Frank Weber

»…es geschah am helllichten Tag!«

Gedenkstättenrundbrief 104 S. 34-37

Die Deportation der badischen, pfälzischen und saarländischen Juden nach Frankreich in das Lager Gurs

Die Geschichte

Am Morgen des 22. und 23. Oktober 1940 wurden die jüdischen Einwohner der damaligen Gaue Baden und Saarpfalz nach Frankreich deportiert. Diese bis zum Schluss geheim gehaltene Aktion wurde von den beiden Gauleitern Josef Bürckel und Robert Wagner geplant. Deren Absicht war offensichtlich, sich bei Hitler als besonders eifrige Parteigenossen zu profilieren, denn die Deportation war nicht von »oben« angeordnet worden.

Über 6 500 Menschen mussten sich also an diesen beiden Tagen, dem Abschluss des jüdischen Laubhüttenfestes »Sukkoth«, innerhalb kürzester Zeit, oft liess man ihnen weniger als eine Stunde, zum Verlassen ihrer Heimat fertig machen. Mitnehmen durften sie pro Person lediglich 50 kg Gepäck und nicht mehr als 100 Reichsmark. Die Juden wurden auf Plätzen gesammelt und dann mit Lkw und Bussen zu den Bahnhöfen transportiert. Einige entzogen sich durch Selbstmord der drohenden Verschleppung.

Dies alles geschah unter den Augen der Öffentlichkeit, am helllichten Tag. Die Bevölkerung reagierte passiv auf das Geschehen. Zum Teil wurde sogar Beifall geklatscht. Nur sehr wenige ließen sich ihre Abscheu über dieses Verbrechen anmerken. Im Freiburger Polizeibericht heißt es lapidar: »Der Abtransport ging in aller Ordnung vor sich.« Bürckel und Wagner meldeten schließlich stolz nach Berlin, ihre Gaue seien nunmehr »judenfrei«.

Die Aktion der beiden Gauleiter war durch das Waffenstillstandsabkommen nach dem Frankreichfeldzug im Juni 1940 möglich geworden. Es enthielt eine Klausel, nach der alle Juden französischer Staatsangehörigkeit aus der deutschen Besatzungszone in das unbesetzte Frankreich abgeschoben werden konnten. Die beiden Gauleiter, auch für das besetzte Gebiet zuständig, dehnten diese Bestimmung willkürlich und widerrechtlich auf die Juden ihrer Gaue im Reichsgebiet aus.

Die Franzosen waren von den Deportationszügen aus Deutschland völlig überrascht. Ein Protestschreiben ging an die Waffenstillstandskommission, wurde jedoch von deutscher Seite nicht beantwortet. Die Vichy-Regierung entschloss sich also, die deutschen Juden in das Internierungslager Gurs im unbesetzten Teil Frankreichs zu transportieren.

 

Das Lager Gurs

Dieses Lager befand sich am Fuße der Pyrenäen im äußersten Südwesten Frankreichs. Ursprünglich war es im Frühjahr 1939 als Internierungslager für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Spanien, aber auch für französische Kommunisten, errichtet worden. Von September 1939 bis Juni 1940 wurden dort vor allem deutsche Emigranten, darunter viele Juden, festgehalten. Unter ihnen befand sich auch die Politologin Hannah Arendt. Das Durcheinander nach dem Waffenstillstand nutzten die meisten Insassen zur Flucht. Nur wenige Anhörige der ehemaligen Internationalen Brigaden, die in Spanien gegen Franco gekämpft hatten, blieben zurück.

Das etwa drei Quadratkilometer große Lager bestand aus rund 380 primitiven Holzbaracken, in die je 50 bis 60 Menschen gepfercht wurden. Bis zu 30 Baracken bildeten ein »Ilôt«, d. h. »Inselchen« oder »Block«. Diese Ilôts waren wiederum von Stacheldraht umgeben. Der Besuchsverkehr zwischen ihnen war fast unmöglich, Männer und Frauen wurden getrennt untergebracht. Bewacht wurde das Lager von Angehörigen der französischen Polizei und der Miliz der Vichy-Regierung.

