Jens-Christian Wagner

Simulierte Authentizität? Chancen und Risiken von augmented und virtual reality an Gedenkstätten

Gedenkstättenrundbrief 196 S. 3-9

In fast allen KZ-Gedenkstätten gibt es seit Jahrzehnten klassische analoge Lagermodelle, die den Besucherinnen und Besuchern die Möglichkeit geben sollen, sich räumlich und historisch zu orientieren. Mal mehr, mal weniger originalgetreu vermitteln sie einen Eindruck, wie das ehemalige Lager, dessen Baulichkeiten meist nicht mehr vorhanden sind, einmal ausgesehen hat und welche Ausmaße es hatte. Häufig stehen diese Modelle am Beginn von Gruppenführungen.

Ergänzend, teils auch die klassischen Modelle ersetzend, werden seit einigen Jahren vielfach auch digitale Möglichkeiten der augmented reality (AR) verwendet, um nicht mehr vorhandene bauliche Strukturen zu visualisieren. Manche Anwendungen gehen noch weiter: Virtual-reality-Angebote (VR) sollen den Nutzenden die Möglichkeit bieten, sich virtuell in historische Situationen hineinzubegeben und diese emotional nachzuempfinden.

Sind solche Angebote für Gedenkstätten beziehungsweise für die Bildungsarbeit zur Geschichte der NS-Verbrechen angemessen? Entsprechen sie dem im Beutelsbacher Konsens für die historisch-politische Bildung festgeschriebenen Überwältigungsverbot und dem Kontroversitätsgebot? Wie vertragen sich AR und VR mit dem in vielen Gedenkstätten und Museen hochgehaltenen Prinzip des forschenden Lernens, das die historischen Quellen in den Mittelpunkt stellt und auf Sinnstiftungen und Rekonstruktionen verzichtet? Das sind sehr prinzipielle Fragen, die nicht nur für digitale Möglichkeiten der Gedenkstättendidaktik relevant sind, sondern im Grunde auch für die klassischen analogen Methoden gelten. Der Vorstellung einiger neuerer digitaler Angebote in Gedenkstätten seien deshalb generelle Überlegungen zum Wechselverhältnis zwischen Rekonstruktion und historischer Quelle sowie historischem Lernen vorangestellt.

Was erzählt vom Terror in den Lagern? Vorüberlegungen

Während bis zum Ende der 1980er-Jahre aus politischen und generationellen Gründen (den Zeitgenossen war die NS-Zeit noch sehr lebendig im Gedächtnis) im Wesentlichen symbolisch erinnert wurde und historische Quellen sowie bauliche Relikte in den Gedenkstätten und ihren Dauerausstellungen eher illustrativ eingesetzt wurden ("Minimierung der Relikte zur Maximierung der Sinnstiftung" hat das Jörn Rüsen einmal genannt)[1], wird den historischen Quellen und Sachzeugnissen (schriftliche Dokumente, Zeitzeugenberichte, Fotos, Filme, bauliche oder andere dreidimensionale Relikte) seit den 1990er-Jahren ein ganz anderer Wert beigemessen.

In fast allen deutschen KZ-Gedenkstätten hat sich in dieser Zeit das Konzept der dokumentierenden Spurensuche und Spurensicherung durchgesetzt. Bauliche Relikte und historische Ausstellungsobjekte wie auch andere Sachzeugnisse sollen demnach nicht eine vorgegebene Geschichtsdeutung illustrieren, sondern haben einen eigenständigen Wert. Dieser hat allerdings einen fragmentarischen Charakter, dessen Zeichengehalt kontextualisiert werden muss, ohne die Mehrdeutigkeit aufzugeben.[2]

Das dokumentierende Konzept ist zum einen durch das Ende der Zeitzeugenschaft bedingt, zum anderen ist es aber auch weniger anfällig für Versuche politischer oder historischer Sinnstiftung. Deshalb wurde es anfangs vor allem in solchen Gedenk­stätten angewandt, die in ihrer eigenen Geschichte als Mahn- und Gedenkstätten in der DDR besonders stark politischer Einflussnahme und Instrumentalisierung ausgesetzt waren. Das nüchterne, dokumentierende Konzept war in den 1990er-Jahren also auch ein Reflex auf einseitige und politisch vereinnahmende Geschichtsdeutung in der DDR.

