Nathalie Geyer und Mareike Wacha

»Man wird ja wohl noch sagen dürfen …« und »language matters«

Gedenkstättenrundbrief 200 S. 32-41

Zwei pädagogische Projekte mit Gegenwartsbezug im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm

Nathalie Geyer und Mareike Wacha

Das Projekt "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." (2017-2019)

Ausgangspunkt für das bibliothekspädagogische Projekt "'Man wird ja wohl noch sagen dürfen' - Zum Umgang mit menschenverachtender und demokratiefeindlicher Sprache" war die Beobachtung, dass Rechtspopulisten und Rechtsextreme gezielt an die völkische Sprache der 1920er/1930er-Jahre anknüpfen und sich die Grenzen des Sagbaren auch im öffentlichen Diskurs verschieben, Jugendlichen aber das Wissen für eine kritische Auseinandersetzung fehlt. Um ein wirksames Aufklärungsinstrument zu schaffen, hat das Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg Ulm e.V. (DZOK) im Rahmen dieses Drittmittelprojekts ein neues Lernangebot entwickelt. Neben den Autorinnen gehörten Gedenkstättenpädagogin Annette Lein und DZOK-Leiterin Nicola Wenge sowie die Ulmer Lehrkräfte Tobias Jeske, Martin König und Sandra Lambacher zum engeren Projektteam.[1]

Zentraler Bezugspunkt der Arbeit des DZOK ist der historische Ort. Im Fort Oberer Kuhberg am Stadtrand Ulms befand sich von 1933 bis 1935 eines der ersten nationalsozialistischen Konzentrationslager des Landes Württemberg. Unter den etwa 80 frühen Lagern ist es das einzige in Süddeutschland, das noch weitgehend erhalten und als Gebäude zugänglich ist.

In der heutigen Gedenkstätte werden das Gelände und ausgewählte Räumlichkeiten des ehemaligen KZ für die pädagogische Arbeit genutzt; eine Dauerausstellung bietet vertiefende Informationen. Zahlreiche Bildungsangebote eröffnen kognitive und kreative Lernansätze für Jugendliche aller Schulformen. Eine zweite Säule der Arbeit bildet die Geschäftsstelle in der Ulmer Innenstadt mit Bibliothek und Archiv.

Die Gedenkstätte ist ein Erinnerungs- und Lernort, der sich explizit mit Fragen der historischen Demokratiezerstörung und des Aufbaus der NS-Diktatur befasst. Jugendliche lernen exemplarisch, wie die Nationalsozialisten die Weimarer Republik aushebelten, um eine völkisch-rassistische Zwangsgesellschaft zu errichten, in der politisch Andersdenkende mundtot gemacht und verfolgt wurden. Sie erfahren, wie die menschenverachtende Sprache der Nationalsozialisten unmittelbar 1933 in offenen Terror umschlug und wie stark die Stigmatisierung der Häftlinge als "Volksverräter" auch nach 1945 weiterwirkte.

Ein wichtiger Bestandteil der pädagogischen Arbeit des DZOK ist die Anregung zu Reflexion und Gegenwartsbezug. Hauptziele des hier vorgestellten Projekts und seiner Lernangebote waren und sind die Vermittlung von Informationskompetenz, die Ermutigung zu kritischem Lesen und zu einer respektvollen Kommunikationskultur: Jugendliche sollen für demokratiefeindliche und stark vereinfachende Äußerungen sensibilisiert und dazu befähigt werden, diese zu entschlüsseln und einzuordnen. Anhand vielfältiger Beispiele aus Geschichte und Gegenwart wurden und werden ihnen mittels einer Wanderausstellung, didaktischer Materialien und in Workshops ideologische Grundlagen menschenverachtender Sprache aufgezeigt und damit Kompetenzen zum eigenständigen Erkennen dieser Muster vermittelt. Ein zentraler Quellenbestand zur Erstellung der Materialien befindet sich in der DZOK-Bibliothek, einer Spezialbibliothek zur nationalsozialistischen Geschichte mit einem großen Anteil von etwa 1 300 Titeln an NS-Literatur.

Von Anfang an begleiteten neben Lehrkräften weitere externe Fachleute das Projekt: So standen Sibylle Thelen (Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg) und Professorin Heidrun Kämper (Institut für Deutsche Sprache, Mannheim) dem Projektteam stets beratend zur Seite und brachten sich bei der Erarbeitung sowohl der Wanderausstellung als auch der Abschlusspublikation ein.

