Aleksandra Wroblewska

»Protecting Memory«

Gedenkstättenrundbrief 181 S. 14-27

Ein Holocaust-Gedenkprojekt als Beitrag zu einer umfassenden Vergangenheitsaufarbeitung in der Ukraine

»Protecting Memory – Ein Projekt zur Umwandlung von Massenerschießungsstätten des Holocaust in würdige Grab- und Gedenkstätten in der Ukraine« wurde im Jahr 2010 vom American Jewish Committee Berlin (AJC) initiiert. Die fünf zu schützenden Massenerschießungsstätten in der Westukraine – Rawa-Ruska (Region Lwiw), Ostroshez (Region Riwne), Kysylyn, Prochid und Bachiw (Region Wolhynien) – wurden anhand von Vorrecherchen und lokalen Sondierungsergebnissen von Yahad-In Unum1 bestimmt, einer Organisation, die systematisch Augenzeugeninterviews in Osteuropa sammelt und archiviert.

Die Umsetzung des Projektes ermöglichte die deutsche Bundesregierung durch Schaffung eines eigenen Haushaltstitels für die Errichtung von Gedenkstätten und die Unterschutzstellung von jüdischen Massenerschießungsstätten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Vor diesem Hintergrund startete ein Pilotprojekt, das die Auseinandersetzung mit traumatischen Orten der Vernichtung von Juden in der heutigen Ukraine und die Bewahrung der Erinnerung an die jüdischen Gemeinden anstoßen wollte. Das Vorhaben endete im Juli 2015 mit der Einweihung der fünf Gedenkstätten an den Pilotorten des Projektes unter der breiten Beteiligung der lokalen Bevölkerung sowie ukrainischer und ausländischer Gäste.

Rückblickend betrachtet hat das Projekt Anerkennung in den ukrainischen Gemeinden gefunden und es ist gelungen, das Vorhaben im Sinne der beteiligten Organisationen unter Einbezug von jüdischen und nichtjüdischen Vertretern zu realisieren. Dieser Erfolg ist sowohl einer gelungenen Konsensfindung unter den Projektpartnern als auch der in der Ukraine vorhandenen Grundhaltung zu verdanken, dass der Schutz von Holocaust-Massengräbern und das Gedenken an die Opfer notwendig und wichtig sind.

Neben den fünf im Juli 2015 eingeweihten Gedenkstätten sollte ein sechster Gedenkort im Dorf Samary (Region Wolhynien) als direktes Resultat des Projektes Erwähnung finden, der am 20. Dezember 2015 unter Beteiligung der Dorfbewohner und von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde in Wolhynien eingeweiht wurde. An der vermuteten Stelle der Ermordung von 80 Einwohnern von Samary (74 Juden und sechs Ukrainer) am 31. November 1942 entstand auf dem abgezäunten Landstück, welches das Massengrab sichert, ein Gedenkort mit Gedenktafeln, auf denen die zum Teil erschlossenen Namen der Opfer genannt werden.

Die Idee, die Erinnerung der ehemaligen Bewohner auf diese Weise aufrechtzuerhalten, und deren vollständige Umsetzung ist auf die Initiative eines pensionierten Lehrers – Herrn Wolodymyr Onyschtchuk – zurückzuführen. Auch die Finanzierung des Denkmals erreichte er mit Hilfe von Spendenbeiträgen seiner Landsleute, was angesichts der derzeit äußerst schwierigen ökonomischen Situation in der Ukraine eine bewundernswerte Kraftanstrengung darstellt. Herr Onyschtchuk ist einer der vielen Lehrer, die am pädagogischen Programm des »Protecting Memory«-Projektes teilgenommen haben.

Das »Protecting Memory«-Projekt betrat in der Westukraine ein Gebiet mit vielen Unbekannten. Die traumatische, nicht aufgearbeitete Vergangenheit unter den nationalsozialistischen und stalinistischen Regimen, die fehlende kritische Auseinandersetzung mit eigenen nationalistischen Bestrebungen sowie die Abwesenheit des Holocaust in der ukrainischen Erinnerung an den Krieg stellten für ein Projekt, bei dem jüdische Opfer im Mittelpunkt stehen, große Herausforderungen dar. Gleichzeitig machte genau dieser Hintergrund das Projekt erforderlich. Der andauernde militärische Konflikt in der Ostukraine, der nach dem Bürgeraufstand im Frühjahr 2014 zwischen der Ukraine und Russland entflammt ist, und die wiederbelebten Feindbilder der »faschistischen Junta in Kiew«, die in diesem Zusammenhang von der russischen Propaganda gegen die Ukrainer missbraucht werden, zeigen noch einmal verstärkt, wie wichtig für eine Gesellschaft die Aufarbeitung der Vergangenheit ist, um nicht zuletzt den Manipulationsversuchen eine aufgeklärte und an Fakten orientierte Geschichtsdeutung entgegenzusetzen. Zu einer solchen Auffassung von Vergangenheitsaufarbeitung gehört es selbstverständlich auch, die »dunklen Flecken« der eigenen Geschichte zu beleuchten.

 

I. Historische Hintergründe

Zum Zeitpunkt des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 lebte auf dem Gebiet der heutigen Ukraine die größte jüdische Gemeinschaft Europas. Sie zählte nach dem Anschluss Ostpolens an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik (USSR) 2,45 Millionen2 Menschen. Davon wurden ca. 1,6 Millionen zwischen Mitte 1941 und Mitte 1944 von den Deutschen, ihren Bündnispartnern und einheimischen Helfern ermordet. Der Großteil der Juden in der Ukraine wurde in den von ihnen am dichtesten besiedelten westlichen Teilen des Landes – insbesondere in Ostgalizien und Wolhynien – getötet. Dort machten sie ca. zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, in vielen Städten oder Dörfern stellten sie sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung dar. Die zwei weiteren wesentlichen Bevölkerungsgruppen – Polen und Ukrainer – machten in Wolhynien und Galizien entsprechend 21,8 Prozent und 66 Prozent der Bewohner aus.3 Mit der Wahl von Rawa-Ruska, Ostroshez, Kysylyn, Prochid und Bachiw konzentrierte sich das Pilotprojekt auf Ortschaften, die vor Kriegsbeginn einen jüdischen Bevölkerungsanteil von über 50 Prozent hatten.