Ob dieses Konzept heute immer noch tragfähig ist, erscheint jedoch zunehmend fraglich. Streng theoretisch-methodisch gesehen überzeugt es zwar; die Zweifel kommen eher aus der pädagogischen Praxis: Das Konzept hat didaktische Realisierungsprobleme. Auf die Relikte und Exponate sowie ihre Auratisierung allein zu vertrauen hilft nicht; die Relikte müssen kontextualisiert und prägnant kommentiert werden. Damit wird die Mehrdeutigkeit aber schon eingeschränkt. Zudem sind wir in den Gedenkstätten zunehmend mit Besuchern konfrontiert, die wenig oder kein Vorwissen mitbringen oder nach dem Konsum trivialisierender medialer Inszenierungen à la Guido Knopp meinen, die Geschichte schon genau zu kennen. Auf die Ausstrahlungskraft und den Zeichengehalt der Relikte und Dokumente allein zu setzen, hilft hier nicht weiter. Den Besuchenden muss mehr geboten werden, es muss ihnen aktiv dabei geholfen werden, die Botschaft der Relikte zu lesen und zu entschlüsseln - und das, ohne sie zu entmündigen.

Das kann ganz "klassisch" geschehen, etwa durch narrative Text- und Gestaltungselemente, Vertiefungsebenen in Ausstellungen oder durch digitale Zugänge: Kontextfilme oder Installationen (sehr gelungen ist beispielsweise die Prolog-Installation zum Thema "Jedem das Seine" in der 2016 eröffneten neuen Dauerausstellung zur KZ-Geschichte in der Gedenkstätte Buchenwald) oder eben durch moderne digitale Mittel der AR oder VR.

Präsentation baulicher Relikte

Im Folgenden werde ich mich auf den Umgang mit nicht mehr oder nur rudimentär vorhandenen sowie nicht zugänglichen baulichen Relikten und den Einsatz von AR konzentrieren. Die dabei geschilderten didaktischen und methodischen Chancen und Risiken gelten auch für andere Bereiche, etwa den Umgang mit Zeitzeugeninterviews in der Gestalt von Hologrammen. Solche VR-Anwendungen bieten gegenüber AR-tools noch deutlich stärker affektiv wirkende Zugänge zur Geschichte. Gleichwohl gelten die folgenden methodischen Überlegungen zum Umgang mit baulichen Relikten und deren digitale Rekonstruktion auch für diese.

Wohl alle Mitarbeitenden von Gedenkstätten kennen die Klagen von Besucherinnen und Besuchern, man könne sich das ehemalige Lager ja gar nicht vorstellen, weil kaum noch etwas zu sehen sei. Gefordert werden Zäune, Baracken, Zellen und am besten auch der Schmutz, der Gestank, die Bedrängnis und die Todesangst. Zumindest für die Sichtbarkeit der Zäune, Baracken und Zellen und damit für die Lesbarkeit der Relikte bietet die augmented reality technisch hervorragende Möglichkeiten. Aber entsprechen solche Formen digitaler Rekonstruktion eigentlich dem gedenkstättendidaktischen common sense im Umgang mit historischen Quellen? Immerhin hat sich ganz im Sinne des dokumentierenden, spurensichernden Konzeptes seit den 1990er-Jahren in fast allen Gedenkstätten die Leitlinie durchgesetzt, dass keine Rekonstruktionen vorgenommen werden. Hintergrund war und ist die Überlegung, dass die baulichen Überreste eben nicht nur Relikte, sondern auch Beweismittel sind - nicht auch zuletzt gegenüber den Leugnern des Holocaust. Wenn wir diese Beweismittel aber rekonstruieren, indem wir sie nachbilden, fälschen wir potenziell Geschichte, weil wir ein imaginiertes Bild der Vergangenheit präsentieren, das weder mit der historischen Evidenz, noch mit der von Häftlingen erlebten Realität des Lageralltags deckungsgleich ist. Mindestens aber wird den Relikten der Beweiswert und die Aura des "Authentischen" genommen.

Was aber soll man machen, wenn die Relikte derart fragmentarisch vorhanden sind, dass sie nicht erkennbar sind - jedenfalls nicht für die "normalen" Besucherinnen und Besucher ohne besonderes Vorwissen? In manchen Fällen wurden aus diesem Grund in den vergangenen Jahren bereits Einschränkungen beim Rekonstruktionsverbot gemacht. In der Gedenkstätte Mittelbau-Dora etwa wurden 2013 die nur noch als Fundament vorhandenen Umfassungsmauern des Lagergefängnisses und der Hinrichtungsstätte zwar nicht rekonstruiert, aber mit anderem Material nachgezeichnet sowie zitiert - gewissermaßen eine analoge augmented reality. Ziel war es, zum einen die vorhandenen Mauerreste konservatorisch durch Aufbauten zu schützen, und zum anderen, den Gedenkstättenbesuchern das nicht mehr vorhandene architektonische Ensemble und damit die historische Funktion des vom Rest des Lagers komplett abgeschirmten Lagergefängnisses les- und verstehbar zu vermitteln.