Die Wanderausstellung "Man wird ja wohl noch sagen dürfen"

Ein zentrales Instrument, um Denkanstöße zu geben und zur Diskussion anzuregen, ist eine Wanderausstellung, die das DZOK gemeinsam mit Braun Engels Gestaltung erarbeitete. Die Ausstellung "Man wird ja wohl noch sagen dürfen" begleitete und ergänzte das gleichnamige pädagogische Projekt. Sie wurde als gesondertes Projekt durch die Förderung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und der Stiftung Erinnerung Ulm ermöglicht. Die Ausstellung kam dem pädagogischen Projekt "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." direkt zugute. Die Präsentation in Schulen erwies sich beispielsweise für die Vorbereitung und Durchführung von Workshops als gewinnbringend.

Die Wanderausstellung präsentiert acht Schlüsselbegriffe, zeigt ihre Verwendung in Geschichte und Gegenwart und stellt Interventionen vor. Dabei lassen sich drei verschiedene Begriffsgruppen unterscheiden. Die ersten sind Begriffe nationalsozialistischer Sprache, die im heutigen menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Diskurs wiederbelebt werden: "asozial", "Lügenpresse", "völkisch" und "Volksgemeinschaft". Darüber hinaus werden "Heimat", "Volk" und "Widerstand" vorgestellt, mehrdimensionale Begriffe, die heute im ausgrenzenden Sprachgebrauch in ihrem Bedeutungsspektrum stark verengt beziehungsweise umgedeutet werden. Außerdem enthält die Ausstellung den aktuellen rechtsextremen Kampfbegriff "Schuldkult".

Die ersten Entwürfe, auf deren Grundlage die endgültige Ausstellungsgestaltung entstand, erarbeiteten Studierende an der Schule für Gestaltung Ravensburg Ende 2016/Anfang 2017 im Rahmen eines Seminars bei Gerhard Braun (Mitinhaber von Braun Engels Gestaltung). In der Ausstellung sollten die ausgewählten Begriffe gestalterisch gebrochen und in unterschiedlichen Kontexten kontrastierend dargestellt werden, um so Diskussionen in Gang zu setzen.

Jeder Begriff wird auf einer Ausstellungstafel auf drei Ebenen vorgestellt: Seine Bedeutung wird auf der Außenseite einer farbigen Klapptafel erklärt, es gibt Beispiele für seine Verwendung in Geschichte und Gegenwart auf einer großen Metalltafel, während die Innenseite der farbigen Klapptafel Interventionsbeispiele präsentiert. Letztere sind ein wichtiger Aspekt der Ausstellung, da hier Gegenstimmen und Gegenpositionen dargestellt werden, die nicht als Musterlösungen zu verstehen sind, sondern in ihrer Vielfalt und Kreativität zur eigenen Positionierung anregen sollen. Die in der Ausstellung verwendeten Zitate sollten den betreffenden Begriff enthalten und zugleich die ideologische Aufladung und den impliziten Ausgrenzungsgedanken verdeutlichen. Da die Ausstellung in Schulen frei zugänglich stehen und auch ohne Begleitung nutzbar sein sollte, waren wir von Anfang an darauf bedacht, Zitate auszuwählen, die keine extremen Beispiele menschenverachtender, rassistischer oder antisemitischer Sprache enthielten.

Neben Texten präsentieren die Tafeln mehr als 20 Abbildungen mit kurzen Erläuterungen: Neben Fotografien sind Ausschnitte aus historischen Zeitungen und Schulbüchern, Social Media Postings und Screenshots zu sehen. QR-Codes führen zu Videos und erweitern das Angebot.

