Sebastian Weitkamp

Jüdische Häftlinge und antisemitische Gewalt in den frühen Konzentrationslagern im Emsland 1933–1936

Gedenkstättenrundbrief Nr. 202 S. 13-22

Im Oktober 1935 stand der fast 50jährige David Rosenbaum im Schutzhaftlager des Konzentrationslagers (KL) Esterwegen. Er war als Häftling von den SS-Wachmannschaften vorgeführt worden und musste für zwei Fotografen des »Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda« posieren. Er sollte als abschreckendes Beispiel für einen jüdischen Kriminellen herhalten. Die erhaltene Aufnahme zeigt ihn in der als Häftlingsuniform gebräuchlichen alten Polizeiuniform und im Hintergrund ist das rückwärtige Tor zum Schutzhaftlager zu erkennen. Das Foto ist wahrscheinlich das letzte Bild von David Rosenbaum überhaupt. Er starb am 5. Juni 1936 im KL Esterwegen unter unbekannten Umständen.

David Rosenbaum gehörte damit zu den mindestens 34 Häftlingen, die im KL Esterwegen zwischen Frühjahr 1934 bis Spätsommer 1936 ums Leben kamen. Mindestens acht dieser Toten waren jüdischer Herkunft. Obwohl jüdische Häftlinge in der Häftlingsgesellschaft deutlich unterrepräsentiert waren, machten sie dennoch fast ein Viertel der Todesopfer aus. Dieses Verhältnis ist bemerkenswert und bedarf einer näheren Betrachtung.

Vor dem erwähnten Zeitraum hatte das KL Esterwegen nicht der SS unterstanden, sondern dem preußischen Innenministerium – auch wenn SS- und für kurze Zeit auch SA-Einheiten die Wachmannschaften stellten. Esterwegen gehörte neben den KL Neusustrum und Börgermoor zu den »staatlichen Konzentrationslagern« im Emsland, die im Sommer 1933 in aller Eile in Barackenbauweise errichtet worden waren, um eine große Zahl politischer Gegner des Nationalsozialismus bei gleichzeitiger »gemeinnütziger« Arbeit in der Moorkultivierung inhaftieren zu können. Insgesamt waren 1933 acht Konzentrationslager mit einer Belegung von 10 000 Häftlingen geplant. Von den drei fertiggestellten Lagern übernahm jedoch die Justizverwaltung schließlich 1934 die Lager Neusustrum und Börgermoor als Strafgefangenenlager, während Esterwegen in den Bereich der »Inspektion der Konzentrationslager« (IKL) der SS kam.[1]

Die Opferzahlen aus den drei staatlichen Konzentrationslagern 1933/34 sind durchaus mit denen aus dem KL Esterwegen 1934 bis 1936 vergleichbar. Von September 1933 bis April 1934 starben mindestens 18 Häftlinge, von denen mindestens drei jüdischer Herkunft waren. Legt man die von der Historikerin Kim Wünschmann im Augenblick nachweisbare Zahl von nicht einmal 1 % jüdischer Häftlinge in den Lagern von 1933 bis 1936 zugrunde, sind die drei jüdischen Opfer auch hier überrepräsentiert. Besonders auffällig wird dies, wenn man die Todeszahlen in Relation zum Anteil der jüdischen Bevölkerung insgesamt setzt, der 1933 bei nur 0,77 % lag.[2]

Häftlinge jüdischer Herkunft waren demnach bei den Todesopfern überrepräsentiert und ein signifikanter Beleg für die brutale antisemitische Gewalt, die jüdische Häftlinge in den frühen Lagern erwartete. Die folgenden Ausführungen möchten dies anhand der Konzentrationslager im Emsland beispielhaft beleuchten und so einen kleinen Beitrag zu den frühen Lagern in Deutschland leisten. Dabei spielt auch die Frage eine Rolle, ob es Unterschiede und/oder Gemeinsamkeiten gab zwischen den »staatlichen« Lagern unter SS- und SA-Bewachung 1933/34 und dem KL Esterwegen im alleinigen Zuständigkeitsbereich der SS und der IKL 1934 bis 1936.

