Christian Streit

Sowjetische Kriegsgefangene im Spiegel der wissenschaftlichen Forschung

Gedenkstättenrundbrief 197 S. 3-9

Das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen war in Deutschland eine Generation lang ein Tabuthema. Das war 1945 an sich nicht zu erwarten gewesen, denn Hunderttausende deutsche Soldaten waren Zeugen ihrer Behandlung geworden und Hunderttausende deutsche Zivilisten wussten um ihre Ausbeutung in der Kriegswirtschaft.

Die Verdrängung der Erinnerung an die furchtbaren Verbrechen der deutschen Seite hatte bereits während des Krieges begonnen. Der Angriffskrieg war im öffentlichen Bewusstsein in einen Verteidigungskrieg uminterpretiert worden, und die eigenen Verbrechen - soweit man sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte - wurden gegen tatsächliche oder angebliche Verbrechen der Alliierten aufgerechnet. Das Bild, das man vom Krieg im Osten hatte, war bestimmt von den enormen Verlusten, die die Wehrmacht dort erlitten hatte; von den Verbrechen, die Einheiten der Roten Armee beim Einmarsch in den deutschen Osten begangen hatten; von der Besatzungspolitik in der sowjetischen Zone; und, wohl am nachhaltigsten, vom traurigen Schicksal deutscher Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft. Der größte Teil der Überlebenden war bis 1949 zurückgekehrt. Ihre Berichte - in denen natürlich kein Vergleich zum Schicksal der sowjetischen Gefangenen gezogen wurde - schienen das alte nationalsozialistische Feindbild zu bestätigen und zu legitimieren. Unterstützt wurde dies noch dadurch, dass die Westalliierten bald die als Kriegsverbrecher verurteilten Generäle aus der Haft entließen, um die Beteiligung der ehemaligen Wehrmachtoffiziere an der Wiederbewaffnung zu erreichen.

In der scharfen Konfrontation der beiden Seiten wurde jede kritische Untersuchung des Krieges gegen die Sowjetunion als Unterminierung der eigenen Position, ja als Landesverrat angesehen. Jede Beschäftigung deutscher Historiker mit diesem brisanten Thema unterblieb. Stattdessen erschienen Dutzende von Divisionsgeschichten und andere Darstellungen, in denen der angeblich saubere und ehrenhafte Kampf der Wehrmacht gegen einen unmenschlichen Feind beschrieben wurde. In den 1950er-Jahren ging die Verdrängung über das bloße Vergessenwollen hinaus in das aktive Vergessenmachen. Deutlichstes Zeichen dafür sind die Versuche, die Denkmäler, die die Überlebenden der großen Gefangenenlager 1945 ihren toten Kameraden gesetzt hatten, zu beseitigen oder zumindest die Texte der Erinnerungstafeln zu "entschärfen".

So ist es wenig verwunderlich, dass die ersten Anstöße zu einer Darstellung des Schicksals der sowjetischen Gefangenen aus dem Ausland kamen. In Amerika und England veröffentlichten 1957 Alexander Dallin und 1960 Gerald Reitlinger Darstellungen über die deutsche Herrschaft in den besetzten sowjetischen Gebieten, die auch kurze Kapitel über die sowjetischen Gefangenen enthielten.[1] Wenig später, 1964, ­veröffentlichte der polnische Historiker Szymon Datner sein Buch Crimes Against POWs, in dem er stärker als Dallin und Reitlinger die Verantwortung der Wehrmacht betonte.[2]

Im gleichen Jahr entstand auch die erste wichtige deutsche Arbeit zu diesem Thema, eine Untersuchung von Hans-Adolf Jacobsen über den Befehl zur Erschießung der Politischen Kommissare der Roten Armee und über Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener durch SS-Einsatzkommandos.[3] Es ist durchaus bedeutsam, dass der Anstoß zu dieser Arbeit von außen gekommen war: sie entstand als Gutachten für den Auschwitz-Prozess in Frankfurt.

