Annette Leo und Peter Reif-Spirek

"Es darf sich dort entsprechend der vorhandenen Hinweisschilder frei bewegt werden"

Gedenkstättenrundbrief 87 S. 12-20

Eine Analyse von Berichten Thüringer LehrerInnen über Klassenfahrten zur Gedenkstätte Buchenwald

Die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen fördert im Rahmen ihrer historischen Bildungsarbeit Fahrten zu den Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. In den Auswertungsberichten informieren die Schulen, die eine Förderung erhalten, über Motive und die Art der Vor- und Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs. Sie schildern den Ablauf der Besichtigung, geben Auskunft über gewählte Schwerpunkte und referieren häufig Meinungen von Schülern.

Der Analyse liegen 84 Berichte aus den Jahren 1997 und 1998 zugrunde. Der größte Teil von ihnen (51) stammt von Lehrern staatlicher Regelschulen, 15 von Gymnasiallehrern, drei aus Schulen mit lernbehinderten Schülern, ein Bericht kam von einem Berufsbildungszentrum. Elf Texte waren von Schülern verfaßt und den jeweiligen Lehrerberichten beigefügt worden.

Die meisten Berichte geben Auskunft über den Besuch von einer oder mehreren 9. oder 10. Klassen der jeweiligen Schule in der Gedenkstätte Buchenwald. Eine Förderung durch die Landeszentrale ist erst ab dieser Klassenstufe möglich. Gleichwohl fahren viele Thüringer Schulen – wie zu DDR-Zeiten – bereits mit den 8. Klassen nach Buchenwald, auch ohne daß eine adäquate schulische Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus erfolgt ist. Auch eine andere Tradition findet ohne unsere finanzielle Unterstützung ihre Fortsetzung. Kurz vor Schuljahresende häufen sich die Anträge auf Förderung einer Gedenkstättenfahrt. In der Regel handelt es sich hier um die Abschlußklassen, denen man durch eine KZ-Besichtigung offensichtlich einen »heilsamen Schock für das weitere Leben« versetzen will. Zum Teil geht es auch einzig und allein um Beschäftigungstherapie vor den großen Ferien. Durch solche pädagogische Verantwortungslosigkeit wird jeder Gedenkstättenbesuch entwertet, und die Jugendlichen werden mit ihren Erfahrungen allein gelassen.

Diese Analyse wird sich auf Besuche der Gedenkstätte Buchenwald konzentrieren, denn nur sehr wenige Thüringer Schulklassen besichtigen andere ehemalige Konzentrationslager – selbst Mittelbau-Dora spielt eine absolut nachgeordnete Rolle. Das KZ Buchenwald gilt Thüringer Schulen als das Symbol für Konzentrationslager, NS-Terror und massenhaften Mord. Seine spezifische Rolle im Rahmen des KZ-Systems, die zudem im Verlaufe seiner Existenz mehreren einschneidenden Veränderungen unterworfen war, kommt den meisten Schulklassen nicht ins Blickfeld, weil alle Funktionen und Alltagsvorstellungen von Konzentrationslagern auf Buchenwald projiziert werden.

 

Vorbereitung auf den Besuch in der Gedenkstätte

In den Berichten der Lehrer werden hier meist die das Thema betreffenden Lehrplan-Teile der 9. bzw. 10. Klassen für die Fächer Geschichte, Deutsch und Sozialkunde wiedergegeben. Man kann daraus natürlich nicht entnehmen, über welche Vorkenntnisse die Schüler tatsächlich verfügen. Aber es ist immerhin erfreulich, daß das Thema Konzentrationslager als ein interdisziplinäres Thema angesehen wird. Nur sehr selten gibt es eine besondere, auf den Anlaß zugeschnittene Vorbereitung, die die Schüler mit der Entwicklung des KZ-Systems und dem Stellenwert von Buchenwald vertraut macht.

