Randi Becker

Fortsetzung: Die Gnade der weiblichen Geburt? Frauen als Täterinnen in ›Euthanasie‹-Gedenkstätten - Teil 2

Gedenkstättenrundbrief 196 S. 29-39

Teil 1 dieses Artikels ist in der letzten Ausgabe des Gedenkstättenrundbriefes (Nr. 195, 9/2019) erschienen und bot einen kurzen Überblick über die Beteiligung von Frauen am NS, die Thematisierung von Täterinnen nach 1945 und eine Analyse der Thematisierungen von Täterinnen in ›Euthanasie‹-Gedenkstätten am Beispiel von Pirna und Bernburg. An beiden Ausstellungsanalysen konnte gezeigt werden, dass die Beteiligung von Frauen am Massenmord sprachlich verschleiert und nicht den Tatsachen ihrer Beteiligung entsprechend abgebildet wird. Im Folgenden werden daran anknüpfend die Ausstellungen von Brandenburg und Hadamar in Kürze analysiert. Als Fazit schließen sich Empfehlungen zur Thematisierung von weiblicher Täterinnenschaft in Gedenkstätten an.

 

Brandenburg

Die Gedenkstätte Brandenburg/Havel wurde 2012 eröffnet und beinhaltet eine umfangreiche Dauerausstellung, die sich in folgende Bereiche gliedert:

Morde an Kranken und Behinderten im Nationalsozialismus

Das Alte Zuchthaus Brandenburg/Havel: Zur Geschichte des Ortes

Einführung eines Tötungsverfahrens: Die »Probetötung« in Brandenburg/Havel

Der Krankenmord in der T4-Anstalt Brandenburg

Psychisch kranke Straftäter – die ersten Opfer in Brandenburg

Zu Forschungszwecken ermordet: Kinder aus der Anstalt Görden

Rückstellungen vor der Gaskammer

Die Verbrennung der Leichen

Die Verlagerung der Tötungsanstalt nach Bernburg

Auftakt zum Holocaust: Die »T4-Sonderaktion« gegen jüdische Patienten

Widerstand gegen den Krankenmord

Weitere Krankenmorde im Nationalsozialismus

Transfer von Mordtechnologie und Personal in die Vernichtungslager

Die Strafverfolgung von ›Euthanasie‹-Verbrechen nach 1945

Gedenken in der Stadt Brandenburg/Havel seit 1945

 

Generell lässt sich festhalten, dass die Thematisierung der weiblichen Angestellten in der Gedenkstätte Brandenburg marginal ausfällt und der Fokus mehr auf Opferschaft liegt. Auch in dieser Ausstellung wird nicht gegendert. Unter dem Stichwort »Probetötung« wird zum Beispiel wie folgt das Personal sprachlich benannt: »Anfang Januar 1940 töteten mehrere NS-Funktionäre und T4-Mitarbeiter im Alten Zuchthaus Brandenburg erstmals in Deutschland eine Gruppe Kranker mit Kohlenmonoxid.« (Gedenkstätte Brandenburg 2012). Weibliche ›T4‹-Mitarbeiterinnen, sollten an dieser Stelle Frauen beteiligt gewesen sein, werden hier verschleiert. In Bezug auf genannte Probetötungen werden die Chemiker August Becker und Albert Widmann, der stellvertretende Leiter der sogenannten ›Kindereuthanasie‹ Richard von Hegener, der Leiter der »Kanzlei des Führers« Viktor Brack sowie der Professor für Psychiatrie Werner Heyde vorgestellt, aber keine Frauen. In Bezug auf den »Krankenmord« werden Täterinnen und Täter nicht benannt, der Fokus der Tafeln liegt hier auf Struktur und Organisation, sowie Biografien von Ermordeten. Beides findet sich auch in den nachfolgenden Überthemen, in denen weibliches Personal nicht benannt wird. Diese Vermeidung ist sehr auffällig, entsteht so doch der Eindruck, die Morde seien passiert, aber nicht von konkreten Menschen ausgeführt worden. Auch die überdimensionale Thematisierung von Widerstand gegen den Krankenmord irritiert und scheint durch eine große Tafel mit riesigem Foto nicht in Relation zur tatsächlichen Relevanz des (nur marginalem) Widerstandes zu stehen.

