Astrid Ley

»Im Reich der Nummern, wo die Männer keine Namen haben«.

Gedenkstättenrundbrief 193 S. 16-25

Haft und Exil der Novemberpogrom-Gefangenen im KZ Sachsenhausen Sonderausstellung in Berlin, Houston, Texas, und der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Vom 27. Januar bis zum 31. Juli 2019 wird im Neuen Museum der Gedenkstätte Sachsenhausen die Sonderausstellung »Im Reich der Nummern« gezeigt. Sie wurde von der Gedenkstätte Sachsenhausen in Kooperation mit der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und mit Förderung des Hauptstadtkulturfonds sowie der Axel Springer Stiftung realisiert. Die Ausstellung war ab dem 9. November 2018 – dem 80. Jahrestags der Novemberpogrome 1938 – bereits im Abgeordnetenhaus Berlin zu sehen. Parallel zur dortigen Vernissage wurde sie auch im Holocaust Museum in Houston, Texas (USA), eröffnet, wo sie bis zum 31. Mai 2019 besucht werden kann.

Die Sonderausstellung über das »Reich der Nummern« betrachtet die Hafterfahrungen – und vor allem die Exilschicksale – jüdischer Männer, die in den Tagen nach der Pogromnacht ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden waren. Damals wurden über 27 000 männliche Juden im Deutschen Reich verhaftet und in Konzentrationslager überstellt, mindestens 6 320 von ihnen nach Sachsenhausen. Der Titel der Sonderausstellung ist einem unpublizierten Erinnerungsbericht entlehnt, den ich im Sommer 2017 in der Londoner Wiener Library entdeckte. Der Autor jenes Berichts, Gerhard Nassau, ein junger Hachschara-Schüler aus Berlin, hatte die Erfahrungen seiner gut vierwöchigen KZ-Haft nach der »Kristallnacht« bereits 1941 im südamerikanischen Exil niedergeschrieben. Den Ort seiner Inhaftierung, das Konzentrationslager Sachsenhausen, bezeichnete er darin stets als »Country of Numbers«, ein »Reich der Nummern, wo die Zeit still steht und die Männer keine Namen haben«.

 

Zur Nummer reduziert

Mit der Metapher spielte Nassau auf die Häftlingsnummern an: Bei der Aufnahme ins Konzentrationslager erhielt jeder Gefangene eine Nummer, die von nun an seinen Namen ersetzte. Die Nummern mussten – auf Stoffstreifen gedruckt – an der Häftlingskleidung getragen werden. Ziel der Prozedur war eine völlige Entindividualisierung der Gefangenen, die durch die uniformen Häftlingsanzüge und die kahl geschorenen Köpfe weiter verstärkt wurde.

Die zur Nummer reduzierten Männer wurden Teil einer anonymen Masse: »Damit war es nun geschehen«, so einer der Sachsenhausener Novemberpogrom-Gefangenen später, »ich war kein Mensch mehr, hatte keinen Namen mehr, ich war ein Häftling Nummer XYZ«. Und diese Verwandlung sahen viele der Männer als ihre schlimmste Hafterfahrung an – trotz all der Demütigung, Misshandlung und Qual, die sie in Sachsenhausen erleiden mussten. Der Oldenburger Kaufmann Siegfried de Beer schmuggelte »seine« Häftlingsnummer sogar bei der Entlassung heimlich aus dem Lager. Damit brachte er sich zwar in große Gefahr – wäre er entdeckt worden, hätte er das NS-­Regime kaum überlebt – er brachte sich aber auch in den Besitz eines Objekts, das wie kein zweites in der Lage war, das ihm in Sachsenhausen zugefügte Unrecht zu dokumentieren. Der Stoffstreifen mit de Beers Häftlingsnummer »10259« schien mir daher ideale Ikonen für die Ausstellung zu sein. Es war eine große Ehre, als die Familie de Beer – die den Stoffstreifen in Argentinien aufbewahrt hatte, seit Siegfried dort 1939 angekommen war – uns das Objekt im Original anvertraute. Siegfried de Beers Sohn Marcelo überreichte den Stoffstreifen bei der Eröffnung in Berlin, zu der 17 Mitglieder der Familie de Beer aus Buenos Aires, London, Zürich und Tel Aviv angereist waren.