Mit den historischen Begriffen haben übrigens manche Lehrer ihre Schwierigkeiten, was ein Licht auf ihre eigene Vorbereitung auf das Thema wirft. Manche Lehrer schreiben von den Verbrechen des »Faschismus«, manche vom »Nationalsozialismus«. Ein Lehrer schrieb von »der Zeit des Faschismus und der Gewaltherrschaft«. Im Bericht eines Gymnasiums in Zeulenroda war die Rede von einem »unrühmlichen Abschnitt des Dritten Reiches«, den die Schüler aufarbeiten sollten, so als ob es auch rühmliche »Abschnitte« gegeben habe. Im Schreiben des Berufsbildungszentrums Bad Salzungen wurde als Vorbereitungsthema »Die Geschichte des Deutschen Reiches« genannt, vermutlich war das »Dritte Reich« gemeint, die Vorbereitung wäre sonst ein wenig lang ausgefallen.

Das Buch und der Film »Nackt unter Wölfen«, die zu DDR-Zeiten gewiß als einzige Pflicht-Vorbereitung für einen Besuch in Buchenwald galten, werden auch heute noch am allerhäufigsten genannt – allerdings kaum in den Berichten aus den Gymnasien. Es folgen »Schindlers Liste«, »Das Tagebuch der Anne Frank«, »Die Welle«, ganz vereinzelt werden Bücher wie »ZehnNullNeunzig in Buchenwald« von Rolf Kralovitz oder »Der SS-Staat« von Eugen Kogon herangezogen.

Während »Schindlers Liste« und »Das Tagebuch der Anne Frank« explizit als Vorbereitung für den Schwerpunkt »Judenverfolgung« benannt werden, gilt »Nackt unter Wölfen« offenbar noch immer als die Möglichkeit der Grundinformation und der emotionalen Einstimmung auf Buchenwald. Offenbar hat es hier keinerlei Neubewertung des Buches als spezifisches Zeugnis kommunistischer Erinnerung an das Lager gegeben, sondern der Roman von Bruno Apitz wird den Schülern als die Realgeschichte von Buchenwald präsentiert. Das große Erinnerungsbuch von Jorge Semprún »Was für ein schöner Sonntag!«, das auch einen genauen Blick auf die inneren Machtstrukturen der sogenannten Häftlingsselbstverwaltung und die damit verbundenen moralischen Verwerfungen ermöglichen könnte, spielt im Thüringer Schulalltag ebensowenig eine Rolle wie der »Roman eines Schicksallosen« von Imre Kertesz, obwohl es zu beiden Autoren zahlreiche Fortbildungsveranstaltungen der Landeszentrale – und anderer Träger – gegeben hat.

 

»Die Unschuldigen sind die, die gestorben sind. Aber einer, der das durchlebt hat, kann einfach nicht ganz ohne diese allgemeine menschliche Beschmutzung sein.«

(Kertesz im Spiegel-Interview, 18/1996)

 

Es fällt den Pädagogen offensichtlich schwer, den Gedanken an Zerstörung und Beschädigung der Opfer überhaupt zuzulassen. Sowohl der Spielberg-Film als auch Apitz lassen demgegenüber einen unbeschädigten Kern – im »guten« Schindler oder in dem kommunistischen Lagerwiderstand –, der als »pädagogischer Orientierungspunkt« dient.

Zur Vorbereitung des Besuchs zählten viele Lehrer auch eine Belehrung der Schüler über angemessenes Verhalten in der Gedenkstätte. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, an der nur befremdlich scheint, daß die Betreffenden dies in ihren Berichten für hervorhebenswert hielten, oder anders ausgedrückt, welchen hohen Stellenwert sie den Fragen von »Ordnung und Disziplin« in diesem Zusammenhang zumessen. Bis ins Groteske übersteigert war diese Haltung im Falle des Merkblattes einer Weidaer Regelschule – unterschrieben vom Schulleiter, dem Fach- und dem Klassenlehrer –, in dem fünf Verhaltensregeln aufgelistet waren, die von den Schülern sowie ihren Eltern abgezeichnet werden mußten. Der Polizeiton dieser »Belehrung« dürfte wohl schon im Vorfeld jegliche Erwartung und Aufgeschlossenheit bei den Schülern beseitigt haben:

 

»…1. Während der Besichtigung sollte nie vergessen werden, daß auf dem gesamten Gelände zigtausend Menschen ermordet wurden, verhungert oder erfroren sind. Das persönliche Auftreten muß deshalb darauf ausgerichtet sein.