Erst nach dem Bereich Widerstand findet sich ein kleiner interaktiver Bildschirm, der leicht zu übersehen ist und zwischen den großen Tafeln der Dauerausstellung tendenziell untergeht: Hier kann man sich, fällt einer oder einem der Bildschirm denn auf, durch »Die Täter: Das Personal der Brandenburger Tötungsanstalt« klicken. Die Eingangs­beschreibung lautet: »Die Brandenburger T4-Anstalt verfügte über ein breit ­gefächertes Personal, das aus Angehörigen verschiedener Berufsgruppen bestand. Insgesamt sind knapp 70 Beschäftigte namentlich nachweisbar, fast 80 % waren männlich. Nicht alle diese Mitarbeiter waren während des gesamten Bestehens der T4-Anstalt Brandenburg tätig. Manche kamen erst im Verlauf der Jahres 1940 dorthin, andere wurden nach einiger Zeit an andere T4-Anstalten versetzt (…).« Auch wenn hier nicht gegendert wird, besticht dieser Text zumindest durch die Nennung des Geschlechterverhältnisses 80 zu 20. In den Bereichen Ärzte, Pflegepersonal, Polizeibeamte und SA-Männer, SS-Männer, Verwaltungspersonal und Wirtschafts- und Haushaltspersonal lassen sich dann einzelne Biografien des Personals einsehen. Als Ärzte sind drei Männer aufgeführt, als Pflegepersonal eine Frau und ein Mann, als Polizeibeamte vier Männer, als SS-Männer ebenfalls vier Männer, und im Bereich Verwaltung ein Mann und zwei Frauen, sowie im Bereich Wirtschaft ein Mann. Damit sind hier immerhin drei Frauen exemplarisch abgebildet: die Pflegerin Christel Zielke und die Schreibkräfte Edith F. und Elfriede von H. Auch wenn die Darstellung von Täterinnen im Rahmen dieser Auflistung durchaus vorhanden ist, ist durch die Darstellungsform innerhalb des Bildschirms, der in der Ausstellung kaum auffällt, die Thematisierung des weiblichen Personals marginal.
Auch das Nicht-Gendern zieht sich durch alle Abbildungen und gerade in Brandenburg fällt zudem auf, dass eine Thematisierung von handelnden Menschen generell vermieden wird. Zusammenfassend kann so festgehalten werden, dass die Beteiligung von Frauen durchaus abgebildet wird, die Thematisierung von Täterinnen und Tätern im Allgemeinen aber derart marginal ist, dass sowohl männliche als auch Mörderinnen in der Darstellung unsichtbar gemacht werden.

 

Hadamar

Die momentane Dauerausstellung in Hadamar wurde 1991 eröffnet (vgl. George 2006: 438). Sie besteht aus insgesamt 72 Informationstafeln. Dabei sind die Tafeln verschiedenen Themen zugeordnet:


Vorgeschichte der Tötungsanstalt und der ›Euthanasie‹-Morde: 1883–1932 (Tafel 1 bis 6), 1933–1939 (Tafel 7 bis 18)

ersten Phase des Mordens 1939–1941 (Tafel 19 bis 38)

zweiten Mordphase von 1942–1945 (Tafel 39 bis 53)

Haltung der Bevölkerung (Tafel 54 bis 58)

Nachkriegsprozesse (Tafel 59 bis 65)

Wiedergutmachung und Gedenken (Tafel 66 bis 72)

Für die Darstellungen der Täterinnen sind dabei vor allem die Tafeln zur ersten und zweiten Mordphase relevant. Deshalb werden im Folgenden die Tafeln 19 bis 53 näher betrachtet.

 

Darstellung der ersten Mordphase

Tafel 19 gibt einen einführenden Überblick über die erste Mordphase. Darauffolgend (20) werden die sechs Anstalten der ›T4‹ auf einer Karte abgebildet. Tafel 21 widmet sich dem ›Euthanasie‹-Erlass und der ›T4‹-Zentrale, deren Arbeit auf Tafel 22 in ihrem Ablauf abgebildet ist.