Es ist nur folgerichtig, dass auch Gerhard Nassau den Zeitpunkt seiner KZ-Entlassung als den Moment seiner Re-Humanisierung begriff. Von Mitte November 1938 an wurden jeden Tag einige Pogrom-Häftlinge wieder entlassen, zuerst vor allem Kranke und über 60-Jährige, später häufig Weltkriegsteilnehmer und Jugendliche. Im Dezember 1938 ließ die SS dann täglich etwa 150–250 der Männer frei, so dass Anfang 1939 noch knapp 1 000 der ursprünglich 6 320 Novemberpogrom-Gefangenen in Sachsenhausen waren. Vor ihrer Freilassung mussten die Männer noch stundenlanges Appellstehen und andere Schikanen über sich ergehen lassen, bevor sie die Häftlingsuniformen gegen ihre eigene Kleidung tauschen durften. Nassau berichtete: »Sie durchsuchten unsere Taschen, damit wir keine Hinweise auf unseren Aufenthalt im Reich der Nummern mit nach draußen nähmen, als wären Frostbeulen und kahlrasierte Köpfe nicht Beweis genug. Wir mussten unsere Taschen von innen nach außen kehren. Manche von uns waren dabei zu langsam und bekamen zum Abschied einen Tritt. Wir erhielten unsere Geldbörsen und die anderen Wertsachen zurück und mussten dafür mit unserem Namen unterzeichnen. Nun waren wir nicht länger Nummern!«

 

Erzwungene Auswanderung

Bei Recherchereisen in der Vorbereitungsphase des Projekts habe ich – vor allem in Israel und den USA – oft ungläubiges Staunen geerntet, wenn ich vom Thema der Ausstellung erzählte: Dass ins KZ geworfene deutsche Juden in einer bestimmten Phase des NS-Regimes wieder freigelassen wurden und emigrieren konnten, ist kaum bekannt. Doch die Massenverhaftungen nach den Novemberpogromen – mit reichsweit über 27 000 KZ-Inhaftierungen – hatten zum Ziel, den Auswanderungsdruck auf die deutschen Jüdinnen und Juden massiv zu erhöhen. Aus diesem Grund wies die Gestapo vor allem finanziell bessergestellte männliche Juden nicht zu hohen Alters in Konzentrationslager ein. Mindestens 65 der wohl über 6 320 nach Sachsenhausen gebrachten Männer kamen im Lager ums Leben. Die große Mehrheit der November-Häftlinge aber wurde bis zum Frühjahr 1939 unter der Auflage wieder entlassen, sofort Deutschland zu verlassen.

Nicht alle schafften das. Mindestens 1 818 Männer, also fast ein Drittel der unter Maßgabe der Auswanderung aus Sachsenhausen entlassenen Pogrom-Häftlinge, wurden am Ende im Holocaust ermordet, wie die Recherchen zu einem Gedenkbuch ergaben, welches wir in der Ausstellung präsentieren. Manche vermochten nicht zu emigrieren – vor allem weil dafür immer höhere Auflagen galten. Sie wurden später in Ghettos und Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Andere, die in Frankreich oder den Niederlanden Zuflucht fanden, gerieten ab 1940 erneut in die Gewalt der Deutschen und fielen ebenfalls dem Holocaust zum Opfer. Dennoch: Die Mehrheit der Pogrom-Häftlinge konnte in ein sicheres Exil-Land emigrieren und überlebte deshalb das NS-Regime und den Krieg. Ihre Kinder und Enkel kommen heute aus aller Welt in die Gedenkstätte Sachsenhausen, um sich den Leidensort ihrer Verwandten anzusehen.

 

Familiennarrative zu Deportation, Gewalterfahrung, Flucht und Exil

Die Begegnung mit diesen Angehörigen der zweiten und dritten Generation brachte mich auf die Idee zu dieser Ausstellung. Wie wurde das Leben jener Familien durch die erzwungene Emigration der (Groß-)Eltern beeinflusst, die zuvor ihr Eigentum meist weit unter Wert hatten verkaufen müssen? Welche Schwierigkeiten waren bei der Beschaffung der nötigen Auswanderungspapiere zu überwinden? Was erwartete die Emigranten in ihren Zufluchtsländern, deren Sprachen viele anfangs nicht verstanden? Gelang es den Vertriebenen, sich im Exil eine Existenz aufzubauen, die dem in Deutschland Erreichten halbwegs entsprach? Fanden sie eine neue Heimat? Diesen Fragen geht die Ausstellung aus der Perspektive von Kindern und Enkeln der in Sachsenhausen Inhaftierten nach, die bereit waren, vor der Kamera über die Auswirkungen der Ereignisse von 1938 auf das eigene Leben zu berichten, und über ­Erinnerungen an die Erzählungen der (Groß-)Eltern von Deportation, Gewalterfahrung, Flucht und Exil. Mit den Interviews wurden somit gezielt Familiennarrative »eingefangen«.