 

Die frühen Lager als »zweiter« Raum des antisemitischen Terrors

Der Hass der Nationalsozialisten auf das Judentum und die jüdische Bevölkerung ist hinlänglich bekannt. Bereits vor 1933 kam es seitens der NSDAP und ihrer Anhänger zu massiven Anfeindungen, Einschüchterungen, Beleidigungen, Boykotten und physischer Gewalt gegen Jüdinnen und Juden in Deutschland. Im Rausch des Machtgefühls nach der Kanzlerschaft Adolf Hitlers 1933 steigerten sich diese Angriffe zur offenen, alltäglichen Gewalt und staatlicher Diskriminierung. Die Hetze nahm an Schärfe zu, Wohnungen und Geschäfte wurden durchsucht und verwüstet, jüdische Menschen schikaniert, bedroht, geschlagen und auch ermordet. All dies geschah in der Regel staatlich sanktioniert im öffentlichen Raum oder im Privaten.

Mit der Inhaftierung von Jüdinnen und Juden erweiterte sich die antisemitische Gewalt auf die Gefängnisse, Haftorte, Folterkeller und auch auf die neuen Konzentrationslager. Die Opfer waren hier in ihrer Gefangenschaft den staatlichen Organen und NS-Formationen meist willkürlich ausgeliefert. Sie konnten sich der Gewalt nicht mehr durch Flucht oder Emigration entziehen. Neben der antisemitischen Repression des Alltags entwickelten sich die frühen Lager so zu einem »zweiten«, geschlossenen Raum des Terrors, der jeglicher äußeren Kontrolle weitgehend entzogen war.

Die Gründe für die Festnahme und Einweisung in ein Konzentrationslager liegen 1933 oft nicht oder nicht allein in der jüdischen Religion der Inhaftierten; jedenfalls lässt sich dies für die frühen Lager im Emsland bisher nicht nachweisen. Die jüdischen Häftlinge hier hatten sich vor 1933 meist auf unterschiedliche Weise als Andersdenkende oder politische Gegner des Nationalsozialismus exponiert, was vornehmlich zur Verhaftung führte. Es ist aber sicher davon auszugehen, dass die jüdische Herkunft die Misshandlungen durch die ideologisierten SS- und SA-Wachmannschaften noch mehr provozierte.

Viele Häftlinge bezahlten den Hass der Wachmannschaften mit Schikanen, Folter und auch mit dem Leben. Bereits der erste nachgewiesene Tote in den frühen Lagern im Emsland war Jude: Hans Alexander, geboren 1890 in Breslau, hatte sich der SPD sowie dem Reichsbanner »Schwarz-Rot-Gold« angeschlossen und kam im Sommer 1933 mit einer ganzen Reihe von Häftlingen aus Schlesien ins Emsland, als das KL Dürrgoy bei Breslau aufgelöst worden war. Alexander vereinigte so in seiner Person Vieles, was die SS verabscheute. Er war nicht nur Jude, sondern auch ein aktiver Gegner Hitlers. Aus diesen Gründen war er kurz nach der Ankunft im Lager Esterwegen schwersten Schikanen ausgesetzt, ehe ihn SS-Männer am 2. September 1933 bei der Zwangsarbeit im Moor erschossen und die Tat als »Fluchtversuch« tarnten. Die SS erlaubte offenbar später den jüdischen Häftlingen noch einen Leichenritus für Alexander abzuhalten und Gebete zu sprechen.[3] Bei den späteren Morden an jüdischen Häftlingen werden solche Zugeständnisse jedoch nicht mehr berichtet.

Auch Ludwig Pappenheim, der vor 1933 als Journalist in Thüringen gegen die NSDAP angeschrieben und in Hessen als Politiker gegen sie agiert hatte, wurde am 4. Januar 1934 in der Nähe des KL Neusustrum von SA-Männern erschossen. Seine jüdische Herkunft dürfte bei dem Mord ebenfalls eine Rolle für die Täter gespielt haben.

