Christine Fischer-Defoy

„Gute Geschäfte – Kunsthandel in Berlin 1933–1945" - Eine Ausstellung des aktiven Museums im Centrum Judaicum

Gedenkstättenrundbrief 162 S. 10-15

Von April bis Juli 2011 zeigte das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin eine Ausstellung über die Geschichte des Berliner Kunsthandels während der NS-Zeit. Der Titel »Gute Geschäfte« verweist dabei auf die Ambivalenz der Thematik. Als »gute Geschäfte« gelten noch immer Läden mit einem qualitätvollen Warenangebot sowie kompetenter und kundenfreundlicher Beratung. Auch im Berliner Kunsthandel der 1930er Jahre gab es solche »guten Geschäfte«: Galeristen, die es verstanden, ihren Kunden mit Kenntnis und Leidenschaft besondere Kunstwerke hoher Qualität zu vermitteln. Hat jemand aber ein »gutes Geschäft« gemacht, so bedeutet dies in der Regel, mit unlauteren Methoden einen überhöhten Gewinn erzielt zu haben. Auch das gab es im Kunsthandel jener Jahre: Kunsthändler und Auktionatoren, die als Hehler von der nationalsozialistischen Verfolgung profitierten

Während Themen wie »Raubkunst« und »Restitution« in Publikationen und Ausstellungen in den vergangenen Jahren ein breites Publikum erreichten, ist die Geschichte des Berliner Kunsthandels in den Jahren zwischen 1933 und 1945 noch immer ein Desiderat der Forschung und im öffentlichen Bewusstsein kaum präsent. Es gibt die Dissertation von Angelika Enderlein1 und Publikationen zu einzelnen Kunsthandlungen, aber noch nie wurde bisher in einer Ausstellung die Frage aufgeworfen, wie Kunsthändler in die Mechanismen der Verfolgung und Ausplünderung des NS-Regimes involviert waren – sei es als Opfer oder als Akteure und mit allen Schattierungen, die dazwischen liegen.

Warum das so ist, hängt vermutlich mit der jahrzehntelangen Tabuisierung von NS-Kunstraub und Restitution zusammen. Bei unserer anfänglichen Suche nach einem Ausstellungsraum für dieses Projekt hatten wir vor zwei Jahren auch in einem der großen Berliner Kunstmuseen angefragt – und erhielten eine Absage mit folgender unverblümter Begründung: Eine solche Ausstellung im Hause würde den Blick der Öffentlichkeit darauf richten, dass man selbst Kunstwerke in der eigenen Sammlung hätte, die eigentlich restituiert werden müssten! Ich bin froh darüber, dass wir, das kleine Aktive Museum, mit dieser Ausstellung einen ersten Schritt dazu tun, dieses Tabu brechen.

Berlin galt in den 1920er Jahren als Metropole des internationalen Kunsthandels. In dem Viertel rund um das heutige Kulturforum zwischen Tiergartenstraße, Bellevuestraße, Potsdamer Straße, Lützow- und Schöneberger Ufer lag das Zentrum von Galerien und Auktionshäusern. Spätestens durch den Krieg und die Teilung der Stadt ging dieses Herzstück des Berliner Kunsthandels verloren. Erst jetzt wird es von Galeristen wieder entdeckt. In einer Gemeinschaftsaktion der Ausstellungsarbeitsgruppe haben wir aus den Berliner Adressbüchern der Jahre zwischen 1928 und 1943 – dem letzten im Krieg erschienenen Adressbuch – arbeitsteilig alle darin verzeichneten Kunst­handlungen, Galerien und Auktionshäuser mit ihren jeweils häufig wechselnden Standorten erfasst und in einer exorbitanten Excel-Datei gespeichert. Für die Ausstellung entstand daraus nahezu ein Kunstwerk. Es zeigt die gesamte Tabelle der Namen und Adressen von über 800 Kunsthandelsunternehmen mit je nach Stadtteilen unter­schiedlich eingefärbten Spalten über den gesamten oben genannten Zeitraum hinweg. Diese Tabelle ist auch online auf unserer Website unter www.aktives-museum.de einzusehen.

Die Ausstellung dokumentiert beispielhaft die Geschichte von vierzehn Berliner Kunsthändlern und Auktionatoren im Nationalsozialismus. Sie repräsentieren auf ganz unterschiedliche Weise, wie die Politik jener Jahre auf eine bis dahin weitgehend unabhängige Branche Einfluss nahm. Die von uns ausgewählten Unternehmen stehen stellvertretend für unterschiedliche Aspekte der Geschichte des Berliner Kunsthandels im Nationalsozialismus. Die Auswahl ist gleichwohl in wissenschaftlichem oder statistischem Sinne nicht repräsentativ und aus heutiger Sicht hätten wir möglicherweise anders entschieden. Sie ist ein erster Schritt, sich diesem Thema anzunähern.