Die Konflikte der Zwischenkriegszeit beeinflussten die Beziehungen zwischen den drei großen Bevölkerungsgruppen in den ostpolnischen Gebieten. Zwischen den Jahren 1918 und 1939 wurden in der Region kurzfristige Allianzen geschlossen, von denen die lokalen Einwohner betroffen waren. Ausschlaggebend für die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg waren Versuche auf ukrainischer Seite, einen unabhängigen Nationalstaat zu etablieren und sich dadurch sowohl von der wiederhergestellten Zweiten Republik abzusondern als auch der kompromisslosen Haltung des polnischen Staates gegenüber der ukrainischen Minderheit entgegenzutreten, die in diesen Gebieten faktisch die Mehrheit darstellte. Antijüdische Vorfälle, deren Spektrum von ökonomischen Boykotten und einem Numerus clausus für jüdischen Studenten bis hin zu Pogromen reichte, entflammten immer wieder im polnischen Staat in unterschiedlichen Zusammenhängen (Polnisch-Sowjetischer Krieg 1919–1921, wachsender Einfluss rechter Parteien nach 1935) und gehörten bis zu diesem Zeitpunkt zu einer beispiellosen Gewaltwelle in der polnischen Geschichte.

Schließlich war der Beginn des Deutsch-Polnischen Krieges im Jahr 1939 für die Geschichte der Gewalt gegen die Juden in den betreffenden Territorien relevant. Als Resultat des Nicht-Angriff-Paktes zwischen Hitler und Stalin wurden die polnischen Ostgebiete (Westwolhynien und Ostgalizien4) der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik (USSR) zugeschlagen. West- und Zentralpolen wurden von der Wehrmacht besetzt.5 Mit der Kriegserklärung Deutschlands an die Sowjetunion im Juni 1941 wechselten die Okkupationsmächte und die Deutschen übernahmen die zuvor von den Sowjets besetzten Gebiete. Für die einheimische Bevölkerung war das eine weitere Wende, die außerordentlich gewalttätige Abrechnungen mit den vermeintlichen Unterstützern des vorherigen Regimes mit sich brachte. Die Massengewalt richtete sich insbesondere gegen Juden, die im gesellschaftlichen Bewusstsein als Unterstützer des Kommunismus galten und kollektiv für die Verbrechen des NKWD verantwortlich gemacht wurden. An den weitgehend von den Deutschen gesteuerten und ausgelösten Pogromen beteiligten sich auch Einheimische.

Zwischen 1941 und praktisch bis Ende 1943 wurden die jüdischen Gemeinden Galiziens und Wolhyniens von den Deutschen und ihren einheimischen Helfern beinahe vollständig ausgelöscht. Das Ausmaß der Verbrechen beschreibt Wassili Grossman, der als Korrespondent der sowjetischen Militärzeitung »Krasnaja Swesda« (»Roter Stern«) die östlich des Dnjepr liegenden Territorien auf dem Weg nach Berlin im Herbst 1943 durchstreifte und als Erster in Worte fasste, was diese Tragödie von den anderen entsetzlichen Verbrechen unterscheidet. Seine Beobachtungen gelten sowohl für den östlichen als auch westlichen Teil der Ukraine, wo die Zerstörung und die Tragödie der Zivilisten, die ihre Toten beklagten, bedrückend waren. Die Trauer galt jedoch nur den Christen, da es zu diesem Zeitpunkt keine jüdischen Bewohner mehr gab und somit auch niemanden, der um sie trauerte.

Abgesehen von dem Transport von über 200 000 ostgalizischen Juden in das Vernichtungslager in Belzec wurde die Auslöschung der Juden in der Ukraine (außer in Transkarpatien)6 durch Erschießungen vollzogen – im Unterschied zu der in den polnischen Gebieten vorrangigen Ermordung in Gaskammern. Die Tatorte in der Ukraine befanden sich unweit von Wohnorten oder (teilweise) in versteckt gelegenen Landstrichen, die sich oft in öffentliche Schauplätze verwandelten. Wenn die Einwohner die Tötung ihrer Nachbarn nicht direkt beobachten konnten, dann waren sie meistens Zeugen der Exekutionszüge durch die Ortschaften, beobachteten Fluchtversuche, hörten Schüsse und Todesschreie aus der Entfernung und waren schließlich mit den Hinterlassenschaften der Massengewalt konfrontiert – den Gräbern.

 

II. Die Massenerschießungsstätten des Pilotprojektes – Bestandsaufnahme im Vorfeld der baulichen Schutzmaßnahmen

Nach Einschätzung von Yahad-In Unum gibt es in der Ukraine 2000 Grabstätten des Holocaust. Dr. Lea Prais, die Leiterin des der Dokumentation der Orte gewidmeten Projektes »Untold Stories« in Yad Vashem, geht von 1200 Grabstätten aus. Die fünf ausgewählten Pilotorte des Projektes stellen somit einen Bruchteil der schutzbedürftigen Massengräber dar.7

Die Massenerschießungsstätten in den ausgewählten Ortschaften des Pilotprojektes repräsentierten ein breites Spektrum an topografischen Gegebenheiten. Das Massengrab in Rawa-Ruska (60 km westlich vom Lwiw) befindet sich an der Straße, die nach Potelych führt, 200 Meter vom Stadtzentrum entfernt, direkt neben dem auf dem Hügel gelegenen neueren jüdischen Friedhof. Ein unbegradigter Entwässerungsgraben durchtrennt beide Flächen. Vor dem Baubeginn wurde das Gelände regelmäßig überflutet. Die Erschießungen in Ostroshez (25 km östlich vom Luzk) wurden wenige Meter von den bewohnten Häusern entfernt auf einem Hügel, der als jüdischer Friedhof gedient hatte, vollzogen. Der schräg gelegene Hügel mit seinem steilen Abhang entblößte die letzten noch erhaltenen jüdischen Gräber, die abzurutschen drohten. Die landwirtschaftliche Nutzung erodierte die Grenzen des Massengrabs in Kysylyn (60 km westlich vom Luzk), das sich auf einem Feld etwa 1 km vom Dorfzentrum entfernt befindet.