Einer der Interviewten ist Lothar Prager aus Melbourne (geboren 1938 in Berlin), der im Juni 2017 mit Frau und Töchtern in die Gedenkstätte Sachsenhausen kam. Dabei übergab er einen Brief, den seit Vater 1938 aus dem Konzentrationslager an seine Familie geschrieben hatte. Pragers Vater Georg, der im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg eine kleine Buchdruckerei betrieb, war nach dem 9. November 1938 in Berlin verhaftet und nach Sachsenhausen überstellt worden. Hier wurde er in einem der sogenannten »Judenblocks« untergebracht und musste im Außenkommando »Klinkerwerk« schwere körperliche Arbeit leisten. Nach gut 14 Tagen durfte er sich endlich bei seiner Familie melden. In einem Brief auf KZ-Vordruck riet er seiner Frau, sofort den Betrieb und die Wohnung aufzulösen und alles für die Emigration vorzubereiten. Als Fluchtziele kamen aus finanziellen Gründen nur Südamerika oder Shanghai in Betracht. Für letzteres konnte Pragers Frau tatsächlich Schiffskarten ergattern. Im Januar 1939 – nach Haftentlassung und hastigem Verkauf der Druckerei – brach das Paar mit Säugling Lothar nach Südostasien auf.

Im sozial schwachen Bezirk Hongkou fanden sie eine kleine Wohnung, doch als Drucker konnte Prager in der chinesischen Stadt nicht arbeiten. Mühsam schlug sich die Familie durch Gelegenheitsjobs und den Verkauf mitgebrachter Haushaltsgegenstände durch. Nach Kriegsende konnte eine Cousine Einreisepapiere für Australien beschaffen.

1946 − nach acht Jahren Shanghai − siedelten die Pragers nach Melbourne über. Als Mitarbeiter einer jüdischen Druckerei brachte es Georg Prager wieder zu bescheidenem Wohlstand. Anfang 1960 starb er im Alter von knapp 56 Jahren.

Beim Interview in der Gedenkstätte Sachsenhausen sprach Lothar Prager ausführlich über die Erzählungen seiner Eltern und über seine eigenen Erinnerungen an Flucht und Exil. Sein Bericht ist in der Ausstellung in eine Familienbiographie der Pragers eingebettet, die mit bisher unveröffentlichten Fotos und Dokumenten aus Familienbesitz – darunter natürlich auch der erwähnte Lager-Brief – illustriert ist. Zwölf solche Familienbiographien auf der Basis privater Unterlagen und Interviewsequenzen, zwölf solche Exilschicksale aus verschiedenen Zufluchtsländern, werden in der Ausstellung präsentiert.

 

Exilschicksale als Verfolgungsschicksale

Es ist sehr wichtig nicht zu vergessen, dass auch diese »glücklichen Überlebensgeschichten« Verfolgungsschicksale sind. »Man wird dem Exil nicht gerecht«, hat Wolfgang Benz gesagt, »wenn man es nicht auch als Verfolgung begreift, die über die damals verfolgte Generation hinausreicht« – ein Umstand, den man auch in der aktuellen Flüchtlingsdebatte nicht deutlich genug betonen kann. Die Auswirkung jener Verfolgung auf die Kinder und Enkel der emigrierten November-Häftlinge – das Trauma der Flucht – ist eng mit der Tatsache verbunden, dass die Auswanderung lebensrettend war. Viele Familien werden daher von einer Art »Überlebensschuld« geplagt: So haben sich die Angehörigen des Berliner Holzhändlers Werner Schindler, der 1939 nach fünfwöchiger KZ-Haft nach England floh, bei einem Gedenkstättenbesuch letztes Jahr absichtlich nicht bei uns gemeldet. In Anbetracht der vielen Todesopfer im KZ Sachsenhausen glaubten sie, dass sich niemand für einen überlebenden Häftling interessieren könne.

