Eckart Dietzfelbinger

"Faszination und Gewalt"

Gedenkstättenrundbrief 89 S. 6-17

Vom Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Der Name Nürnberg ruft wie keine andere Stadt Erinnerungen an die Zeit des
»Dritten Reiches« wach: Neben der Bestimmung zur »Stadt der Reichsparteitage« mit dem größten Propagandaspektakel des Regimes wurden hier 1935 die sogenannten »Nürnberger Gesetze« erlassen, die Juden und später andere Minderheiten entrechteten; ferner erschien hier das antisemitische Hetzblatt »Der Stürmer«, herausgegeben vom fränkischen Gauleiter Julius Streicher; hier zogen schließlich die Siegermächte in den Nürnberger Prozessen NS-Täter zur Rechenschaft.

Die Stadt hat mit diesem beschädigten Ruf zu leben. Wie schwierig das ist, zeigt der Umgang mit dem früheren Parteitagsareal seit 1945.1 Stilistische Merkmale und Relikte der Herrschaftsarchitektur können in Nürnberg wie nirgends sonst in Deutschland besichtigt werden.

 

1. Zur Geschichte des Reichsparteitagsgeländes

Die Bestimmung Nürnbergs zur »Stadt der Reichsparteitage« von seiten der Nationalsozialisten ist nach aktuellem Forschungsstand vorwiegend auf pragmatische Gründe zurückzuführen (wohlwollende Haltung der örtlichen Polizeibehörde gegenüber der NSDAP u.a.). Darüber hinaus galt die Stadt vaterländischen und rechtsextremen Verbänden aufgrund ihrer herausragenden Rolle im Mittelalter als ein deutscher Traditionsort. Bereits 1923 hatten sie sich hier zum »Deutschen Tag« versammelt, um an den Sieg über Frankreich 1871 zu erinnern. 1927 und 1929, noch in der Weimarer Republik, hielten die Nationalsozialisten ihren dritten und vierten Parteitag in der Innenstadt und im Luitpoldhain ab.

Nürnberg selbst war bis 1933 eine Arbeiter- und Industriestadt und eine Hochburg der Sozialdemokratie.

Im Sommer 1933 legte sich Hitler für die zukünftige Abhaltung der NS-Reichsparteitage auf Nürnberg fest. Das traditionelle Naherholungs- und Freizeitgebiet der Stadt um die beiden Dutzendteiche mit der Parkanlage Luitpoldhain, dem städtischen Stadion und dem Tiergarten im Südosten Nürnbergs, etwa 2,5km vom Zentrum entfernt, wurde auf einer Fläche von elf Quadratkilometern zum »Reichsparteitagsgelände« umgestaltet. Was dem im Wege stand, wurde beseitigt. Z.B. mußte der Tiergarten an einen anderen Ort verlegt werden. Mit der Gesamtleitung der Bauten wurde der Architekt Albert Speer beauftragt. Er setzte das Parteitagsareal zur mittelalterlichen Silhouette der Altstadt mit der Kaiserburg in Bezug.

Für die Durchführung und Finanzierung der Reichsparteitage sowie des Bauprogramms wurde 1935 der »Zweckverband Reichsparteitage Nürnberg« (ZRN) gegründet, dem die NSDAP, das Deutsche Reich, das Land Bayern und die Stadt Nürnberg angehörten. Aufgrund der megalomanen Planungen mußten die Kostenvoranschläge mehrfach deutlich erhöht werden. Lagen sie im Dezember 1934 bei 80 Millionen Reichsmark (RM), waren es 1938 bereits 600 Millionen.2 Tatsächlich dürften die Kosten für die Parteitagsbauten die Summe von einer Milliarde RM weit überschritten haben.

Von 1933–1938 hielten die Nationalsozialisten in der dafür ausgebauten Luitpoldarena und -halle, auf dem von Albert Speer entworfenen Zeppelinfeld mit der Tribüne, im städtischen Stadion sowie in der Innenstadt Nürnbergs einmal im Jahr einen »Reichsparteitag« zur Selbstdarstellung und Machtdemonstration des »Dritten Reiches« ab. Er dauerte jeweils eine knappe Woche und brachte bis zu einer Million Menschen aus ganz Deutschland in die Stadt. Im Mittelpunkt standen zahlreiche Appelle und Aufmärsche aller bedeutender Organisationen des NS-Staates (Wehrmacht, SA, SS, Hitlerjugend u.a.). Der Kult um den »Führer« Adolf Hitler dominierte die Parteitage. Hinzu kam ein umfangreiches Begleitprogramm mit Sondertagungen, Ausstellungen, Konzerten, sportlichen Schaukämpfen und einem Volksfest. An dieser Stelle kann nicht näher auf die Parteitage eingegangen werden.3

