Ulrich Tempel

Familienbegegnungen

Gedenkstättenrundbrief 166 S. 30-38

Ein Seminarangebot der Stiftung Topographie des Terrors

Häufig erreichen die Stiftung Topographie des Terrors Anfragen von Menschen, die mehr über die Rolle ihrer Familienangehörigen in der NS-Zeit wissen möchten. Dabei geht es oft darum, den Familienerzählungen Informationen aus den Archiven oder der Fachliteratur über die Mitgliedschaft in Organisationen oder die Tätigkeit in Institutionen des NS-Staates, besonders in NSDAP, SS, Polizei und Wehrmacht gegenüberzustellen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stiftung versuchen diese Anfragen im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten zu beantworten, d.h. die Anfragenden auf bestehende Recherchemöglichkeiten in Archiven hinzuweisen und den Stand der Forschung im betreffenden Bereich zu skizzieren. Die häufige Vermutung, die Stiftung würde selbst über originale personenbezogene Unterlagen oder Verzeichnisse aus der NS-Zeit verfügen, muss natürlich enttäuscht werden. Darüber hinaus wird den ­Fragenden die Möglichkeit angeboten, sich mit Rechercheergebnissen wieder zu melden.

Die Anfragen erreichen die Stiftung zum einen schriftlich, offensichtlich wird die Stiftung wegen ihrer inhaltlichen Ausrichtung als möglicher Anlaufpunkt wahrgenommen. Zum anderen sind es Besucherinnen und Besucher der Ausstellung und des historischen Geländes, die sich am Informationstresen oder direkt in der Bibliothek melden und ihre Fragen stellen. Die zentrale Lage der Bibliothek in dem 2010 eröffneten Dokumentationszentrum verringert sicher bei vielen die Hemmschwelle. In der Dauerausstellung »Topographie des Terrors« finden sich zudem viele Bilder aus privaten Entstehungs- und Überlieferungskontexten, die Angehörige von Einheiten der Wehrmacht und der Waffen-SS zeigen. Vermutlich sind es auch diese Bilder, die an die in den Familien vorhandene visuelle Überlieferung zum Zweiten Weltkrieg anknüpfen und Nachfragen auslösen.

Aus dieser konkreten Nachfragesituation entstand die Idee, ein Seminarangebot zu entwickeln, das sich direkt an die Personen richtet, die mehr über Recherchemöglichkeiten in Archiven erfahren wollen. Von großer Hilfe war dabei, dass es in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme seit 2009 ein ähnliches Angebot gibt. Halbjährlich findet dort das Seminar »Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie? Rechercheseminar zu Familiengeschichte und Familiengeschichten« statt.1 Dazu erschien auch ein sehr informatives Studienheft.2

Der Titel »Familienbegegnungen« nimmt Bezug auf die Rede von Bundespräsident Horst Köhler zur Eröffnung des Dokumentationszentrums »Topographie des Terrors« am 6. Mai 2010. Das neue Gebäude ist für ihn Zeugnis zum einen für den langen Weg der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in Deutschland und zum anderen für das zivilgesellschaftliche Engagement. Zum dritten »zeugt es auch von der Bereitschaft, neben den Opfern des Nationalsozialismus und ihren Geschichten auch die Täter und ihre Biographien in den Blick zu nehmen. Wie konnten Menschen von ihrem Schreibtisch aus Massenmorde organisieren oder selbst zu Mördern werden? Was hat sie dazu gebracht, so zu handeln? Was haben meine eigenen Verwandten gewusst, was hätte ich an ihrer Stelle getan? Das sind Fragen, die sich an diesem Ort stellen. Sie können schmerzhaft sein, weil wir in diesen Fragen möglicherweise der Geschichte unserer Familie begegnen, vor allem aber: uns selbst.«3

Familienbegegnungen. In vielen Familien gibt es Hinweise darauf, dass Angehörige Mitglied in NS-Institutionen waren oder Funktionen innehatten, möglicherweise auch als Angehörige des SS- und Polizeiapparats direkt Verantwortung für Verbrechen trugen. Ein Gespräch in den Familien über die NS-Vergangenheit kam und kommt oft nicht zustande und folgt dann zumeist ganz eigenen Regeln. Oftmals sind es einzelne Familienangehörige, die mehr wissen wollen und sich intensiv mit der schriftlichen und visuellen familiären Überlieferung auseinandersetzen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnen sie dann auch zu fragen, welche Dokumente in den Archiven überliefert sind.