Familien wie die Schindlers, die wir in der Ausstellung präsentieren, hatten Deutschland unter unwürdigen Umständen verlassen müssen, nach Diskriminierung und Ausgrenzung, Misshandlung und KZ-Haft, ausgeplündert, verhöhnt, gedemütigt und tief verletzt. Alexander de Beer, der Sohn von Walter de Beer, der 1938 zusammen mit seinem bereits erwähnten Bruder Siegfried nach Sachsenhausen verschleppt worden war, erinnert sich noch genau daran, wie bitter enttäuscht sein Vater war: »Mein Vater wurde abgeholt von Freunden, Turnerkollegen eigentlich, in SA-Uniformen. Er war völlig überrascht. Mein Vater war ein sehr engagierter Turner, in vielen verschiedenen Sportarten, er war aktiv, mehrfach ausgezeichnet, und das war für ihn ein absolut schockierendes Erlebnis, dass seine eigenen früheren Freunde und Turnerkollegen ihn da verhaften und ihn dann durch die Straßen von Oldenburg treiben.«

Willy Levisohn, ein Kaufmann aus Hamburg – auch seine Geschichte wird in der Ausstellung erzählt –, wollte das ihm zugefügte Unrecht dagegen zunächst nicht wahrhaben. Levisohn kam am 23. November 1938 nach knapp zweiwöchiger Haft aus Sachsenhausen frei, weil seine Frau auf die Schnelle Einreisepapiere für Südamerika zu beschaffen verstand. Wie Sohn Mario später erzählte, konnte sie ihrem Mann dennoch nur mit Mühe davon abhalten, am Tag nach der KZ-Entlassung wie üblich zur Arbeit zu gehen: »Mein Vater hat sich sehr sicher gefühlt, weil er immer sagte: ›Ich habe mir ja nichts zu Schulden kommen lassen. Ich bin ein deutscher Soldat, was wollen die denn von mir?‹ Aber er hat sich nicht vorstellen können, dass ein anderer deutscher Soldat ihn festnehmen würde, nur weil er Jude ist. Das konnte er nicht kapieren …«. Unter Tränen, so die Familienüberlieferung, bestieg der dekorierte Weltkriegsteilnehmer ein Schiff nach Uruguay.

Nicht wenige der aus ihrer Heimat Vertriebenen beschlossen in diesem Moment, nie wieder nach Deutschland zurückzukehren. Ilse Blair, die Ehefrau des in Berlin geborenen Komponisten Werner Baer, die ich – sie ist mittlerweile fast 100 Jahre alt – im März 2018 in Melbourne kennenlernen durfte, ging Ende 1938 mit ihrem Mann ins Exil. Sie beschrieb ihre Gedanken bei der Abreise wie folgt: »Ich kann Ihnen etwas sagen: als ich jung war, war ich die geborene Berlinerin. Ich liebte es, ich liebte Berlin, ich fand es wunderbar […] – absolut wunderbar in jeder Hinsicht. Und ich werde es nie vergessen: bevor wir weggingen, war ich in einem Zug, es war ziemlich weit oben und man guckte über die Stadt, und ich sagte mir: ich möchte das nie wiedersehen.«

 

Auswanderungserschwernisse und Emigrationsziele

Trotz des massiven Auswanderungsdrucks, den NS-Deutschland auf seine jüdischen Bürger ausübte, waren diese mit zahlreichen Emigrationshindernissen konfrontiert. Viele Staaten schotteten sich gegen jüdische Flüchtlinge ab, und in Deutschland kämpften die verzweifelten Ausreisewilligen gegen bürokratische Hürden und staatliche Ausplünderung. So gab die am 26. April 1938 erlassene »Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden« den NS-Behörden die Möglichkeit, Vermögen jüdischer Bürger von über 5 000 Reichsmark im Interesse »der deutschen Wirtschaft« zu sperren, so dass die Besitzer nicht mehr auf ihre Ersparnisse zugreifen konnten. Somit forcierte der NS-Staat zwar die Auswanderung jüdischer Bürger, ihre Vermögen sollten allerdings nicht ins Ausland gelangen, sondern dem Reichshaushalt zufließen.