2. Auf dem gesamten Gelände sind das Einnehmen von Speisen und Getränken sowie das Rauchen untersagt.

3. Hinweisen oder Anweisungen der dort tätigen Mitarbeiter und der begleitenden Klassen- und Fachlehrer ist Folge zu leisten.

4. Es darf sich dort entsprechend der vorhandenen Hinweisschilder frei bewegt werden.

5. Sämtliche Äußerungen oder Handlungen zur Verherrlichung des Nationalsozialismus sind verfassungswidrig und werden strafrechtlich verfolgt«.

 

In solchen Sekundärtugenden-Traktaten zeigt sich der reale Stand der Erneuerung des Schulsystems in den neuen Bundesländern.

 

Schwerpunkt Konzentrationslager oder Speziallager

Vorangestellt sei hier, daß die überwiegende Mehrzahl der Gedenkstättenbesuche dem Konzentrationslager aus der NS-Zeit galt. Häufig wurde das Speziallager als Nachgeschichte des KZ den Schülern gegenüber erwähnt, seltener der Besuch der Speziallager-Ausstellung als fakultativer Programmpunkt nach der KZ-Ausstellung den Schülern angeboten – was schon aus Zeitgründen nicht oft realisiert werden konnte. Nur vereinzelt bildete das Speziallager den eigentlichen Schwerpunkt des Besuchs, hier meist als Vertiefung oder Fortsetzung einer früheren Exkursion, in der das KZ im Mittelpunkt stand.

Die NS-Zeit sollte zwar auch weiterhin bei einem Besuch in Buchenwald im Vordergrund stehen, allerdings kommt das Speziallager – sicher auch aufgrund der Tatsache, daß die Ausstellung erst Mitte 1997 eröffnet wurde – dabei bisher zu kurz. Eine stärkere Berücksichtigung der Geschichte nach 1945 erfordert allerdings eine bessere Vorbereitung der Lehrer bzw. der begleitenden Personen. Aus den Berichten ist der Eindruck zu gewinnen, daß die Lehrer bei diesem Thema noch unsicherer sind als im Fall der NS-Problematik. Es fehlt offensichtlich noch an einer verbindlichen Deutung, an der sie sich orientieren können. Mit Ausnahme des Gymnasiums Pößneck und der Regelschule Dachwig, wo das Speziallager den Schwerpunkt bildete und aus den Berichten eine gründliche Vorbereitung ablesbar ist, spiegelt sich diese Unsicherheit in den Berichten wider. So, wenn eine Lehrerin schreibt, sie habe sich bemüht, die Fragen der Schüler »nach bestem Wissen und Gewissen« zu beantworten, oder wenn das Speziallager als ein Ausdruck des »Linksradikalismus« gedeutet wird oder aber der Satz fällt, die russische Besatzungsmacht habe »Gleiches mit Gleichem vergolten«.

Deutlich wird aber andererseits aus den knappen Erwähnungen des Speziallagers, daß die Schüler anders darauf reagieren als auf die Behandlung des Themas Konzentrationslager. Worte wie »unfaßbar« oder »unvorstellbar« fallen zum Beispiel in diesem Zusammenhang nicht. Die Erinnerung an das Speziallager ist mit den Erfahrungen der Familien – sowohl der Schüler als auch der Lehrer – viel enger verbunden als die Erinnerung an das Konzentrationslager. In fast jedem der wenigen Berichte über den Besuch der Speziallager-Ausstellung wird erwähnt, daß SchülerInnen die Namen ihrer Großväter und anderer Verwandter in den Totenlisten gefunden haben. Trotz des jahrzehntelangen offiziellen Schweigens, trotz großer Unsicherheit in der Bewertung ist diese Geschichte nicht eigentlich fremd.