Der jüdische, hochrangige SPD-Politiker Ernst Heilmann stand ebenfalls auf der Todesliste. Am 29. September 1933 habe er als Häftling des KL Börgermoor angeblich zu fliehen versucht und sei angeschossen worden, so ein Bericht der Geheimen Staatspolizei.[4] Heilmann überlebte, aber sein Martyrium ging weiter. Der ehemalige Häftling Edmund Herbert erinnerte sich später an die Zeit Heilmanns im KL Esterwegen 1935/36: »Von diesem Heilmann weiß ich mit Sicherheit, daß die SS-Bewachung ihm sehr übel mitgespielt hat. So mußte er in einer Hundehütte liegen und bellen, wenn ein anderer Häftling, der dazu eingeteilt war, um die Hütte herumkroch.«[5] Die SS zwang Heilmann zudem, ihre Befehle wie ein dressierter Hund zu befolgen.[6] Nach Verlegungen in weitere Konzentrationslager wurde Ernst Heilmann 1940 im KL Buchenwald ermordet.

 

Jüdische »Rückwanderer« als Häftlinge im KL Esterwegen 1935/36

Eine besondere Gruppe von jüdischen Häftlingen im KL Esterwegen waren »Remigranten«. Die deutschen Sicherheitsorgane hatten festgestellt, dass zunehmend Deutsche – vor allem jüdischer Herkunft – nach Deutschland zurückkehrten, die das Land nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 für eine längere Zeit verlassen hatten. Diese Gruppe hielt die Staatspolizei allgemein dafür verantwortlich, durch Verbreitung von »Greuelpropaganda« im Ausland dem Ansehen Deutschlands massiv geschadet zu haben. Von ihnen gehe auch im Inland weiter Gefahr aus. Die zurückkehrenden Emigranten seien deshalb »unerwünscht anzusehende Elemente«.[7] Im Januar 1935 legte die Gestapo fest, dass zurückkehrende Deutsche festzusetzen und in »Schulungslager« zu überstellen seien, was gleichbedeutend mit der Einweisung in ein Konzentrationslager war. Zur Aufnahme der Remigranten waren vor allem die KL Dachau und Esterwegen vorgesehen, wo das »Menschenmaterial« durch Anleitung wieder in den »Volkskörper einzureihen« sei.[8]

Die zynische Bezeichnung »Schulungslager« änderte nichts an der unmenschlichen Behandlung der Eingewiesenen. So hatte die Gestapo in Aachen im März 1935 den jüdischen Fritz Teitelbaum bei der Einreise nach Deutschland festgesetzt. Er habe nach 1933 »angeblich aus wirtschaftlichen Gründen« das Reichsgebiet verlassen und sich in Frankreich, Belgien und Holland aufgehalten. Obwohl eine staatsfeindliche Betätigung im Ausland nicht nachweisbar war, verfügte die Gestapo die Überstellung in das »Schulungslager« Esterwegen.[9] Hier nahmen bereits bei der Ankunft Teitelbaums die schweren Misshandlungen durch die SS ihren Lauf. Der ehemalige Häftling Albrecht Messe erinnerte sich 1949: »Besonders hatte der mit uns eingelieferte Jude Teidelbaum [sic] aus Elberfeld unter der Mißhandlung des Kaiser [SS-Scharführer] zu leiden. Mit Faustschlägen und Fußtritten wurde Teidelbaum bei unserer Ankunft in einer Weise bedacht, daß man den Eindruck hatte, daß sich dieser so leicht nicht wieder davon erholen würde.«[10]

Das Ziel des Polizei-Erlasses war auch keineswegs die Inklusion jüdischer Remigranten in den »Volkskörper«, wie es hieß, sondern die Exklusion. Sie kamen erst aus der Haft frei, wenn sie umgehend in die Emigration gingen. Ein Beispiel dafür ist die Familie von Julius Hamburger, der 1895 in Hessen geboren war. Er absolvierte später eine kaufmännische Lehre, nach deren Abschluss er im väterlichen Betrieb mitarbeitete. Nach einer Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg eröffnete er 1922 eine Tischlerei, die er 1926 zu einer Möbelfabrik erweiterte. Später führte er einen Handel für Tischlereibedarf. Aufgrund der sich zuspitzenden antisemitischen Stimmung nach 1933 beschloss Hamburger mit seiner Frau und den beiden Kindern auszuwandern. Im November 1934 reiste er zunächst allein nach Palästina, um die Emigration vorzubereiten.