1937 bis 1939 wurde am nordwestlichen Rand des Areals die SS-Kaserne errichtet. Nach Auffassung des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege handelt es sich um die bedeutendste Kasernenanlage des »Dritten Reiches« in Deutschland.4

Annähernd fertiggestellt war bis 1939 die Große Straße, von Speer als Achse des Geländes konzipiert (2km x 60m); sie wurde aber nicht mehr benutzt. Im Südosten wurden für die SA, SS, Hitlerjugend und andere NS-Organisationen eine Lagerzone zur Unterbringung der Teilnehmer mit der erforderlichen Infrastruktur angelegt. Am nördlichen Rand errichteten die Nationalsozialisten 1937 eine Stadt für die NS-Organisation »Kraft durch Freude« (KdF). In den Holzbauten fanden zur Unterhaltung der Parteitagsbesucher Folklore- und Volksfestveranstaltungen statt.

Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 wurden die rasch fortschreitenden Bauarbeiten auf dem Gelände eingestellt, die erforderliche Beschaffung von Naturstein sowie weitere Planungs- und Projektierungsarbeiten für Nürnberg und andere große Bauvorhaben im Deutschen Reich auf Weisung Hitlers aber fortgesetzt.5 Nach Abschluß des Westfeldzuges erfolgte die Wiederaufnahme der Bautätigkeit auf dem Gelände auch unter Rückgriff auf Kriegsgefangene, die an der Kongreßhalle und an der Fundamentierung des Deutschen Stadions arbeiten mußten. Letzteres war das größte Bauprojekt überhaupt (geplant für 400000 Zuschauer) und besaß hinsichtlich der Natursteinbeschaffung 1941 absolute Priorität. Gewaltige Mengen an Granit wurden nach Nürnberg geliefert; mehr als 80 Steinbruchbetriebe waren dabei eingebunden.6 Die Eile und die vorgesehenen Dimensionen der Parteitagsbauten begünstigten diejenigen Firmen, die durch Kontrolle über ihre Arbeitskräfte ihre Ressourcen ganz auf die Produktionsvorgaben ausrichten konnten.

Hierfür war die SS, die die vollständige Kontrolle über die Gefangenen in den Konzentrationslagern ausübte, prädestiniert. Eines ihrer Ziele war es, mittels der eigenen Firma »Deutsche Erd- und Steinwerke« (DEST), die in Verbindung mit der Errichtung von Konzentrationslagern Steinbrüche erwarb, das Monopol über die Produktion von Natursteinen (Granit, Marmor etc.) in Konkurrenz zur deutschen Bauwirtschaft zu erringen. Der Verkauf versprach aufgrund der außerordentlichen Bauvorhaben des NS-Regimes und der damit verbundenen ideologischen und ästhetischen Vorgaben einen gesicherten Markt und ein lukratives Geschäft. 1941 beherrschte die DEST nach eigenen Angaben aufgrund einer Steigerung der Werkstein-Kapazitäten um 30% in den KZ Struthof-Natzweiler, Groß-Rosen, Flossenbürg und Mauthausen ein Achtel der gesamtem Granitsteinindustrie.7 Diese vier Lager sind es auch, die betreffend Zwangsarbeit mit dem Reichsparteitagsgelände in Verbindung standen. Beim Brechen von Steinen zum Bau der Kongreßhalle und des Deutschen Stadions wurden Tausende von KZ-Häftlingen nach dem Prinzip »Vernichtung durch Arbeit« zu Tode geschunden.8

Die Fortsetzung des Krieges brachte die Bauarbeiten auf dem Gelände Ende 1942 wieder zum Stillstand. Auf dem Märzfeld waren elf der 24 Türme errichtet, die Kongreßhalle bis zur dritten Etage als größter, wenn auch unvollendeter Monumentalbau des »Dritten Reiches« hochgezogen. Vom geplanten Deutschen Stadion blieb neben den ausgeführten Fundamentierungsarbeiten eine große Baugrube zurück.

Die Administration des Unternehmens »NS-Reichsparteitage« lief bis zum März 1945 unter Federführung des Reichsfinanzministeriums weiter. Zwar stellte sie in den letzten beiden Jahren eine Schattenorganisation dar, aber die außerordentliche Bedeutung des Nürnberger Projektes wird nicht zuletzt dadurch erkennbar, daß zum Nachfolger des 1941 verstorbenen Leiters des ZRN, Hanns Kerrl, der Chef der Parteikanzlei und Sekretär Hitlers, Martin Bormann, ernannt wurde.