Tafel 23 bildet die Erfassung der Vernichtung anhand von exemplarischen Meldebögen und der Liste der T4-Gutachter ab. Auf dieser Liste sind nicht bei allen Personen die Vornamen angegeben, sodass eine Geschlechtseinordnung schwerfällt. All jene, die mit Vornamen aufgeführt sind, sind allerdings Männer. Zudem spricht der Begleittext nur von »T4-Gutachtern« und »angeworbenen Ärzten« (vgl. Gedenkstätte Hadamar, Tafel 23).

Tafel 24 macht Einzugsgebiet und Zwischenanstalten von Hadamar deutlich. Darauffolgend wird der Mordbeginn in Hadamar beschrieben, Tafel 25: Hier ist neben einigen Dokumenten und Fotos der Busse und der Anstalt ein Foto des Merxhäuser Pflegepersonals abgebildet. Zu sehen sind mindestens neun Frauen, die aus einem Zug aussteigen, beziehungsweise vor dem Zug posieren. Alle tragen weiße Schürzen und Hauben und sind so als Krankenschwestern zu erkennen, die zum Dienstantritt nach Hadamar reisen. Der Begleittext lautet: »Aus angeblich kriegswichtigen Gründen wurden die Kranken in andere Anstalten verlegt, die tatsächlich Zwischenanstalten auf dem Weg in die Tötungsanstalt waren. An diesem Tag begleiteten Merxhäuser Schwestern einen Transport von 222 Frauen in die Zwischenanstalt Herborn.« (ebd. 25).

Ebenfalls auf Tafel 25 ist eine Liste der Angestellten und Lohnempfänger abgebildet: zu sehen sind Vorname und Beruf sowie Besoldungsgruppe. 22 Personen sind aufgelistet, sowie weitere zwei Personen handschriftlich ergänzt. Von den (lesbaren) 22 sind sechs Frauen: eine Verwaltungsangestellte, vier Schwestern und eine Beiköchin. Durch diese Liste wird an dieser Stelle die Beteiligung von Frauen in den genannten Berufsfeldern deutlich.

Nun folgen Tafeln zum »letzten Weg der Opfer« (ebd. 26) sowie der Verwaltung des Mordes (ebd. 27). Die Tafeln 28 bis 30 stellen ausgewählte Opfer des Massenmords vor, 31 zeigt die Irreführung der Angehörigen der Ermordeten. Tafel 32 bildet die »Personalstruktur der ›Euthanasie‹-Anstalt Hadamar 1940–1942« ab. Dabei werden folgende Berufsfelder genannt und wie folgt (nicht) gegendert: im Bereich Transport: »Transportleiter, Fahrer, Begleitpersonal (Schwester/Pfleger)«, im Bereich Beschaffung: »Landessekretär«, im Bereich Mord: »leitender Arzt, stellvertretender Arzt, Schwestern/Pfleger, Fotograf, ›Leichenbrenner‹«, im Bereich Verwaltung: »Büroleiter, Standesbeamte, Bürokräfte«, im Bereich Versorgung: »Pflegepersonal« (vgl. ebd. 32). Aus den so angegebenen Berufsbezeichnungen lässt sich weibliches Personal nur unter »Schwestern« eindeutig erkennen, während die Bezeichnungen »Begleitpersonal« oder »Pflegepersonal« weibliche Täterinnen nur erahnen lassen.

Die Tafeln 33 und 34 benennen nun die konkreten Täter und Täterinnen. Die Überschrift von Tafel 33 »Das Personal – die Täter« ist dabei nicht gegendert. Der Text liest sich wie folgt: »Anfang 1941 kamen zu dem Hadamarer Stammpersonal Kräfte aus der im Dezember geschlossenen T4-Anstalt Grafeneck hinzu. Das Tötungs- und Verwaltungspersonal lebte streng kaserniert auf dem Mönchsberg, erhielt ein gutes Gehalt und besondere Verpflegung. Alle mussten sich zur Geheimhaltung verpflichten, bei Bruch des Schwures wurde mit KZ-Strafe oder Tod gedroht. Im Juni/Juli fand ein weiterer Personalwechsel statt. Ärzte, Schwestern und Pfleger aus anderen Anstalten des Bezirksverbandes Wiesbaden kamen nach Hadamar, darunter viele ›alte Kämpfer‹, d.h. langjährige Parteimitglieder. Im Spätsommer 1941 wurde die Verbrennung der zehntausendsten Leiche mit einer abscheulichen Zeremonie gefeiert. Die Leiche eines Patienten mit Wasserkopf lag im Keller geschmückt auf einer Bahre, und ein Angestellter imitierte einen Priester. Alle Anwesenden erhielten eine Flasche Bier. Diese ›Feier‹ wurde anschließend in den oberen Geschossen fortgesetzt.« (ebd. 33). Durch die männliche Überschrift und die ansonsten neutralen Begriffe wie »Personal« lassen hier den Eindruck entstehen, das Personal sei ganz oder vorrangig männlich gewesen. Nur die Verwendung von »Schwester« an einer Stelle weist hier auf weibliches Personal hin. Als einzige Person wird auf Tafel 33 der Arzt Bodo Gorgass vorgestellt. Daneben findet sich ein Foto des T4-Personals auf einem Betriebsausflug. Dort sind 19 Personen zu erkennen: Mindestens sechs davon sind Frauen. Trotzdem erwähnt der darunter stehende Begleittext nur einen Brenner und zwei SS-Leute namentlich. Die anderen Personen werden nicht benannt, weder mit Namen noch mit ihrer Position in Hadamar.