 

Schwerpunkt Judenverfolgung

Wenn im Rahmen des NS-Kontextes eine weitere thematische Eingrenzung für die Besuche in den Berichten benannt wird, so bezieht sie sich meist auf das Thema »Judenverfolgung«. Hier wird deutlich, daß das Thema »Holocaust« inzwischen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung auch der neuen Bundesländer zu einem zentralen Punkt der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus geworden ist. Aus den Berichten ist allerdings nicht in jedem Fall ablesbar, daß die betreffenden Lehrer das Thema »Juden in Buchenwald« als ein mögliches Thema der Beschäftigung mit dem Konzentrationslager ansehen, sondern vielfach gewinnt man den Eindruck, daß Holocaust und KZ Buchenwald als Synonyme angesehen werden. Die Unsicherheit von Lehrern – sicher nicht von allen – mit den Begriffen und damit auch mit den Problemen soll hier ein Zitat veranschaulichen:

 

»Anlaß unserer Exkursion war die Auseinandersetzung mit dem Judentum, seiner Entwicklung über die Jahrhunderte hinweg und seine Behandlung in Deutschland zur Zeit des Hitlerfaschismus…«

 

Das Besichtigungsprogramm der betreffenden Klasse in der »Zentralen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald«, wie es in der Überschrift des Berichtes hieß, ließ jedoch keine besondere Hinwendung zum Thema »Juden in Buchenwald« erkennen.

 

Motive für die Fahrt nach Buchenwald

Motive für die Gedenkstättenfahrt werden in den Berichten fast immer genannt. Offenbar bemühen sich die Berichteschreiber, dem Eindruck oder vielleicht sogar Vorwurf vorzubeugen, hierbei handele es sich um eine ritualisierte und sinnentleerte Pflichtübung, die noch aus DDR-Zeiten überkommen ist. Sehr oft wird betont, die Initiative für einen Besuch der Gedenkstätte sei vor allem von den Schülern ausgegangen. Folgende Gründe für den Besuch der Gedenkstätte werden häufig erwähnt:

 

• Veranschaulichung des Unterrichts über NS-Geschichte,

• Konfrontation mit historischen Fakten über Judenverfolgung bzw. Verfolgung Andersdenkender,

• Buchenwald als Teil der Regionalgeschichte,

• Eine Buchenwaldfahrt als unerläßlicher Teil der Allgemeinbildung, als »Tradition«, die »den 9. Klassen mit auf ihren Lebensweg gegeben« werden soll, wie es in einem Bericht formuliert ist.

 

Am häufigsten genannt wird der Wunsch, der Besuch der KZ-Gedenkstätte könnte helfen, »rechtem Gedankengut durch sachliche Kenntnisse Einhalt zu gebieten«. Oder:

 

»Angesichts rechtsradikaler Ausschreitungen in der Gegenwart sollte sich jeder junge Mensch der zwölfjährigen faschistischen Vergangenheit Deutschlands bewußt sein.«

 

Manche Lehrer erwähnen in ihren Berichten auch neonazistische Äußerungen von Schülern ihrer Schule oder Klasse, denen sie dann mit einer Exkursion nach Buchenwald zu begegnen suchten.

Beim Lesen der Berichte drängt sich allerdings der Eindruck auf, daß Lehrer die möglichen Wirkungen eines solchen Besuches überschätzen, daß sie sich davon eine Art Immunisierung der Schüler gegen rechte und rassistische Parolen versprechen. In der Auseinandersetzung mit dem modernen Rechtsextremismus ist jedoch der Stellenwert von Gedenkstättenpädagogik eher als begrenzt zu veranschlagen. Sie hat eine nicht zu unterschätzende, verstärkende Funktion für die Jugendlichen, die sich gegen den Rassismus und andere Ausgrenzungspolitiken wehren wollen. Die historische Dokumentation am authentischen Ort des Verbrechens bleibt aber gegenüber neueren Tendenzen des Neonazismus häufig ohnmächtig, weil diese die Konzentrationslager nicht mehr wie bisher geschichtsrevisionistisch leugnen oder verharmlosen, sondern sogar als »Mustereinrichtungen« verteidigen und die Gedenkstätten als rechtes Ausflugsziel ansehen.

Es ist in erster Linie nicht der Mangel an historischer Bildung, der Jugendliche zu rechtsradikalen Äußerungen führt. Vielmehr geht es um aktuelle Probleme und Erfahrungen von alltäglicher Ohnmacht, die rassistisch umgedeutet werden, weil so scheinbar Stärke und Sicherheit gewonnen werden kann. Die Auseinandersetzung muß daher in der Gegenwart und von der gegenwärtigen Situation der Schüler ausgehend geführt werden, anstatt selbst eine Problemverschiebung in die Geschichte vorzunehmen.