Zur Geschichte des Parteitagsareals gehören zwei weitere Kapitel, die hier nur erwähnt werden können. Während des Krieges wurden das SA- und HJ-Lager zum Kriegsgefangenenlager Nürnberg-Langwasser (Stalag XIII D) umfunktioniert, in dem zeitweise bis zu 30000 Kriegsgefangene zusammengepfercht waren. Viele von ihnen wurden zu Arbeitseinsätzen in Nürnberger Rüstungsbetrieben gezwungen. Mehrere tausend Menschen kamen aufgrund der katastrophalen Bedingungen im Lager und bei der Zwangsarbeit ums Leben.9 Vom Bahnhof Märzfeld auf dem Reichsparteitagsgelände wurden Juden aus Nürnberg und Franken in die Vernichtungslager deportiert.10

 

2. Das frühere Reichsparteitagsgelände und seine Nutzung

US-Armee

Am 20. April 1945 nahm die US-Armee nach heftigen Kämpfen Nürnberg ein. Drei Tage später hielt sie ihre dritte Siegesparade auf der Zeppelintribüne ab und sprengte anschließend das auf dem Mittelbau der Haupttribüne installierte Hakenkreuz. Die US-Armee beanspruchte nach Kriegsende die vormalige SS-Kaserne sowie Flächen des Geländes um das Märzfeld für eigene Zwecke. Auf einem Teil des ehemaligen SA-Lagers internierte sie führende NSDAP- und SS-Mitglieder. Im November 1946 gab sie die Verwaltung dieses Civil Interment Camp an deutsche Behörden ab. Die Große Straße diente ihr von 1951 bis 1986 als Feldflugplatz für ihre Luftwaffe. Bis zu ihrem Abzug 1992 nach dem Ende des Kalten Krieges nutzte sie verschiedene Bauten und Teile des Geländes für militärische und andere Zwecke (z.B. Sportveranstaltungen).

 

Flüchtlingslager

Auf der anderen Seite des früheren SA-Lagers ließ die internationale Flüchtlingsorganisation UNRA (»United Nations Relief and Rehabilitation Administration«) ein Lager für sogenannte »Displaced Persons« und Flüchtlinge anlegen, die vorwiegend aus dem Osten kamen. Dieses Lager wurde in den Nachkriegsjahren in Nürnberg bekannt als Valkalager.11

 

Trabantenstadt Langwasser

Wichtigstes städtisches Ziel war der Aufbau der Trabantenstadt Langwasser auf dem früheren Märzfeld und dem südlich davon gelegenen Lagergelände (Grundsteinlegung am 29. März 1957). Die Stadt mußte langwierige Verhandlungen mit Bund, Land, Flüchtlingsorganisationen und der US-Armee führen, um die vollständige Verfügung als Baugrund zu erhalten. Die überkommene Infrastruktur des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes prägte die städtebauliche Struktur der Neubebauung (Architekt: Franz Reichel) und ist zum Teil noch am heutigen Stadtgrundriß von Langwasser ablesbar.12 Heute leben dort 35000 Menschen. Die elf Märzfeldtürme ließ die Stadt 1966/67 sprengen, weil sie der Bebauung im Wege standen.

 

Landschaftsgestaltung

Hinsichtlich des Gesamtareals war die Stadt Nürnberg um eine Wiederherstellung der ursprünglichen Funktion als Naherholungsgelände um die Dutzendteiche bemüht, soweit dies möglich war. Auf dem Gebiet zwischen der mit Grundwasser vollgelaufenen Baugrube des Deutschen Stadions – dem heutigen Silbersee – und des Luitpoldhains ließ die Stadtverwaltung in den fünfziger Jahren den Volkspark Dutzendteich anlegen. Die Tribünen der Luitpoldarena wurden für die Parkgestaltung in den fünfziger Jahren gesprengt. An dem Kriegerdenkmal findet jedes Jahr am Volkstrauertag die offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt für die Kriegsopfer und die in beiden Weltkriegen getöteten Soldaten statt.

 

Ahistorischer Pragmatismus

Die NS-Bauten Zeppelintribüne und Kongreßhalle gingen nach 1945 als Liegenschaft in den Besitz der Stadt über. An eine Restaurierung war von Seiten der Stadt Nürnberg nicht gedacht. Die Zeppelintribüne diente für Freiluftveranstaltungen verschiedenster Art – z.B. Motorsportrennen, politische Kundgebungen, Gottesdienste, seit den siebziger Jahren auch für Rockkonzerte. 1967 ließ die Stadt die Säulengalerien der Tribüne wegen Baufälligkeit sprengen. Die Seitentürme wurden Anfang der siebziger Jahre aus dem gleichen Grund auf die halbe Höhe abgetragen.

