Thomas Kersting, Astrid Ley, António Muñoz Sánchez, Ansgar Schäfer

Europaweit: neue Funde aus den Zwangs­arbeitslagern der Arado-Werke Rathenow im Havelland, Brandenburg

Gedenkstättenrundbrief 195 S. 18-22

Die Arado Flugzeugwerke GmbH, 1921 in Warnemünde gegründet, war einer der größten Lieferanten der deutschen Luftwaffe. Zweigstellen entstanden ab 1934 in Brandenburg an der Havel, in Anklam, Potsdam-Babelsberg, Alt-Lönewitz, Landeshut, Sagan, Wittenberg und Rathenow. In allen Werken zusammen waren Ende 1942 mehr als 17 500 zivile Zwangsarbeiter eingesetzt. Bis zu einem Luftangriff auf die Fabrik am 18. April 1944 wurde in Rathenow hauptsächlich der Heinkelbomber He 177 in Lizenz hergestellt, danach der Focke-Wulf Fw 190. Auch Steuerelemente zur sogenannten Vergeltungswaffe (V 1 und V 2) wurden hier produziert.

1944 forderte Arado KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit an, die ab September in Rathenow eintrafen. Eine große Gruppe niederländischer Häftlinge kam dabei über das Hauptlager Sachsenhausen ursprünglich aus dem KZ Herzogenbusch bei Vught. Die Häftlinge, die zum kleineren Teil auch aus Belgien, Frankreich, Norwegen, Polen, der Sowjetunion und Deutschland stammten, nieteten Tragflächen und stellten Steuerflächen für Raketenwaffen und Schrauben her. Die am 20. Februar 1945 eintreffenden 150 polnischen Juden aus dem Außenlager Glöwen mussten dagegen außerhalb der Werkshallen in der Kälte und in dünner Kleidung Tragflächen montieren. Im Außenlager lebten alle Häftlinge in einfachen Baracken, umzäunt von einem doppelreihigen, unter Strom gesetzten Stacheldraht. Eigens gepflanzte Kiefern an der Straßenseite sollten Einblicke von außen verhindern.

Im Laufe der Zeit wurden die Lebensmittelrationen immer geringer, so dass die Häftlinge bald völlig entkräftet waren und befürchteten, selektiert und weggebracht zu werden. Zeitzeugen berichten von etwa 40 Todesopfern infolge der Mangelernährung, in den unvollständig erhaltenen SS-Dokumenten lassen sich aber nur 17 Tote nachweisen. Lagerführer des KZ-Außenlagers war SS-Unterscharführer Otto Schultz oder Schulz, dem SS-Wachmannschaften und ukrainische Freiwillige unterstanden. Sie schikanierten und schlugen die Häftlinge ständig und dachten sich immer wieder grausame Misshandlungen aus. So musste sich ein Häftling bei minus 25 Grad entkleiden und wurde immer wieder mit Wasser übergossen. Er starb innerhalb weniger Stunden. Gegen Ende des Krieges löste die SS das Außenlager nicht auf. Sie zwang die Häftlinge auch nicht auf einen Todesmarsch, obwohl der Befehl ergangen war, zumindest die jüdischen Häftlinge zu »evakuieren«. Da die Rote Armee nicht mehr weit entfernt von Rathenow war, flohen die SS-Leute und überließen die Häftlinge sich selbst. Sowjetische Soldaten befreiten das Außenlager am 25. April 1945.

Nach 1945 wurden die Betriebsanlagen der Arado in Rathenow in der DDR zu Volkseigentum erklärt. Mehrere Werkhallen und das Verwaltungsgebäude des Unternehmens stehen heute noch und sind anderer Nutzung zugeführt worden. Die Arado Flugzeugwerke GmbH wurde 1961 aufgelöst. Das Gelände des ehemaligen Außenlagers wurde teilweise überbaut.