Nach seiner Rückkehr im Juni 1935 wurde Hamburger von der Gestapo inhaftiert und am 24. Juli 1935 zur Überprüfung in das KL Esterwegen gebracht. Am 29. November 1935 konnte Hamburger das Lager wieder verlassen und nur acht Tage später emigrierte er mit seiner Familie nach Haifa. Doch die Familie konnte wirtschaftlich nicht Fuß fassen. Im Jahr 1957 kehrte das Ehepaar nach Deutschland zurück und wohnte in Frankfurt am Main. Im November 1974 gingen sie erneut nach Haifa, wo Julius Hamburger am 17. Juni 1978 starb.

Im Gegensatz zu Julius Hamburger verließ Paul Gangolf (eigentlich Paul Löwy) das KL Esterwegen nicht mehr lebend. Der 1878 in Königsberg geborene jüdische Künstler hatte in den 1920er-Jahren in Berlin, London und Paris kleine, aber beachtenswerte Erfolge mit seiner progressiven Kunst gefeiert und 1933 noch eine letzte nachweisbare Ausstellung in Berlin gehabt. Um 1934/35 erfolgte seine Verhaftung – vermutlich wegen staatsfeindlicher Äußerungen – und die Einlieferung in das KL Esterwegen, wo Gangolf am 31. Mai 1935 unter ungeklärten Umständen angeschossen wurde. Nach seiner Haftentlassung floh Gangolf zunächst nach Portugal und Paris, kehrte aber im Sommer 1936 wieder nach Deutschland zurück. Auch wenn eindeutige Belege fehlen, ist er mit großer Wahrscheinlichkeit aufgrund der erlassenen »Maßnahmen gegen zurückkehrende Emigranten« beim Grenzübertritt verhaftet und am 12. August 1936 im KL Esterwegen ermordet worden.[11]

 

»Die Misshandlungen entsprangen dem Hassgefühl« –
Der Antisemitismus der Wachmannschaften

Handelnde Akteure der antisemitischen Gewalt vor Ort waren ohne Zweifel die SS- und SA-Wachmannschaften der frühen Lager bzw. ab 1934 die SS-Angehörigen des Kommandanturstabs und des SS-Wachverband »Ostfriesland«. In der Frühphase entschieden die SS-Kommandanten nach einer überhasteten und kurzen Einweisung durch Polizeioffiziere autonom über die Zustände in den Lagern und die Behandlung der Häftlinge. Eine kodifizierte Lagerordnung oder effektive Kontrolle durch das Innenministerium bestand nicht. Diesen rechtsfreien Raum nutzten die SS- und SA-Männer weidlich, um mit ihren alten Gegnern aus der Zeit der Weimarer Republik abzurechnen. Ein ehemaliger Häftling erinnerte sich in diesem Kontext, die Wachen hätten das KL Esterwegen offen ein »Rachelager der SS« genannt.[12]

Dabei war es für die SS und SA in den frühen Lagern zunächst schwierig, jüdische Häftlinge überhaupt zu identifizieren, da die improvisierte Verwaltung der Lager diese nicht systematisch erfasste. Das änderte sich ab 1934, als das KL Esterwegen der IKL unterstellt wurde und eine Politische Abteilung erhielt, in der die Geheime Staatspolizei genaue Häftlingsakten führte. In dieser Phase ging die SS auch dazu über, die Uniformen der Häftlinge farblich zu markieren. Die jüdischen Häftlinge erhielten zur Stigmatisierung einen gelben Punkt und waren nun offen erkennbar. Dieses Vorgehen spiegelt einen signifikanten Unterschied zwischen beiden Lager-Phasen wider.