Ohnehin wurden bei einer Auswanderung hohe Abgaben fällig, die einer Enteignung gleichkamen. Für einen Antrag auf einen Reisepass war eine »Unbedenklichkeitsbescheinigung« des Finanzamts nötig. Diese wurde nur erteilt, wenn alle steuerlichen Außenstände, eine »Reichsfluchtsteuer« sowie – seit den November-Pogromen – zudem eine »Sühneabgabe« beglichen worden waren. Nach dem NS-Terror vom 9. November 1938 verlangte der Gesetzgeber nämlich eine Milliarde Reichsmark »Sühneleistung« von den deutschen und österreichischen Juden. Inhaber von Vermögen über 5 000 Mark mussten 20 Prozent davon als »Sühne« abführen. Über diese Zahlungen hinaus waren zahlreiche bürokratische Hindernisse auf dem Weg zu den erforderlichen Ausreisepapieren für das Deutsche Reich und den Einreisedokumenten für die Exilländer zu überwinden. Nicht zuletzt nutzen auch Geschäftspartner und Nachbarn die Notlage der Emigranten aus, die ihren Besitz verschleudern mussten. Wer das Glück hatte, Exil zu finden, musste also als mittelloser Flüchtling gehen, ohne jede Möglichkeit eines angemessenen Neuanfangs auf der Basis eigener Ersparnisse.

Was waren die Fluchtziele der aus dem Deutschen Reich vertriebenen Jüdinnen und Juden? Die wichtigsten und begehrtesten Exilländer waren Großbritannien und die USA. Über 200 000 jüdische Verfolgte fanden dort während der NS-Zeit Zuflucht. Die Einwanderung war jedoch äußerst schwierig, auch wenn die beiden Staaten unter dem Eindruck der November-Pogrome ihre Immigrationsbestimmungen lockerten. Für Großbritannien konnten zunächst nur Angehörige bestimmter Berufsgruppen eine Aufenthaltserlaubnis erhalten, etwa landwirtschaftliche Fachkräfte oder Wissenschaftler. Im November 1938 liberalisierte das Land aber die Einreisebedingungen und nahm rund 10 000 jüdische Kinder und Jugendliche aus »Kindertransporten« auf. Seit Kriegsbeginn wurden die jüdischen Flüchtlinge aus dem Deutschen Reich jedoch als »feindliche Ausländer« abgewiesen. Viele bereits Eingereiste wurden in Lagern interniert. Erst nach 1945 erfolgte ihre Einbürgerung.

Die Mehrheit der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich – 140 000 Verfolgte – ging in die USA, wo Zuwanderer zumeist schon nach wenigen Jahren eingebürgert wurden. Der Zugang zu dem klassischen Einwanderungsland war über eine Nationen-Quote beschränkt. Für Deutsche und Österreicher standen jährlich nur gut 27 000 Quotenvisa zur Verfügung. Diese wurden aber seit den November-Pogromen fast ausschließlich an jüdische Flüchtlinge vergeben. Weiterhin existierten nicht-quotierte Visen z.B. für Personen mit besonderen beruflichen Qualifikationen. Inhaber von Quoten-Visen mussten die Bürgschaft eines US-Staatsangehörigen vorweisen, der bereit war, notfalls finanziell für den Betreffenden einzustehen. Viele frühere jüdische Einwanderer fungierten bereitwillig als Bürgen, wenn es darum ging, verfolgte Verwandte und Freunde in die USA nachzuholen.

Eine andere attraktive Exilregion war das britische Mandatsgebiet Palästina, das − nach den USA − die meisten jüdischen Flüchtlinge aufnahm. Etwa 60 000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland und Österreich wanderten zwischen 1933 und 1941 dorthin aus. Die jüdische Einwanderung nach Palästina wurde über ein Zertifikatssystem reguliert. Dieses umfasste zum Beispiel ein »Kapitalisten-Zertifikat«, für das ein gewisses Vermögen nötig war, und ein Jugend-Zertifikat für Minderjährige aus dem ­zionistischen Spektrum. Als die britische Mandatsmacht die Einwanderungsquoten 1939 infolge arabischer Aufstände massiv drosselte, nahm die illegale Immigration stark zu.