Wer sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Seminare? Die Einladungen gehen an den Verteiler der Stiftung und werden auf der Homepage der Stiftung angezeigt. Bei den bisherigen Seminaren stellte sich heraus, dass die größte Gruppe Personen im Alter zwischen 60 und 70 Jahren sind, die sich nach dem Abschluss ihrer beruflichen Tätigkeit auf die Spurensuche machen bzw. bereits begonnene Recherchen fortsetzen wollen. Darüber hinaus kommen Studierende und Historikerinnen und Historiker, die die Seminare als allgemeine Fortbildung und als Unterstützung oder Anregung für die Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte nutzen.

 

Die Seminare in der Stiftung Topographie des Terrors

Im Zentrum der Seminare steht die Präsentation von Archivbeständen. Daneben wird auf die private Fotoproduktion in der NS-Zeit eingegangen, eine Einführung in die Bibliotheksarbeit gegeben und auf ausgewählte Internetressourcen hingewiesen. In einer Vorstellungsrunde am Beginn des Seminars haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, ihren Hintergrund bzw. ihr konkretes Anliegen kurz mitzuteilen, um darüber auch mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Für personenbezogene Recherchen zur Involvierung von Familienangehörigen in die Strukturen des NS-Staates kommen prinzipiell ganz unterschiedliche Archive und Institutionen infrage. In den meisten Fällen sind Anfragen im Bundesarchiv und in der »Deutschen Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht« sinnvoll. Aber auch die Staats- und Landesarchive können von Interesse sein, in Berlin ist dies das Landesarchiv Berlin. Die Grundidee des Seminarangebots ist es, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Archive die relevanten Bestände im Rahmen des Seminars selbst vorstellen, d.h. das Seminar beruht auf der Zusammenarbeit mit dem Bundesarchiv, der Deutschen Dienststelle (WASt) und dem Landesarchiv Berlin.

Für »Laien«, aber auch für Fachleute, ist es oft nicht ganz einfach, Aufbau und Arbeitsweise von Archiven zu verstehen. Daher ist es ein Anliegen des Seminars, ein Grundverständnis für die Struktur von Archiven zu wecken und mit den Rahmenbedingungen für eine Nutzung vertraut zumachen. Dabei werden Themen wie Archivgesetzgebung und Archivsparten, Zuständigkeit von Archiven und Schutzfristen angesprochen. Die anwesenden Referentinnen und Referenten sind auch bei komplizierten Rückfragen auskunftsfähig und können über aktuelle Erschließungsprojekte und sonstige Aktivitäten der Archive berichten.