In der Kongreßhalle und auf dem Freigelände bei der Großen Straße fand auf Anregung des »Kuratoriums für den Aufbau der Stadt Nürnberg« im September 1949 die Erste Deutsche Bauausstellung statt. Ein dreiviertel Jahr später, vom 14.–30. Juli 1950, feierte die Stadt Nürnberg ihr neunhundertstes Stadtjubiläum am gleichen Ort. 1953 konnten die Oberschlesier ihr Bundestreffen, 1955 die Sudetendeutschen Landsmannschaften den Sudetendeutschen Tag auf dem Zeppelinfeld und ihre Jahreshauptversammlung wie auch im folgenden Jahr in der Kongreßhalle abhalten.

Als der Torso den gestiegenen Ansprüchen nicht mehr entsprach, entschied der Stadtrat 1969, ihn zukünftig als Lagerhaus zu verwenden und Räume an Firmen zu vermieten.

Dieser Umgang mit den NS-Bauten in der Nachkriegszeit ist von ahistorischem Pragmatismus gekennzeichnet. Berührungsängste gab es nicht, die folgenden Beispiele stehen stellvertretend für andere. So dachte der Stadtrat schon einmal an die Nutzung der früheren SS-Kaserne als Rathaus, was die US-Armee aber nicht zuließ (Dezember 1946). Den Auftrag für ein Gutachten zum Umbau der Kongreßhalle zu einem Fußballstadion vergab die Stadt auf Empfehlung des Deutschen Fußballbundes an Werner March, der sich beim Bau von Sportstätten internationales Renommee erworben hatte. Eine Diskussion um seine Person als von den Nationalsozialisten beauftragter Architekt des Berliner Olympiastadions fand dabei nicht statt (1962). Die Idee einer Firma, die Kongreßhalle zu einem Einkaufs- und Shoppingcenter in einer Größenordnung von 500 Millionen Mark umzubauen, begrüßte die städtische Verwaltungsspitze einschließlich des Oberbürgermeisters ausdrücklich. Der Kämmerer sprach von einer »endgültigen Nutzung«, die »im Sinne der Entmythologisierung Leben in das Bauwerk bringt« (1987). Ausgeblendet dabei wurde von dieser Seite die Baugeschichte und der damit verbundene Zusammenhang zur SS mit dem von ihr praktizierten System »Vernichtung durch Arbeit«. Gedacht war ferner an eine Umgestaltung des Torsos als multifunktionales Gewächshaus »Plantopolis«/»Ökopolis«, der Großen Straße zu einer »Friedensallee«, und der Zeppelinwiese zur Blumenarena im Rahmen einer Bundesgartenschau (1988). Alle diese Pläne blieben vorwiegend aus Kostengründen Papier.

 

Denkmalschutz

Eine unerwartete Zäsur bei diesem Umgehen mit ungeliebter Geschichte erfolgte 1973: Mit der Neufassung des bayerischen Denkmalschutzgesetzes wurde der »Kolossalstil des Dritten Reiches« als denkmalschutzwürdig eingestuft.13 Die Stadt Nürnberg ist seitdem in Absprache mit der Denkmalschutzbehörde verpflichtet, die NS-Bauten möglichst in ihrem Zustand zu erhalten, was erhebliche finanzielle Aufwendungen bedeutet.

 

Information

In den siebziger Jahren begann mit dem Wechsel der Kriegs- zur Nachkriegsgeneration das öffentliche Interesse an der NS-Zeit zuzunehmen. Ferner trieb die neonazistische Wehrsportgruppe Hoffmann in Nürnberg und Umgebung ihr Unwesen. Als Reaktion gründete sich ein antifaschistisches »Komitee gegen Neonazismus«, das auch Begehungen über das ehemalige Reichsparteitagsgelände anbot. Zusätzlich war die Stadt wegen des Erinnerungsjahres 1983 – 50 Jahre nach 1933 – gefordert. Die NS-Bauten am Dutzendteich, die auch eine internationale Touristenattraktion darstellen, rückten verstärkt in den Blickpunkt.