In den nach dem Krieg bewaldeten Sandgruben von Balchiw (10 km nördlich vom Kowel) und Prochid (7 km nördlich vom Ratne) liegen mehrere Massengräber, in denen Juden aus den Landkreisen Kowel und Ratne umgekommen sind. In unmittelbarer Nähe der Gräber befinden sich illegale Mülldeponien. Die Verwahrlosung der Gräber ist darauf zurückzuführen, dass sie über Jahrzehnte den Naturgewalten sowie der von Menschen verursachten Schändung durch Verschmutzung, Grabräuberei und Vandalismus ausgesetzt waren. Die sowjetischen Lokalverwaltungen kümmerten sich nach dem Krieg nicht um die Bewahrung dieser Orte, in vielen Fällen wurde das Zerstörungswerk der Deutschen nahtlos fortgesetzt. Zum üblichen Umgang mit diesen traumatischen Orten gehörte die pragmatische Wiederverwertung der »kontaminierten Landschaften«8.

In der heutigen Zeit kommt eine andere Art der Zerstörung hinzu: sogenannte »schwarze Archäologen«, die auf der Suche nach Kriegsgegenständen und »jüdischem Gold« nicht davor zurückschrecken, direkt in den Massengräbern zu graben. Diese Aktivitäten sind den örtlichen Straforganen oftmals bekannt und meistens ist die Identität der Täter kein Geheimnis. Ungeachtet dessen werden die Verstöße nicht geahndet.

Die Bewohner der Pilotorte kannten die Gegend, in der die Massaker stattfanden, und konnten die betreffenden Orte annähernd lokalisieren (»dort im Wald«, »auf dem Feld«).9 Auch der Prozess der Zerstörung der Gräber zu Bauzwecken in den Ortschaften Ostroshez, Prochid und Bachiw hat sich bei einigen Augenzeugen tief ins Bewusstsein eingeprägt: die makabren Bilder der Knochen und Schädel, die die Bagger freigelegt hatten, blieben ihnen in Erinnerung. In der Region um Ratne sind die Menschen fest davon überzeugt, dass auf der Straße M19, die nach Brest führt und »auf jüdischen Knochen« gebaut wurde, besonders viele tödliche Autounfälle passieren. In Ostroshez wurde der steile Hang von Kindern für Winterspiele genutzt und in der warmen Jahreszeit grasten dort Tiere. Alle Grabstätten des Projektes wurden mehrmals durchwühlt und ihre Grenzen wurden verändert. Infolgedessen befinden sich die menschlichen Überreste in einem großen Umkreis von dem eigentlichen Massengrab entfernt.

An einigen Pilotorten wurde bereits vor Projektbeginn der Opfer gedacht. Vereinzelte Überlebende und ihre Familien bzw. die Vertreter jüdischer Landsmannschaften aus dem Ausland sorgten sich aus der Ferne um das Schicksal der Gräber. Ein Zeichen ihres Engagements sind Gedenktafeln mit hebräischen Inschriften in Bachiw und Prochid. Auf dem jüdischen Friedhof in Rawa-Ruska befindet sich ein etwa zwei Meter hoher Pfeil mit einem kleinen Davidstern an der Spitze, der an die große jüdische Gemeinde Rawa-Ruskas erinnert.

Diese Privatinitiativen sind sehr typisch für die Gedenkpraxis an den Holocaust-Massenerschießungsstätten. Die Akteure versuchen die Orte nach ihren begrenzten Möglichkeiten zu markieren. Selten lassen sie sich auf kosten- und zeitaufwendige Verwaltungsprozesse ein, um das gesamte Grundstück mit den Massengräbern entsprechend zu sichern. Sie widmen sich kaum der Aufarbeitung der lokalen Geschichte, deren Ergebnisse später auf den Gedenktafeln kommuniziert werden könnten. Teilweise sind die Zeichen des Gedenkens an diesen Orten für die Einheimischen nicht lesbar, da sie nicht vorrangig für diese Zielgruppe entstanden sind. Abgesehen von diesen Privatinitiativen existiert in den lokalen Gemeinden keine organisierte kollektive Gedenkpraxis.

III. Erinnerungspolitik und kollektives Gedenken in der Ukraine –
ein historischer Rückblick

In der Ukraine, wo der Holocaust mitten in der Gesellschaft stattgefunden hat und erschütternde Erinnerungsbilder und materielle Zeugnisse hinterlassen hat, gibt es kein kollektives Gedenken an die Vernichtung der Juden. Auf staatlicher Ebene werden zwar der Jahrestag der Tragödie in Babyn Jar und seit vier Jahren (!) der 27. Januar als Gedenktage begangen, doch dies geht nicht mit einer tiefgründigen kollektiven Gedenkpraxis und Bildungsmaßnahmen einher.10