Das Bundesarchiv

Im vorliegenden Zusammenhang ist das Bundesarchiv von besonderer Bedeutung, da hier eine große Anzahl von personenbezogenen Unterlagen zur NS-Zeit aufbewahrt wird. 1994 übernahm das Bundesarchiv die Bestände des »Berlin Document Centers« (BDC): »Das BDC war unmittelbar nach Kriegsende von der US-Armee in Berlin als Sammellager von beschlagnahmten Dokumenten aus der NS-Zeit zur Vorbereitung der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse und der Entnazifizierung errichtet worden.«4 Zu den wichtigsten Beständen zählen die Mitgliederkartei der NSDAP, die Sammlung Parteikorrespondenz und umfangreiche Unterlagen zu SS-Angehörigen. Diese Bestände gehören zur Abteilung R (»Deutsches Reich«). Neben den Beständen zu zivilen Behörden und Einrichtungen des Deutschen Reiches finden sich hier auch diverse Bestände zu Organisationseinheiten der NSDAP, SS und SA. Die Tätigkeit von natürlichen Personen hat auch in all diesen Beständen ihren Niederschlag gefunden, die über Indices auffindbar gemacht werden. Die Homepage des Bundesarchivs hält für die Vorbereitung der Nutzung eine Vielzahl von Informationen bereit. Auf der Startseite sind einführende Informationen unter den Überschriften »Zeitbezug« und »Sachbezug« zusammengefasst. Relevant in unserem Fall sind die Unterpunkte »Deutsches Reich: Nationalsozialismus 1933–1945« und »Personenbezogenes Archivgut/Genealogie«. Unter der Überschrift »Benutzungsvorbereitung« gibt es vielfältige sachdienliche Hinweise, u.a. auch ein Muster des Benutzungsantrags und den Hinweis auf Recherchedienste, die ggf. beauftragt werden können. Über den Button »Recherche im Archivgut« gelangt man zur Suchmaschine des Bundesarchivs, in der die Beständeübersicht und die bereits vorhandenen Online-Findbücher durchsucht werden können. Ein sehr hilfreicher Service des Bundesarchivs sind thematische Aufsätze von Mitarbeitern des Bundesarchivs, die online zur Verfügung gestellt werden.5

 

Die »Deutsche Dienststelle (WASt) für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht«

Die Deutsche Dienststelle (WASt) ist die Rechtsnachfolgerin der 1939 gegründeten »Wehrmachtsauskunftsstelle für Kriegerverluste und Kriegsgefangene«.6 Ihr Name ist die wörtliche Übersetzung der amerikanischen Bezeichnung der Dienststelle in der Nachkriegszeit – »German Agency for notification of war-deaths in former German Armed Forces to next of Kin«.7 Dieser Name ist zeitbezogen und aus heutiger Sicht ein wenig verwirrend, denn es werden nicht ausschließlich Unterlagen über Gefallene aufbewahrt, und es gibt in der Deutschen Dienststelle auch Bestände zu anderen militärischen und militärähnlichen Verbänden, also nicht nur zu Wehrmachtsangehörigen.

Die Deutsche Dienststelle (WASt) ist seit 1951 eine Behörde des Landes Berlin. Da sie Bundesaufgaben erfüllt, wird sie aus Bundesmitteln finanziert. In unserem Zusammenhang ist wichtig darauf hinzuweisen, dass die Deutsche Dienststelle kein Archiv, sondern eine Behörde ist. Das hat die Folge, dass man nach Stellung des Antrages einen schriftlichen Bescheid und in der Regel keine Unterlagen vorgelegt bekommt. Ihre Tätigkeit regelt ein Gesetz und eine Verordnung aus den Jahren 1993/1994. Die Deutsche Dienststelle arbeitet u.a. eng mit den Suchdiensten des DRK und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. zusammen.

Die Deutsche Dienststelle (WASt) bewahrt Unterlagen in großer Zahl auf, die die Grundlage für die Beantwortung u.a. der familienbezogenen Anfragen bilden.

Besonders hervorzuheben sind zum einen die »personenbezogene[n] Meldungen über Verluste. Dies sind die Einzelmeldungen oder Sammellisten, die von den Einheiten alle zehn Tage an die Wehrmachtauskunftsstelle weitergegeben werden mussten. Hier finden sich Verwundungen und Erkrankungen der Soldaten und damit verbundene Verlegungen zu Lazaretten. Auch die Vermissten, in Gefangenschaft Geratenen und Gefallenen wurden hier aufgeführt […].«8

Einen anderen großen Bestand bilden die »Erkennungsmarken-Urlisten sowie Veränderungen hierzu mit namentlichen Meldungen (Heer, Luftwaffe)«. Das wichtigste Hilfsmittel bei allen Anfragen ist für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Dienststelle nach wie vor die aus 18 Millionen alphabetisch geordneten Karteikarten bestehende Zentralkartei. Seit 1939 wird diese Kartei geführt und werden in ihr alle relevanten Informationen erfasst.