Die Stadtverwaltung reagierte 1977 mit der Herausgabe einer kleinen Informationsbroschüre über das frühere Reichsparteitagsgelände. Der damalige Schul- und Kulturreferent Hermann Glaser, der sich nicht zuletzt in zahlreichen Publikationen mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat, regte die Einrichtung einer Ausstellung auf dem Gelände an. Sie konnte nach erheblichen Anlaufschwierigkeiten und nach einem zweiwöchigen Pilotprojekt im November 1984 im folgenden Jahr mit dem Titel »Faszination und Gewalt« unter Leitung des Pädagogischen Instituts der Stadt Nürnberg in bescheidener Aufmachung eröffnet werden. Präsentationsort ist der Mittelbau der Zeppelintribüne. Die Ausstellung ist dort während der Sommermonate zu sehen, im Winter wegen Unbeheizbarkeit der Räume aber geschlossen.14 (10. Mai bis Ende Oktober, Di–So, 10–18 Uhr, Infotelefon 0911-231-5666). Der derzeitige Jahresetat für die Ausstellung, der von der Stadt Nürnberg geleistet wird, beträgt 110000,— DM. Bund und Land sahen sich dafür nicht zuständig.

Durchschnittlich wird die Präsentation von ca. 35000, das ehemalige Reichsparteitagsgelände nach Schätzungen der städtischen Museen von mehr als 100000 Menschen besucht. Ca. 400 Gruppen (Schulklassen, berufsspezifische Gruppen von Polizei, Bundeswehr, Gewerkschaften, Universitäten u.a.) fragten 1998 wegen Begehungen mit fachkundiger Betreuung an. Aufgrund der großen Nachfrage wird diese Arbeit hauptsächlich von privaten Organisationen wie dem Verein »Geschichte für Alle« getragen. Ein Wallfahrtsort für Neonazis aber waren die Überreste der NS-Bauten bisher nicht.

 

Ratlosigkeit

Als Reaktion auf den bereits erwähnten und in der Öffentlichkeit umstrittenen Vorschlag von 1987, in die Kongreßhalle ein Einkaufs- und Shoppingcenter zu bauen, initiierte das Kulturreferat im Juli 1988 ein Symposium mit dem Titel »Das Erbe. Vom Umgang mit NS-Architektur«. In der Abschlußdiskussion plädierte Hermann Glaser für den Erhalt der Bauten und ihre pragmatische Nutzung bei gleichzeitiger Intensivierung des Informationsangebotes. Die eingeladenen Teilnehmer empfahlen einen Umgang mit dem Erbe wie mit einem »didaktischen Material«. Fertige Konzepte gab es nicht, ein Abbruch wurde aber einhellig abgelehnt.15 Das Symposium verdeutlichte die Problematik und Kompliziertheit dieser Thematik, sowie die Unmöglichkeit, die NS-Bauten aufgrund ihrer Dimensionen und ursprünglich zugedachten Funktion in den Alltag zu integrieren. Es ist deshalb kein Zufall, daß bis heute ein Gesamtkonzept für die städtebauliche Nutzung des Geländes fehlt. Möglicherweise wird es das niemals geben.

Auch die Rathausparteien CSU und SPD äußerten sich 1988 zum erstenmal in ausführlicher Form über den weiteren Umgang mit dem früheren Reichsparteitagsgelände und befürworteten eine Erweiterung der Ausstellung »Faszination und Gewalt«.16 Denn die Defizite der Präsentation, z.B. eine fehlende Beschilderung und unzureichend fremdsprachiges Material, waren nicht mehr zu übersehen.

 

»Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände«

Verschiedene Initiativen, die in der ersten Hälfte der neunziger Jahre eine Verbesserung des bestehenden Informationsangebotes zu erreichen versuchten, blieben erfolglos. Seit 1991 bemühte sich der Verein »Informationszentrum ehemaliges Reichsparteitagsgelände« um städtische Unterstützung für die Einrichtung einer ganzjährig geöffneten Infostelle im nördlichen Kopfbau der Kongreßhalle als Ergänzung zu der Ausstellung »Faszination und Gewalt«, fand damit aber keine politische Unterstützung. Zwei Jahre später beschloß die Stadtverwaltung eine Neuordnung der Museumsstruktur, die Ende 1994 zu einer Übernahme der Betreuung von »Faszination und Gewalt« durch die städtischen Museen führte.