 

Das Schicksal der jüdischen Gefangenen

Für die Aufnahme der Juden aus Deutschland waren überhaupt keine Vorbereitungen getroffen worden. Es mangelte an allem. Die Baracken waren nicht winterfest, anstelle von Fenstern gab es lediglich hölzerne Lüftungsklappen. Es gab nicht genug Nahrungsmittel und überhaupt keine Medikamente. Eine dünne Suppe und etwas Brot waren so ziemlich das Einzige, was es zu essen gab. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln konnte oft nur durch den Schwarzmarkt, den es auch im Lager gab, aufrecht erhalten werden. Die hygienischen Verhältnisse waren schlichtweg katastrophal. Krankheiten wie Ruhr, Tuberkulose und Typhus waren an der Tagesordnung. Es wurde zwar niemand im Lager erschossen oder erschlagen, aber die Lage der Internierten war trotz alledem schrecklich. Der Tod war für die Menschen etwas ganz alltägliches. Im Winter 1940/41 starben besonders viele ältere Menschen und Kinder an Entkräftung. Die insgesamt über tausend Toten wurden auf dem außerhalb des Lagers liegenden Friedhof beerdigt.

Auch die klimatischen Verhältnisse machten den Menschen zu schaffen. Im Oktober 1940 war es in Gurs schon recht kalt, und der strömende Regen verwandelte das Lagergelände in eine Schlammwüste. Oft versank man bis zu den Knien im Morast.

Wir kennen die Verhältnisse im Lager heute vor allem durch die vielen damals geschriebenen Briefe. Die Inhaftierten verarbeiteten durch ihr Schreiben das hinter dem Stacheldraht Erlebte und teilten es der Außenwelt mit. Im Lager befanden sich auch viele Künstler, Musiker und Dichter. Diese organisierten kulturelle Veranstaltungen, Konzerte und Lesungen, um die Menschen von ihrem tristen Alltag ein wenig abzulenken. Es fanden auch regelmäßig Gottesdienste statt. Die Menschen waren in ihrem Elend aber nicht völlig allein gelassen. Es gab einige Hilfsorganisationen, die sich um die Internierten kümmerten. Zu nennen sind u.a. die CIMADE (Hilfsorganisation der französischen protestantischen Kirche), das Schweizer Kinderhilfswerk, die Quäker, die OSE (jüdisches Kinderhilfswerk), die Eclaireurs Israelites FranVais (jüdische Pfadfinder), die Unitarier (Brüdergemeinde) und das Rote Kreuz.

Im August 1942 rollte der erste Transport mit Insassen des Lagers Gurs über die Zwischenstation Drancy bei Paris nach Auschwitz. Fast 4000 Juden aus Gurs wurden dort umgebracht. Nach der Befreiung wurde das Lager im Dezember 1945 aufgelöst. Zum Schluss waren dort noch deutsche Kriegsgefangene und französische Kollaborateure untergebracht worden.

 

Der Friedhof

Der Lagerfriedhof, zunächst noch gepflegt, verwilderte zusehends. Das schreckliche Geschehen im Lager Gurs schien in Vergessenheit zu geraten. In den 50er Jahren wurden auf dem ehemaligen Lagergelände Bäume und Sträucher angepflanzt.

»Sind die badischen Juden vergessen?« – Unter diesem Titel erschien 1957 ein Artikel in der »Badischen Volkszeitung« Karlsruhe. Es wurde berichtet, dass der Friedhof des Lagers Gurs dem Verfall preisgegeben sei, wenn nicht bald etwas geschehe. So unwürdig dürfe man mit dem Andenken der ehemaligen badischen Staatsbürger nicht umgehen. Die Stadt Karlsruhe und der Oberrat der Israeliten Badens ergriffen die Initiative. Das Friedhofsgelände wurde dem Oberrat vom französischen Staat für 99 Jahre übertragen, von 1961 bis 1963 im Auftrag des Oberrats angelegt und schließlich offiziell eingeweiht. Seither wird der Friedhof von einer Arbeitsgemeinschaft der badischen Städte Karlsruhe, Heidelberg, Freiburg, Mannheim und Pforzheim betreut, zu der später noch Weinheim und Konstanz hinzukamen. Unter Anleitung der Fachdienste des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde der Friedhof im Sommer 1999 erneut restauriert. Die Grabstelen wurden gesichert, die Rasenfläche erneuert.