Die Aufgaben der Deutschen Dienststelle (WASt) sind bis heute vielfältig. Mit wachsendem zeitlichem Abstand zum Kriegsende 1945 stellt sich aber auch die Frage, in welcher Form die Unterlagen in Zukunft aufbewahrt und ggf. als Archivgut zugänglich gemacht werden sollen. Offensichtlich gehen die Planungen dahin, die deutsche Dienststelle (WASt) langfristig in das Bundesarchiv einzugliedern.9

 

Das Landesarchiv Berlin

Auch die Archive der Bundesländer sind bei Familienrecherchen von Interesse. Da das Seminar in Berlin stattfindet, bietet sich der Kontakt zum Landesarchiv Berlin an. Das Landesarchiv Berlin ist das zentrale Staatsarchiv des Landes Berlin. Es verwahrt »die schriftliche Überlieferung von Berliner Behörden und Einrichtungen« und »ist zuständig für die obersten Landesbehörden (Senatskanzlei und Senatsverwaltungen), für die Bezirke, die Gerichte und sonstigen öffentlichen Stellen des Landes […].«10

Verschiedene Bestände sind bei familienbiographischen Recherchen mit Berlin-­Bezug relevant, so z.B. die Historische Einwohnermeldekartei von 1875–1960, der Bestand »Magistrat der Stadt Berlin, Personalbüro« und die Überlieferung der Berliner Entnazifizierungsstellen (z.B. Entnazifizierungskommissionen und Spruchkammern).

 

Private Fotoproduktion in der NS-Zeit

Ein zentraler Bestandteil der familiären Überlieferung zur NS-Zeit sind private Fotos, oft mit Bezug zum Zweiten Weltkrieg. Schwarz-Weiß-Abzüge zeigen Familienangehörige in Uniform an ganz unterschiedlichen Schauplätzen und werden als lose Konvolute oder arrangiert in Fotoalben überliefert. Im Rahmen des Seminars wird auf die konkreten Bedingungen privater Fotoproduktion in der NS-Zeit und besonders im Zweiten Weltkrieg eingegangen. Dabei stehen folgende Fragen im Vordergrund: Wie verbreitet waren Kleinbildkameras in der NS-Zeit? Welche vorrangigen Fotografieranlässe gab es und welche Bildsujets entstanden daraus? Wie wurden die Fotografien überliefert? Welche Art von Fotografierverboten gab es? Wie sind die private »Knipser«-Bilder von der professionellen/offiziellen Fotografie abzugrenzen?

 

Benutzung von Fachbibliotheken

In den letzten 20 Jahren sind viele Forschungsbeiträge zur Geschichte des NS-Staates und besonders zur deutschen Besatzungsherrschaft und den Verbrechen des NS-Staates erschienen. Neben dem Bereich des SS- und Polizeiapparates und der Wehrmacht wird mittlerweile auch verstärkt der Bereich der Zivilverwaltung untersucht. Diese Studien greifen in der Regel auf eine umfangreiche Quellenbasis zurück und untersuchen nicht nur die Tätigkeit der Spitzen von SS und Polizei, Wehrmacht und Zivilverwaltung, sondern auch das Wirken der Akteure vor Ort in den nachgeordneten Einheiten. Bei Familienrecherchen existiert dadurch heute häufig die Möglichkeit, sich detailliertes Hintergrundwissen zu den einzelnen besetzten Ländern oder sogar konkreten Schauplätzen und ggf. zu einzelnen Einheiten der Polizei und SS oder Wehrmacht anzueignen.