Vom KZ-Außenlager Rathenow konnte 2004 etwa ein Viertel, etwa ein Hektar, ausgegraben werden, der größte Teil war schon überbaut. Ergraben wurden Fundamente von Baracken, die auf einem Luftbild von 1945 zu erkennen waren, sowie Ver- und Entsorgungsleitungen und Müllgruben. Auch eine vor Aufnahme des Bildes schon wieder entfernte Baracke wurde festgestellt. Nur das Waschhaus und die Unterkünfte für das Wachpersonal hatten Wasseranschlüsse, Häftlingsbaracken nicht. Bauteile, Töpfe, Flaschen oder Geschirr gehören zur Ausstattung, andere Funde aus dem persönlichen Besitz der Häftlinge wie Aluminiumschachteln, Knochenspatel oder ein kleines Messer sind heimlich gefertigte Gegenstände. Ist schon an der Lagerstruktur die Funktion als KZ-Außenlager abzulesen (doppelreihiger Elektrozaun und Wachtürme), so stützt dies auch das Fundmaterial (Becher der SS-Manufaktur Bohemia, Aluminiumdose mit Häftlingsnummer).

Zunächst hatte es eine öffentliche Diskussion über die Notwendigkeit der Ausgrabung, ihre Kosten und sogar die Existenz des Außenlagers (genauer seine Funktion, etwa nicht KZ, sondern »nur« als Zwangs- sowie Fremdarbeiterlager) gegeben. Erst die Ausgrabung lieferte den Nachweis, dass es sich um das durch Zeitzeugen überlieferte KZ-Außenlager-Gelände handelte.

Die Grabung bewirkte ein Umdenken: aus dem Projekt erwuchs eine Ausstellung in der Gedenkstätte Sachsenhausen und in Rathenow, die ein positives Echo fand. Sie verknüpfte archäologische Befunde mit anderen Quellen und Zeitzeugen-Aussagen. Die Funde wurden thematisch geordnet und gedeutet, die Detailinformationen verwandelten die Objekte im Auge des Betrachters von neuzeitlichen Alltagsgegenständen zu historischen Bedeutungsträgern. In Rathenow vollzog sich exemplarisch durch die – zunächst unfreiwillige – Auseinandersetzung mit der Geschichte ein durch Pragmatismus geprägter Wahrnehmungswandel. Hier zeigte sich, dass durch die umfassende Darstellung aller verfügbaren Quellen Geschichte adäquat vermittelt werden kann. Die Forderungen des Denkmalschutzes konnten umgesetzt und der Ort gleichzeitig ins Gedächtnis zurückgeholt werden. Dies markierte einen Wendepunkt in der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

2017 wurden von Ehrenamtlichen im Bereich weiterer ehemaliger Wohnbaracken wieder Gegenstände gefunden. Diese sind einerseits Dinge, die mit der Werksproduktion zu tun haben, wie technische Schilder und Kunststoff-Schriftschablonen aus der Produktion und Konstruktionsabteilung. Andererseits aber umso interessantere Dinge, die ein Leben unter Zwangs- und Mangelbedingungen hinter verschlossenen Türen beleuchten: aus Flugzeug-Aluminium selbst hergestellte Gabeln und Schilder mit Initialen, Kochgeschirre mit mehrfach eingeritzten (offenbar wechselnden) Besitzerinschriften – Dinge also, die neben der lebenswichtigen Funktion auch die eigene bedrohte Identität bekräftigen halfen. In diesen Lebensbereich gehören wohl auch selbst aus Blech gefertigte Christbaumschmuck-Anhänger, in Form von Sternen, Buchstaben, Glocken und Engeln. Hinzu kommen französische Medikamente, Schlüsselanhänger von Baracken, STALAG-Marken von Kriegsgefangenen, schließlich aber auch Fund-Material, das auf die Befreier hinweist: selbst ausgeschnittene Sowjetsterne als Siegessymbole, wie sie in Brandenburg seit 2014 aus Waldlagern der Roten Armee bekannt sind – und die auch unweit der Fundstelle in Rathenow im Wald verborgen liegen.

Von der Werksverwaltung angefertigt und ausgegeben wurden Werksausweise für die »Gefolgschaft«, in damaliger Diktion. Sie tragen Namen von deutschen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, aber auch holländische, französische, spanische und portugiesische Namen.