Das Erbe der kommunistischen Periode in Bezug auf Fragen der Erinnerungskultur spielt dabei eine wesentliche Rolle, da nicht nur Traumata des Holocaust, sondern auch des stalinistischen Regimes bis heute nicht aufgearbeitet wurden. In der Sowjetunion herrschte in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg ein offizielles Narrativ, das sich ausschließlich auf den Sieg und die Verehrung der Sieger konzentriert hatte. Ein enger Referenzrahmen wurde einem differenzierten Blick auf die Vergangenheit entgegengesetzt. In diesem Narrativ missbrauchte man die Opfer für den großen Triumph, individuelle Schicksale wurden zu abstrakten Zahlen, die jüdischen Opfer zu »friedlichen Zivilisten« oder »sowjetischen Bürgern«, wie es den in dieser Zeit errichteten Denkmälern zu entnehmen ist. Die Verluste menschlichen Lebens als Resultat des Holocaust wurden zu den zivilen Verlusten des Krieges aufseiten der Sowjetunion gezählt, was zu einer Stärkung der Sonderposition des kommunistischen Russlands unter den Siegermächten führte.

Jegliche Gedenkveranstaltungen an die Opfer des Holocaust waren in der Sowjetunion verboten und wurden in den 60er- und 80er-Jahren verfolgt. Die jahrelang unterdrückten Erinnerungen und das verfolgte Gedenken konnten in der unabhängig gewordenen Ukraine Anfang der 90er-Jahre frei artikuliert werden. Dies gilt nicht nur für den Holocaust, sondern auch für ein anderes Thema, das vor 1991 in der offiziellen Geschichtspolitik kaum repräsentiert war: die ukrainischen Unabhängigkeitsbestrebungen, allen voran der bewaffnete Widerstandskampf der OUN (Organisation Ukrainischer Nationalisten) und UPA (Ukrainische Aufständische Armee). Seit 2004 werden diese Themen verstärkt zum Gegenstand der offiziellen Erinnerungspolitik des ukrainischen Staates. Obwohl Präsident Wiktor Janukowytsch die Stepan Bandera posthum im Jahr 2010 von Präsident Wiktor Juschtschenko verliehene Auszeichnung »Held der Ukraine« ein Jahr später aberkannt hat, ist seitdem im Westen der Ukraine eine deutliche Zunahme von Denkmalbauten zur Ehren Banderas zu beobachten.

Die Statuen, die Bandera in einer heldenhaften Pose zeigen, stehen oft an der Stelle, wo sich früher die Lenin-Statuen befanden, und sie sind ästhetisch ähnlich konzipiert. Diese Form des heldentreuen Gedenkens zeigt sich auch in der Verehrung der im derzeitigen Krieg mit Russland gefallenen Soldaten in der Ostukraine, der Helden des Kiewer Maidans und der sogenannten »Cyborgs«, d.h. der Soldaten, die den Donezker Flughafen von Mai 2014 bis Januar 2015 gegen die Separatisten verteidigt haben und trotz großer Verluste nicht aufgeben wollten.

Der Wunsch, die ukrainischen Helden als unbefleckte Figuren zu sehen, erschwert eine umfassende Aufarbeitung der ukrainischen Geschichte. Die Schattenseiten, wie z.B. die Kollaboration mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg, die Beteiligung am Holocaust und der polnisch-ukrainische Konflikt in Wolhynien und Ostgalizien im Jahr 1943 werden nicht thematisiert. Das ambivalente Bedürfnis, einerseits offen über den Holocaust zu sprechen, die Toten zu beklagen und ihrer zu gedenken und andererseits die nationale Befreiungsbewegung unkritisch anzuerkennen, resultiert in einem »Konflikt der Erinnerungen«.

Auf ukrainischer Seite versucht man diesen Konflikt zu nivellieren, indem das Thema Holocaust indirekt – zum Beispiel durch im Ausland entstandene Filme und Bücher –wahrgenommen wird. Nach Ansicht von Iryna Starowojt scheint der Holocaust für die Ukrainer zwar zu existieren, aber »andernorts geschehen zu sein«, nicht unmittelbar vor Ort.11 Die Literaturkritikerin beschreibt zudem den speziellen »Widerstandspunkt«, von dem aus die Ukrainer über ihre Vergangenheit zu sprechen scheinen. Das Spektrum der Reaktionen reicht hierbei von einer Verteidigungshaltung gegen Versuche, eine (vermeintliche) Unwahrheit von außen angehängt zu bekommen, bis hin zum Zwang zur Apologetik. Den Ukrainern, von denen nur die Jüngsten frei von staatlicher Propaganda aufgewachsen sind, fehlt eindeutig eine eigene Sprache, in der sie ihre Geschichte zum Ausdruck bringen können. Dieser Mangel und das Weiterbestehen der alten Muster überraschen nicht – vor allem vor dem Hintergrund, dass es bis heute sehr wenige umfassende Bücher über die traumatische Geschichte des 20. Jahrhunderts auf Ukrainisch gibt.12

Der Bezugsrahmen für geschichtliche Narrative in der Ukraine ist ein sehr eng gefasstes Verständnis der eignen Nation, das die Erzählungen anderer Bewohner des ukrainischen Territoriums – Juden, Polen, Tataren, Roma, Deutsche – seit Jahrzehnten ausschließt. Gleichzeitig existieren die Narrative der »Anderen« parallel zueinander und stellen eine Art Flickenteppich dar. Jeder kann darin lesen, was er möchte.

 

IV. Bildungsarbeit im Rahmen des Projektes

Das »Protecting Memory«-Projekt bestand aus zwei zentralen Arbeitsbereichen: Umgang mit den traumatischen Orten des Holocaust und Bildungsarbeit in den Schulen der benachbarten Städte und Dörfer. Das Ziel des Projektes war, die Orte »sichtbar« zu machen, sie der lokalen Bevölkerung ins Bewusstsein zu bringen und als Bestandteil der lokalen Topographie zu etablieren.