Darüber hinaus haben sich die Suchmöglichkeiten in Bibliothekskatalogen in den letzten Jahren erheblich verbessert. Elektronische Kataloge bieten vielfältige Informationen über die herkömmlichen Katalogdaten hinaus, wie z.B. Inhaltsverzeichnisse oder Rezensionen. Die Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors bietet noch einen besonderen Service an: Die Bibliothekssystematik findet sich auf der Homepage und ist verbunden mit dem Bibliothekskatalog. Wird eine bestimmte Systematikstelle ausgewählt und angeklickt, öffnet sich eine Ergebnismenge mit allen Titeln, die zu dieser Systematikstelle gehören.11

 

Aktivitäten der Landesarchive Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen

Die Archive in Deutschland haben in den letzten Jahren eine neue Nutzergruppe hinzugewonnen: Neben der »klassischen« Klientel aus Behörden, Geschichtswissenschaft, Publizistik und Genealogie erreichen die Archive Anfragen von Menschen, die mehr über die Involvierung ihrer Angehörigen in den NS-Staat wissen möchten. Diese Tatsache wird in der archivwissenschaftlichen Literatur und in den Publikationen und der Veranstaltungstätigkeit einzelner Archive reflektiert.

Vorreiter ist in diesem Zusammenhang sicherlich das Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg. Bereits seit einigen Jahren erscheinen in den vom Landesarchiv Baden-Württemberg herausgegebenen »Archivnachrichten« Artikel zum Thema.12 Peter Müller (Staatsarchiv Ludwigsburg) stellt in einem Artikel mit dem Titel »War mein Opa eigentlich ein Nazi?« einige Überlegungen zum Hintergrund des wachsenden Interesses an. Er weist auf einen besonderen Zusammenhang hin:

»Mit dem Aussterben der Zeitzeugengeneration geht auch der allmähliche Ablauf der Sperr- und Schutzfristen einher, die einer Einsichtnahme personenbezogener Unterlagen über die NS-Zeit durch die Allgemeinheit für nicht-wissenschaftliche Nutzungen im Wege standen. Von Jahr zu Jahr können so immer umfangreichere Teile insbesondere der in der Nachkriegszeit entstandenen Akten der Gerichte und Behörden über die juristische und finanzielle Aufarbeitung der NS-Zeit – und selbstverständlich auch die Unterlagen aus der Zeit des Dritten Reichs selbst – ohne Einschränkungen genutzt werden.«13

Der Autor geht im Folgenden auf die Akten ein, die in Ludwigsburg das Hauptinteresse finden: jene Unterlagen, die im Zusammenhang mit der Entnazifizierung entstanden.14 Das Staatsarchiv Ludwigsburg hat in der Vergangenheit große Aktivitäten zur Erschließung und konservatorischen Behandlung dieser Aktenbestände unternommen.

Darüber hinaus bietet das Staatsarchiv Ludwigsburg aktuell drei Seminare mit Bezug zur NS-Zeit an, die jeweils für die Klassenstufen 9–13 geeignet sind: Neben Seminaren zur Entnazifizierung und zum Ulmer Einsatzgruppenprozess gibt es ein Seminarangebot mit dem Titel »Opfer – Täter – Zeitgenosse. Einführung in die Archivarbeit«, das in der Ankündigung mit drei Fragen verbunden ist: »Was hat eigentlich meine Familie im Dritten Reich gemacht? Gab es auch an unserer Schule Nazis? Was ist aus den jüdischen Mitbürgern unserer Stadt geworden?«.15

Im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, wurden in den letzten Jahren im Rahmen der Reihe »Genealogie im Landesarchiv« verschiedene Vorträge zur Familienforschung gehalten, im November 2011 der Vortrag »Meine Familie in der NS-Zeit. Personengeschichtliche Quellen zum Dritten Reich«. Die Präsentation dieses Vortags ist auf der Seite des Landesarchivs NRW abrufbar und verdeutlicht die enorme Spannweite von Archivbeständen, die bei Recherchen zum Thema »Meine Familie in der NS-Zeit« auf regionaler Ebene relevant sind.16

 