Das geht natürlich auch mit der digitalen augmented reality. Ein gutes Beispiel dafür ist die sogenannte Bergen-Belsen-App - eine auf Tablets abrufbare digitale Rekonstruktion des ehemaligen Lagers Bergen-Belsen. Im Unterschied zu den meisten anderen Gedenkstätten sind in Bergen-Belsen mit wenigen Ausnahmen nicht einmal mehr Grundmauern oder Fundamente der ehemaligen KZ-Gebäude erhalten. Besucherinnen und Besucher brauchen ein erhebliches Imaginationsvermögen, um sich ein Bild vom ehemaligen Lager machen zu können. Hier hilft die Bergen-Belsen-App: Auf Grundlage erhalten gebliebener Lagepläne, ausgewerteter zeitgenössischer Luftfotos sowie von Fotografien aus den Tagen und Wochen nach der Befreiung des Lagers wurde eine dreidimensional anmutende georeferenzierte digitale Rekonstruktion des Lagers vorgenommen - allerdings bewusst verfremdend und mit deutlich weniger baulichen Details, als es technisch möglich gewesen wäre, dafür aber mit ortsbezogenen zusätzlichen Informationen: Zeitzeugenberichten sowie historischen Fotos und Dokumenten. Mit Hilfe dieser App können Besucherinnen und Besucher sich selbst durch das ehemalige Lagergelände bewegen und dort, wo sie es wünschen, historische Informationen abrufen.

Der Vorteil solcher digitaler Erweiterungen, die bewusst abstrakt gehalten sind, um den konstruktiven Charakter dieser Geschichtsdarstellung und -deutung zu vermitteln, liegt im Schutz der materiellen Zeugnisse: Die Mauerreste müssen gar nicht angerührt werden. Der Nachteil liegt auf der Hand. Es ist der konstruktive Charakter: Den Besuchenden wird das Bild vermittelt, dass sich die Historikerinnen und Historiker vom nicht mehr vorhandenen Lager gemacht haben. Zudem wird die Imaginationsfähigkeit der Besuchenden eingeschränkt respektive nicht gefordert. (Manche Nutzerinnen und Nutzer sagen allerdings auch, ihrer Imaginationsfähigkeit werde mit den Angeboten der augmented reality geholfen.)

Im Fall der Bergen-Belsen-App soll den Besuchenden mit dem Werkzeug der augmented reality die Möglichkeit geboten werden, die wenigen erhaltenen Spuren des ehemaligen Lagers direkt am historischen Ort zu lesen. Anders ist der Fall, wenn die AR genutzt wird, um in Gedenkstätten oder Museen nicht zugängliche oder räumlich weit entfernte Orte gewissermaßen virtuell zu besichtigen - entweder im historischen Rückblick (man denke an die frühen Formen virtueller Synagogenrekonstruktionen bereits in den 1990er-Jahren) oder in der Jetzt-Zeit. Gerade für letztere Funktion bietet die augmented reality großartige technische und didaktische Möglichkeiten, die an zwei Beispielen erläutert werden.

Fall 1: Wolfenbüttel: Zellen und Hinrichtungsstätte sind nicht zugänglich.

Die Gedenkstätte Wolfenbüttel erinnert an über 500 Menschen, die hier zwischen 1937 und 1945 durch die NS-Justiz hingerichtet wurden. Zudem erinnert sie an die Menschen, die während des Nationalsozialismus im Strafgefängnis Wolfenbüttel inhaftiert waren. Da das Gefängnis nach wie vor in Betrieb ist, befinden sich die historischen Baulichkeiten, etwa die Todeszellen und das Hinrichtungsgebäude, im Hochsicherheitsbereich und sind für Besucher nur im Rahmen von vorher angemeldeten Gruppenführungen zugänglich. Für individuelle Spontanbesucher und -besucherinnen wurde im November 2019 ein neues Dokumentationszentrum eröffnet, das sich zwar auf dem Gelände der JVA befindet, jedoch über einen Außenzugang ohne Kontrolle des JVA-Personals betreten werden kann. Ein Fenster in der Dauerausstellung, die umfassend über die Geschichte des Strafgefängnisses informiert, bietet einen Blick auf die nahe gelegenen historischen Baulichkeiten - insbesondere auf das etwa 100 Meter entfernte ehemalige Hinrichtungsgebäude - das aber bekanntlich für Spontanbesucher nicht zugänglich ist.[3] Erschwerend kommt hinzu, dass das Fenster aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes der JVA-Insassen sporadisch verschattet werden muss, wenn sich diese auf dem Gefängnishof aufhalten. Hier bietet die augmented reality Möglichkeiten, das Gebäude virtuell zu besuchen: Auf Tablets, die über ein analogisches historisches Modell des Gefängnisses aus dem Jahr 1937 gehalten werden, kann man sich virtuell in die historischen Baulichkeiten hineinzoomen und zusätzliche Infos wie Fotos und Dokumente abrufen.