Die Ausstellung ist für Schülerinnen und Schüler ab der 9. Klasse beziehungsweise für Jugendliche ab 15 Jahren und für Erwachsene konzipiert. Am 8. März 2018 wurde die Ausstellung erstmalig in den Ulmer Anna-Essinger-Schulen (Realschule und Gymnasium) eröffnet. Sie machte seither in mehreren Schulen in der Region unter anderem in Ulm, Laupheim und Aalen Station, war aber auch im Ulmer Stadthaus, im Bürgerzentrum Eselsberg sowie in der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn zu sehen. Außer in Gymnasien wurde die Ausstellung in einer Gemeinschaftsschule und einer Sonderberufsfachschule in Ulm gezeigt. Die Nutzung erfolgte in einzelnen oder mehreren Schulstunden unter anderem in den Fächern Geschichte, Ethik, Religion, Gemeinschaftskunde und Deutsch. Für den sinnvollen Einsatz im Unterricht ist die Begleitung durch eine Lehrkraft, die bei Bedarf Begriffe oder Sachverhalte erläutert, essenziell. Die Ausstellung selbst enthält nur knappe und zum Teil gestraffte Texte und Erklärungen. Für eine Vertiefung und zur Kontextualisierung erhielt die jeweilige leihnehmende Einrichtung zunächst einen Leseordner mit weiterführenden Materialien, seit Februar 2020 steht eine didaktische Handreichung zur Verfügung, die ebenfalls in diesem Artikel vorgestellt wird.

Die Leihe der Ausstellung ist kostenlos, die jeweilige Leihnehmerin/der jeweilige Leihnehmer ist aber für Abholung, Aufbau und Abbau verantwortlich. Aufgrund der großen Nachfrage wurden im Jahr 2020 zwei Duplikate der Ausstellung produziert, die verliehen werden. Die 2018 produzierte Ausstellung befindet sich nun dauerhaft in der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg. Ihre Besichtigung kann mit Themenrundgängen durch die Gedenkstätte und Workshops kombiniert werden.

Workshops mit Jugendlichen (2017-2019)

Ein wichtiger Projektbaustein war von Anfang an die Durchführung von Workshops, zu Beginn vor allem zur Erprobung der durch das DZOK-Projektteam ausgewählten Materialien und zur Vorbereitung der abschließenden Broschüre. Insgesamt führten wir in Kooperation mit verschiedenen Ulmer Schulen im Projektverlauf fünf mehrstündige Workshops durch. In den Workshops lasen und diskutierten die Schülerinnen und Schüler sowohl historische als auch aktuelle Text- und Bildmaterialien, die, wo benötigt, von uns kontextualisiert wurden.

Jedem Workshop ging eine Besprechung mit der zuständigen Lehrkraft voraus. Dabei mussten wir zum Teil große Erwartungen ("Danach sollen die Jugendlichen gegen rechte Tweets gewappnet sein.") dämpfen. Gerade bei der Verwendung historischer Materialien bewährte sich eine gezielte Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler in den vorangegangenen Schulstunden. Durch die Nachbesprechung der Workshops mit den Lehrkräften konnten wir zudem unsere Methoden für die nächsten Termine verbessern, die Materialien anpassen und genauer kontextualisieren. Einige Beispiele, die für den Projektfortschritt wichtig waren, seien hier vorgestellt:

Beim ersten Workshop Ende 2017 in den Büroräumen des DZOK mit einem Geschichtskurs der Oberstufe (Abiturjahrgang) des Anna-Essinger-Gymnasiums nutzten wir ausgewählte Bild- und Textmaterialien zum Begriff "Volk" und erprobten sie in Bezug auf ihre Verständlichkeit sowie notwendige Kontextualisierung.

Wir begannen den Workshop mit einer assoziativen Plakatrunde, um die Teilnehmenden auf die Bedeutungsebenen des Begriffs "Volk" einzustimmen: In Kleingruppen waren acht Stationen mit unterschiedlichen historischen beziehungsweise aktuellen Bildern abzugehen, die nur mit einer knappen Bildunterschrift und dem Datum versehen waren. Innerhalb von zwei Minuten sollte jede Gruppe den Satz "Was hat dieses Bild mit 'Volk' zu tun?" auf einem Plakat schriftlich beantworten und dann zum nächsten Plakat weitergehen. Beispielsweise zeigte ein historisches Foto die Feierstunde vor dem Ulmer Münster am 20. April 1933 und ein aktuelles Foto eine AfD-Demonstration in Rostock 2015, auf dem ein Transparent mit der Aufschrift "Wir sind das Volk - Wir lassen uns nicht länger belügen!" zu sehen war. Bereits bei dieser ersten Aufgabe zeigte sich, dass einigen Schülerinnen und Schülern die ausgrenzende Bedeutungsebene von "Volk" bewusst war.