 

Antisemitismus

Marianne Feilchenfeldt/Breslauer schrieb in ihrer 2009 veröffentlichten Autobiografie: »Ariernachweise wurden verlangt, so dass man sich plötzlich mit seinen Ahnen zu beschäftigen hatte, die einen bis dahin herzlich wenig interessiert haben mochten. Curt Valentin fand dies alles völlig lächerlich, bis sich – zu seinem grenzenlosen Erstaunen – alle seine vier Großeltern als Juden entpuppten. Ein Großvater war Julius Stettenheim, der unter dem Pseudonym Wippchen als Journalist und Kabarettist die Berühmtheit eines echt Berliner Originals erlangt hatte. Doch auch dies zählte nun nicht mehr, und Curt musste sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass man ihn als Volljuden einstufte und er Deutschland wohl besser verließ.«2

Wie Curt Valentin erging es vielen Berliner Kunsthändlern, die nun als »jüdisch« galten, so beispielsweise die in der Ausstellung dokumentierten Galeristen Alfred Flechtheim, Paul Graupe, Fritz Goldschmidt, Victor Wallerstein und Franz Zatzenstein. Ihnen gelang es, Deutschland noch rechtzeitig zu verlassen. Die überlieferte Zahl von 312 »rassisch« begründeten Ausschlüssen von Berliner Kunsthändlern aus der Reichskammer der Bildenden Künste3 belegt, in wie hohem Maße der Berliner Kunsthandel bis Mitte der 1930er Jahre von Menschen geprägt war, die nun als »nicht-arisch« diffamiert wurden. Viele dieser Kunsthandlungen wurden »arisiert« oder »im Einvernehmen« von nichtjüdischen Mitarbeitern übernommen. Exemplarisch zeigt dies die Ausstellung an der Galerie von Paul Graupe, die 1937 von Hans W. Lange übernommen wurde. Paul Graupe gelang es, im Pariser Exil wieder eine Kunsthandlung zu eröffnen.

 

Handel mit »Entarteter Kunst«

Bedroht waren spätestens ab 1937 auch jene Kunsthändler der Moderne, deren Waren nun als »entartet« galten. Auch nichtjüdische Kunsthändler, die sich bisher als Mäzene und Förderer der zeitgenössischen Kunst verstanden, wie etwa Karl Nierendorf, verloren nun ihre Existenzgrundlage in Deutschland. Die Beschlagnahmungen »entarteter Kunst« in den Museen und öffentlichen Sammlungen eröffneten jedoch für einige Kunsthändler neue Geschäftsperspektiven: Die NS-Regierung beauftragte vier Galeristen – Ferdinand Moeller, Karl Buchholz und Bernhard Boehmer in Berlin sowie Hildebrand Gurlitt in Hamburg – mit dem devisenbringenden Verkauf der beschlagnahmten Werke ins Ausland. Zwei von ihnen, Bernhard Boehmer und Karl Buchholz, werden in der Ausstellung dokumentiert.

 

Handel mit »Raubkunst«

»Ich habe die Wünsche und Forderungen der Regierung und der Partei gewissenhaft erfüllt, und es erscheint mir fast als eine Unmöglichkeit, in meinem hohen Alter auszuwandern. Ich möchte in dem Lande, in dem ich geboren bin, auch mein Leben beenden.«4 Dies schrieb der Berliner Mäzen, Stadtverordnete und Ehrenbürger Charlottenburgs, Max Cassirer im Alter von 81 Jahren am 27. Juli 1938 an den Berliner Polizeipräsidenten. Cassirer bat um eine Verlängerung seines Reisepasses und eine »angemessene Frist« zur Abwicklung seiner Emigration. Sie wurde ihm nicht gewährt.

Wegen Zwangsabgaben wie der »Reichsfluchtsteuer« und ab 1938 der »Sühneleistung der Juden«, der »Judenvermögensabgabe« und zuletzt der vollständigen Enteignung bei der Ausbürgerung oder Deportation kamen Kunstsammlungen aus jüdischem Besitz vermehrt auf den Kunstmarkt. Die Ausstellung dokumentiert dies am Beispiel der umfangreichen Kunstsammlung Max Cassirers. Noch immer verlieren sich die Spuren vieler Werke aus seinem Besitz, den er bei der Emigration 1939 über die Schweiz nach Großbritannien bei zwei Speditionen in Berlin zurücklassen musste. Einige zentrale Werke der Sammlung gelangten jedoch über Berliner Auktionshäuser, wie das von Hans W. Lange, in den Handel.