Fall2: Lernort M.B. 89 in der Niedersachsen-Kaserne (Gedenkstätte Bergen-Belsen): Wichtige historische Bauten liegen im militärischen Sicherheitsbereich

Im Frühjahr 2019 hat die Gedenkstätte Bergen-Belsen historische Baulichkeiten in einem kleinen, abgetrennten Teil der benachbarten Niedersachsenkaserne für die Bildungsarbeit übernommen. In den nun von der Gedenkstätte genutzten Räumlichkeiten, die nach dem Krieg nahezu unverändert geblieben sind, waren während des Zweiten Weltkrieges die Wachmannschaften des Kriegsgefangenenlagers Bergen-Belsen und im April 1945 Häftlinge aus dem geräumten KZ Mittelbau-Dora untergebracht. Nach dem Krieg dienten sie bis 1950 als Unterkunft für Displaced Persons. Es haben jedoch nicht nur die jetzt von der Gedenkstätte genutzten Gebäude eine große historische Bedeutung. Auch andere Gebäude und Ensemble innerhalb der Gedenkstätte stehen in einem engen historischen Bezug zur Geschichte von Bergen-Belsen - das ehemalige Offizierskasino (Round House) etwa, das im April/Mai 1945 ein britisches Nothospital für befreite KZ-Häftlinge aus Bergen-Belsen beherbergte und anschließend bis 1950 ein zentraler Versammlungsort für das DP-Camp Bergen-Belsen war. Leider befindet sich das weitgehend im Originalzustand der 1930er-Jahre erhaltene Gebäude inmitten des militärischen Sicherheitsbereichs und ist daher außer für lange vorher angemeldete Gruppenbesuche nicht zugänglich - eine ähnliche Situation also wie in der ehemaligen Hinrichtungsstätte in der Gedenkstätte Wolfenbüttel.

Um Besucherinnen und Besuchern dennoch die Möglichkeit zu bieten, die im militärischen Sicherheitsbereiche gelegenen Bereiche zumindest virtuell zu besuchen, wird ihnen mit einer medialen Installation im Eingangsbereich der im Gebäude M.B. 89 befindlichen neuen Ausstellung "Aufrüstung, Krieg, Verbrechen. Die Wehrmacht und die Kaserne Bergen-Hohne" die Möglichkeit geboten, sich in einem virtuellen Flug zu den jeweiligen historischen Gebäuden in der Kaserne zu bewegen und dort vertiefende Informationen abzurufen.

In beiden geschilderten Fällen wird den Besuchenden die Möglichkeit geboten, sich innerhalb einer Gedenkstätte erhaltene Räumlichkeiten oder Gebäude virtuell anzusehen, die aus Sicherheitsgründen nicht zugänglich sind, und zugleich wird ihnen ermöglicht, ergänzende historische Informationen abzurufen und sich intensiv mit der Geschichte der Baulichkeiten und der Menschen, die dort gelitten haben, auseinanderzusetzen. Aber können solche virtuellen Zugänge den Besuch der historischen Orte ersetzen? Ich denke: nein. Gerade im digitalen Zeitalter erleben wir, dass die Haptik der Objekte und der baulichen Relikte, dass das tatsächliche oder vermeintlich "Authentische" einen ganz eigenen didaktischen Mehrwert hat. Daran kann keine augmented virtual reality herankommen.

Die AR ist also entweder nur Ersatz für den "echten" Besuch, wenn dieser aus Sicherheits- oder anderen Gründen nicht möglich ist, oder sie ist eine didaktische Ergänzung - wenn etwa der "analoge" Besuch vor Ort ergänzt wird um zusätzliche interaktive Zugänge zur Baugeschichte der Relikte und zur Erfahrungsgeschichte der Menschen, die dort gelitten und um ihr Leben gekämpft haben.