Für die anschließende Arbeit in Kleingruppen standen fünf unterschiedliche Materialienpäckchen zur Verfügung, die jeweils eine Begriffsklärung zu "Volk" sowie zwei bis drei Texte und Bilder enthielten. Zum Teil hatten wir historische und aktuelle Materialien kombiniert, zum Beispiel eine Passage von Björn Höckes Dresdner Rede vom Januar 2017 mit einem Auszug aus einer Rede zu "Rassenpflege und Schule" von Martin Staemmler aus dem Jahr 1933; in den beiden Textpassagen wurde eine Bedrohung des "Volks" durch ein "Fremdvolk" (Staemmler) beziehungsweise durch "Masseneinwanderung" (Höcke) behauptet. Die einzelnen Materialien sollten in Bezug auf ihren jeweiligen Volksbegriff untersucht und anschließend in ihrer Verwendung von "Volk" miteinander verglichen werden.

Aus diesem Workshop zogen wir als wichtigste Erkenntnis, dass wir im Zusammenhang mit der Entschlüsselung, Einordnung und Diskussion ausgrenzender und diskriminierender Sprache auch deren Folgen sowie Interventionsmöglichkeiten thematisieren sollten, um weitere Perspektiven für die Lernenden sichtbar zu machen.

Im Mai und Juli 2018 folgten zwei Workshops in der KZ-Gedenkstätte mit einer 10. und einer 9. Klasse der Anna-Essinger-Realschule. Wir thematisierten wieder den Begriff "Volk" und diesmal auch das ideologische Konzept der nationalsozialistischen "Volksgemeinschaft". Während wir im Mai 2018 lediglich kurz den historischen Ort vorstellten, war dem Workshop im Juli ein Kurzrundgang durch die Gedenkstätte vorgeschaltet, was sich als sehr sinnvoll herausstellte. Dann erarbeiteten die Jugendlichen in Kleingruppen aus jeweils drei Bild- und Textmaterialien die Bedeutungselemente von "Volk" beziehungsweise "Volksgemeinschaft" heraus. Neben einer aktuellen Materialienzusammenstellung gab es fünf historische, darunter:

1. kurzer Bericht einer emigrierten Ulmer Jüdin über ihre Erfahrungen von Ausgrenzung an einer Ulmer Schule,

2. Foto einer Ulmer Straßenbahn, vor April 1938 (Aufschrift "Ein Volk - ein Reich - ein Führer"),

3. Foto der stark beschädigten Ulmer Synagoge direkt nach dem Novemberpogrom
1938.

Nachdem wir beim Workshop im Mai festgestellt hatten, dass die Schülerinnen und Schüler nur wenig von der nationalsozialistischen Ideologie wussten und ihnen das Konzept der "Volksgemeinschaft" unbekannt war, fügten wir dem Juli-Workshop von vornherein mehr Erklärungen und Kontextualisierungen bei.

Mit einem Geschichtskurs des Anna-Essinger-Gymnasiums erprobten wir schließlich im Februar 2019 zwei Arbeitsbögen für die Projektpublikation, die wir gerade erarbeiteten. Die Schülerinnen und Schüler gaben uns einige Hinweise auf nicht klar verständliche Formulierungen und Aufgabenstellungen. Außerdem wiederholte sich dort etwas, was uns bereits in anderen Workshops aufgefallen war: Einige Teilnehmende distanzierten sich nicht von nationalsozialistischer Sprache, kennzeichneten beim Sprechen keine Zitate und sprachen beispielsweise ganz unbedarft von "Ariern". Hier sind einerseits die Lehrkräfte zur Anleitung für einen distanzierenden Sprachgebraucht gefragt, andererseits müssen auch wir als Vermittlerinnen und Vermittler der NS-Geschichte dringend auf die Notwendigkeit hinweisen, sich nicht mit nationalsozialistischen Äußerungen gemein zu machen, indem diese ungebrochen weitergetragen werden.

Didaktische Handreichung (2020)

Die Handreichung ist ein zentrales Ergebnis des bibliothekspädagogischen Projekts "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ...". Das Didaktikheft richtet sich an Lehrkräfte verschiedener Schultypen und Klassenstufen sowie an außerschulische Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Das Heft lässt sich leicht einsetzen und an verschiedene Gruppen anpassen, um möglichst vielfältige Zielgruppen zu erreichen, und es erfährt, wie die Wanderausstellung, große Nachfrage.