Herausforderungen für Archive und Gedenkstätten

Eine zentrale Frage im Zusammenhang mit familiengeschichtlichen Recherchen in Archiven ist jene nach dem Umgang mit den personenbezogenen Dokumenten und der Einschätzung ihrer Aussagekraft. Die Erwartung, in den Archiven mehr darüber zu erfahren, wie der Angehörige gedacht, welche Haltung er zu bestimmten Vorgängen gehabt hat, muss in aller Regel enttäuscht werden. Doch trotzdem kommt dieser Überlieferung ein große Bedeutung zu: »Die personenbezogenen Quellen […] mögen im Einzelfall karg und spärlich sein, sie stellen aber die wenigen Spuren einer großen Anzahl von Menschen dar und sind somit Kristallisationspunkte der Erinnerungsarbeit.«17

Der oder die Anfragende hat es – in Bezug auf die Deutsche Dienststelle (WASt) und das Bundesarchiv – mit Informationen über den militärischen Lebenslauf zu tun, den Angaben auf den Karteikarten der NSDAP-Mitgliederkartei oder weitergehender Personaldokumente aus der SS- oder NSDAP-Überlieferung. In vielen Fällen ist zudem eine Recherche im Bundesarchiv-Militärarchiv sinnvoll. Dort werden u.a. die Personalakten der Offiziere von Heer und Luftwaffe sowie der Wehrmachtsbeamten und Akten der Wehrmachtsgerichtsbarkeit aufbewahrt. Für weitergehende Recherchen sind auch die überlieferten Unterlagen der einzelnen Einheiten der Wehrmacht und Waffen-SS relevant. In den Landesarchiven finden sich in der Regel die Unterlagen aus der Nachkriegszeit über die Entnazifizierung.

Archivbenutzerinnen und -benutzer sehen sich mit zwei Problemen konfrontiert. Zum einen haben sie es mit historischen Quellen zu tun, die einer Kontextualisierung oder – anders gesprochen – einer Quellenkritik bedürfen. Zum anderen können die in den Dokumenten enthaltenen Informationen durchaus emotional bewegend sein und in den Familien erzählte Geschichten nachhaltig infrage stellen. In beiden Zusammenhängen sind die in Archiven und Gedenkstätten Tätigen als Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner gefordert.

Andreas Kunz (Bundesarchiv Ludwigsburg) beschreibt einen wichtigen Aspekt der Benutzerunterstützung: »Häufig bedarf es der Hilfestellung bei der kontextualen Einordnung von Zeugen- und Beschuldigtenaussagen und bei der Verständlichmachung komplexer historischer Zusammenhänge wie auch juristischer Problemlagen.«18 Darüber hinaus sollten Anfragende bestärkt werden, die vielfältigen Angebote von Bibliotheken und anderen Informationseinrichtungen zu nutzen, um ihre Familiengeschichte in den historischen Kontext zu stellen. Eine besondere Herausforderung stellen dabei die Entnazifizierungsakten dar. Hier besteht die »Gefahr, dass die Nachfahren in den Akten möglicherweise genau jenes beschönigende Bild wiederfinden, das über Jahrzehnte in der Familie tradiert wurde«.19 Doch gerade in Bezug auf die Entnazifizierung gibt es mittlerweile eine große Anzahl von wissenschaftlichen Arbeiten und Materialien, auf die verwiesen werden kann.

Die in Archiven und Gedenkstätten Tätigen sollten sich der komplizierten Situation bewusst sein, in der sich die Fragenden befinden: »Und wiederholt erwiesen sich emotional aufgewühlte Benutzer dankbar für die Bereitschaft der Archivmitarbeiter, dass diese in bestimmten Momenten einfach »nur« als dringend benötigter Gesprächspartner zur Verfügung standen.«20 Darüber hinaus sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Archiven und Gedenkstätten Anfragende auf bestehende Seminarangebote anderer Einrichtungen hinweisen. Oft ist auch der Hinweis sinnvoll, dass sich Anfragende bei sich neu stellenden Fragen wiederum an das Archiv oder die Gedenkstätte wenden können. Das Sprechen über eigene familienbezogene Recherchen kann zudem im Beratungsgespräch ein guter Anknüpfungspunkt sein.

