Thomas Irmer

»Satellite Camps«

Gedenkstättenrundbrief 194 S. 36-38

Eine neue Smartphone-App über KZ-Außenlager in Berlin

"Wir wußten nicht, wo wir waren", so fasste der Niederländer Gerard de Ruiter seine ersten Eindrücke zusammen, als er als Häftling des KZ Sachsenhausen zur Zwangsarbeit in die Berliner Innenstadt transportiert wurde. Die SS setzte ihn, wie er erst später erfuhr, im Prinz-Albrecht-Palais ein, dem Sitz des Reichssicherheitshauptamts. Zwangsarbeit in den Machtzentralen des NS-Staates war eines der Kennzeichen der 14 Außenlager, die die SS 1942 und insbesondere 1944 im Berliner Stadtgebiet errichtete. Die Geschichte von sechs dieser Berliner KZ-Außenlager steht im Mittelpunkt der neuen "Satellite Camps"-App.

Die Geschichte der KZ-Außenlager zählt zu den wenig bekannten Aspekten der Berliner Geschichte in der NS-Zeit: In der damals größten Rüstungsmetropole in Europa leisteten über 10 000 KZ-Häftlinge Zwangsarbeit für die SS und in Rüstungsfertigungen namhafter Privatunternehmen. Unter den Häftlingen waren auch zahlreiche Frauen: Seit September 1944 unterstanden viele Außenlager des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück ebenfalls dem KZ Sachsenhausen Auch im Umland und in weiteren Brandenburger Regionen entstanden zahlreiche KZ-Außenlager.

Mit den Außenlagern wurde das System der Konzentrationslager bis an die Werkbänke und vor die Haustür vieler Berlinerinnen und Berliner ausgeweitet. Zu keinem anderen Zeitpunkt waren so viele männliche und weibliche KZ-Häftlinge im "Alltag" der Stadt sichtbar. Das deutlich zu machen, ist eines der Anliegen der "Satellite Camps"-App. Smartphone-Apps werden heute vermehrt für die Erkundung regionaler Geschichte entwickelt, auch zur Geschichte von KZ-Außenlagern. Als mobiles Angebot ermöglichen sie eine Spurensuche von jedem Ort der Welt aus oder mit dem Smartphone als einem "Pfadfinder" am historischen Ort. Mit dem regionalen Bezug lässt sich die Neugier und Interesse weckende Frage stellen, was denn in der eigenen Nachbarschaft geschah. Der Blick auf die Geschichte vor Ort ermöglicht zugleich Verbindungen zu übergeordneten Themen und Fragestellungen: Über die in der "Satellite Camps"-App gezeigten Außenlager erfahren die Nutzerinnen und Nutzer mehr über das System der Konzentrationslager. Und mit den 14 Biografien ehemaliger KZ-Häftlinge in der "Satellite Camps"-App verbinden sich verschiedene Verfolgungsschicksale aus ganz Europa.

Ein weiteres Ziel der "Satellite Camps"-App ist es, regionale Besonderheiten des Zwangseinsatzes deutlich zu machen. Im Fall von Berlin ist es die Doppelrolle der Stadt als Zentrum der politischen Macht und als Rüstungsmetropole. Die Geschichte der KZ-Außenlager in Berlin lässt sich in zwei Phasen unterteilen: Der erste, wenig bekannte Abschnitt begann bereits 1940/41, als die SS Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen nach Berlin transportierte, um sie für den Aufbau eigener Dienststellen einzusetzen. Der andere Abschnitt in der Geschichte der KZ-Außenlager in Berlin begann 1944, als zahlreiche Außenlager bei Berliner Industriebetrieben entstanden. KZ-Häftlinge waren die letzte Arbeitskraftreserve für den "totalen Krieg".