 

Die Denkmale

Neben dem Friedhof errichtete man zwei Stelen: bereits 1945 eine im Zentrum für die jüdischen Opfer und, rechts vom Eingang, eine für die Spanier und die Angehörigen der Internationalen Brigaden. Zwischen dem Friedhof und dem Lagergelände wurde 1994 von französicher Seite zusätzlich noch ein »Mémorial national« (Nationale Gedenkstätte) zur Erinnerung und Mahnung an das vom Vichy-Regime begangene Unrecht errichtet. Der Entwurf stammt von dem israelischen Künstler Dani Karavan. Das Mahnmal besteht aus drei Teilen: Die Konzentrations- und Vernichtungslager der Nazis werden durch eine mit Stacheldraht umzäunte Betonplatte symbolisiert. Ein 180 m langer Schienenstrang, der allerdings während der Lagerzeit nicht vorhanden war, symbolisiert die Deportation. Schließlich verkörpert das Modell einer Baracke die bauliche Ausstattung des Lagers. Karavan hatte im gleichen Jahr im spanischen Port-Bou das Mahnmal mit dem Titel »Passage« für den emigrierten Schriftsteller Walter Benjamin geschaffen.

 

Internationale Jugendbegegnungen

Das Gelände des Lagers Gurs war bis 1996 weitgehend mit Bäumen und Sträuchern zugewachsen. Nur die 2 km lange asphaltierte Lagerstraße war noch zu sehen. Das änderte sich jedoch im Sommer jenen Jahres durch den Einsatz von deutschen und französischen Jugendlichen. Im Juli 1996 fand zum ersten Mal ein deutsch-französisches Jugendworkcamp statt. Das Projekt wurde vom Stadtjugendausschuss Karlsruhe sowie der Arbeitsgemeinschaft der badische Städte zum Unterhalt des Friedhofs organisiert und ging auf eine Anregung des Bürgermeisters von Gurs, Louis Costemalle, zurück. Die Jugendgruppe legte Teile des überwucherten Lagergeländes frei und stellte Informationstafeln auf.

Zum Abschluß der Restaurierungsarbeiten im August 2000 fand in Gurs eine internationale Jugendbegegnung, auch mit Jugendlichen aus Israel, statt. Organisiert wurde sie vom Jugendreferat des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Landesverband Baden-Württemberg. Die Grabsteine wurden gereinigt, die Inschriften erneuert, der Gedenkraum restauriert, die Bepflanzung gepflegt sowie beim Aufbau einer historischen Baracke geholfen. Besonders wichtig war der im Zuge der Arbeiten vorgenommene Abgleich der vorliegenden Namensliste der Opfer mit den Namen auf den Grabsteinen. Von allen Seiten wurde dieser Aktion großes Lob gezollt.

 

Die Gedenkfeiern

Jedes Jahr am letzten Sonntag im April laden die badischen Städte zu einer Feier nach Gurs ein. An diesem Sonntag wird in Frankreich die »Journée de la Deportation« (Gedenktag an die Deportation) begangen. Den dritten Sonntag im Juli widmet Frankreich der »Commémoration des pérsecutions racistes et antisémites« (Gedenken an die rassistischen und antisemitischen Verfolgungen). In Baden wird jedes Jahr im Oktober und November in zahlreichen Städten und Gemeinden mit den unterschiedlichsten Veranstaltungen an die Deportation vom Oktober 1940 erinnert.

Am 17. und 18. September 2000 fand im Jüdischen Gemeindehaus von Mannheim ein Symposium unter dem Titel »Erinnerung und Reflexion nach 60 Jahren« statt. Zeitzeugen, die heute u.a. in Israel, in der Schweiz, in Frankreich, den USA und Deutschland leben, fanden ein Forum, in bewegenden Worten ihre furchtbaren Erlebnisse von damals zu schildern.

Zum Gedenken an die Deportation vor 60 Jahren fand am 29. Oktober 2000 eine Gedenkfeier statt. Die Landesregierung Baden-Württembergs wurde durch Staatsminister Dr. Palmer vertreten.

 

Die Landeszentrale für politische Bildung hat eine Unterrichts- und Arbeitshilfe herausgegeben: »… es geschah am helllichten Tag!«

Sie ist kostenlos erhältlich (Anforderungen bitte schriftlich)

Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg,

Abt. Marketing, Stafflenbergstr. 38, 70184 Stuttgart, Fax: 07 11/16 40 99 77,

E-Mail: ulrike.weber@lpb.bwl.de, www.lpb.bwue.de.Text zum Heruntergeladen: www.lpb.bwue.de/publikat.htm

Artikel als PDF verfügbar
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