 

Abschließende Bemerkungen

Vor zehn Jahren hat eine sozialpsychologische Studie ein Thema aufgegriffen, das im vorliegenden Zusammenhang von großer Bedeutung ist. In der Studie »Opa war kein Nazi. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis« wird darauf hingewiesen, dass es einen »Unterschied zwischen kognitivem Geschichtswissen und emotionalen Vorstellungen über die Vergangenheit«21 gibt. Stark verdichtet wird diese Erkenntnis in den Begriffen »Lexikon« und »Album«. Das »Lexikon« verdeutlicht das im Bildungsprozess erworbene Fachwissen, dem ein »weiteres, emotional bedeutenderes Referenzsystem für die Interpretation dieser Vergangenheit« gegenübersteht: »eines, zu dem konkrete Personen – Eltern, Großeltern, Verwandte – ebenso gehören wie Briefe, Fotos und persönliche Dokumente aus der Familiengeschichte«22 (das »Album«).

Wohin gehören aber jetzt die personenbezogenen Dokumente aus den Archiven? »Album« oder »Lexikon«? Diese Dokumente nehmen auf »Einträge« in beiden Bereichen Bezug. Es finden sich Hinweise auf den Ablauf eines individuellen Lebens. Ereignisse werden erwähnt, die auch in den Familien überliefert sind. Doch bilden sie nicht notwenig ein geschlossenes Bild ab und lassen Raum für Deutungen. Andererseits beinhalten die Dokumente aber auch klare Fakten, z.B. über die Zugehörigkeit zu NS-Institutionen. Vielleicht kann diese Überlieferung dazu beitragen, eine Korrespondenz zwischen »Lexikon« und »Album« anzubahnen.

Die bisher durchgeführten Seminare in der Stiftung Topographie des Terrors stießen auf eine große Resonanz. Die Teilnehmerzahl war jeweils auf 20 Personen beschränkt, um den Charakter eines Seminars zu gewährleisten. In Zukunft sollen die Seminare fortgesetzt werden. Die Zusammenarbeit mit weiteren Institutionen wird angestrebt.

 

Dank

Der Autor dieses Aufsatz bedankt sich herzlich für die Kooperation bei Jana Blumberg, Brigitte Fischer und Heinz Fehlauer (Bundesarchiv Berlin), Claudia Schmidt und Stephan Kühmayer (Deutsche Dienststelle (WASt)), Bianca Welzing-Bräutigam (Landesarchiv Berlin) und Swantje Greve und Klaus Hesse (Stiftung Topographie des Terrors).

 

Ulrich Tempel studierte Geschichte und Germanistik an der Technischen Universität Berlin. Weiterbildung zum Diplom-Archivar (Fachhochschule Potsdam). Archivar der Stiftung Topographie des Terrors (tempel@topographie.de).

1 Neben den Recherchen bietet die KZ-Gedenkstätte Neuengamme halbjährlich auch Gesprächsseminare an. Der Autor dieses Aufsatzes hatte im Mai 2010 die Möglichkeit, an einem Recherche- und einem Gesprächsseminar teilzunehmen.

2 Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie? Materialien zu biografischen Familienrecherchen, Materialien Hamburg 2010 (Neuengammer Studienhefte 1).

3 www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Horst-Koehler/Reden/2010/05/20100506_Rede2.html [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

4 www.bundesarchiv.de/benutzung/zeitbezug/nationalsozialismus/00299/index.html.de [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

5 Z.B. Babette Heusterberg, Personenbezogene Unterlagen aus der Zeit des Nationalsozialismus [2000]
(www.bundesarchiv.de/imperia/md/content/abteilungen/abtr/5.pdf) [letzter Zugriff 14. 5. 2012]. [Abdruck in: HEROLD-Jahrbuch. Neue Folge, Neustadt a.d. Aisch 2000, S. 147–186].