Mangels besserer Alternativen entschieden sich viele deutschsprachige Jüdinnen und Juden für Lateinamerika, wo Aufenthaltsgenehmigungen vom Nachweis einer Arbeitsstelle oder einem bestimmten »Vorzeigegeld« abhängig waren. Wegen der herrschenden Korruption existierten aber auch Zugangsmöglichkeiten mit Touristen- oder Transitvisen. Beliebtestes Exilland Lateinamerikas war Argentinien, das stark europäisch geprägt war und einen guten Lebensstandard bot. Die meisten der rund 30 000 deutschsprachigen jüdischen Flüchtlinge ließen sich in der kosmopolitischen Metropole Buenos Aires nieder, die dadurch bald zum jüdischen Zentrum Lateinamerikas wurde. Das ebenfalls von europäischen Einwanderern geprägte kleine Land Uruguay nahm während der NS-Zeit etwa 7 000 deutschsprachige Flüchtlinge auf.

Das abgelegene Südostasien dagegen war als Fluchtziel unbeliebt. Die Schiffspassagen waren teuer, die klimatischen, hygienischen und sozialen Bedingungen schwierig, die Kultur erschien fremdartig. Weil aber immer mehr Länder ihre Grenzen schlossen, flohen nach den November-Pogromen zehntausende Jüdinnen und Juden nach Shanghai. Die Hafenstadt entwickelte sich wegen ihres politischen Sonderstatus 1938 zu einem der letzten Zufluchtsorte für die verfolgten Juden. Da für die Einreise kein Visum nötig war, trafen bis 1941 weit über 18 000 deutschsprachige Flüchtlinge dort ein. Relativ viele von ihnen waren in Konzentrationslagern inhaftiert gewesen und nahmen deshalb notgedrungen die schwierigen Lebensbedingungen in Kauf.

Australien schließlich, die »Terra incognita« auf der Südhalbkugel, war ebenfalls kein Traumziel für die meisten Emigranten. Es galten äußerst restriktive Einwanderungsbestimmungen gegenüber Juden, die unter anderem ein »Landungsgeld« vorweisen und einheimische Bürgen haben mussten. Seit 1938 existierte eine jährliche Aufnahme-Quote von 5 000 Personen, aber schon ab Herbst 1939 war der Fluchtweg nach Australien kriegsbedingt abgeschnitten. Bis dahin hatten etwa 7 000 Verfolgte Zuflucht gefunden. Über 2 000 weitere deutschsprachige jüdische Flüchtlinge erreichten Australien gegen ihren Willen. Sie wurden nach Kriegsbeginn von den Briten als »feindliche Ausländer« auf den Fünften Kontinent gebracht und interniert.

 

Auswirkungen von Vertreibung und Flucht auf die nachfolgenden Generationen

Konnten die jüdischen Flüchtlinge in ihren Exilländern heimisch werden? Wie beeinflusste die Erfahrung von Vertreibung und Flucht ihr weiteres Leben? Welche Lehren haben sie und ihre Kinder daraus zu ziehen versucht? Für alle in der Ausstellung porträtierten Familien gilt, dass sie ihren Exilländern sehr dankbar für die gewährte Zuflucht waren. Um etwas von der selbst erfahrenen Hilfe zurückzugeben, unterstützte der Berliner Architekt Hermann Baum, der als einer von nur 7 000 deutschsprachigen Jüdinnen und Juden mit offiziellem »Landing Permit« nach Australien gekommen war, dort andere Flüchtlinge beim Bau von Eigenheimen.

Einige Familien integrierten sich recht gut in die Gesellschaft ihrer neuen Heimatländer, andere fühlten sich im Exil nie zu Hause, wie zum Beispiel Willy Levisohns Sohn Mario, der 1940 in Uruguay zur Welt kam und immer nur Deutsch mit seinen Eltern sprach: »Offen gesagt, ich habe mich nie richtig als Uruguayer gefühlt. […] Unter den wenigen Sachen, die meine Eltern ins Exil mitgebracht haben, waren alle Bücher von Goethe, Heine … Meine Mutter konnte Goethe fast auswendig − unglaublich − und ich habe davon viel mitbekommen, viele Lieder, Opern. Ich habe praktisch die deutsche Kultur im Blut mitbekommen; sehr wenig von Uruguay. Meine Eltern waren immer sehr, sehr, sehr dankbar, dass Uruguay sie aufgenommen hat. Aber ich hab mich nie als Uruguayer gefühlt.«