Ein langfristiges Ziel des Projektes bestand darin, Multiplikatoren für die Bewahrung der Erinnerung an die jüdischen Gemeinden zu gewinnen. Diese sollten zu lokalen Experten ausgebildet werden, die ihr Wissen in die Schulen oder als Ansprechpartner nach außen tragen. Bei der Umsetzung des Bildungsprogramms war die Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien (Ukrainian Center for Holocaust Studies, UCHS)13 aus Kiew zentral. Die Organisation hat zum großen Teil die historischen Recherchen zur Geschichte der Pilotorte des Projektes und die Leitung des pädagogischen Programms übernommen.

Im Laufe des Projektes wurde anhand der Rechercheergebnisse eine Vorlage aus Archivmaterialien erstellt, die während der Arbeit mit den Lehrern eingesetzt wurde.14 Darüber hinaus wurde den Pädagogen einführende Sekundärliteratur zur Verfügung gestellt, u.a. die Publikationen des Zentrums.

Die Teilnahme am Bildungsangebot des Zentrums erfolgte auf freiwilliger Basis und richtete sich anfänglich an eine große Gruppe Lehrer. Mit der Zeit bildete sich ein fester Kern von Teilnehmenden aus allen Pilotorten heraus. Das einzige Kriterium, das über ein Verbleiben im Projekt entschied, war die Bereitschaft, viel Privatzeit und Energie in das Programm zu investieren.

In den von den Lehrern etablierten Arbeitsgruppen konnten sie einen beliebigen Aspekt der Geschichte des Holocaust erforschen und darüber entscheiden, welches Ergebnis am Ende der Recherche entstehen soll. Trotz der Betreuung durch Historiker aus dem UCHS waren die Teilnehmenden mit einer Reihe von inhaltlichen Fragen und organisatorischen Herausforderungen konfrontiert, die sie eigenständig lösen mussten, z.B. die Arbeit in den Archiven, gestalterische Aufgaben und am Ende die Vermittlung des angeeigneten Wissens. Die Bildungsprogramme legten großen Wert auf die lokale Geschichte des Holocaust und dessen einzigartige, ortsspezifische Ausprägungen. Die Ereignisse, die in unmittelbarer Nähe der Einwohner stattgefunden hatten, entfachten den Wissensdrang der Lehrer und provozierten viele Fragen.

Angesichts der oben skizzierten Charakteristik der Erinnerungskultur in der Ukraine heutzutage stellte sich heraus, dass gerade die Beschäftigung mit dem Unmittelbaren und Naheliegenden großes Interesse weckte und den Teilnehmern ermöglichte, einen Bezug zur Vergangenheit aufzubauen. Bei der historischen Recherche rückten nicht nur Fragen nach dem Massenmord, sondern auch dem Zusammenleben zwischen den verschiedenen Nationalitäten und der jüdischen Kultur ins Zentrum. Für das Gesamtbild war es zudem wichtig, nicht nur die Massenerschießungsstätten zu kennen, sondern auch die für die jüdischen Einwohner bedeutenden Gemeinwesen zu lokalisieren. Als Informationsquellen dienten oft ältere Bewohner der Ortschaften, die ihr Erlebtes und Erfahrenes mitgeteilt haben. Manche Aussagen der Augenzeugen förderten auch Erkenntnisse über die Beteiligung von Ukrainern an der Verfolgung und Ermordung der Juden zutage.

Neben der Vermittlung von konkreten Inhalten wurde durch die Bildungsarbeit eine aktive und engagierte Haltung der Teilnehmer gefördert. Die Realisierung geplanter Projekte, z.B. Ausstellungen, Broschüren und Landkarten, machten die Aneignung von bestimmten Kompetenzen notwendig. Die Lehrer befanden sich oft in Situationen, in der sie die Grenzen dessen, was sie wussten und kannten, überschreiten mussten, um das Ziel, das sie sich gesetzt hatten, zu erreichen. Schließlich waren sie für die Vorbereitung, Gestaltung und Durchführung der Gedenkzeremonien im Juli 2015 verantwortlich. Rückblickend kann festgehalten werden, dass das Programm das lokale Interesse, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen, deutlich erhöht und den Fokus auf konkrete Orte der Vernichtung gelenkt hat.

 

V. Gestaltung der Gedenkorte

Die Ausweisung der oben genannten Areale als Gedenkorte und die Planung der Baumaßnahmen erfolgte in enger Zusammenarbeit mit den lokalen Gemeinden. Die Entscheidung über die Umwidmung der Flurstücke, auf denen sich die Massenerschießungsstätten befinden, lag bei ihren Eigentümern und Verwaltern – den Gemeinderäten. Die Umwidmung der Areale wurde in allen fünf Fällen erfolgreich abgewickelt. Bauvorbereitende Maßnahmen wie z.B. geophysikalische und elektromagnetische Untersuchungen der Flurstücke sowie die Erstellung der Flurkarten wurden mit den Gemeinderäten besprochen und abgestimmt. Alle Baumaßnahmen wurden von ukrainischen Unternehmen durchgeführt.

Für die bauliche Gestaltung der Gedenkorte wurden bestimmte Vorgaben festgelegt, die den Architekten kommuniziert wurden. Vor allem sollten alle Erdarbeiten mit Rücksicht auf religiöse Gesetze des Judentums durchgeführt werden, die jeglichen mechanischen Eingriff in die Erdoberfläche untersagen, da diese zu einer nachhaltigen Beschädigung der Gebeine führen können. Deshalb wurden ausschließlich nicht-invasive Methoden der Gräberfindung und Bestimmung ihrer Grenzen angewandt. Die in der Vergangenheit mehrfach gestörte Totenruhe sollte auf diese Weise gewahrt werden. Mit dieser Grundeinstellung und Sorgfalt bei der Einhaltung der halachischen Regeln wurden alle Arbeiten an den Grabstätten unter Aufsicht von Vertretern des »Committee for the Preservation of the Jewish Cementeries in Europe«15 aus London (CPJCE) durchgeführt.