In einigen Fällen erhoffen sich Lehrer von Buchenwald eine Art abschreckende Wirkung. Sie wünschen sich vielleicht, daß neonazistische Sprüche und Symbole wieder ähnlich tabuisiert sein würden, wie sie es aus ihrer eigenen Jugendzeit und ihrer Zeit als Lehrer in der DDR erinnern.1 Zitat einer Lehrerin aus Zeulenroda:

 

»Man braucht als ›Unbeteiligter‹ teilweise auch Schockerlebnisse, um seine Vorstellungskraft und damit auch sein Urteilsvermögen zu aktivieren«.

 

Solche Erwartungen und Wünsche an eine Gedenkstättenfahrt sind als Ausdruck der Hilflosigkeit, aber auch der Gedankenlosigkeit von Lehrern anzusehen. Für den Besuch der Gedenkstätte ist diese Haltung geradezu kontraproduktiv. Sie ignoriert nämlich völlig die Sensibilität und die Phantasie von Jugendlichen, die in diesem Alter vor allem emotional reagieren. Anstatt sie an den authentischen Orten – im Krematorium, der Genickschußanlage, dem Bunker usw. – einer Schocktherapie auszusetzen, müßten sie eher vor der Überwältigung durch die Zeugnisse von Grausamkeit, Leid und Tod geschützt werden, damit noch Raum für Lernen, Fragen und Nachdenken bleibt.

Die Berichte der Schüler zeugen von den starken Gefühlsregungen, die die Jugendlichen auf ihre Weise zum Ausdruck bringen. Sie schreiben davon, daß ihnen »mulmig wurde«, daß sie »weiche Knie« bekamen, daß »eine Gänsehaut« sie überlief. Im Bunker und im Krematorium werden sogar »süßlicher Geruch« oder »fürchterlicher Gestank« wahrgenommen und mit den Vorgängen der Vergangenheit in Verbindung gebracht. »Erschreckend«, »erschütternd,« »unfaßbar« sind die meistgebrauchten Adjektive. »Am Abend, als ich im Bett lag, konnte ich die furchtbaren, erschütternden Bilder nicht vergessen«, schreibt ein Schüler oder eine Schülerin. »Ich lebe heute«, schreibt ein anderer, der damit wohl am deutlichsten sein Bedürfnis nach Abgrenzung, nach Distanz zu dem Geschehenen zum Ausdruck bringt.

 

Ablauf des Besuchs und Zeitplan

Mit Ausnahme der Berichte einiger Projektgruppen wird der Ablauf des Besuchs in der Gedenkstätte fast immer gleich geschildert:

Nach der Ankunft und Anmeldung wird der Einführungsfilm »Häftlinge von Buchenwald, wir eilen Euch zur Hilfe« angeschaut. Es folgt die Erläuterung des Lagermodells seitens einer Mitarbeiterin/eines Mitarbeiters der Gedenkstätte sowie die Führung über das Gelände und zu den wichtigsten Orten: Caracho-Weg, Eingangstor, Bunker, Genickschußanlage, Leichenkeller, Krematorium. Seltener werden Bärenzwinger und alter Bahnhof erwähnt. Danach haben die Schüler meist die Gelegenheit, sich selbständig die Ausstellungen über das Konzentrationslager und – wenn noch Zeit bleibt – das Speziallager anzuschauen. Gegen Mittag, nach drei bis fünf Stunden Aufenthalt in der Gedenkstätte, erfolgt meist die Rückfahrt, manchmal auch die Fahrt nach Weimar, wo noch die Häuser von Goethe und Schiller besichtigt werden.

Die Einförmigkeit des Ablaufs verwundert ein wenig. Offenbar wird diese Art der Besichtigung als die einzige Möglichkeit angesehen, Jugendliche zum ersten Mal durch eine Gedenkstätte zu führen. Insgesamt steht zwischen Ankunft und Abfahrt viel zu wenig Zeit zur Verfügung. Weitergehende, ganztägige Angebote der Gedenkstätte, die auch ein intensiveres Bearbeiten spezifischer Aspekte ermöglichen könnten, werden nicht bzw. nur unzureichend genutzt.