Die Publikation beruht auf einem themenbezogenen Ansatz, der die Analyse und Reflexion demokratiefeindlicher und menschenverachtender Einstellungen, Sprach- und Handlungsfelder anhand der drei Module Rassismus, Antisemitismus und Antiziganismus in Geschichte und Gegenwart ermöglicht. Die Module gliedern sich jeweils in eine Einleitung, die eine Begriffsdefinition, eine thematische Hinführung sowie didaktische Hinweise enthält; vier Arbeitsbögen und dazugehörende Aufgabenstellungen. Zwei der Arbeitsbögen haben einen historischen und zwei einen Gegenwartsbezug. Sie sind nicht aufeinander aufbauend, können aber kombiniert werden. Damit wird die Reflexion über Kontinuitäten und Unterschiede über menschenverachtende Sprache ermöglicht. Um verschiedene Gruppen anzusprechen, wurden die Aufgabenstellungen in zwei Niveaustufen verfasst: in kleinschrittigere und in komplexere Aufgabenstellungen bei gleichem Erwartungshorizont. Lehrkräfte oder Workshopleitende entscheiden selbst, welche Aufgabenstellung am besten für ihre Gruppe geeignet ist.

Die Materialien der 80-seitigen Broschüre sind schulartübergreifend für Schülerinnen und Schüler ab Klasse 9 sowie für Jugendliche ab 15 Jahren geeignet. Dafür war hilfreich, dass im Redaktionsteam des DZOK Lehrkräfte aller Schularten vertreten waren. Die Publikation knüpft an die baden-württembergischen Lehrpläne sowie den vom Kultusministerium herausgegebenen "Leitfaden Demokratiebildung" von 2019 an, insbesondere an die dort enthaltenen Themenbereiche Identität und Pluralismus und kann auf dieser Grundlage gut in den Schulunterricht integriert werden. Anknüpfungsmöglichkeiten finden sich insbesondere in den Fächer Deutsch und Geschichte, aber auch in Gemeinschaftskunde und Ethik. Informationen zu den Arbeitsbögen sowie zum historischen Kontext, Glossar und Literaturliste erleichtern die Nutzung sowie die Vor- und Nachbereitung.

Die Auswahl der Quellen für die Handreichung orientiert sich an den Grundprinzipien der pädagogischen Arbeit der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg. So liegt ein wichtiger Fokus auf Selbstzeugnissen Betroffener mit biografischen Zugängen, die Auswirkungen diskriminierender Sprache aufzeigen. Regionale und lokale Materialien sollen den Jugendlichen aus Stadt und Land den Bezug zur eigenen Lebenswelt erleichtern. Aus diesem Grund wurden auch bevorzugt Quellen eingesetzt, die von Jugendlichen verfasst wurden, sie als Akteure und Akteurinnen zeigen oder sie adressieren. Ein großer Teil der Quellen stammt aus der Bibliothek und dem Archiv des DZOK. Mittels unterschiedlicher Quellenarten werden vielfältige Zugänge und Perspektivwechsel ermöglicht. Ausgewählt wurden beispielsweise Ego-Dokumente Betroffener, Auszüge aus der NS-Tagespresse oder Gesetzestexte. Gegenwartsbezüge stellen die Relevanz der Themen für die heutige Gesellschaft dar.

Die Arbeitsbögen mit historischem Bezug thematisieren beispielsweise Rassismus anhand von Zwangsarbeit im Nationalsozialismus, Antisemitismus anhand des Novemberpogroms in Ulm und Antiziganismus anhand eines Kinderbuchs von 1940. Die dazugehörigen Fragestellungen unterstützen die Jugendlichen bei der Analyse der Quellen und regen sie dazu an, sich mit den Konsequenzen für die Betroffenen auseinanderzusetzen. Die Arbeitsbögen mit Gegenwartsbezug beschäftigen sich unter anderem mit einem rassistischen Angriff in Ulm im Jahr 2019, mit Antisemitismus im Deutsch-Rap anhand verschiedener Lieder des Rappers Kollegah und mit der Bürgerrechtsbewegung von Sinti und Roma in Deutschland in den 1970er-Jahren. In den Bögen finden sich als Quellen Kommentare unter YouTube-Videos, Auszüge aus Interviews oder Zeitungsartikel. Viele Arbeitsblätter stellen Betroffenenorganisationen vor, wie die Recherche- und Informationsstelle (RIAS), die antisemitische Übergriffe dokumentiert oder Leuchtlinie, eine baden-württembergische Beratungsstelle für Betroffene rechter Gewalt, und beziehen diese in die Fragestellungen mit ein. Auf diese Weise setzen sich Jugendliche mit verschiedenen Handlungsmöglichkeiten und Interventionsansätzen auseinander.