Zur wichtigsten Aufgabe bei der Planung gehörte die dauerhafte Sicherung der Gräberoberflächen, um sie vor weiteren Eingriffen zu schützen. Dabei haben die oben genannten topografischen Gegebenheiten eine große Rolle gespielt. Die architektonischen Lösungen mussten speziell für jeden Ort gefunden werden, da die Flurstücke unterschiedliche Anforderungen mit sich brachten. Folgende Aspekte waren hierbei besonders relevant:

Für Rawa-Ruska war maßgeblich, dass die beiden Grundstücke – der Friedhof und die Massenerschießungsstätte – miteinander verbunden werden und der Kanal reguliert wird. In Ostroshez war es geboten, das große Territorium zusammen mit dem Friedhof auf ökonomische Weise zu umzäunen, um die Gesamtfläche der alltäglichen Nutzung zu entziehen. In Prochid und Bachiw mussten schwierige örtliche Voraussetzungen bewältigt werden: Beide Grundstücke befinden sich im dichten Wald. In Kysylyn hingegen ging es darum, den kleinen Gedenkort auf dem breiten Feld einerseits sichtbar zu machen und andererseits vor der Überwucherung durch das angebaute Getreide zu schützen.

Die Nutzung von edlen Baumaterialien war nicht erwünscht, stattdessen sollten Abfallmaterialien wie Schlacke oder Kies eingesetzt werden. Großer Wert wurde auf die Beständigkeit und Nachhaltigkeit der Einrichtungen gelegt. Der Aufwand an Pflege und Betreuung sollte auf Minimum reduziert werden. Alle fünf Orte wurden als Informationsorte geplant. Vor dem Hintergrund der fehlenden historisch-politischen Bildung zum Thema Holocaust in der Ukraine war diese Entscheidung unerlässlich. Darauf Bezug nehmend wurden die Gedenktafeln und Erinnerungssymboliken, die an den zu schützenden Orten bereits etabliert waren, in das architektonische Gesamtkonzept einbezogen. Die jahrelangen Bemühungen, die Orte zu schützen, und die dabei -entstandenen Formen individueller Gedenkpraxen sollten auf diese Weise erhalten bleiben.

Die lokale Geschichte des Holocaust wurde auf dreisprachigen Informationstafeln dargestellt – in Ukrainisch, Englisch und Hebräisch. In die Gestaltung flossen die Ergebnisse der historischen Recherchen sowie fotografische Dokumente ein. Landkarten und Ortspläne aus der Vorkriegszeit wurden rekonstruiert und in die Informationstafeln eingebracht, um die Bedeutung der jüdischen Gemeinden zu veranschaulichen.

Als Herzstück der Gedenkorte wurden dreisprachige Inschriften auf Ukrainisch, Hebräisch und Englisch konzipiert, die auf Tafeln bzw. Gedenksteinen in das Objekt integriert werden sollten. Es wurde angestrebt, dass diese Informationen – im Gegensatz zu den in der Ukraine verbreiteten Gedenkformeln –überprüfbare historische Fakten über die Opfer und Täter vermitteln. Dieser Entschluss war maßgebend für die Art der Präsentation von Informationen an den Pilotorten: Die Geschichte sollte dort verständlich, wahrhaftig und offen kommuniziert werden. Dies ist der sicherste Schutz gegen die Instrumentalisierung der Vergangenheit und der Opfer.

VI. Bauliche Umsetzung der Gedenkorte

Die Projektpartner haben einstimmig die geeignetsten Entwürfe ukrainischer Architekten ausgewählt. An einigen Punkten mussten die Designs im weiteren Projektverlauf an die Richtlinien und die Gegebenheiten vor Ort angepasst werden. Während sich vor allem die Konzepte für Kysylyn, Prochid und Bachiw durch ihre Individualität und Kreativität auszeichnen, waren die Vorschläge für Rawa-Ruska und Ostroshez eher pragmatisch und traditionell konzipiert. Bestimmte Bauelemente – eine fast vier Meter hohe Betonsäule mit Informationstafeln und eine Betonstele mit dem Lageplan der Gedenkstätte – wurden an allen Orten verwendet und stellen eine Verbindung zwischen den Gedenkstätten her. Trotz des unterschiedlichen Charakters der Gedenkarchitektur fügen sich die Informationsstelen in alle Gedenkorte gleich gut ein.

In Rawa-Ruska wurde ein Projekt unter der Leitung von Wolodymyr Motyka umgesetzt.16 Die Haupterschießungsstätte und die Friedhofsfläche wurden durch einen Pfad verbunden und der Entwässerungsgraben wurde reguliert. Eine aus Mazewas (jüdische Grabsteine) bestehende Gedenkwand wurde auf dem Friedhofshügel aufgestellt. Sie erinnert an ein Tor, das zugleich einen Eingang und eine Absperrungsmauer symbolisiert. Die Haupterschießungsstätte wurde mit einer Betonmauer umzäunt. Die Fläche des Grabes innerhalb der Mauer sichern Steine aus dem regionalen Bergbau. In einem überdachten Pavillon, der mit dem traditionellen jüdischen Ohel17 assoziiert werden kann, befindet sich eine Marmorplatte mit Inschriften zum Gedenken an die 3000 Opfer.

Das 400 Quadratmeter große Gelände des Massengrabs in Kysylyn18 wurde mit einer Erdschicht und terrassenartig angehäuften Kieselsteinen bedeckt. An diese Fläche schließt ein Platz mit einer Holzbank und der Gedenktafel an. Sowohl die Sitzgelegenheit als auch die Tafel wurden an einem Gerüst aus Metallboxen befestigt, die mit Steinen ausgefüllt wurden. Die in die rostrote Eisentafel eingravierten Inschriften erinnern an 500 jüdische Opfer. Zum Massengrab führt ein etwa 100 Meter langer Pfad, der den am Feldrand liegenden Parkplatz mit dem zentralen Gedenkort verbindet. Holzpfähle begrenzen die Gesamtanlage und schützen vor landwirtschaftlichen Maschinen.