Besonders fragwürdig ist der anschließende Besuch der »Klassikerstätten« in Weimar. Dies wird aber – zumindest von einigen Lehrern – als eine Art lehrreiches Wechselbad angesehen.

 

Meinungen, Einschätzungen von Lehrern und Schülern

Die Lehrer äußern in den Berichten nur selten explizit ihre eigene Meinung. Meist geben sie die Äußerungen ihrer Schüler wieder. Beim Lesen der Berichte mußte man sich oft fragen, ob hier nicht die Reaktion und Einschätzung der Lehrer in den Schülermeinungen verpackt war; vor allem, wenn es um den Wunsch nach mehr Anschaulichkeit in der Darstellung des Geschehenen geht. Solche Äußerungen finden sich in der Mehrzahl der Berichte. Angefangen mit der legitimen Enttäuschung der Jugendlichen, keine Häftlingsbaracke besichtigen zu können, geht es weiter mit der Wertung, die Ausstellung sei zu sachlich und unemotional und endet mit der Enttäuschung – wohl primär der Lehrer – darüber, daß die handfesten Beweise für die Grausamkeit der SS heute nicht mehr gezeigt werden. Hierzu einige Beispiele:

 

»Die Erwartungen der Jugendlichen hinsichtlich der Originalgebäude im Gelände wurden nicht erfüllt. Krematorium, Genickschußanlagen, Arrestzellen nahm man positiv auf, bekam konkrete Vorstellungen, wobei das Krematorium für einige zu ›sauber‹ wirkte, einfach realitätsfern. Das soll nicht heißen, daß dieser Ort ›kalt‹ ließ. Aber gerade aufgrund der schrecklichen Ereignisse sollte der Raum nicht so aufgeräumt, so ›sauber‹ aussehen, sondern ein bißchen mehr Wirklichkeit vermitteln.«

 

Was stellt sich dieser Lehrer, der sich deutlich mit den Erwartungen seiner Schüler identifiziert, dabei unter »Wirklichkeit vermitteln« vor? Sollten vielleicht ein bißchen Asche oder ein paar Knochenreste vor den Öfen ausgelegt werden, könnte man zynisch fragen. Hier wird vor allem zum Ausdruck gebracht, daß Dinge vermißt werden, die in der alten Ausstellung zu sehen waren:

 

»Allerdings vermißten die Schüler einige Ausstellungsexponate, die sie von den Erzählungen der Eltern her kannten.«

»Die Schüler erhofften bestimmte Gegenstände, wie Lampenschirme aus Menschenhaut oder Schrumpfköpfe, nicht nur auf den Bildern wiederzufinden. Außerdem wäre es für sie interessant gewesen, eine Baracke zu besichtigen, in der die Häftlinge untergebracht waren.«

»Da noch wenige Zeugnisse an das Lagerleben erinnern, waren sie von der neuen Ausstellung enttäuscht. Viele wurden noch von den Eltern oder anderen Erwachsenen darauf vorbereitet, was sie alles zu sehen bekommen und vertreten nun die Meinung, daß sie durch die neue Konzeption der Gedenkstätte sich kein vorstellbares Bild machen können«.

 

Besonders bei der letzten Äußerung scheint deutlich die Meinung des Lehrers durch, der die frühere Ausstellung kennt und nun nicht mehr weiß, wohin mit seiner Pädagogik. Wie sehr die Enttäuschung über die verlorengegangene Anschaulichkeit durch die neue Ausstellung mit dem oben erörterten pädagogischen Konzept der Abschreckung und Schockwirkung im Zusammenhang steht, zeigen die folgenden Zitate:

 

»Eine Meinung einiger Schüler möchte ich noch mit einarbeiten, nämlich, daß die Ausstellung auch wirklich die Grausamkeiten darstellen muß, damit allen Menschen klar wird, daß so etwas nie wieder sein darf.«

»…vermißten viele die wirklich schockierende, abschreckende Mahnung.«

 

Einzelne Elemente des in der DDR ritualisierten Umgangs mit dem KZ Buchenwald sind offenbar in den Vorstellungen der Lehrer und wahrscheinlich auch der Eltern der Schüler so fest verwurzelt, daß das Angebot der neuen Ausstellung im Hinblick auf einen anderen Zugang zur Vergangenheit bisher nur widerstrebend angenommen wird. Das geht sogar so weit, daß die Schüler, die aus eigener Anschauung die DDR-Geschichtsbilder gar nicht mehr kennen, darauf fixiert bleiben.