Wie Hans W. Lange waren auch andere Berliner Kunsthändler und Auktionatoren als Profiteure bei der Liquidation der Geschäfte ihrer verfemten jüdischen Kollegen oder als Hehler beschlagnahmter und geraubter Kunst aktiv an den nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen beteiligt. Diese Auktionshäuser, zum Beispiel das in der Ausstellung dokumentierte Auktionshaus »Union« von Leo Spik, spezialisierten sich auf die Versteigerung oder den Verkauf von Kunst, Schmuck und Antiquitäten aus dem Besitz von emigrierten oder deportierten Berliner Juden. Häufig arbeiteten sie dabei im Auftrag des Oberfinanzpräsidenten von Berlin-Brandenburg, der den Erlös der Auktionen – abzüglich einer prozentualen Beteiligung der Kunsthändler – zugunsten der Staatskasse einzog.

 

»Beutekunst«

Walter Benjamin schrieb 1940 in seinem Text »Über den Begriff der Geschichte«: »Die Beute wird, wie das immer so üblich war, im Triumphzug mitgeführt. Man bezeichnet sie als die Kulturgüter. […] Es [das Kunstwerk] dankt sein Dasein nicht nur der Mühe der großen Genien, die es geschaffen haben, sondern auch der namenlosen Fron ihrer Zeitgenossen. Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den andern gefallen ist.«5

Bis zum Kriegsende profitierte der Berliner Kunsthandel darüber hinaus vom Handel mit »Beutekunst«. Zwischen 1939 und 1945 wurden die Bestände aus Museen und Bibliotheken in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten systematisch erfasst und geraubt. Viele Kunstwerke gelangten so in den Bestand des seit 1939 von Hitler für Linz geplanten »Führermuseums«. Der »Sonderauftrag Linz« umfasste neben der Beschlagnahme von Kunstwerken auch Tapisserien, Möbel, Bücher und Münzen. Zu den Kunsthändlern, die sich am Handel mit »Beutekunst« beteiligten und teilweise auch am Aufbau der Linzer Sammlung mitwirkten, gehörten die Berliner Kunsthändler Karl Haberstock, Eduard Plietzsch und Hansjoachim Quantmeyer, deren Geschichte die Ausstellung zeigt.

 

Rahmenbedingungen des Kunsthandels

Die Ausstellung stellt die Geschichte der Akteure des Kunsthandels ins Zentrum. Umrahmt werden die Biografien und Unternehmensgeschichten von Thementafeln, die den kulturpolitischen Kontext erläutern, in dem diese Kunsthändler auf unterschiedliche Weise agierten. Hierzu gehörte die Verschärfung der rechtlichen Rahmenbedingungen, die es jüdischen Kunsthändlern erschwerte und zuletzt unmöglich machte, weiter tätig zu sein. Unmittelbar verantwortlich hierfür war die bereits genannte Reichskammer der Bildenden Künste als Zwangsorganisation.

Am Beispiel einer Auktion wird die zunehmende Bürokratisierung des Auktionswesens gezeigt. Dieser Bürokratisierung verdanken wir jedoch heute einen wertvollen Aktenbestand im Berliner Landesarchiv, in dem penibel geführte Auktionsprotokolle – inklusive der erzielten Preise und häufig auch der Käufer – überliefert sind. Thematisiert und mit Dokumenten belegt wird der Handel mit »entarteter Kunst«. Ein kleiner Film zeigt historische Aufnahmen der gleichnamigen Ausstellung 1937 in München und eine Spurensuche zu den Depots »entarteter Kunst« in Berlin.

Dokumentiert wird in der Ausstellung auch die Geschichte des geplanten »Führermuseums« in Linz, dessen Sammlung vor allem aus geraubtem Kunstbesitz aus Deutschland und den besetzten Gebieten bestand. In zwei Datenbanken kann der heutige Forschungsstand hierzu in der Ausstellung online eingesehen werden.

Zwei Leihgaben des Bundesamtes für Zentrale Dienste und Offene Vermögensfragen in Berlin stehen stellvertretend für die vielen Kunstwerke, die bis heute nicht wieder an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden konnten. Exemplarisch zeigen wir daran auch, wie mit detektivischem Spürsinn anhand von Ziffern und Aufklebern auf der Rückseite der Kunstwerke deren Weg in den Jahren zwischen 1933 und heute sichtbar gemacht werden kann. Es lohnt sich also, Bilder gelegentlich von der Wand zu nehmen und ihre Rückseite zu betrachten.