Das zentrale Element der architektonischen Umsetzung in Prochid ist ein Weg, der symbolisch für den letzten Weg der Ermordeten steht und die verschiedenen Elemente der Gedenkstätte miteinander vereint. Die Linie des Pfades bricht mehrfach ab, an manchen Stellen wird sie durch einen anderen Nebenpfad durchkreuzt. Die Betonschwellen, die insgesamt vier Massengräber umreißen, greifen die asymmetrische Form der Wege auf. Die Oberflächen der Gräber wurden mit reichlich blaugrauer Schlacke versiegelt. Am Ende des Pfades, beim letzten und größten Massengrab, befindet sich ein zentraler Platz mit einer Sitzgelegenheit und einem Betonkubus. An den drei Seiten der kubischen Konstruktion sind Gedenkplatten mit Inschriften in jeweils einer der drei Sprachen angebracht. Die unregelmäßigen, spitzen Formen der Graboberflächen, die von den Betonschwellen vorgezeichnet sind, assoziieren Bruchstücke oder Splitter. Der Architekt erinnert mit der Form eines zerbrochenen Davidsterns an die Herkunft der 1300 dort verscharrten Menschen.

In Ostroshez wurde ein pragmatisches Konzept umgesetzt, das eine effiziente Lösung für den Schutz der 3800 Quadratmeter großen Hügelfläche zur Grundlage hatte. Das Gelände wurde mit einer Hecke umpflanzt, um es vor freilaufenden Tieren zu schützen und die Bodenerosion zu stoppen. Ein Granitstein mit Inschriften wurde an einer Seite des Hügels auf einem mit Beton befestigten Platz aufgestellt und erinnert an die Vernichtung von 800 jüdischen Bewohnern, die auf dem Gelände erschossen wurden.

Die Gesamtfläche in Bachiw beträgt 2300 Quadratmeter mit einem Höhenunterschied auf dem Gelände von fünf Metern. Zentral auf einer Erhebung befindet sich eine von der israelischen Landsmannschaft aus Kowel errichtete Gedenktafel. Diese auf einem Sockel angebrachte Tafel wurde in die architektonische Planung integriert. Die vier Massengräber, die in unterschiedlichen Abständen zueinander auf dem Gelände liegen, wurden mit unregelmäßigen, aus Erde geformten Hügeln abgedeckt. Diese Erd-anhäufungen wurden in Dreiecke aufgeteilt, die abwechselnd mit schwarzem und rotem Kies überdeckt wurden. Die aneinander liegenden Farbflächen bilden eine Komposition, die an ein Schachbrett oder Mosaik erinnert. Das Zusammenspiel der Dreiecke kann als ein Versuch gesehen werden, die zersplitterten Bestandteile des Davidsterns wieder zusammenzusetzen. Auf der Erhebung auf dem zentralen Platz wurden eine dreieckförmige Gedenktafel und eine dreieckige Sitzbank errichtet. Der Sitzplatz -befindet sich zwischen der alten und der neuen Schrifttafel und ermöglicht, beide Tafeln gleichberechtigt zu betrachten. Aufgrund der Ergebnisse der histo-rischen Recherche wurde eine Inschrift formuliert, die mehr als 8000 Ermordete beklagt.

 

VII. Schlusswort

Die Einweihung der Gedenkstätten in der Westukraine im Juni 2015 führte die zwei zentralen Aspekte des Projektes – die Bildungsarbeit und die Schutzmaßnahmen – noch einmal zusammen. Das engagierte Auftreten der Gemeindemitglieder während der Zeremonien und die breite Beteiligung der Einwohner zeugten davon, dass die neu etablierten Gedenkstätten von nun an zu den Orten gehören. Das zivilgesellschaftliche Engagement, das sich während des Projektes beobachten ließ, und das Vorhandensein der Ressourcen, um ein derart komplexes Projekt umzusetzen, lassen hoffen, dass es möglich geworden ist, die Geschichte der Juden und des Holocaust in die Nachkriegsordnung des ukrainischen Staates einzutragen.

Das gewaltige Erbe der Vernichtung ist in der Ukraine besonders stark erfahrbar. Sollte es nicht gelingen, der Opfer würdig zu gedenken und sie ruhen zu lassen, wird sich der verheerende Zustand der Gräber nicht nur für die Angehörigen der Opfer, sondern auch für diejenigen, die in der unmittelbaren Nähe der »kontaminierten Landschaften« leben, bedrückend auswirken.

 

Aleksandra Wroblewska, Kulturwissenschaftlerin, war vom Mai 2011 bis Juli 2015 als Koordinatorin des Projektes beschäftigt und hat in dieser Zeit die Arbeit in Berlin und in der Ukraine betreut.

 

 

Das »Protecting Memory«-Projekt erfolgte Dank der Finanzierung des Auswärtigen Amtes der Bundesrepublik Deutschland.

Die folgenden lokalen Partner ermöglichten die Umsetzung des Projektes: das Ukrainische Zentrum für Holocaust-Studien in Kiew (Ukrainian Center for Holocaust Studies, UCHS), der Verein »Nova Doba« in Lemberg, die Religiöse Gemeinde des Progressiven Judaismus in Wolhynien und das Ukrainische Jüdische Komitee (UJC). Das Komitee für den Schutz Jüdischer Friedhöfe in Europa (CPJCE) in London war im Rahmen des Projekts für die Einhaltung der halachischen Regeln zuständig. Yahad-In Unum stellte die Ergebnisse seiner Recherchen zu den Projektorten zur Verfügung.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Zentralrat der Juden in Deutschland und die Konferenz der Europäischen Rabbis (The Conference of European Rabbis, CER) standen dem Projekt beratend zur Seite.

