehr unterschiedlich aus. Das heißt, eine Meisterlösung für die Nachnutzung gibt es nicht.

Eine wesentliche Rolle spielen auch Erwartungen, die Besuchende mitbringen. Sie richten sich zumeist auf ein möglichst authentisches Erlebnis, das jedoch nicht immer im Sinne der Denkmalpflege oder der Bildungsarbeit ist. Unter Mitarbeitenden in Gedenkstätten und Dokumentationszentren besteht einerseits weitgehend Konsens darüber, dass historische Orte nicht auratisiert werden sollten. Andererseits ist eine auratische Wirkung auf Besuchende nicht von der Hand zu weisen, sobald die Geschichte des Ortes ablesbar wird. Anders gesagt: Die Nachnutzung für historisch-politische Bildung ist immer auch ein Versuch, Aura herzustellen. Besuchende bringen ihrerseits die Erwartung mit, an einem historischen Ort wie einer Gedenkstätte etwas zu fühlen. Finden sie dort nichts vor, was an die Geschichte des Ortes erinnert, kann das für sie sehr irritierend sein. Es ist demnach notwendig, über Vermittlung die Geschichte des Ortes lesbar zu machen. Die durch Medien internalisierten Bilder von Nationalsozialismus und Holocaust werden aber durch Rekonstruktionen historischer Bauten häufig weiter gefestigt, sodass jede Form des Lesbarmachens historischer Orte die Gefahr birgt, eine vermeintliche Eindeutigkeit oder gar Verfälschungen der Geschichte zu erzeugen. Es gilt also, bei Nutzungskonzepten für historische Bausubstanz insbesondere die Diskrepanz zwischen Besuchenden-Erwartung und wissenschaftlichem Anspruch zu überbrücken.

Historische Bausubstanz, vor allem Überreste von Lagern aus der NS-Zeit, verfallen irgendwann zwangsläufig und die Sanierung ist häufig ein zeit- und materialintensiver Prozess, der bereits seit mehreren Jahren stattfindet. Dies führt zu der Frage, wann die Sanierung aufhört und wann die Rekonstruktion anfängt. Die Beispiele aus Hadamar und Sandbostel zeigen, dass insbesondere Holzbaracken sehr schnell verfallen. Innerhalb weniger Jahre werden die sanierten Teile von den historischen Überresten kaum noch zu unterscheiden sein und die ursprüngliche Bausubstanz wird komplett ersetzt werden müssen. Mit den Sanierungsarbeiten geht jedoch immer intensive Forschung einher, die oftmals neue Erkenntnisse bringt. Sie generieren zudem zusätzlich eine temporäre Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit für Gedenkstättenarbeit.

Abschließend diskutierten die Teilnehmenden mögliche Lösungsansätze für diese Problemstellungen. Orientierung können dabei die folgenden Fragen bieten: Was ist vor Ort noch erhalten und zu sehen und was nicht? Was will ich vermitteln? Welche Bilder möchte ich Besuchenden mitgeben und welche nicht? Welchen Zustand der historischen Nutzung will ich eigentlich erhalten und was ist davon noch sichtbar? Wie mache ich Überformungen sichtbar? Dabei gilt es zu beachten, dass auch Gedenkstätten bestimmte Bilder im Kopf der Besuchenden erzeugen. Geschichtsschreibung bleibt, genau wie der Erhalt des Status quo eines Gebäudes, am Ende immer eine Konstruktion. Die Chancen liegen darin, genau diese Konstruktionen von Geschichte sichtbar zu machen und für die Vermittlungsarbeit zu nutzen. So können Besuchende nicht nur etwas über die Geschichte des Ortes selber lernen, sie werden zugleich dazu angeregt, sich kritisch reflektierend mit Geschichte und Geschichtsschreibung auseinander zu setzen.

Die nächste Fachtagung wird vom 29. bis zum 31. 7. 2020 in der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg stattfinden. Interessierte Volontärinnen und Volontäre, die an Orten der Aufarbeitung des Nationalsozialismus arbeiten, sind herzlich eingeladen, an den Fachtagungen teilzunehmen.

Dazu senden Sie einfach eine E-Mail an: lennart.onken@gedenkstaetten.hamburg.de

Mareike Schön studierte Geschichte und Germanistik an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und war dort mehrere Jahre am Lehrstuhl für Neuere Geschichte tätig. Zur Zeit absolviert sie ihr wissenschaftliches Volontariat bei der NS-Dokumentation Vogelsang | Akademie Vogelsang IP.