Ein weiterer Unterschied schienen die Haftgründe gewesen zu sein. Während die jüdischen Häftlinge in der Frühphase vor allem politische Gegner waren, die auch jüdischer Herkunft waren, kamen ab 1935 vermehrt Häftlinge in das KL Esterwegen, weil sie jüdisch waren und etwa im Zuge der Nürnberger Rassengesetzgebung oder im Zuge wachsender wirtschaftlicher Diskriminierung in Schutzhaft genommen wurden. Hierbei spielte die aggressive antijüdische Stimmung des Jahres 1935 eine wichtige Rolle, als die NSDAP das Thema Antisemitismus laufend befeuerte.[13]

Aus beiden Lager-Phasen fehlen jedoch weitgehend Quellen, die über eine offizielle Behandlung jüdischer Häftlinge Auskunft geben. Erst in der im August 1934 eingeführten Lagerordnung des KL Esterwegen werden »Juden und andere Personen, welche sich als Volksschädlinge, oder als gemeine politische Hetzer bemerkbar gemacht haben« in die schärfste Haftstufe III eingeteilt.[14] Was dies genau zur Folge hatte, ist nicht überliefert, aber es hat den Anschein, dass sich die antisemitische Gewalt eher über das willkürlich-situative Verhalten der Wachmannschaften und Kommandanten vollzog als durch vorgeschriebene Regeln.

Die Forcierung antisemitischer Gewalt setzten die SS-Männer nicht nur während des Dienstes um, sondern auch in ihrer Freizeit, wie ein Vorfall aus Leer zeigt. Im Oktober 1934 besuchten SS-Männer des KL Esterwegen den »Gallimarkt«, ein jährliches Volksfest. Anlässlich dieses mehrtägigen Festes gab es auch einen Viehmarkt, zu dem einige jüdische Händler aus dem Umland gekommen waren und in zwei Hotels in der Stadt übernachteten. In einem Lokal provozierten schließlich örtliche SA-Männer eine Schlägerei mit den jüdischen Gästen, an denen sich auch die SS-Männer aus Esterwegen beteiligten. In der wachsenden Dynamik drangen schließlich SS und SA in eines der Hotels ein und verprügelten einige jüdische Gäste teils schwer und durchsuchten deren Hotelzimmer.[15]

Obwohl in allen drei Lagern 1933/34 Schikane und Misshandlungen an der Tagesordnung waren, lassen sich jedoch auch Unterschiede im Verhalten der Wachmannschaften feststellen. Während zwischen September 1933 und April 1934 im KL Neusustrum neun und im KL Esterwegen acht Häftlinge starben oder getötet wurden, war es im KL Börgermoor nur einer. Und als die Lager in einer kurzen Phase um die Jahreswende 1933/34 von preußischer Polizei bewacht wurden, hörten Misshandlungen und Morde ganz auf, was wiederum den ausgeprägten Terror der ideologisch motivierten SS- und SA-Einheiten hervorhebt.

Einen Einblick in die antisemitischen Vorstellungen der SS-Männer des KL Esterwegen 1934 bis 1936 gab verhältnismäßig offen der ehemalige SS-Hauptscharführer Gustav Sorge 1957 im Zuge eines Strafverfahrens gegen ihn zu Protokoll. Sorge war ab 1934 als Angehöriger des SS-Wachverbands in Esterwegen bei der Bewachung der Häftlinge bei Außenarbeiten an zahlreichen Misshandlungen und auch Tötungen beteiligt gewesen. Er sagte bei einer Vernehmung, die SS-Wachmannschaften hätten Juden »nicht zur deutschen Volksgemeinschaft« gezählt und Lagerkommandant Hans Loritz habe 1935 erklärt, »Himmler habe ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht, keiner der in Esterwegen befindlichen Juden solle dieses Lager verlassen«.[16] In Schulungen seien die SS-Männer zudem darüber belehrt worden, »daß die Juden ein besonders minderwertiger Menschenschlag sei [sic], der etwa den unterentwickelten Völkern gleichzusetzen sei, der sich lediglich in Deutschland eingeschlichen habe, wie die Parasiten. […] Es wurde uns anhand von Beispielen klargemacht, daß Juden in der Form der sog. Rassenschande ständig erhebliche Verbrechen auf sich nehmen. Daraus wurde der Schluß gezogen, daß die Juden nicht mehr lebensberechtigt seien«.[17] Sorge habe deshalb der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung – bereits zu diesem Zeitpunkt – zugestimmt. Und Sorge ließ dieser innerlichen Einstellung auch Taten folgen: Der jüdische Häftling Louis Schild starb 1935 an den Misshandlungen im Sportplatz-Kommando, während Sorge verantwortlicher Kommandoführer war. Nur wenige Tage nach diesem Mord gehörte Sorge dann zu den Schützen, die den jüdischen Häftling Friedrich Ravensgaard bei einem konstruierten Fluchtfall erschossen.[18]