Neues Sprachprojekt "language matters" (2020-2022)

Mit dem neuen Bundesprojekt "language matters - Zum Umgang mit Hass-Sprache in Geschichte und Gegenwart" kann das DZOK die hier vorgestellten Bildungsangebote verstetigen und weiterentwickeln. Das Projekt wird im Rahmen des Programms "Jugend erinnert" von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert.

Ziel der Weiterentwicklung der Angebote ist die Ausgestaltung von Denk- und Begegnungsräumen mit neuen Formaten, Partnern und Arbeitsmitteln, die stärker auf dialogisches und begegnungsorientiertes Lernen sowie nachhaltige Kooperationen setzen und sich insbesondere an junge Erwachsene richten. Durch einen aktiven und handlungsorientierten Lernprozess sollen die Adressaten und Adressatinnen auch jenseits des (außer-)schulischen Lernraums nicht nur zu einem kritischen Umgang mit menschenverachtender und diskriminierender Sprache befähigt, sondern auch angeregt werden, sich mit möglichen Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen und eigene Positionen zu entwickeln. Denn das grundlegende Ziel ist es, nicht nur auf die Diskursverschiebungen und Tabubrüche von rechtspopulistischen und extrem rechten Strömungen hinzuweisen, sondern Räume zu schaffen, um Demokratie im Sinne einer offenen Gesellschaft partizipativ zu leben.

Entwickelt werden die neuen Bildungsformate auch und gerade für junge Menschen in der Ausbildung (zwischen 18 und 30 Jahren), Freiwillige im Sozialen und Kulturellen Jahr, Lehramtsstudierende sowie internationale Jugendgruppen. Dazu werden bestehende Kooperationen mit Projektpartnern vertieft und neue Partnerschaften konstituiert, um gemeinsam zielgruppenspezifische Angebote zu entwickeln.

Die bestehenden und erprobten Arbeitsinstrumente werden weiter genutzt. Die Wanderausstellung "Man wird ja wohl noch sagen dürfen" ist zukünftig auch zur Verzahnung mit der Arbeit am historischen Ort dauerhaft im Sonderausstellungsbereich der KZ-Gedenkstätte Oberer Kuhberg zu sehen und wird dort in die pädagogische Arbeit einbezogen. Dazu wurde ein Rundgang konzipiert, der den Fokus auf Sprache im Nationalsozialismus und im Konzentrationslager Oberer Kuhberg legt. Neben den historischen Fakten zum Ort werden neue Quellen einbezogen, die die Verwendung und Bedeutung von menschenverachtender Sprache am konkreten Beispiel der frühen, politischen Verfolgung im Nationalsozialismus darstellen. Aufbauend auf den zweistündigen Rundgang kann eine Erweiterung im Rahmen eines Workshops erfolgen. Nach einer grundlegenden Vermittlung des historischen Ortes und einem Einblick in die Funktionen von Sprache setzen sich die Teilnehmenden in Kleingruppen mit Quellen auseinander, analysieren diese und erarbeiten, auf welchen unterschiedlichen Ebenen Sprache im Nationalsozialismus wirkte und welche Auswirkungen sich auf die Betroffenen feststellen lassen.

Um einen Gegenwartsbezug herzustellen, sollen die jungen Erwachsenen etwa die Möglichkeit bekommen, sich in einer demokratischen Diskussionskultur zu üben oder an Begegnungsprogrammen mit Menschen, die von der Gewalt durch menschenverachtende Sprache oder von Antisemitismus, Rassismus und Antiziganismus betroffen sind, teilzunehmen.