Die "Satellite Camps"-App folgt einer nicht-linearen Erzählform, bei der sich die Nutzerinnen und Nutzer multimedial auf mehreren Ebenen bewegen können. Dazu zählen Videointerviews mit ehemaligen Häftlinge ebenso wie historische Fotoaufnahmen oder Abbildungen von Objekten. Die Navigationsstruktur der "Satellite Camps"-App ist bewusst einfach und übersichtlich gehalten: Die Geschichten der sechs Außenlager können über sechs Abbildungen angesteuert werden, die durch Wischen aufgerufen werden können. Über die Befehlsleiste am unteren Rand des Bildschirms ist eine Liste mit 14 Biografien abrufbar. Außerdem eine Karte, auf der Standorte von Außenlagern und Außenkommandos verortet sind. Über die Markierungen der Standorte sowie durch eine zusätzliche Liste können die Nutzerinnen und Nutzer ebenfalls auf die Geschichte der Lager zugreifen. Markiert sind auch Lagerstandorte, die noch kein Thema in der "Satellite Camps"-App sind. In der Befehlsleiste können neben Englisch auch Sprachversionen in Leichter Sprache und Arabisch eingestellt werden.

Bei der Erzählung über die Geschichte der KZ-Außenlager wird ein weiter Bogen gespannt. Er beginnt mit einer Besichtigung der heutigen Situation am historischen Ort, führt über die Geschichte des Lagers und den "Alltag" der Zwangsarbeit bis hin zum Umgang mit der Erinnerung nach 1945. In diesem Rahmen geht es auch um Themen, die sich speziell mit KZ-Außenlagern in Verbindung bringen lassen. Neben den Einsatzorten und Formen der Zwangsarbeit zählen dazu unterschiedliche Reaktionen von Deutschen, die aus der Perspektive von KZ-Häftlingen dargestellt werden. Oder, ebenfalls naheliegend: Fluchtversuche. Auf eine Emotionalisierung wird jedoch verzichtet. So entsteht ein facettenreiches Bild, das zahlreiche Anknüpfungspunkte für die schulische wie außerschulische Bildungsarbeit bietet. Zeitzeugenberichte sind auch für die "Satellite Camps-App" eine zentrale Quelle. Dazu zählen Aussagen aus Ermittlungsakten, die für die App vertont wurden. Hervorzuheben ist auch ein Bestand mit Videointerviews, die Mitglieder der IKZ mit ehemaligen Häftlingen des Außenlagers Lichterfelde gemacht haben.[1] Ein Videointerview mit dem Überlebenden Leon Schwarzbaum wurde im Rahmen der Recherchen für die "Satellite Camps"-App geführt. Schwarzbaum war im größten Berliner KZ-Außenlager, dem für die Siemens-Werke errichteten Außenlager Haselhorst. Siemens-Mitarbeiter hatten ihn und andere Häftlinge aus dem KZ-Buchenwald in das Außenlager Haselhorst verlegen lassen. Leon Schwarzbaum hatte zuvor schon im Außenlager Bobrek des KZ Auschwitz für Siemens Zwangsarbeit leisten müssen. Bei der Auflösung von Auschwitz waren er und andere Häftlinge nach Buchenwald transportiert worden. "Ich konnte (...) nie sicher sein, zu überleben", so Schwarzbaum in seiner Rede zum Launch der "Satellite Camps"-App. "Aber ich hatte Glück. Dazu zählte auch, dass ich Zwangsarbeit leisten musste. Siemens brauchte uns. Aber warum gerade mich? Es gab ja auch noch viele Andere. Und was bewog die Siemens-Mitarbeiter, uns 1945 aus Buchenwald nach Berlin zu holen? Das sind offene Fragen. Und es ist ein Teil der Fragen, auf die sie stoßen, wenn sie sich mit der Geschichte der Außenlager beschäftigen."

Thomas Irmer ist freier Historiker und Kurator. Er hat die "Satellite Camps"-App maßgeblich mitentwickelt und die Texte verfasst.

Die Satellite Camps-App wird von der Initiative KZ-Außenlager Lichterfelde e.V. herausgegeben. Sie entstand in Kooperation mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und wurde durch Lottomittel finanziert.


[1] Der Bestand wurde schon vor dem Projekt mit Mitteln der Gedenkstätte Sachsenhausen digitalisiert.