Deren Leiter, Dr. Franz Sonnenberger, stellte im Herbst 1996 der Öffentlichkeit ein von den Museen entworfenes Projekt für ein neues »Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände« im nördlichen Kopfbau der Kongreßhalle vor. Er begründete die Notwendigkeit einer solchen Einrichtung mit dem provisorischen Charakter von »Faszination und Gewalt« sowie mit dem steigenden Informationsbedürfnis in der Öffentlichkeit nach einer umfassenden Dokumentation der NS-Geschichte in Nürnberg. Unterstützend zur Seite stehen ein politisches Kuratorium, dem neben anderen der Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg, der Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, die Kultusministerin und der Innenminister des Landes Bayern, der Beauftragte für Medien und Kultur beim Bundeskanzler, der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg und die Bischöfe der beiden großen Kirchen angehören, sowie ein wissenschaftlicher Beirat mit bekannten Historikern und Museumsfachleuten wie Wolfgang Benz und Christoph Stölzl. Politiker aller demokratischen Parteien haben sich wohlwollend zu dem Vorhaben geäußert.

Vorgesehen ist, im ersten Obergeschoß des Kopfbaues bisher ungenutzte Räume mit einer Ausstellungsfläche von ca. 1300 m≈ zu erschließen. Der Ort ist im Gegensatz zur Zeppelintribüne verkehrsgünstig und öffentlich präsent gelegen. Da die städtebauliche Nutzung des gesamten ehemaligen Reichsparteitagsgeländes nach wie vor ungeklärt ist, soll das geplante Dokumentationszentrum einem möglichen zukünftigen Gesamtkonzept für das Areal nicht vorgreifen. Die Kosten für die Realisierung des ersten Projektentwurfes wurden von den städtischen Museen mit 9,5 Millionen Mark angegeben. Als Bedingung dafür forderte die Stadt Nürnberg die Beteiligung des Bundes und des Landes Bayern ein, da es sich um eine gesamtdeutsche Aufgabe handele. Die Fertigstellung ist für das Jahr 2000 vorgesehen, da Nürnberg in diesem Jahr sein neunhundertfünfzigstes Gründungsjubiläum begeht.17

Nach zwei Jahren war die Summe von 9,5 Millionen für die Finanzierung gesichert, wovon der Bund und das Land Bayern je 4 Millionen DM beisteuern. Die Restsumme wird von der Region (Bezirkstag Mittelfranken und private Spender) und von der Stadt Nürnberg aufgebracht, die als zukünftiger Träger des Dokumentationszentrums auch die Unterhaltskosten tragen wird. Mittlerweile ist ein begrenzt ausgeschriebener Architektenwettbewerb im November 1998 abgeschlossen worden, der mit der Entscheidung für das Konzept des Architekten Günther Domenig aus Graz endete. Es sieht vor, mit einem diagonalen, begehbaren »Pfahl« aus Glas und Stahl einen dekonstruktivistischen Schnitt durch den nördlichen Kopfbau der Kongreßhalle anzulegen. Seine Absicht ist es, damit die Monumentalität und die strenge Geometrie des NS-Baus zu brechen. Die Störung wird noch dadurch verstärkt, daß der »Pfahl« von der Eingangszone im Erdgeschoß bis an die Ausstellungsräume im Obergeschoß schräg ansteigt. Die Umsetzung des Entwurfes wird Mehrkosten verursachen, über deren Höhe bis zum Sommer 1999 eine Detailkostenschätzung Auskunft geben wird.

Die inhaltliche Grundlage für die geplante Dauerausstellung wurde in Form eines vom wissenschaftlichen Beirat im Juli 1997 verabschiedeten Gutachtens von Professor Gregor Schöllgen von der Universität Erlangen gelegt. Darin empfiehlt er, einen weiten chronologischen Bogen von den zwanziger Jahren bis in die Gegenwart zu schlagen. Die historische Darstellung wird die einhundertjährige Geschichte des Areals am Dutzendteich umfassen. Der Schwerpunkt wird auf der Geschichte der NS-Reichsparteitage und des -geländes liegen: ihrer Funktion als zentraler Bestandteil der Propaganda des »Dritten Reiches«, deren Wirkung auf die Region, das In- und Ausland und in das Alltagsleben der Bevölkerung hinein. Von diesen Ereignissen werden aber auch sogenannte »Fenster mit Blick auf die Geschichte des Dritten Reiches« (Ch. Stölzl) geöffnet werden, z.B. betreffend der Verkündung der sogenannten »Nürnberger Gesetze« auf deren verbrecherische Konsequenzen bis zum Holocaust. Thematisert werden ebenso die Nürnberger Prozesse und der Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände seit Kriegsende bis heute.

Ergänzend soll ein Lern- und Studienforum Schulklassen und Gruppen die Voraussetzungen für entsprechende pädagogische und didaktische Begleitarbeit und die Möglichkeit zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik bieten. Als Anschauungsobjekte sind dafür die baulichen Überreste der Herrschaftsarchitektur und die Topographie des Areals besonders geeignet.