Auf Tafel 34 werden zum einen die Tätigkeiten der Verwaltungsangestellten und des Pflegepersonals näher beschrieben, sowie je zwei aus jeder Gruppe biografisch vorgestellt. Der Text zu den Verwaltungsangestellten weist keinerlei Hinweise auf Frauen auf, hier wird nur von »Mitarbeitern« oder »Büropersonal« gesprochen. Der Text zum Pflegepersonals weist allerdings auf die Rolle der Frauen als Schwestern hin: »Eine andere Kategorie Täter als die Ärzte war das Pflegepersonal. Insbesondere die Krankenschwestern beteiligten sich meist aus Überzeugung und Pflichtgefühl. Ihr absoluter Gehorsam den Ärzten gegenüber und in der Tradition ihres ›dienenden‹ Berufes waren sie willfährige Instrumente der Ärzte. Viele Krankenschwestern beteiligten sich auch in der zweiten Phase der ›Euthanasie‹, indem sie Kranke mit Medikamenten ermordeten. Manche Pfleger arbeiteten später in den Vernichtungslagern im Osten, wo sie ihr in den T4-Anstalten gelerntes mörderisches Handwerk ausübten.« (ebd. 34). Hier werden die Schwestern zwar als Täterinnen (allerdings unter dem Begriff Täter) genannt und ihre Überzeugung herausgestellt, gleichzeitig wird aber ihre Rolle relativiert, wenn sie als »willfährige Instrumente« bezeichnet und ihr »absoluter Gehorsam« hervorgehoben wird.

Zwei von den vier Biografien stellen weibliche Täterinnen vor: Die Bürokraft Judith Th. und die Krankenschwester Pauline K. Die zwei Frauen stellen unterschiedliche Dimensionen von Täterinnenschaft dar und sind somit gut ausgewählt: Judith Th. als dienstverpflichtete Bürokraft, die nicht NSDAP-Mitglied war, und Pauline K., aus deren Biografie und dem Begleittext die Freiwilligkeit ihrer Tätigkeit, sowie eine eindeutig nazistische Gesinnung hervorgehen: »Im Dezember 1939 war Pauline K. vom Polizeipräsidium aufgefordert worden, sich bei der T4-Zentrale zu melden. Zusammen mit anderen Krankenschwestern und Pflegern wurde sie über das ›Euthanasie‹-Programm informiert und stimmte nach kurzer Bedenkzeit zu. ›Nach dem Eid war für uns das Amen. Wir hatten ja keine Verantwortung, alles machten die Ärzte.‹ Pauline K. war von der Idee des ›Gnadentodes‹ überzeugt; nach 1941 arbeitete sie weiter als Tötungsschwester, wobei sie die Kranken mit Medikamenten ermordete.« (ebd.)