Aus der Rückschau kann man aber feststellen, dass um die Mitte der 1960er-Jahre ein Wandel der Forschungsinteressen begann. Eine bedeutende Rolle spielte dabei Andreas Hillgruber, der in seinem Buch Hitlers Strategie den Aspekt des Vernichtungskrieges unterstrich.[4] Die Wehrmacht als der "stählerne Garant" des nationalsozialistischen Systems - dies ein Begriff von Manfred Messerschmidt - rückte nun in das Forschungsinteresse einer jüngeren Historikergeneration.[5] Es waren dies einerseits Forscher wie Hans-Adolf Jacobsen, Andreas Hillgruber und Manfred Messerschmidt, die das Kriegsende als 20-Jährige erlebt hatten - nicht aus der Perspektive von Stabsoffizieren, sondern aus der Perspektive von Frontsoldaten, die "verheizt" wurden. Andererseits begannen nun Historiker zu forschen, die erst nach dem Krieg aufgewachsen waren und für die die Präformierungen und emotionalen Fixierungen der Kriegsgeneration keine Rolle mehr spielten. Prägende Erfahrungen waren für sie eher die Lektüre von William L. Shirers Aufstieg und Fall des Dritten Reiches[6] - eines Buches, das 1961 ähnliches Aufsehen erregte wie 1996 Daniel Goldhagens Hitlers willige Vollstrecker - oder der Auschwitz-Prozess in Frankfurt, der mit einem Schlag deutlich machte, dass ein großer Teil der Verbrechen der NS-Zeit weder bekannt noch gesühnt war.

Fairerweise muss man erwähnen, dass der Geschichtsschreibung über die NS-Zeit damals auch objektive Hindernisse entgegenstanden. Die deutschen Akten waren 1945 nach England und in die USA gebracht worden und für deutsche Forscher nicht zugänglich. Freilich hätte man schon die Nürnberger Dokumente verwenden können. Sie waren zwar aus dem Aktenzusammenhang gerissen und so für manche Fragestellungen nur bedingt aussagefähig, ermöglichten aber doch grundsätzliche Aussagen zu den wichtigsten Problemen.

Die deutschen Akten wurden während der 1960er-Jahre nach und nach an die Bundesrepublik zurückgegeben, die Wehrmachtakten zuletzt. Sie waren zunächst nur unter Schwierigkeiten verwendbar. Als ich 1969 und 1973 zum ersten Mal im Bundesarchiv-Militärarchiv arbeitete, waren die Akten fast vollständig zurückgegeben worden. Ein großer Teil - so gut wie alle Korps- und Divisionsakten - befand sich aber noch in den Transportkisten. Es gab fast keine Findbücher, die einzige Zugangsmöglichkeit waren die - sehr umfangreichen - Kataloge, die in den National Archives bei der Verfilmung der Akten hergestellt worden waren. Sie beschrieben knapp den Inhalt der Akten, ermöglichten aber keinen systematischen Zugang.

Mein Doktorvater, Werner Conze, der damals in Heidelberg den Lehrstuhl für Neuere Geschichte hatte, war im Ostkrieg Artillerieoffizier gewesen. Auch er hatte in den 1950er-Jahren eine scharf antikommunistische Haltung eingenommen, war dann aber Mitte der 1960er-Jahre einer der ersten, der für eine deutsch-sowjetische Aussöhnung plädierte. In einer Schrift über das deutsche-sowjetische Verhältnis sprach er die Probleme mit einer Deutlichkeit an, die sicher nicht dem Bild entspricht, das man heute - vor allem wegen einiger antisemitischer Elemente in einigen seiner Schriften in der NS-Zeit - von ihm hat:

"... die Frage war und ist peinlich, wofür denn [die] deutschen Soldaten gekämpft haben. Das führt zu den entscheidenden Fragen, durch die das deutsch-russische Verhältnis von Grund auf zerstört wurde: wie wurden die russischen Kriegsgefangenen, nachdem sie die Front verlassen hatten, behandelt und in den Lagern zum Massensterben gebracht? Wie wurden Land und Leute im besetzten Gebiet zugunsten der deutschen Kriegswirtschaft ausgesaugt? [...] die Soldaten [...] waren als Eroberer in ein friedliches Land eingefallen, um es in den fürchterlichsten Krieg zu stürzen, den Rußland je erlebt hat."[7]

Es ist bemerkenswert, dass sich zur gleichen Zeit ein weiterer Heidelberger Historiker, Erich Maschke, der sich im Nationalsozialismus wesentlich stärker als Conze kompromittiert hatte, sehr ähnlich äußerte. Er gab damals die Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges heraus. Diese Edition wird oft als das Werk von Kalten Kriegern angesehen, sowjetische und DDR-Historiker schmähten sie als finsteres revanchistisches Machwerk. Die Einleitung, die Maschke zu dem Band schrieb, der sich mit dem Hunger der deutschen Kriegsgefangenen beschäftigte,[8] steht diesem Bild jedoch entgegen. Maschke betont die Folgen, die der Verlust der wichtigsten agrarischen Überschussgebiete, die Ausbeutung durch die Deutschen, die Zerstörungen und die sowjetischen Menschenverluste für die Ernährungsmöglichkeiten der Sowjetunion hatten. Dabei geht er auch auf das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen ein. Während die Höhe der sowjetischen Menschenverluste nicht bekannt sei, lägen "genaue Zahlen über die sowjetischen Kriegsgefangenen vor, die in deutscher Hand während des Krieges gestorben sind". Er stützt sich dabei auf Alexander Dallin, "Deutsche Herrschaft in Rußland", 1958, bewegt sich also auf dem damaligen Stand der Wissenschaft. Er sagt, man könne "sich nicht mit dem Hunger der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und mit der großen Zahl derer, die dort starben, befassen, ohne zuvor diese Zahlen in ihrem ganzen Gewicht auf sich wirken zu lassen" und fährt fort:

"Legt man die amtlichen deutschen Zahlen bis zum 1. Mai 1944 zugrunde, so starben während des Zweiten Weltkrieges bis zu diesem Datum etwa 60 % der sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam. Während des Krieges fielen maximal 3½ Millionen deutsche Soldaten in sowjetische Hand. Von ihnen ist etwa eine Million gestorben, zu denen eine unbekannte Zahl der auf Transport Gestorbener kommt. Etwa ein Drittel der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion ist also gestorben, zum allergrößten Teil bis zum Jahr 1948, in dem sich die Sterblichkeitsrate normalisierte; es waren [...] beträchtlich weniger als die Zahl der sowjetischen Kriegsgefangenen, die während des Zweiten Weltkrieges in deutschem Gewahrsam starben. Die Zahl aller dieser Toten ist eine furchtbare und unvergeßliche Mahnung. Sie darf auch nicht vergessen werden, wenn in diesem Buch von den Leiden der deutschen Kriegsgefangenen unter dem Druck des jahrelangen Hungers gesprochen wird. Ebensowenig darf die Versorgung der deutschen Kriegsgefangenen geschildert werden, ohne zugleich die Versorgungslage der sowjetischen Bevölkerung zu beachten."[9]

Als Keine Kameraden 1978 erschien, hatte sich das politische Klima in der Bundesrepublik schon bedeutsam geändert.[10] Das Buch stieß sofort auf großes Interesse. Es wurde in allen großen Tages- und Wochenzeitungen und im Rundfunk fast ausschließlich positiv besprochen. Negative Reaktionen kamen vor allem von den Traditionsverbänden der Wehrmacht und aus der Rechtspresse. Der allgemeine Wandel im Forschungsinteresse zeigte sich daran, dass fast gleichzeitig weitere wichtige Arbeiten zum Ostkrieg publiziert wurden, die zu ähnlichen Ergebnissen wie ich kamen. Ich nenne die Arbeit über die SS-Einsatzgruppen von Helmut Krausnick und Hans-Heinrich Wilhelm, die Beiträge von Jürgen Förster und Rolf-Dieter Müller in Band 4 von Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg und die Arbeit von Alfred Streim über die sowjetischen Kriegsgefangenen.[11]

Die 1980er-Jahre brachten ein sprunghaftes Anwachsen der Zahl der Veröffentlichungen über die sowjetischen Kriegsgefangenen. Dazu trugen wiederum auch Anstöße von außen bei. Eine Bewegung in der evangelischen Kirche zur Aussöhnung mit der Sowjetunion führte zur Frage, was für einen Krieg Deutschland im Osten eigentlich geführt habe. Eine wichtige Rolle spielte auch ein Geschichtswettbewerb der Hamburger Körber-Stiftung, bei dem viele Hundert Schüler lokal Kriegsalltag und Naziherrschaft erforschten und so vielerorts auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen in Erinnerung brachten. Es waren nicht zuletzt diese Schülerarbeiten, die einige Monografien zu einzelnen Gefangenenlagern anregten, u.a. über das Stalag 326 Senne-Stukenbrock und Stalag XB Sandbostel.[12] Bald erschienen auch Arbeiten über die Lager im Emsland und die Stalags Bergen-Belsen, Fallingbostel-Oerbke und Wietzendorf in der Lüneburger Heide.[13]