 

Exil

Heinz Berggruen schrieb 1970: »J. B. Neumann, Curt Valentin, Karl Nierendorf: Diesen Dreien, die, wie ich, aus Deutschland gekommen waren, verdankte ich in Amerika meinen ersten Einblick in moderne Kunst, meine ersten Begegnungen mit Klee und Kandinsky. Das Ganze war ein Stück Berliner Westen auf der 57. Straße. Es hatte einen entscheidenden Einfluss auf mich, oder genauer, die drei, von denen nun keiner mehr lebt, übten diesen Einfluss aus. Meine Besuche bei ihnen regten mich an, später selbst einmal – aber wann? Es war ja Krieg – Kunsthändler zu werden.«6

Eine Weltkarte zeichnet die Wege von Berliner Kunsthändlern ins Exil nach und dokumentiert ihre Geschichte mit persönlichen Zeugnissen. Bei den Recherchen stellte sich heraus, dass nur einer der von uns erfassten Kunsthändler nach der Emigration ausgebürgert wurde. Dies legt die Vermutung nahe, dass die im Ausland lebenden Kunsthändler vom NS-Staat als mögliche Devisenbringer willkommen waren und damit eine Sonderstellung erhielten. Curt Valentin konnte in New York mit Kunstwerken handeln, die ihm von der Galerie Buchholz aus Berlin zugesandt wurden. Auch Karl Nierendorf verkaufte in New York Bilder aus dem Bestand seiner Berliner Galerie, deren Erlöse in Devisen allerdings abgeführt werden mussten. Er weigerte sich jedoch, mit beschlagnahmten Bildern zu handeln.

Am Ende werfen wir in der Ausstellung einen Blick auf die ersten Galerie-Gründungen in Berlin nach dem Krieg.

Die Ausstellung »Gute Geschäfte« war eine Premiere: in den 28 Jahren seit der Gründung des Aktiven Museums war dies die erste Ausstellung, die wir in der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum in Berlin zeigten. Sie wurde von einer Arbeitsgruppe des Aktiven Museums in ehrenamtlicher Arbeit über zwei Jahre hinweg recherchiert und realisiert. Dies ist alles andere als selbstverständlich. Das Aktive Museum ist eine kleine Institution unter den großen Berliner Kultureinrichtungen. Ohne eigenes Haus und nur mit einer Planstelle, ohne einen festen und gut dotierten Mitarbeiterstab, ohne Presseabteilung, Restauratoren und eigene Projektmittel verdankt sich unsere Arbeit dem ehrenamtlichen Engagement.

Die Ausstellung »Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933–1945« ist vom 20. Oktober 2011 bis 27. Januar 2012 noch einmal im Landesarchiv Berlin zu sehen. Das Projekt war nicht als Wanderausstellung konzipiert, könnte jedoch bei entsprechendem Interesse in eine leicht transportable Version umgewandelt werden. Anfragen hierzu beantwortet die Geschäftsstelle des Aktiven Museums unter info@aktives-museum.de. Dort kann man auch für 20,– € den umfangreichen Katalog bestellen.

 

Dr. Christine Fischer-Defoy ist langjährige Vorsitzende des »Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.« und Mitglied der Arbeitsgruppe des Vereins, die die Ausstellung erarbeitet hat.

 

1 Enderlein, Angelika, Der Berliner Kunsthandel in der Weimarer Republik und im NS-Staat. Zum Schicksal der Sammlung Graetz, Berlin 2006

2 Feilchenfeldt/Breslauer, Marianne, Bilder meines Lebens. Erinnerungen, Wädenswil 2009, S. 147

3 Vgl. die Liste der seit 1933 aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossenen Juden, jüdischen Mischlingen und mit Juden Verheirateten, Judenliste 8, Bundesarchiv Berlin BA 0.930

4 Max Cassirer an den Berliner Polizeipräsidenten, 27. 7. 1938, Nachlass Max Cassirer, Archiv der Odenwaldschule Oberhambach

5 Benjamin, Walter, Über den Begriff der Geschichte, in: Unseld, Siegfried (Hg.): Walter Benjamin – Illuminationen, Frankfurt/Main 1977, S. 251–261, hier S. 254

6 Heinz Berggruen, in: Galerie Nierendorf (Hg.): 1920–1970. Fünfzig Jahre Galerie Nierendorf, Berlin 1970, S. 40

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