Geplant ist ferner ein lokaler bzw. regionaler Informationsverbund mit dem Jüdischen Museum Franken in Fürth, mit den Justizbehörden in der Fürther Straße, wo sich der Schauplatz der Nürnberger Prozesse, der Schwurgerichtssaal 600 befindet, und mit den KZ-Gedenkstätten in Flossenbürg und Dachau.

Die sich jetzt einstellende bemerkenswerte Dynamik in Sachen steinerne NS-Erblast in Nürnberg und deren Annahme bedarf nach dem hier skizzierten fünzigjährigen Umgang, der lange Zeit von ahistorischem Pragmatismus und von Ratlosigkeit geprägt war, einer vorläufigen Erklärung. M.E. sind dafür vier Ebenen ausschlaggebend, die sich im zeitgeschichtlich-politischen Kontext zum Teil zufällig verbunden haben:

 

1. Der seit den achtziger Jahren sich vollziehende Umbruch der Erinnerungs- und Gedenklandschaft in der Bundesrepublik. Die Zeit des »kommunikativen Erinnerns«, d.h. der Möglichkeit, mit der Teilnehmergeneration der NS-Zeit zu reden, geht zu Ende. Jan und Aleida Assmann haben dies als »Wechsel vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis« bezeichnet. »Erinnern« an die NS-Zeit wird ganz und gar künstlich, und von den Eliten aus Staat, Gesellschaft und Politik besetzt. Ein Ausdruck für diesen Adaptionsprozeß war betreffend Nürnberg die Entschließung des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages vom April 1996, in der der zukünftige Umgang mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände als eine Aufgabe bezeichnet wurde, die heute zu nationaler Reaktion herausfordere.18

2. Die Vereinigung Deutschlands mit dem Fortfall des innerdeutschen Systemkonfliktes. Sie hat, wie Peter Reichel es in seinem Standardwerk »Politik mit der Erinnerung« von 1995 beschrieben hat, die Perspektiven auf die deutsche Geschichte im allgemeinen und auf die NS-Zeit im besonderen verschoben, die politisch-historischen Erbschaftsverhältnisse verändert und damit einem höchst konfliktträchtigen Politikfeld die bisherige Grundlage entzogen.19

3. Die Neustrukturierung der städtischen Museumslandschaft in Nürnberg führte Ende 1994 zur Übertragung der Betreuung der Ausstellung »Faszination und Gewalt« von dem kleinen Pädagogischen Institut zur größeren Dienststelle der Museen der Stadt Nürnberg. Deren Leiter Franz Sonnenberger hat aufgrund der mit der Ausstellung »Faszination und Gewalt« gesammelten Erfahrungen und der Arbeit von Informationsträgern wie des Vereins »Geschichte für Alle« zu dieser Thematik die Initiative für das Projekt ergriffen und ein durchdachtes Konzept entwickelt. Er traf damit auf ein offeneres politisches Umfeld aufgrund der Punkte eins und zwei.

4. Der Zusammenfall der Jahrtausendwende 2000 mit dem neunhundertfünfzigsten Stadtjubiläum, der von den städtischen Museen als Zielvorgabe vorgeschlagen wird, um das Projekt »Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände« bis zum Jahresende zu realisieren. Dies wird offensichtlich von allen Seiten akzeptiert.

 


 1 Eckart Dietzfelbinger, Der Umgang der Stadt Nürnberg mit dem früheren Reichsparteitagsgelände. Beiträge zur politischen Bildung, Nr.9/1990, hg. vom Pädagogischen Institut der Stadt Nürnberg.
Ders.: Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Restaurieren – Nutzen – Vermitteln. In: Architektur und Städtebau der 30er/40er Jahre. Schriftenreihe des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz, Bd. 48, S. 64 ff., Bonn 1994.
Thomas Wunder, Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Entstehung – Kennzeichnung – Wirkung. Eine Einführung zur Begehung des ehemaligen NS-Parteigeländes. Schriften des Kunstpädagogischen Zentrums im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, 1984.
Geschichte für Alle e.V. (Hg.), Geländebegehung. Das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 1994.

2 Vermerk des ZRN vom 22.6.1938, in: R 2-11901, Bundesarchiv Berlin.

3 Dazu: Siegfried Zelnhefer, Die Reichsparteitage der NSDAP. Geschichte, Struktur und Bedeutung der größten Propagandafeste im nationalsozialistischen Feierjahr. Nürnberger Werkstücke zur Stadt- und Landesgeschichte, Bd. 46, Nürnberg 1991.