Neben der KZ-Gedenkstätte werden die Angebote auch in der unmittelbaren Alltags- und Lebenswelt der Adressaten und Adressatinnen realisiert. Dies kann zum Beispiel im Rahmen der Wanderausstellung geschehen. Seit September 2020 tourt die Wanderausstellung in zweifacher Ausfertigung durch Baden-Württemberg. Im Rahmen der Ausleihe können Jugendliche und junge Erwachsene die Inhalte aus ihrer eigenen Perspektive erweitern, zum Beispiel durch die Gestaltung einer eigenen Ausstellungstafel oder einer Broschüre. In selbst erarbeiteten Rundgängen durch die Ausstellung sollen die Projektteilnehmenden die Inhalte Gleichaltrigen auf Augenhöhe vermitteln und ihre eigenen Fragestellungen entwickeln und diskutieren. Für eine einfachere Vertiefung kann die didaktische Handreichung mit der Wanderausstellung verknüpft werden, da diese aufgrund zahlreicher lokaler, regionaler sowie inhaltlicher Bezüge gut kombinierbar sind. Ein erstes pädagogisches Angebot mit auszubildenden Pflegekräften fand vor der coronabedingten Pause in Ravensburg statt. Im Rahmen eines dreistündigen Workshops, den Mareike Wacha gemeinsam mit Professor Thomas Müller vom Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg erarbeitete, kombinierten wir Handreichung und Wanderausstellung. Mit den Jugendlichen diskutierten wir die Bedeutung von Begriffen wie "Volk", "Volksgemeinschaft" und "Heimat" und besprachen gemeinsam die ein- und ausgrenzenden Aspekte der Begriffe sowie die unterschiedliche Bedeutung für Menschen verschiedener Herkünfte. In einem zweiten Schritt bearbeiteten die Teilnehmenden einen Arbeitsbogen zu antisemitischer Propaganda im Nationalsozialismus und den Konsequenzen für Juden und Jüdinnen.

Coronabedingt mussten im März 2020 alle geplanten Projekttage und Ausstellungsstationen verschoben werden. Die entstandene Zeit nutzten wir für die Konzeption weiterer pädagogischer Angebote. Seit September wandert die Ausstellung erfreulicherweise wieder durch Baden-Württemberg. Sie war unter anderem bereits in der Volkshochschule in Aalen, in der Stadtkirche Langenburg sowie an mehreren Standorten in Weingarten und in einer Schule in Bammental zu sehen. Die verschobenen Projekttage sollen, wenn es die Umstände zulassen, nachgeholt werden. Erste Kooperationsgespräche und Planungen zum Beispiel mit dem Stadtjugendring in Ulm zu neuen Workshopformaten fanden in den letzten Monaten statt. Das große Interesse an der Wanderausstellung und den pädagogischen Angeboten zeigt uns, dass wir mit dem Projekt einen sinnvollen Beitrag zur Sensibilisierung für menschenverachtende Sprache leisten. Wir freuen uns auf den Austausch mit Fachkolleginnen und -kollegen sowie allen Interessierten in den kommenden zwei Projektjahren!

Nathalie Geyer ist Historikerin und bearbeitete von 2017 bis 2019 das Projekt "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg (DZOK) in Ulm.

Mareike Wacha ist Kulturwissenschaftlerin und seit 2020 Projektbearbeiterin von "language matters - Zum Umgang mit Hass-Sprache in Geschichte und Gegenwart". Von 2018 bis 2019 war sie wissenschaftliche Volontärin am DZOK und arbeitete im Projekt "Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." mit.

Nathalie Geyer, Mareike Wacha:

"Man wird ja wohl noch sagen dürfen ..." - Zum Umgang mit menschenverachtender und demokratiefeindlicher Sprache

Informationen und Arbeitsmaterialien herausgegeben vom DZOK,

Ulm 2020, 80 Seiten,
für 5 Euro zu beziehen über

info@dzok-ulm.de
oder Telefon 0731 21312.

Mehr Informationen zur Wanderausstellung unter www.dzok-ulm.de


[1] Das Projekt wurde ermöglicht durch die Lechler Stiftung, die Stiftung Erinnerung Ulm, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, die Ulmer Bürger Stiftung sowie zahlreiche Spenderinnen und Spender. Das erste Jahr des Volontariats (2018) von Mareike Wacha, die maßgeblich im Projekt mitarbeitete, wurde durch die Karl Schlecht Stiftung finanziert.