 

Darstellung der zweiten Mordphase

Die Thematisierung von weiblichen und männlichen Tatbeteiligten findet sich erst in Bezug auf die zweite Mordphase wieder: auf den Tafeln 48 und 49. Die Tafel 48 stellt analog zu Tafel 34 wieder drei Täter und eine Täterinnen vor: Verwaltungsleiter Klein, Arzt Wahlmann und Pfleger Wilhelm L. Die vierte Person ist die Krankenschwester Irmgard H., die wie folgt beschrieben wird: »Irmgard H. war eine Krankenschwester, die ergeben den Anweisungen der Ärzte folgte, auch wenn es der Auftrag zum Töten war. (…) Irmgard H. war eine pflichtbewusste und von allen Seiten viel gelobte Krankenschwester, trotzdem beteiligte sie sich ab 1942 widerspruchslos an den Morden. Während sie die einen tötete, besorgte sie für die anderen zusätzliches Essen aus der Stadt und bemühte sich um das Abhalten von Gottesdiensten und die Vergabe der Sterbesakramente an die Opfer.« (ebd. 48). Die Beschreibung ist in dem unterstellten Gehorsamseifer problematisch, die den Eindruck erweckt, H. hätte keine eigene Motivation gehabt, sondern sei nur sehr pflichtbewusst gewesen. Denn als Oberschwester in der zweiten Mordphase hatte H. mehr Verantwortung, als der Text vermuten lässt. Auch der Widerspruch zwischen ihrem Gute-Krankenschwester-Sein und ihrer Mordtätigkeit wird hier hervorgehoben. Dies erweckt den Eindruck, da seien in das Narrativ die Prozessaussagen H.s in den Text miteingeflossen, in denen sie sich mit Bezügen auf ihr Geschlecht und weiblich konnotierte Pflegebereitschaft versuchte, zu entlasten. Es wird hier ein Widerspruch konstruiert, der sich durch die meisten Thematisierungen von Frauen als Täterinnen wie ein roter Faden zieht, aber gar kein realer Widerspruch ist: der Fakt, dass Frauen mit vermeintlich weiblichen Eigenschaften wie Fürsorge und Sorgsamkeit trotzdem kaltblütig morden können.

Die Tafel 49 besteht aus einem groß abgedruckten Foto des »Pflege- und Verwaltungspersonal vor dem Haupteingang«. Darauf sind 16 Personen abgebildet, fünf davon Frauen. Der Begleittext informiert: »1942 ließen sich Krankenschwestern, Pfleger und Büroangestellte zusammen mit dem Verwaltungsleiter (…) fotografieren.« (ebd. 49). Nachfolgend werden fünf Personen namentlich genannt, darunter Oberschwester Irmgard H. und Büroangestellte Judith Th.. Das Personal ist in drei Reihen aufgestellt, die letzte stehend, die zweite sitzend und die dritte liegend davor. Die Kleidung ist unterschiedlich: die meisten der Männer tragen einen Anzug, sie sind die Verwaltungspersonen. Eine Person wird durch seinen Kittel als Arzt ausgewiesen. Die fünf Frauen sind unterschiedlich gekleidet: die Bürokraft Judith Th. trägt ein dunkles Kleid mit weißer Schürze. Die eine der zwei Frauen in der zweiten Reihe trägt ein geblümtes Kleid mit Jacke und scheint so keine Krankenschwester zu sein. Die andere Frau in derselben Reihe trägt ein einfarbiges Kleid mit Schürze und ist so nicht beruflich zu zuordnen. Die zwei Frauen in der letzten Reihe tragen beide eine weiße Uniform, die sie als Krankenschwestern erkennbar machen. Irmgard H. trägt zudem eine Haube. Die Verwendung dieses Fotos in der Ausstellung macht die hier arbeitenden Frauen sichtbar und ist positiv einzuordnen. Zudem sind die Frauen in ihrer Arbeitskleidung dargestellt und fügen sich in der Sitz-/Stehordnung nahtlos in das ›Team‹ ein. Damit wird ihre Beteiligung am Morden in Hadamar sichtbar. Weitere Thematisierungen Tatbeteiligter finden sich dann erst wieder in dem Bereich der Nachkriegsprozesse.