Die 1990er-Jahre brachten eine ganz erhebliche Ausweitung der zur Verfügung stehenden Quellen. Die Akten im Bundesarchiv und in den Regionalarchiven waren inzwischen sehr gut erschlossen. Jetzt konnten auch die Gerichtsakten aus den Verfahren gegen das Personal der SS-Mordkommandos und Kommandanten der Kriegsgefangenenlager verwendet werden. Nun standen auch die bis dahin in der DDR unzugänglichen Akten zur Verfügung. Vor allem aber bot der Zusammenbruch der UdSSR mit der vorübergehend relativ weiten Öffnung der Archive den Historikern völlig neue Chancen. Die Entdeckung und Erschließung von Hunderttausenden von Personalkarten von Gefangenen in russischen Archiven, bei der Reinhard Otto Pionierarbeit leistete, ermöglichte den Aufbau von Datenbanken, damit u.a. eine genauere Erforschung der Sterblichkeit in einzelnen Lagern, aber auch die Klärung von Einzelschicksalen. Der Gedenkstättenarbeit eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten. In Archiven in Russland, Weißrussland und der Ukraine wurden von der Roten Armee erbeutete deutsche Akten zugänglich. Wiederum regte auch ein wichtiger Anstoß von außen weitere Forschungen an: die beiden sogenannten Wehrmachtausstellungen, die auch das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen zum Thema machten. Der sehr sorgfältig gemachte Begleitband zur zweiten Ausstellung bietet neben einer guten Darstellung der wesentlichen Aspekte auch eine Vielzahl wichtiger Quellen.[14]

Die Forschung ist seither ganz erheblich ausgeweitet worden und hat unser Wissen in vieler Hinsicht bedeutsam erweitert. Für das Reichsgebiet entstanden weitere Monografien und Aufsätze über einzelne Lager, genannt sei z.B. Jörg Osterlohs Arbeit über das Stalag 304 Zeithain.[15] Reinhard Otto hat die Zusammenarbeit von Wehrmacht und Gestapo bei den "Aussonderungen" der sogenannten "politisch untragbaren" Gefangenen, die 1941/42 zur Ermordung von etwa 35 000 sowjetischen Gefangenen führten und bis 1945 Zehntausende weitere in die KZ brachten, sehr weitgehend geklärt.[16] Mit einer Untersuchung über Behandlung und Arbeitseinsatz der Gefangenen im Reichsgebiet 1941/42 hat Rolf Keller gezeigt, dass sie entgegen früheren Annahmen von Anfang an zu Arbeiten in der Wirtschaft eingesetzt wurden, dass also wirtschaftliche Zwänge bereits im Sommer 1941 zu einer Aufweichung der von Hitler geforderten rigorosen Abschottung der deutschen Bevölkerung von den sowjetischen Gefangenen führten.[17]

Sieht man eine Karte des Lagersystems an, so sind gegenüber den 1990er-Jahren die weißen Flecken kleiner geworden. Die Geschichte der Lager in Norddeutschland und in den neuen Bundesländern ist weitgehend erforscht. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Arbeiten, die in Verbindung mit den Stiftungen Niedersächsische und Sächsische Gedenkstätten entstanden. Nach wie vor sind aber die Lager im Süden Deutschlands schlechter erforscht. Zu den Lagern in Schlesien - wenn man vom Stalag Lamsdorf absieht[18] -, in Pommern und Ostpreußen, im besetzten Polen und in den besetzten sowjetischen Gebieten gibt es, soweit mir bekannt ist, keine Einzelforschungen.

Für die besetzten sowjetischen Gebiete bieten die Arbeiten zur Besatzungspolitik einen gewissen Ersatz, die auf der Basis der besseren Forschungsmöglichkeiten nach 1990 entstanden, sie enthalten wichtige Kapitel über die Kriegsgefangenen. Christian Gerlachs Kalkulierte Morde führte weit über das vorher Bekannte hinaus, nicht nur, was die Behandlung der Kriegsgefangenen in Weißrussland betrifft.[19] Er arbeitete deutlicher als bis dahin möglich die ernährungspolitischen Motive heraus, die zum Massensterben führten. Seine grundlegende Feststellung, die deutsche Führung habe schon während der Planung in der Unterversorgung der Gefangenen eine notwendige Voraussetzung für den Sieg gesehen, ist bestens belegt. Dass Gerlach von einem Mord an den sowje­tischen Kriegsgefangenen spricht, ist von einigen scharf kritisiert worden. Er tut dies aber nicht unbegründet. Auch wenn Deutschland nicht durch das Genfer Kriegsgefangenenabkommens von 1929 gebunden war, war es doch durch das Allgemeine Kriegsvölkerrecht verpflichtet, die sowjetischen Gefangenen menschlich zu behandeln und ausreichend zu ernähren. Im September 1941 entschieden aber Göring, Backe und die Heeresführung, nur diejenigen Gefangenen zu ernähren, die für Deutschland arbeiteten - und auch sie nur mit Hungerrationen. Diese Entscheidung bedeutete, dass man den nicht Arbeitsfähigen vorsätzlich die Lebensgrundlage entzog und ihren Tod billigend in Kauf nahm - das kann man als Mord bezeichnen. Über die Konsequenzen war man sich jedenfalls klar - Göring rechnete mit dem "größte[n] Massensterben seit dem dreißigjährigen Krieg".[20]