In mancher anderen Hinsicht ist aus den Berichten jedoch auch eine Verschiebung des Blickwinkels im Vergleich zur DDR-Zeit ablesbar. Immer wieder taucht in den Texten die Frage der Schüler nach dem Warum auf: Wie konnte es geschehen, daß Menschen an anderen Menschen solche Grausamkeiten verübten? Nach dem Wegfall der einfachen Erklärungsmuster des DDR-Antifaschismus, wonach das kapitalistische System mit seinem Streben nach Profit und Weltherrschaft als alleinige Ursache der Verbrechen galt, drängen sich solche Fragen natürlich auf und müßten im Geschichtsunterricht nachbereitet werden.

Eine weitere, häufig gestellte Frage der Schüler – oder der Lehrer – zielt auf die Haltung der Weimarer Bürger zum Konzentrationslager ab. Es wird immer wieder großes Unverständnis darüber geäußert, daß die Weimarer von den Geschehnissen im KZ angeblich nichts gewußt hätten. Dies steht natürlich im engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Warum. Wenn die Schuld an den Verbrechen nicht mehr eindeutig einem wirtschaftlichen und politischen System bzw. einer Klasse zugewiesen werden kann, eröffnet sich ein ganz neues Feld von Überlegungen. Es entsteht der Eindruck, daß die Weimarer Bürger nun stellvertretend für alle Deutschen hier ins Visier genommen werden. Ebensogut könnten die Schüler ja auch – immer angeregt durch die Lehrer oder Gedenkstättenpädagogen – nach der Haltung der Bürger des benachbarten Erfurt, Rudolstadt oder Saalfeld fragen, und damit wären sie schon bei ihren eigenen Großeltern und Urgroßeltern angelangt. Diese Überlegung kam aber nur in einem Bericht einer Schule aus Ohrdruf zum Ausdruck. In Ohrdruf hatte sich ein Nebenlager befunden, und die Frage nach dessen Geschichte bildete den Anlaß für die Exkursion nach Buchenwald. Es ist auffällig, daß solche lokalgeschichtlichen Anknüpfungspunkte kaum zur »Spurensuche« genutzt werden, obwohl Buchenwald durch seine zahlreichen Außenlager und Arbeitskommandos gekennzeichnet ist.

Doch trotz der Verengung der Perspektive auf die Weimarer Bürger geben die Berichte Auskunft über eine gewisse Verschiebung der Identifikationsebene im Vergleich zur DDR-Zeit. Identifikation von Schülern oder Lehrern mit den Widerstandskämpfern gab es fast überhaupt nicht. Die Identifikation mit den Opfern – indem die Schüler versuchten, sich in deren Rolle zu versetzen, zu überlegen, ob sie diese Qualen und Entbehrungen ausgehalten hätten – wurde am häufigsten geäußert. Daneben gab es aber auch eine Reihe von Äußerungen, die nach den Motivationen und Verstrickungen der Täter fragten und sich – siehe Weimarer Bürger – vor allem mit der Frage der Mitläufer und Zuschauer im Dritten Reich beschäftigten. Es ist nicht zu übersehen, daß die Schüler heute, anders als zu DDR-Zeiten, sich einem nationalen Kollektiv zugehörig fühlen, das diese Verbrechen zu verantworten hatte, und daß die Frage nach dem Warum deshalb eine ganz andere Brisanz hat. In einem Bericht war zu lesen:

 

»Viele Schüler brachten Beschämung darüber zum Ausdruck, daß Konzentrationslager und Judenverfolgung zu ihrer Geschichte gehören«.