Auf Tafel 60 mit dem Titel »Der Kriegsverbrecherprozeß 1945« wird zum einen die Anklage und zum anderen die Vernehmung dargestellt. Die Vernehmung ist durch Zitate von Irmgard H. illustriert. Unter anderem: »Der Richter: Was glauben Sie wohl, was er damit meinte, sie würden versorgt werden?, Irmgard H.: Daß sie durch Injektionen sterben sollten.« (ebd. 60). Ziel der Tafel scheint zu sein, die These zu entkräften, die Angeklagten hätten von den Morden nichts gewusst. Die Auswahl der Zitate macht aber die Beteiligung von Irmgard H. nicht unbedingt deutlich. Schlimmer noch, der darunter stehende Satz erweckt sogar den Eindruck, als hätte nur das männliche Personal gemordet: »Die ankommenden kranken Frauen, Kinder und Männer aus den ›Krankenlagern für Zwangsarbeiter‹ mußten sich auskleiden und zu Bett gehen. In der Nacht wurden sie alle mit tödlichen Injektionen von Pflegern ermordet.« (ebd.). Hier wird deutlich, welche Relevanz ein korrektes Gendern in der Abbildung von historischen Fakten hat. Außerdem ist neben den Zitaten ein Foto von Irmgard H. abgebildet: eine Aufnahme ihrer Kopfes und Oberkörpers während des Prozesses, auf der sie den Kopf gesenkt hat und die Augen mit ihrer linken Hand verdeckt, als würde sie weinen oder zumindest sehr verzweifelt den Blick senken und die Hand vor den Kopf halten. Dieses Bild ist in seiner Auswahl problematisch, suggeriert es doch, dass Irmgard H. Reue zeigte und beim Prozess aufgrund ihrer Taten weinte. Die Zitate daneben konterkarieren dieses Bild allerdings. Natürlich ist die Einbindung von historischem Material immer schwierig, denn möglicherweise sind nur wenige Bilder überhaupt noch erhalten. Allerdings werden mit Auswahl dieses Fotos Geschlechterstereotypen reproduziert: Während der ebenfalls auf der Tafel abgebildete Verwaltungsleiter Alfons Klein in einer ›normalen‹ Haltung abgebildet ist, wird hier das Bild von der reumütigen Frau geschürt, die letztendlich nur Befehlsempfängerin war und die dieses Ausführen nun sehr bereut.

Auf Tafel 61 ist ein Bild einer weiteren Krankenschwester, Minna Z., abgebildet. Hier wird die im Prozess fälschlicherweise vorgenommene Einteilung Z.s als Zeugin, und nicht Täterin, reproduziert, ohne dies zu problematisieren: »Minna Z., Zeugin der Anklage, identifizierte Phillip B. im Gerichtssaal« (ebd. 61). Ebenfalls auf 61 ist das Urteil beschrieben und mit einem Foto illustriert: auf dem Foto sind bis auf Irmgard H. nur Männer zu sehen. Das passt insofern gut zum Begleittext und Prozessausgang, da im ersten Prozess 1945 bis auf Irmgard H. nur Männer verurteilt wurden: »Am 15. Oktober 1945 wurde das Urteil verkündet: Klein und die Pfleger R. und W. erhielten die Todesstrafe, Dr. Wahlmann lebenslänglich und die übrigen Angeklagten langjährige Zuchthausstrafen. Am 14. März 1946 wurden die zum Tode Verurteilten im Gefängnis in Bruchsaal erhängt.« (ebd.)

»Der ›zivile‹ Strafprozeß 1947« wird auf Tafel 62 dargestellt: Wieder findet sich ein Foto aus dem Gerichtssaal, auf dem unter anderem auch Irmgard H. abgebildet ist. Der Begleittext ist auf dieser Tafel hervorzuhebender Weise besser gegendert: »In langen Verhören, unterstützt von Zeugenaussagen, wurden die Motive der Täter und Täterinnen beleuchtet. Das Gericht stellte fest, daß der von Bernotat und Klein auf die Angeklagten ausgeübte Druck zur Teilnahme an den Tötungen nicht in dem Maße bestanden hatte, wie es von diesen immer dargestellt wurde. Zwar hatte es Drohungen mit KZ-Strafen bei Bruch der Schweigepflicht gegeben, doch war eine Ablehnung der Beteiligung an den Morden möglich gewesen (…). Am 21. März 194 wurden die Urteile verkündet: Elf der 25 Angeklagten wurden verurteilt, Dr. Wahlmann und Dr. Gorgass wegen Mordes zum Tode und zwölf Krankenschwestern und Pfleger zu Zuchthausstrafen zwischen zweieinhalb und acht Jahren wegen Beihilfe zum Mord. Das Büropersonal wurde freigesprochen.« (ebd. 62)