Wie bei vielen jüdischen Flüchtlingen spielte die deutsche Sprache und Kultur im Exilhaushalt der Levisohns stets eine wichtige Rolle. Mit Deutschland und den Deutschen aber hatte Levisohn gebrochen – nicht einmal »Wiedergutmachungszahlungen« wollte er annehmen, als Opfer von NS-Verfolgung ab 1953 Entschädigung für materielle und immaterielle Einbußen bekommen konnten. Walter de Beer, der Anfang 1939 nach Palästina floh, 1947 aber in die Schweiz übersiedelte, vermied es zeitlebens nach Deutschland zu reisen, außer, wenn er die Gräber seiner Vorfahren besuchen wollte. Nach der Erinnerung seines Sohns Alexander hatte er »eine erstaunliche Distanz« zu seiner früheren Heimat gewonnen.

Die Erfahrungen von Flucht und Exil prägten das weitere Leben der porträtierten Familien erheblich. Werner Schindler zum Beispiel, dessen Angehörige, wie oben erwähnt, »inkognito« in die Gedenkstätte kamen, verheimlichte seine jüdische Herkunft nach 1945 konsequent – wohl um sich und die Seinen vor weiterer antisemitischer Verfolgung zu bewahren.

Erst kürzlich fanden seine heute in Australien lebenden Nachkommen heraus, dass sie jüdische Wurzeln haben. Einige der für die Ausstellung Interviewten siedelten später nach Israel über in der Hoffnung, ihren Kindern und Enkeln das von ihren Eltern Durchgemachte zu ersparen, wie Levisohns Sohn Mario: »Als ich jung war und die ganze Geschichte von meinen Eltern hörte […], da habe ich mir selbst gesagt, ich will nicht das durchmachen, was meine Eltern …, ich will nach Israel auswandern und will, dass meine Kinder dort immer leben können. Und nicht, wie meine Vorfahren, die ca. 300, 400 Jahre […] in Frankfurt und in Hamburg gelebt haben, und eines Tages mussten sie raus. Das ist der Grund, dass ich dann nach Israel gegangen bin.«

Viele Angehörige der zweiten und dritten Generation verfolgen aufmerksam die politische-gesellschaftliche Entwicklung und sind sich der Gefährdungen, die aus bestimmten politischen Konstellationen erwachsen können, sehr bewusst. Der schon mehrfach erwähnte Walter de Beer erzog seine Kinder gezielt zur Toleranz, ermutigte sie, für die Menschenrechte einzustehen und sich karitativ zu engagieren. Zugleich aber legte er großen Wert auf ihre schulische und berufliche Ausbildung. Sein Sohn Alexander verriet mir den Grund: »Meine Eltern setzten unglaublich viel Zeit ein und auch finanzielle Mittel, um uns zu unterstützen und zu fördern, mit der Idee, dass sich ja so etwas wiederholen könnte, und das Einzige, was man da mitnehmen kann […] ist das, was man im Kopf gespeichert hat, und das ist erforderlich, um dann an einem neuen Ort zu versuchen, eine neue Existenz aufzubauen. Das hat uns doch sehr, sehr stark geprägt.«

 

Die Ausstellung »›Im Reich der Nummern, wo die Männer keine Namen haben‹. Haft und Exil der Novemberpogrom-Gefangenen im KZ Sachsenhausen«, die aus analog und digital präsentiertem Bildmaterial, Audioinstallationen sowie diversen interaktiven Videostationen besteht, wurde als barrierearme Wanderausstellung in einer deutsch-englischen und einer rein englischen Fassung konzipiert. Teile der Ausstellung und weitere Informationen sind im Internet verfügbar:

www.in-the-country-of-numbers.com

Die deutsche Version der Ausstellung kann ausgeliehen werden. Sie lässt sich flexibel an Ausstellungsräume zwischen 40 und 200 qm anpassen und ist mit einem Kleintransporter bewegbar. Es fallen außer Aufbau und Transport keine Kosten an. Für die Nachproduktion der rein englischen Version können »ready-to-print-files« sowie die digitalen Monitorinhalte zur Verfügung gestellt werden. Kontakt: Ley@stiftung-bg.de.

 

Dr. Astrid Ley ist stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen. Sie hat die Sonderausstellung »Im Reich der Nummern, wo die Männer keine Namen haben« kuratiert.