 

Nur am Rande sei vermerkt, daß von zwei Schulen im Jahr 1997 und im Jahr 1998 jeweils wortwörtlich die gleichen Berichte über die Gedenkstättenbesuche eingereicht wurden. Die Berichte sind jeweils flott geschrieben und enthalten detaillierte Angaben über den Ablauf des Besichtigungstages sowie der Reaktionen der Schüler. Da sich der ganze Besuchsablauf nicht völlig deckungsgleich wiederholt haben kann, wirft dies auch die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Berichte überhaupt auf. Vielleicht werden sie sogar häufig nach einem vorgegebenen Schema abgefaßt, um einer Pflicht zu genügen, und sagen nur wenig über die tatsächlichen Geschehnisse aus. Die beiden Beispiele sind aber auch ein Symbol für Gedankenlosigkeit und formale Pflichterfüllung seitens der Lehrer, die eigentlich nirgendwo, aber am allerwenigsten im Zusammenhang mit dieser Thematik geduldet werden dürfen.

 

Projektarbeit statt Kurzzeitpädagogik

Die Berichte verweisen auf gravierende Mängel der schulischen Vor- und Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs. Teilweise wird bruchlos an Traditionen der DDR-Pädagogik angeknüpft. Zugleich zeigen sich die strukturellen Defizite von Kurzzeitprogrammen. Die Themen »Konzentrationslager« und »Speziallager« sind im Rahmen eines eintägigen Besuchs nicht zu bearbeiten, schon gar nicht innerhalb von zwei bis drei Stunden. Sie bedürfen jeweils auch einer gesonderten Vorbereitung, die vor allem den historischen Kontext und die Spezifik des Lagers erschließen sollte.

Die Landeszentrale wird die Förderung für pauschale Kurzbesuche von Schulklassen in der Gedenkstätte Buchenwald nicht mehr fortführen. Der Terror der NS-Zeit und die lebendige Anschauung, die man davon in einer KZ-Gedenkstätte gewinnen kann, ist für Kurzzeitpädagogik ein zu wichtiges Thema. Der hastige Durchlauf durch die einzelnen Stationen der Gedenkstätte im Rahmen von ganzen Klassenverbänden ist der Beschäftigung mit der Problematik eher abträglich. Dies kommt schon in den zahlreichen Bemerkungen der Lehrer über Disziplin und Ordnung zum Ausdruck, die hierbei einen viel zu großen Stellenwert einnehmen. Außerdem sind häufig die Lehrer – vor allem der Regelschulen – nicht gut vorbereitet und überfrachten einen solchen Gedenkstättenbesuch oftmals mit Erwartungen – »Heilmittel« gegen rechtsradikale Neigungen der Schüler oder abschreckende Mahnung, die möglichst drastisch daherkommen sollte –, die gar nicht erfüllt werden können und sogar kontraproduktiv wirken.

Die Landeszentrale für politische Bildung wird ihre Fördermittel auf mehrtägige Projekte konzentrieren, die von den Schulen in Zusammenarbeit mit der Gedenkstätte und der Landeszentrale realisiert werden. Dabei kommt der Vorbereitung der betreuenden Lehrer ein besonderer Stellenwert zu. Im Rahmen der Projektarbeit2 haben Schüler die Möglichkeit zu einem »entdeckenden Lernen«, das eigene Fragen an die Geschichte und die heutige Gesellschaft ermöglicht.

 

1 Vgl. Ursula Pfender: Muß es immer eine Gedenkstättenfahrt sein? In: Ehmann, Kaiser u.a. (Hrsg.): Praxis der Gedenkstättenpädagogik. Opladen 1995, S. 311–317. Die Lehrerin Ursula Pfender befragt hier radikal ihre Motive, mit Schülern Gedenkstättenfahrten zu unternehmen, die sie in den ungelösten Fragen ihrer eigenen Generation – und nicht denen der heutigen Schüler – sieht.

2 Vgl. Rainer Behrendt/Peter Reif-Spirek: Projektarbeit in der Gedenkstätte Majdanek. Ein Praxisbericht vom Juni 1997. In: Zur Bildungsarbeit der Gedenkstätte Majdanek. Lublin 1997. Am Beispiel eines
fünftägigen Schüler-Seminars an der Gedenkstätte Majdanek wird exemplarisch die Bedeutung der Projektmethode erläutert.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund87_12-20.pdf)