4 Nürnberger Nachrichten, 8.7.1993.

5 Brief von Oberbürgermeister Liebel/ZRN an Staatssekretär Reinhardt vom Finanzministerium vom 30.9.1939, in: R 2-11901, Bundesarchiv Berlin.

6 1940 wurden insgesamt 19075m∆ Naturstein, darunter 3408m∆ für das Deutsche Stadion angeliefert. Die Lieferungen für die Säulen des Stadions erreichten 7000m∆ Granit, zusätzlich noch Aufträge von 5000m∆ für grob behauenen Stein bei schwedischen und norwegischen Firmen:
Paul. B. Jascot, Heinrich Himmler and the Nuremberg Party Rally Grounds: The Interest of the SS in the German Building Economy, Chicago, 1998, S.12. P. Jascot hat diese Forschungsergebnisse für seine Dissertation »The architectural policy of the SS, 1936–1945« (1995) insbesondere im Bundesarchiv und im Stadtarchiv Nürnberg recherchiert. Mittlerweile ist sein Buch »Oppressive Architecture: The Interest of the SS in the Monumental Building Economy« bei Routledge Press, 1999, erschienen. M.E. handelt es sich hinsichtlich der SS-Forschung um eine bahnbrechende Studie. Paul Jascot lehrt an der Universität Chicago, Department of Art and Art History.
Zu den beteiligten Steinbruchunternehmen, die nach Nürnberg lieferten: Stadtarchiv Nürnberg, C 32/238; 277; 279.

7 NS 3/1538, Bundesarchiv Berlin.

8 Jascot, a.a.O., S. 14 ff.

9 Pädagogisches Institut der Stadt Nürnberg (Hg.), Beiträge zur politischen Bildung, Nr. 3/1993:
Erika Sanden, Das Kriegsgefangenenlager Nürnberg-Langwasser 1939–1945. Ergebnisse einer Spurensuche, Nürnberg, 1993.

10 Ausstellungskataloge des Stadtarchivs, Kuno Ulshöfer (Hg.), Nr.2: Hermann Froschauer, Renate Geyer, Quellen des Hasses. Aus dem Archiv des »Stürmer« 1933–1945, S. 72 ff., Nürnberg 1988.
Von 1631 deportierten Nürnberger Juden überlebten 72.

11 Jessica Büsch, Integration der Bewohner des Lagers Valka, Flüchtlingssiedlung in Nürnberg nach 1945, maschinenschriftlich, Nürnberg, 1989; Keine Heimat mehr: vom Valka-Lager zum Bundessammellager. In: Geschichte für Alle e.V. (Hg.), Bernd Windsheimer, Martina Fleischmann, Nürnberg-Langwasser. Geschichte eines Stadtteils, Nürnberg, 1995, S.83 ff.

12 Geschichte für Alle e.V. (Hg.), Bernd Windsheimer, Martina Fleischmann, Nürnberg-Langwasser. Geschichte eines Stadtteils, Nürnberg, 1995.

13 Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler vom 25.6.1973. Siehe auch Ausführungsbestimmungen, Art.4.

14 Zur Konzeption der Ausstellung: Bernd Ogan, Faszination und Gewalt – Ein Überblick. In: Bernd Ogan, Wolfgang W. Weiß (Hg.), Faszination und Gewalt. Zur politischen Ästhetik des Nationalsozialismus, Nürnberg 1992, S. 11 ff.

15 Zum Symposium »Das Erbe«: Werk und Zeit 3/1988, hg. vom Deutschen Werkbund; NN/NZ, 11.7.1988; SZ, 22.7.1988.

16 CSU-Pressedienst, 1.12.1988; SPD-Arbeitsgruppe, Denkschrift über die zukünftige Nutzung der Bauten des ehemaligen NSDAP-Reichsparteitagsgeländes, Dezember 1988.

17 Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg. Denkschrift zur Auseinandersetzung mit dem steinernen Erbe der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, November 1996, Museen der Stadt Nürnberg. Dieselben: Projekt eines Dokumentationszentrums zur NS-Geschichte, Nürnberg 1999. Darin ist das im Text erwähnte Gutachten von Prof. Schöllgen enthalten.

18 Jan Assmann/Tonio Hölscher (Hg.), Kultur und Gedächtnis. Frankfurt/M., 1988.
Aleida Assmann/Dietrich Harth (Hg.), Mnemosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung, Frankfurt/M., 1991.
Entschließung des Kulturausschusses des Deutschen Städtetages vom 18./19.4.1996.

19 Peter Reichel, Politik mit der Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München/Wien 1995, S.34.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund89_6-17.pdf)