Tafel 63 und 64 liefern dann einen Überblick über »die Hadamarer Prozesse in der Tagespresse«. In den verschiedenen Artikeln sind Frauen auch als Täterinnen thematisiert: so werden zum Beispiel Krankenschwester Margarete Borkowski und auch andere Frauen zitiert und diese Seite an Seite mit den männlichen Tätern abgebildet und aufgezählt. Die Tafel 65 bildet eine Übersicht über das angeklagte Personal: Darauf sind 34 Personen aufgelistet, 18 davon Frauen. Von diesen 18 wurden neun im Prozess freigesprochen, neun allerdings wegen Beihilfe zum Mord zu unterschiedlichen Zuchthausstrafen verurteilt.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Frauen als für Verbrechen verantwortliche in Hadamar durchaus thematisiert werden. Die Ausstellung erwähnt Täter und Täterinnen und erweckt den Eindruck, als sei den Kuratoren eine namentliche (soweit durch Schutzfristen möglich) Nennung der Täterschaft wichtig gewesen. Verschleierungen von explizit weiblicher Täterinnen lassen sich aber auch finden: allerdings sind diese vor allem auf Ungenauigkeiten in der Sprache und Nicht-Gendern zurückzuführen.

 

Empfehlungen für die Thematisierung weiblicher Täterinnen in Gedenkstätten

Aus den analysierten unterschiedlichen (Nicht-)Thematisierungen von Täterinnen in den untersuchten Gedenkstätten ergeben sich folgende Ergebnisse, die Anregungen für die Abbildung von Täterinnen durch Gedenkstätten geben sollen:

 

1. Personalbezeichnungen

Berufsbezeichnungen sind so zu wählen, dass das Geschlecht des jeweils gemeinten Personals aus den Bezeichnungen hervorgeht. So würde deutlich, in welchen Bereichen Frauen involviert waren. Begriffe wie »Personal« und »Schreibkräfte« sind zu vermeiden. Genaue Beschreibungen, wie: Ärzte, Brenner, Pfleger und Pflegerinnen, Büromitarbeiter und Büromitarbeiterinnen oder Sekretärinnen und Sekretäre bilden das Geschlecht der MitarbeiterInnen besser ab.

 

2. Der Begriff Schwester

 Die Verwendung des Begriffs »Krankenschwester« als weibliche Bezeichnung gegenüber dem männlichen Pendant »Pfleger« ist irritierend. Eine einheitliche Bezeichnung von Pflegern und Pflegerinnen wäre gendergerechter. Der Begriff »Krankenschwester« wirkt gegenüber dem Begriff »Pfleger« nicht so professionalisiert und beinhaltet auch Bezüge auf vermeintlich weiblich konnotierte Fürsorglichkeit durch die familiäre Bezeichnung »Schwester«.

 

3. Einheitliches Gendern

Ein einheitliches Gendern würde die Beschreibungen der Täter und Täterinnen viel präziser benennen. Das bedeutet, dass für alle Berufsgruppen, in denen weibliches Personal gearbeitet hat, diese auch durch ihre explizite Benennung deutlich gemacht werden. Subsumierende Begriffe wie Täter und Mitarbeiter sind der männliche Plural und verschleiern so die darin (sprachlich eben nicht) enthaltenen Frauen. Der Begriff »Täter« kann nur für einzelne Tätergruppen, die ausschließlich männlich waren, verwendet werden. Ansonsten sollte von TäterInnen oder Tätern und Täterinnen gesprochen werden.

 

4. Abbildungen von Fotografien

Bei vielen Fotos innerhalb der Ausstellungen fällt auf, dass zwar Frauen abgebildet sind, aber in den Unterschriften nicht benannt werden, sondern nur einzelne, meist ausschließlich männliche Täter benannt werden. Soweit bekannt und durch Schutzfristen möglich, sollten alle Abgebildeten namentlich benannt werden und ihre Positionen deutlich gemacht werden. Ansonsten vermitteln die Fotos der Tatbeteiligten den falschen Eindruck, als seien die Frauen nicht Teil des Personals gewesen und zum Beispiel bei Betriebsausflügen nur zur Unterhaltung dabei gewesen. Dies verschleiert weibliche Täterinnenschaft.

