Klaus Dietermann

Holocaust – ein Thema für die Grundschule?

Gedenkstättenrundbrief 105 S. 21-22

»Holocaust - ein Thema für die Grundschule?« lautete der Titel eines 2-tägigen Seminars für Grundschullehrerinnen und -lehrer, das in Bad Laasphe stattfand. Auf Initiative der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Siegerland e. V. hatte das Schulamt des Kreises Siegen - Wittgenstein das Seminar für die 75 Grundschulen des Kreises ausgeschrieben. Während die Siegener Gesellschaft die Kosten für Übernachtung und Verpflegung übernahm, stammten die Mittel für die Referentinnen aus den Fördermitteln des Landes NRW für Toleranz und Zivilcourage.

In einer ersten Runde des Kennenlernens stellten die 24 Pädagoginnen und Pädagogen fest, dass etwa ein Drittel von ihnen bereits seit Jahren im fächerübergreifenden Unterricht sich regelmäßig dieses Themas angenommen hatte. Auch an die anderen Lehrkräfte war von Seiten ihrer Schülerinnen und Schüler das Thema immer wieder einmal herangebracht worden, doch waren diese zumeist der Thematik ausgewichen, da es in späteren Jahren auf den weiterführenden Schulen ausgiebig in den Lehrplänen zur Behandlung ansteht.

Hier hakte Frau Prof. Dr. Gertrud Beck (Universität Frankfurt) in einem Grundsatzreferat ein. Sie überzeugte anhand von sieben Thesen die Pädagoginnen und Pädagogen, dass bereits in 3. und 4. Klassen behutsam sich der Thematik genähert werden könne, zumal die Kinder im Grundschulalter mit einem diffusen Vorwissen aus den Medien, vor allem dem Fernsehen, aber auch Büchern, Zeitschriften oder auch dem Elternhaus in den Unterricht kämen. Es sei gerade die Chance der Grundschule, das Thema anzugehen, da jüngere Kinder viel offener und unbefangener damit umgingen. Gerade auf Werte wie Gleichheit oder Gerechtigkeit reagierten Kinder in dem Alter äußerst sensibel. Das Thema Holocaust, so Prof. Beck, sei ein Tabu-Thema der Erwachsenen. Zugänge zum Thema seien z. B. gute Bilder- bzw. Kinderbücher.

Frau Dr. Heike Deckert-Peacemann, Mitarbeiterin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, bekräftigte die Thesen von Frau Beck. Als Mitarbeiterin des Frankfurter Instituts berät sie seit Jahren Kollegien von Grundschulen oder Lehrerfortbildungen in Hessen. Das Thema sei äußerst komplex und stelle an die Lehrenden eine hohe Verantwortung. Es gelte, sich dem Thema zu nähern, ohne die Kinder zu überfordern bzw. den Inhalt zu vereinfachen.

Problematische Reaktionen auf das Thema seien ihr bisher nicht bekannt geworden. Dies bestätigten die Lehrerinnen und Lehrer, die bei den Schülerinnen und Schülern ein hohes Interesse an der Thematik jeweils feststellten. Es gebe auch keine Empfehlungen für bestimmte Methoden für «das« geeignete Unterrichtsmaterial oder »das« Buch. Allerdings ist auf grausame Darstellungen stets zu verzichten. Kinder sollten Empathie für Opfer oder Handelnde empfinden.

Sehr konkret auf den Unterricht bezogen verlief für die Pädagoginnen und Pädagogen der zweite Tagungstag. Frau Dr. Ulrike Schrader, Literaturwissenschaftlerin und Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, stellte von ihr erarbeitetes Unterrichtsmaterial am Beispiel des Bilderbuches »Papa Weidt« von Inge Deutschkron und Lucas Ruegenberg vor. Darin wird erzählt, wie Papa Weidt, der Leiter einer Blinden-Werkstatt in Berlin, versuchte, 30 bei ihm beschäftigte Jüdinnen und Juden vor der Deportation zu retten. Das erstellte Unterrichtsmaterial wurde von der Wuppertaler Grundschullehrerin Brigitte Stratmann weiterbearbeitet und in einer Art »Werkstatt« für Kinder eines 4. Jahrgangs ausprobiert. Es wird derzeit noch verfeinert und verbessert, um vielleicht einmal als »Werkstattmappe« im Buchhandel angeboten zu werden.

Sehr konkret berichtete auch der Rektor der Erndtebrücker Grundschule und Leiter des Aktiven Museums Südwestfalen in Siegen, Klaus Dietermann, über seine langjährigen Erfahrungen zur Thematik. Er verwies vor allem auf Beispiele, sich des Themas in der Region Siegen - Wittgenstein zu stellen. Provozierend stellte er die These auf: »Es gab nicht nur Anne Frank«! Auch die Lebensläufe von Anita Faber aus Netphen, Betty Hochmann aus Siegen oder Kurt Winter aus Erndtebrück sind es wert, aufgezeichnet zu werden, um sie dem Vergessen zu entreißen. Weiterhin führte er aus, sollten sich die Schulen mehr den Daten aus der jeweiligen Ortsgeschichte stellen. Somit könne schon früh das Erinnern eingeübt werden.

Eine direkte Hilfestellung bei der Behandlung des Themas auf die Region bezogen erhalten die Lehrkräfte aller Schulen auch seit der Erweiterung des Aktiven Museums Südwestfalen in Siegen. Ein Unterrichtsbesuch mit Grundschulklassen im Aktiven Museum kann durch eine Beschränkung auf eine Person oder die Verortung von Geschichte mehr leisten als manche »Buchstunde« in der Schule. Für die Grundschule hat der Lehrer Rüdiger Harth von der Grundschule Dreis-Tiefenbach eine Unterrichtsreihe erarbeitet, die den Klassen des 3. oder 4. Jahrgangs eine gute Hilfestellung sein kann.

In einer Abschlusskritik waren sich alle Seminarteilnehmer dann einig: Es sollte im nächsten Jahr unbedingt eine Folgetagung geben, in der noch mehr konkrete Unterrichtsbeispiele aus der Region vorgestellt werden sollten!

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund105_21-22.pdf)