6 Zur Deutschen Dienststelle (WASt) vgl.: Deutsche Dienststelle (WASt). 1939–1999. 60 Jahre im Namen des Völkerrechts einschließlich Arbeitsbericht der Deutschen Dienststelle (WaSt) 1997/1998, bearb. von Wolfgang Remmers, Berlin 1999; Deutsche Dienststelle (WASt), Arbeitsbericht für die Jahre 2008/
2009/2010.

7 Remmers 1999, S. 35.

8 Narben bleiben. Die Arbeit der Suchdienste – 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, o.O. 2005, S. 93.

9 www.bundesarchiv.de/oeffentlichkeitsarbeit/meldungen/02421/index.html.de [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

10 www.landesarchiv-berlin.de/lab-neu/02_02.htm [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

11 www.topographie.de/topographie-des-terrors/bibliothek/systematik/ [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

12 Die »Archivnachrichten« als PDF: www.landesarchiv-bw.de/web/46257 [letzter Zugriff 14. 5. 2012]. Die Vorträge des Südwestdeutschen Archivtag 2007 waren die Grundlage für folgende Publikation: Peter Müller (Hg.), Individualisierung von Geschichte. Neue Chancen für die Archive?, Stuttgart 2008.

13 Peter Müller, War mein Opa eigentlich ein Nazi? Familienforschung als Vergangenheitsbewältigung, in: Archivnachrichten Sondernummer 2005, S. 32–34.

14 Stephan Molitor, Spruchkammerverfahrensakten. Überlieferung zur Entnazifizierung als Quelle für die NS-Zeit, in: Nicole Bickhoff (Hg.), Unterlagen der Nachkriegszeit als Quellen zur Geschichte des Dritten Reiches. Vorträge eines quellenkundlichen Kolloquiums im Rahmen der Heimattage Baden-Württemberg am 13. Oktober 2001 in Bad Rappenau, Stuttgart 2004, S. 7–14.

15 www.landesarchiv-bw.de/web/46839; www.landesarchiv-bw.de/sixcms/media.php/120/51013/Flyer%205-13_2%20WEB2.pdf [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

16 Annette Hennigs, Jens Heckl, Meine Familie in der NS-Zeit. Personengeschichtliche Quellen zum Dritten Reich (www.archive.nrw.de/lav/abteilungen/westfalen/BilderKartenLogosDateien/Personenquellen_NS_Internetversion.pdf) [letzter Zugriff 14. 5. 2012].

17 Edgar Büttner, Personenbezogene Unterlagen militärischer Provenienz im Bundesarchiv, in: Der Archivar 59, 2006, H. 2, S. 143–146, hier S. 146.

18 Andreas Kunz, Die Unterlagen der Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg: dauerhafte Sicherung und Nutzbarmachung durch das Bundesarchiv, in: Der Archivar 59, 2006, H. 2, S. 146–153, hier S. 153.

19 Müller 2005, S. 33.

20 Kunz 2006, S. 153.

21 Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline Tschuggnall, »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt/M. 2002, S. 9.

22 Ebd., S. 10. Heidi Behrens und Sabine Moller haben 2004 versucht, Konsequenzen für die Gedenkstättenpädagogik aus der oben genannten Studie zu ziehen. Sie sind überzeugt, dass sich Familien-»Alben« »pädagogisch erschließen« lassen. Abschließend formulieren sie folgende Erwartung: »Dass in deutschen Familien emotional grundierte Erinnerungs- und Weitergabeprozesse unvermutete und paradoxe Verbindungen mit dem wissenschaftlichen Wissen eingehen, müsste in didaktische Konzepten, die sich gleichermaßen subjekt- und sachorientiert verstehen, Beachtung finden.« Vgl. Heidi Behrens, Sabine Moller, »Opa war ein Nazi« und die Folgen. Zurück an den Anfang der Gedenkstättenpädagogik?, in: GedenkstättenRundbrief Nr. 121 (9/2004), S. 18-29, hier S. 23 u. 26.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund166_30-38.pdf)