Das antisemitische mind set von Sorge schienen auch andere SS-Männer zumindest ansatzweise zu teilen. Später berichteten immer wieder ehemalige, nicht-jüdische wie jüdische Häftlinge von besonderen Grausamkeiten einzelner SS-Männer gegen jüdische Häftlinge. Albrecht Messe etwa sagte 1949 zu den Misshandlungen des SS-Scharführers Heinrich Kaiser: »Anlass zu diesen Misshandlungen hat niemals ein Jude gegeben. Sie entsprangen lediglich dem vorher erwähnten Hassgefühl.«[19]

Nimmt man die Aussagen von Gustav Sorge bei aller Quellenkritik ernst und überträgt eine solche Haltung auf die Lager-SS in Esterwegen, tritt die explizit antisemitische Motivation der Gewalt sowie die Bereitschaft zu misshandeln und zu töten mehr als deutlich hervor und Esterwegen bzw. die frühen Lager in Deutschland werden als ein früher Raum des Terrors auf dem Weg zur »Endlösung« sichtbar. Ein Kamerad von Sorge im KL Esterwegen war immerhin Josef Kramer: Er wurde 1944 Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. Hierin liegt auch ein wesentlicher Unterschied zwischen den Lagern der frühen Phase und dem SS-KL Esterwegen: Aus der Lager-SS des späteren KL Esterwegen bildete sich ein Täter-Reservoir für die »Endlösung«, während dies bei den SS-Wachmannschaften der frühen Lager nicht der Fall war und beispielsweise die dortigen Lagerkommandanten bereits 1934 wieder aus dem KL-Dienst ausschieden oder sogar später aus der SS ausgeschlossen wurden. [20]

 

Die Gedenkstätte Esterwegen im Netzwerk »AG Frühe Lager« und im Festjahr »1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«

Deutschlandweit wurden 1933 rund 100 frühe Konzentrationslager errichtet. Sie waren das Terrorinstrument, mit welchem die Nationalsozialisten ihre politischen Gegner ausschalteten und ihre Machtposition demonstrierten. Heute machen Gedenkstätten und Erinnerungsorte diese einzigartigen historischen Orte sichtbar und zeigen auf, wie rasant und rücksichtslos der Übergang von einer Demokratie zu einer Diktatur verlaufen kann. Gerade in Zeiten nationalistischer und rechtspopulistischer Tendenzen in Deutschland und anderen Ländern Europas stehen Gedenkstätten an Orten früher Konzentrationslager in einer besonderen Verantwortung.

Im Jahr 2019 gründete sich vor diesem Hintergrund die bundesweite AG »Gedenkstätten an Orten früher Konzentrationslager« unter dem Dach der Topographie des Terrors in Berlin. Ziel der Arbeitsgemeinschaft ist neben einem bundesländerübergreifenden Wissenstransfer die gegenseitige Unterstützung bei wissenschaftlichen Forschungsvorhaben sowie ein Austausch über die historisch-politische Bildungsarbeit. Bereits formulierte Vorhaben sind die Erarbeitung und Realisierung einer öffentlichen Tagung sowie einer gemeinsamen Ausstellung für das Themenjahr 2023, in welchem sich die Machtübergabe an die Nationalsozialisten und mit ihr die Errichtung der ersten Konzentrationslager zum neunzigsten Mal jährt.