Fazit und Thesen

Der vorliegende Text versteht sich als erste Annäherung an das Thema und als Diskussionsgrundlage. Festhalten lässt sich, dass die augmented reality durchaus fruchtbare und innovative Möglichkeiten bietet, sich mittels der Methode des forschenden oder entdeckenden Lernens mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Deutlich vorsichtiger würde ich die Chancen der virtual reality bewerten. Sie zeigt nicht nur auf den ersten Blick Unsichtbares oder nicht Zugängliches, sondern simuliert emotionale Zugänge zur Geschichte. Das birgt deutliche Gefahren. Die existenzbedrohende Situation eines KZ-Häftlings lässt sich nicht nachempfinden. Die virtual reality kann hier nur wahlweise überwältigen oder bagatellisieren - und ihr affektiv-identifikatorischer Zugriff auf die Erfahrungen von KZ-Überlebenden ist letztlich eine Anmaßung.

Aber auch bei der augmented reality ist Sensibilität und Maß angesagt - wie bei allen Formen der Reproduktion historischer Evidenz. Sie kann aber ein wirksames Mittel der Bildungsarbeit zur Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Opfer sein, wenn folgende Thesen beachtet werden:

1 Das Rekonstruktionsverbot für bauliche Relikte muss für alle als Beweismittel geltenden historischen Quellen gelten (also auch für Zeitzeugenberichte, Fotos, schriftliche Dokumente, dreidimensionale Fundstücke).

2 Der Beweischarakter der Quellen muss erhalten werden. Es geht um die Glaubwürdigkeit der Gedenkstätten - gerade auch gegenüber dem Geschichtsrevisionismus und der Holocaustleugnung.

3 Zugleich darf die Präsentation der vermeintlichen authentischen Relikte und Quellen nicht positivistisch verstanden werden: Der konstruktive Charakter der Präsentation muss immer deutlich sein.

4 Der multiperspektivische Zugang zur Geschichte darf nicht eingeschränkt werden. Beispielsweise muss verhindert werden, dass die augmented reality den Täterblick wiedergibt.

5 Die Grenzen zwischen der historischen Quelle und ihrer Rekonstruktion müssen deutlich sichtbar gemacht werden.

6 Augmented und virtual reality dürfen - wie alle modernen Medien - nicht als Selbstzweck und nicht zur Spielerei eingesetzt werden.

7 Augmented und virtual reality dürfen die historische Imaginationsfähigkeit der Besuchenden nicht einschränken.

8 Die augmented reality sollte vor allem dort eingesetzt werden, wo bauliche Strukturen nicht mehr sicht- und lesbar sind oder wo sie nicht zugänglich sind.

9 Den Besuch der historischen Orte können digitale Zugriffe nicht ersetzen. Sie können aber Möglichkeiten für zusätzliche Informationsvermittlung und multiperspektivische Zugänge bieten.

10 Augmented und virtual reality können die Zugänglichkeit und Lesbarkeit von historischen Quellen verbessern. Sie sind also ein Hilfsmittel für den Zugang zu den Quellen, die immer im Mittelpunkt stehen müssen und die nach den Standards der wissenschaftlichen Quellenkritik präsentiert werden.

11 Eine simulierte Authentizität ist deshalb nicht zulässig.

12 Das Nachspielen von Rollen und die Identifikation mit historischen Akteurinnen und Akteuren sollten unterbleiben.

13 Ethische und quellenkritische Grenzen müssen definiert und eingehalten werden.

Dr. Jens-Christian Wagner ist Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Er forscht und publiziert zu den Themen Konzentrationslager, Zwangsarbeit, Erinnerungskultur und Gedenkstättendidaktik. Zudem hat er zahlreiche Ausstellungen zur NS-Geschichte kuratiert.


[1] Zit. nach Volkhard Knigge, Vom Reden und Schweigen der Steine. Zu Denkmalen auf dem Gelände ehemaliger Konzentrations- und Vernichtungslager, in: Sigrid Weigel u. Birgit R. Erdle (Hg.), Fünfzig Jahre danach. Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus, Zürich 1996, S. 193-234, hier S. 207.

[2] Vgl. auch im Folgenden Jens-Christian Wagner, Umgang mit baulichen Relikten in der Gedenkstättenarbeit: Die Entwicklung in Niedersachsen, in: Alexander Kraus/Aleksandar Nedelkovski/Anita ­Placenti-Grau (Hg.), Ein Erinnerungs- und Lernort entsteht. Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Laagberg in Wolfsburg, Frankfurt/New York 2018, S. 23-37.

[3] Zur neuen Dauerausstellung und ihrer Konzeption vgl. Martina Staats/Jens-Christian Wagner (Hg.). Recht. Verbrechen. Folgen. Das Strafgefängnis Wolfenbüttel im Nationalsozialismus, Göttingen 2019.