Auch an ihnen lässt sich der für die Zwangslager typische Umstand beobachten, dass lebensnotwendige Gegenstände selbst improvisiert angefertigt wurden. Die »deutschen« Ausweise besitzen oft stabile Metall-Einschubhüllen, die sie schützten. Auf den Ausweisen ist aufgedruckt, welche Strafen bei Verlust und Beschädigung fällig werden. Bei »ausländischen« Ausweisen ist manchmal zu erkennen, dass man sich aus dünnem Blech, zweifellos aus der Produktion, selber ähnliche Hüllen faltete – vielleicht auch um einen gewissen Status der Zugehörigkeit zu demonstrieren.

Besonders interessant sind die Ausweise mit spanischen und portugiesischen Namen. Die Geschichte spanischer NS-Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter ist schon gut erforscht, die der portugiesischen jedoch bislang – auch in Portugal selbst – praktisch unbekannt. Zwar sind die Lebensgeschichten der portugiesischen Juden im Holocaust dokumentiert, jedoch nicht die der portugiesischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter sowie derjenigen, die als zivile Fremdarbeiterinnen und -arbeiter mehr oder minder freiwillig nach Deutschland kamen. Antonio Salazar und Francisco Franco haben etwa zur gleichen Zeit wie Hitler ihre Diktaturen in Portugal und Spanien aufgebaut. Die damit verbundene Verfolgung aller politischen Gegner im eigenen Land hat zu einer weit reichenden Migration vieler Portugiesen und Spanier nach Frankreich geführt. In der Folge hat sich durch die schnelle Niederlage Frankreichs im Zweiten Weltkrieg die Lebenssituation vieler Portugiesen und Spanier in Frankreich drastisch verändert. Um den Flüchtlingsinternierungslagern in Frankreich zu entgehen, hatten sich manche der Fremdenlegion oder den »Marschbataillonen« und »Arbeitskompanien« der französischen Armee angeschlossen und waren zusammen mit ihren französischen Kameraden in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten und ins Reich deportiert worden. Andere waren als Angehörige der Résistance in Frankreich verhaftet und in Konzentrationslager gebracht worden, wieder andere meldeten sich aus wirtschaftlicher Not zum freiwilligen Arbeitseinsatz in Deutschland oder wurden – zunehmend ab 1942 – von den Besatzungsbehörden zur Zwangsarbeit ins deutsche Reich verschleppt. Die neuen Funde aus Rathenow lassen diese Prozesse erstmals durch die Archäologie nachvollziehbar werden.

 

Dr. Thomas Kersting ist Leiter der Archäologischen Denkmalpflege in Brandenburg, und dort u.a. mit der Archäologie der Zeitgeschichte befasst.

Dr. Astrid Ley ist stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen und insbesondere Expertin für Zwangsarbeiter aus Spanien.

Dr. Antonio Munoz-Sanchez ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sozialwissenschaftlichen Institut der Universität Lissabon, wo er sich mit Themen der Franco-Diktatur und deutsch-spanischen Beziehungen befasst.

Ansgar Schäfer ist Historiker und Filmemacher sowie Mitarbeiter des Goethe-Instituts und der Universität Lissabon, und beschäftigt sich speziell mit Zwangsarbeitern aus Portugal, zu denen 2018 eine Ausstellung erarbeitet wurde.

 

Weitere Lektüre:

M. Antkowiak/E. Völker, Dokumentiert und konserviert: ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen in Rathenow, Landkreis Havelland. Archäologie in Berlin und Brandenburg 2000, S. 147–149

Th. Kersting/A. Heinz, Identität aufgedeckt. (Neue Funde aus dem ARADO Zwangsarbeiterlager Rathenow), 05/2018, S. 55

Thomas Kersting, Astrid Ley, António Muñoz Sánchez, Ansgar Schäfer, Von Portugal ins Havelland – Zwangsarbeit in den Arado-Werken Rathenow. Archäologie in Berlin und Brandenburg 2017, S. 143–146

www.rotspanier.net