In der Arbeitsgemeinschaft sind neben der Gedenkstätte Esterwegen weiter vertreten: Projekt Lernort Kislau, Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg, KZ-Gedenkstätte Dachau, Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen (Oranienburg), Gedenkstätte Breitenau, KZ-Gedenkstätte Moringen, Gedenkstätte KZ Osthofen, Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt a.d.W., Gedenkstätte Sachsenburg, Gedenkstätte KZ Lichtenburg und Gedenkstätte Ahrensbök.[21]

Weitere Institutionen und Initiativen sind eingeladen, sich der AG anzuschließen. Kontakt: Dr. Thomas Lutz, Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors, lutz@topographie.de.

Die AG möchte neben der allgemeinen Arbeit auch gerne kleinere Initiativen und Gedenkstätten an Orten früher Lager unterstützen. Im Jahr 2019 fand deshalb ein mehrtägiges Treffen in Frankenberg statt, um den Aufbau der Gedenkstätte Sachsenburg zu begleiten. Und 2020 konnte noch vor Beginn der Pandemie eine Arbeitstagung in der Gedenkstätte in Neustadt an der Weinstraße abgehalten werden. Corona bedingt fand das Treffen 2021 in der Gedenkstätte Osthofen leider nur digital statt.

Neben der Mitgliedschaft in der AG beteiligt sich die Gedenkstätte Esterwegen auf verschiedene Weise am laufenden Festjahr »1 700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« und möchte dabei das Andenken an die jüdischen Opfer in den frühen Konzentrationslagern sowie den Strafgefangenenlagern der NS-Justiz stärken und bewahren. Über das Jahr 2021 werden in den sozialen Medien an Tagen, die sich auf Ereignisse in den Jahren 1933 bis 1945 beziehen, an bestimmte Opfer der Emslandlager mit kurzen Texten und Fotos erinnert. Zudem hat die Gedenkstätte am 9. Mai 2021 eine eigene Ausstellung zu dem deutsch-jüdischen Künstler Paul Gangolf eröffnet: »Paul Gangolf (1878–1936). Vergessener Künstler der Moderne/Ermordeter Häftling des KL Esterwegen«. Die Ausstellung widmet sich dem Werk und Leben eines heute kaum noch bekannten Künstlers, dessen Tod im Konzentrationslager 1936 maßgeblich dazu beigetragen hat, nach 1945 in Vergessenheit zu geraten. Die Schau wird mindestens bis Ende des Jahres gezeigt werden und stellt auch originale Kunstwerke aus der Nationalbibliothek Leipzig aus.

Allgemein hat sich die Gedenkstätte Esterwegen aufgrund des altersbedingten Ausscheidens einer ganzen Reihe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern personell neu aufgestellt. Als Nachfolge von Andrea Kaltofen führen seit Jahresbeginn 2021 der Historiker Martin Koers sowie der Verfasser als Leitungsteam die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen bzw. die Gedenkstätte Esterwegen. Bei dem Kooperationspartner »Aktionskomitee Dokumentations- und Informationszentrum DIZ Emslandlager e.V.« hat Dana Schlegelmilch seit 2020 die Leitung übernommen.

Die Gedenkstätte Esterwegen ist in den sozialen Medien auf folgenden Plattformen aktiv: www.gedenkstaette-esterwegen.de

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Dr. Sebastian Weitkamp, Jahrgang 1973, studierte Geschichte und Germanistik an den Universitäten Osnabrück und Münster. Als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung wurde er 2008 mit einer Studie zum Auswärtigen Amt und der »Endlösung« promoviert. Seit 2009 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte Esterwegen und seit 2021 ist er im Leitungsteam der Gedenkstätte. Daneben arbeitet er als Dozent an der Universität Osnabrück.

 


[1]    Vgl. allgemein Weitkamp, Sebastian, Brechung des Widerstands und Machtsicherung des NS-Systems. Die Konzentrationslager im Emsland 1933–1936, in: Faulenbach, Bernd; Kaltofen, Andrea (Hgg.), Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945, Göttingen 2017, S. 24–37.