 

5. Taten nicht relativieren

Ebenso fällt in den Ausstellungen mehrfach auf, dass durch Überbetonung von Gehorsam der Mord relativiert wird. Bei der Abbildung der Aussagen von Täterinnen und Tätern ist Vorsicht geboten. Die Betonung von Gehorsam und Pflichterfüllung stellt in erster Linie eine Entlastungsstrategie dar und sollte als solche in den Ausstellungen kenntlich gemacht werden. Sonst entsteht der Eindruck die weiblichen Tatbeteiligten hätten ihren Beruf nicht freiwillig ausgeübt, was historisch widerlegt ist und Entlastungsstrategien von Frauen in den NS-Prozessen reproduziert.

 

6. Weiblichkeit und Mord sind kein Widerspruch

Mehrfach entsteht in den Ausstellungen der Eindruck, als seien gerade weibliche Berufe wie Pflege und Fürsorge nicht vereinbar mit der Beteiligung an Morden. Dieser Vorstellung liegt die Idee von natürlich-weiblichen Eigenschaften zugrunde, wie sie auch die feministische Bewegung häufig propagiert hat. Ausgehend von einem moderneren, auf Gleichheit ausgerichteten Geschlechterbild, sollte die Grundvorstellung bei Konzipierung der Ausstellung sein, dass sowohl Frauen als auch Männer gemordet haben und dies für diese Personen offensichtlich nicht in Widerspruch zu ihrem Geschlecht stand. Deshalb sollten Formulierungen von Erstaunen über weibliche Grausamkeit vermieden werden.

 

 

Fazit

Auch wenn die analysierten Ausstellungen Täterinnen nicht angemessen abbilden, soll dadurch nicht der Eindruck entstehen, dass Täterinnen hier systematisch und planvoll tabuisiert wurden. Vielmehr spiegeln diese Ausstellungen das Geschlechterbild und auch den Wissensstand der Forschung zum Zeitpunkt der Konzeptionierung der Ausstellungen wider. Die Thematisierung von Frauen als beachtenswerter Fokus von NS-Geschichte, als handelnde Akteurinnen auch im Nationalsozialismus, bildet einen bis heute weitgehend marginal behandelten Aspekt der Auseinandersetzung mit NS-Geschichte, der sich nicht nur in Ausstellungen wieder findet, sondern ebenso in den in den letzten Jahrzehnten erst beginnenden Forschung zu geschlechtsspezifischen Aspekten des Nationalsozialismus.

Eine geschlechtersensible Gedenkstättenpädagogik sollte sich zum Ziel machen, und tut es an vielen Stellen auch schon, eigene dichotome Geschlechterbilder zu reflektieren und Frauen sowohl in der Thematisierung von (geschlechtsspezifischer) Opferschaft (etwa durch die Thematisierung von Zwangssterilisierung, Sexzwangsarbeit, Geschlechterbildern im Antiziganismus oder Antisemitismus usw.) abzubilden, aber ebenso ihr politisches Handeln als Akteurinnen des NS zu thematisieren und damit zu einem Geschlechterbild beizutragen, dass sowohl geschlechtsspezifische Diskriminierung abbildet, als auch Handlungsspielräume von Frauen aufzeigt und sie als handelnde Subjekte ernst nimmt.

 

Randi Becker, M.A. (Sozialwissenschaft, Soziologie, Politische Theorie) ist freie Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar. Sie arbeitet zudem als Lehrbeauftragte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, Dozentin im Bildungszentrum Wetzlar und freiberufliche Referentin für Politische Bildung.

 

Quellen:

Gedenkstätte Hadamar: Ausstellung in der Gedenkstätte, Stand Juni 2018.

Gedenkstätten für die Opfer der NS-Euthanasie (2016): Gedenkstätten an den Orten der NS-Euthanasie – »Aktion T4«, Brandenburg/Havel 2016.

George, Uta et al.: Heilstätte, Tötungsanstalt, Therapiezentrum, Hadamar, Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen Quellen und Studien Band 12, Marburg 2006.

Hoffmann, Ute: »…dass das Unkraut vernichtet werden müsse«, NS-Zwangssterilisation, »Euthanasie« und Ermordung von KZ-Häftlingen in Bernburg, Texte und Bilder der Ausstellung, Broschüre der Gedenkstätte Bernburg, Calbe 2006.