Der historische Beirat des Projekts wurde zu den Inschriften und Texten für die Informationstafeln sowie zu Fragen in Bezug auf die architektonische Gestaltung der Orte und die Darstellung auf den Informationstafeln konsultiert. Im Beirat waren vertreten: Dr. Andrej Angrick (Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur), Dr. Ulrich Baumann und Uwe Neumärker (beide Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Prof. Dr. Habbo Knoch (Universität zu Köln), Dr. Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors) und Prof. Dr. Günter Morsch (Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten). Die Forschungsarbeit verantworteten die Historiker Svetlana Burmistr, Ray Brandon und Mikhail Tyaglyy (UCHS).

1    Yahad-In Unum ist eine Organisation in Paris, die sich der Lokalisierung von Massenerschießungsstätten von Juden und Roma in Osteuropa widmet.

      Für weitere Information siehe: www.yahadinunum.org/?lang=en

2    Es handelt sich um eine Schätzung ohne die Zahl der Flüchtlinge, die aus West- und Zentralpolen in die Ostgebiete kamen. Vgl. Brandon, Ray & Lower, Wendy (2010): The Shoah in Ukraine. History, Testimony, Memorialization, Indianapolis: Indiana University Press.

3    Hryciuk, Grzegorz (2005): Przemiany narodowościowe i ludnościowe w Galicji Wschodniej i na Wołyniu w latach 1931–1948, Toruń: Wydawnictwo Adam Marszałek, S. 162–199. In der UdSSR war die Zahl der Juden und Polen viel geringer: Ukrainer (78 Prozent), Russen (11 Prozent), Juden (5,1 Prozent), Polen (1,5 Prozent). Vgl. die Einschätzung von Eberhardt, Piotr (1994): Przemiany narodowościowe na Ukrainie XX wieku. Warszawa: Obóz, S. 142.

4    Darüber hinaus wurden das südliche Bessarabien und die Nordbukowina von der sowjetischen Armee besetzt. In diesen Gebieten lebten ca. 120 000 Juden.

5    Die jüdischen Bewohner der Grenzgebiete zu Galizien erlebten bereits 1939 die gezielt verübte Gewalt von Deutschen und Ukrainern. Vgl. Struve, Kai (2015): Gewalt gegen Juden. In: Deutsche Herrschaft, ukrainischer Nationalismus, antijüdische Gewalt. Der Sommer 1941 in der Westukraine, Berlin: de Gruyter Oldenbourg.

6    Das Schicksal der Juden aus Transkarpatien glich dem Schicksal der meisten ungarischen Juden, die 1944 im Auschwitz ermordet wurden.

7    In allen vier Orten des Pilotprojektes, außer Ostroshez, wurden im Laufe der Zeit mehrere kleinere sowie umfangreiche jüdische Massengräber entdeckt. Ihre Lokalisierung war nicht so eindeutig, wie das bei den ausgewählten Massengräbern des Projektes der Fall war.

8    »Kontaminierte Landschaften« ist ein Begriff von Martin Pollack, vgl. Pollack, Martin (2014): Konta-minierte Landschaften, Wien: Residenzverlag.

9    Die Umfragen des UCHS, die im Jahr 2011 unter den Schülern durchgeführt wurden, zeigten, dass über 50 Prozent der Befragten die Erschießungsstätten des Projektes nennen können.

10  Im Rahmen der informellen Bildung übernehmen manche ukrainische NGOs die Holocaust-Education. Zu der bedeutendsten Institution auf diesem Feld gehört neben UCHS das Zentrum für Urbane Geschichte in Lwiw, siehe: www.lvivcenter.org/

11  Starowojt, Iryna, ein Gespräch mit Jewhenija Nestorowytsch. In: Zbruc: Про Українські війни памятей, 23. 1. 2014, online abrufbar: zbruc.eu/node/17973

12  Die bedeutendsten Publikationen zum Holocaust in der Ukraine sind erst in den 2000er-Jahren erschienen. Eine der ersten Positionen war Harvest of Despair: Life and Death in Ukraine Under Nazi Rule von Karel C. Berkhoff im Jahr 2004. Es folgten: Bartov, Omer (2010): Erased. Vanishing traces of Jewish Galicia in Present-Day Ukraine, Snyder, Timothy (2011): Bloodlands: Europe between Hitler and Stalin, Brandon, Ray & Lower, Wendy (2015): The Shoah in Ukraine. History, Testimony, Memorialization.

13  UCHS in Kiew ist die bedeutendste Nichtregierungsorganisation in der Ukraine, die sich der Bildungsarbeit und Erforschung des Holocaust widmet. Für weitere Informationen: www.holocaust.kiev.ua/eng/

14  UCHS (2014): Від першої особи: історія Голокосту у свідченнях очевидців, Kiew UCHS (2012) Історія Голокосту: освіта та пам’ять. Посібник для вчителя, Kiew

15  Das Komitee für den Schutz Jüdischer Friedhöfe (CPJCE) ist eine Organisation aus London, die sich um den Schutz der jüdischen Friedhöfe und Massenerschießungsstätten in Europa bemüht.

      Für weitere Informationen siehe: www.1000yearsofjewishheritage.com/About.html

16  Der Bauingenieur war auch für die Entwicklung des architektonischen Entwurfs für Ostroshez zuständig.

17  Ohel ist eine bestimmte Struktur, die über das Grab einer prominenten jüdischen Persönlichkeit gebaut wird.

18  Das architektonische Konzept für Kysylyn, Bachiw und Prochid haben die Architekten Dmitry Shujkov, Aryna Aheeva und Anton Olyjnyk aus Kiew erarbeitet.

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