[2]    Vgl. Wünschmann, Kim, Before Auschwitz. Jewish Prisoners in the prewar Concentration Camps, Cambridge/USA 2015, S. 70 und dies., Gewaltsam aus der »Volksgemeinschaft« ausgeschlossen. Jüdische Häftlinge in den Konzentrationslagern 1933 bis 1936/37, in: S. Osterloh, Jörg; Wünschmann, Kim (Hgg.), »… der schrankenlosesten Willkür ausgeliefert«. Häftlinge der frühen Konzentrationslagerm 1933–1936/37, Frankfurt/Main 2017, S. 197–220, hier S. 203.

[3]    Vgl. Aussage von Eberhard Funke vom 30.06.2950, in: Niedersächsisches Landesarchiv – Abteilung Osnabrück (NLAOS), Rep 945 Akz 6/1983, Nr. 610, Band 2.

[4]    Vgl. Schreiben des Geheimen Staatspolizeiamtes an den preuß. Ministerpräsidenten vom 1. 11. 1934, in: Geheimes Staatsarchiv – Preußischer Kulturbesitz (GStPK), I. HA Rep. 90 P Geheime Staatspolizei, Nr. 138/2.

[5]    Aussage von Edmund Herbert vom 25. 6. 1964, in: NLAOS, Rep. 945 Akz 2001/054, Nr. 97.

[6]    Vgl. Aussage von Franz Karolak vom 30. 7. 1949, in: Landesarchiv (LA) NRW – Abteilung Westfalen, Q 224, Staatsanwaltschaft Hagen, 863, Band 1.

[7]    Erlass der Geheimen Staatspolizei vom 28. 1. 1935, in: Bundesarchiv Berlin (BAB), R 58, Nr. 269.

[8]    Ebd. Vgl. auch Wünschmann, Before Auschwitz, S. 113f.

[9]    Bericht der Gestapo Aachen vom März 1935, in: BAB, R 58/3037a.

[10]  Zeugenaussage von Albrecht Messe vom 20. 7. 1949, in: NLAOS, Rep 945 Akz 6/1983, Nr. 347. Über das weitere Schicksal Teitelbaums ist bis jetzt nichts bekannt.

[11]  Vgl. Giebel, Jan; Weitkamp, Sebastian (Hgg.), Paul Gangolf (1879–1936). Vergessener Künstler der Moderne – Ermordeter Häftling des KL Esterwegen, Göttingen 2020, S. 129ff. (siehe auch die Rezension von Thomas Grove in diesem Band.).

[12]  Aussage von Fritz Erichsen vom 20. 12. 1949, in: NLAOS, Rep 945 Akz 6/1983, Nr. 362.

[13]  Vgl. Wünschmann, Before Auschwitz, S. 137ff.

[14]  Lagerordnung des KL Esterwegen vom 01.08.1934, in: NLAOS, Rep 947 Lin I, Nr. 726.

[15]  Vgl. Schreiben des Regierungspräsidenten in Aurich an den preußischen Ministerpräsidenten vom 19. 10. 1934, in: GStPK, I. HA Rep. 90 P Geheime Staatspolizei, Nr. 68/1.

[16]  Aussage von Gustav Sorge vom 17.04.1957, in: LA NRW, Abteilung Rheinland, Gerichte Rep 529, Nr. 30.

[17]  Ebd.

[18]  Vgl. Urteil des Landgericht Bonn gegen Gustav Sorge vom 06.02.1959, in: Justiz und Verbrechen, Bd. XV, Amsterdam 1976, S. 468ff.

[19]  Aussage von Albrecht Messe vom 20.07.1949, in: NLAOS, Rep 945 Akz 6/1983, Nr. 347.

[20]  Vgl. Klausch, Hans-Peter, Tätergeschichten. Die SS-Kommandanten der frühen Konzentrationslager im Emsland, Bremen 2005.

[21]  (www.gedenkstaette-esterwegen.de/organisation/ag-fruehe-lager).