Im Münchner Institut für Zeitgeschichte entstand als Reaktion auf die erste Wehrmachtausstellung das Projekt "Wehrmacht in der nationalsozialistischen Diktatur". Die vier Bände, die die Rolle der Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion untersuchen - z.B. Dieter Pohls Die Herrschaft der Wehrmacht, Johannes Hürters Hitlers Heerführer und Christian Hartmanns Wehrmacht im Ostkrieg - enthalten ebenfalls Kapitel über die Behandlung der sowjetischen Gefangenen im Operationsgebiet des Heeres und in den Reichskommissariaten Ostland und Ukraine, die die Forschung weiter vorangebracht haben.[21]

Für Litauen enthält Christoph Dieckmanns umfangreiche Darstellung der Besatzungspolitik auch ein ausführliches Kapitel über die dortigen Kriegsgefangenenlager.[22]

Wegen der "Aussonderungen" von Zehntausenden jüdischer und anderer "untragbarer" Gefangener in den besetzten sowjetischen Gebieten sind auch die Darstellungen der Morde der SS-Einsatzgruppen wichtig. Hier bietet vorläufig nur Andrej Angricks Arbeit über die Einsatzgruppe D einen wichtigen Beitrag.[23]

Die sowjetischen Kriegsgefangenen erlitten nach den Juden das schlimmste Schicksal im Zweiten Weltkrieg, und das nicht nur wegen ihrer Gefangenschaft in deutscher Hand. Ihre Leiden setzten sich nach der Repatriierung fort, denn die große Mehrheit blieb weiter in Unfreiheit. Da die Kriegsgefangenen nach Ansicht Stalins Verräter waren, wurden diejenigen, die nicht nachweisen konnten, dass sie verwundet und hilflos in Gefangenschaft geraten waren, in Lagerhaft im Archipel Gulag oder andere Formen der Zwangsarbeit überführt. Über das Nachkriegsschicksal der Gefangenen sind wir inzwischen durch die Untersuchungen von Pavel Polian und Ulrike Goeken-Haidl besser informiert.[24]

Erfreulicherweise sind inzwischen auch zwei Quelleneditionen veröffentlicht worden. Rolf Keller und Silke Petry haben eine Sammlung sehr aussagekräftiger Quellen zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der sowjetischen Gefangenen in Norddeutschland zusammengestellt.[25] Der fast 1000 Seiten starke Band Rotarmisten in deutscher Hand, herausgegeben von Rüdiger Overmans, Andreas Hilger und Pavel Polian, ist zweifellos eine der wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Jahre, denn die gedruckten Quellen umfassen das "gesamte Spektrum der Kriegsgefangenenpolitik" und wesentliche Aspekte der Repatriierung der sowjetischen Gefangenen.[26] Den letzten Teil hätte man sich etwas umfangreicher gewünscht, denn es fehlen die Dokumente, die erklären würden, weshalb die ehemaligen Kriegsgefangenen während der Entstalinisierung nur amnestiert, nicht aber rehabilitiert wurden und bis über das Ende der Sowjetunion hinaus geächtet blieben.

Inzwischen steht mit Erinnerungen ehemaliger Gefangener auch ein ganz anderer Quellenkorpus zur Verfügung. Nachdem die ehemaligen Kriegsgefangenen im Rahmen der Zwangsarbeiterentschädigung von Leistungen ausgeschlossen worden waren, sammelte der Berliner Verein KONTAKTE-KOHTAKTbI Gelder, um ihnen wenigstens eine symbolische Entschädigung zukommen zu lassen. Bis 2017 konnte der Verein aus 3,8 Millionen Euro Spendengeldern etwa 7400 ehemalige Gefangene unterstützen. Viele von ihnen reagierten mit Dankschreiben, in denen sie auch über ihr Schicksal berichteten. Ein Teil dieser Briefe steht im Internet, und Dmitri Stratievski hat diese Selbstzeugnisse in einer Dissertation ausgewertet.[27]

Der Umfang der Spendengelder lässt darauf schließen, dass sich in den letzten dreißig Jahren die Erinnerung zum Positiven verändert hat. Den gleichen Schluss würde ich aus der Tatsache ziehen, dass sich 2015 im Bundestag eine Mehrheit dafür fand, den noch lebenden ehemaligen Kriegsgefangenen eine symbolische Entschädigung von 2500 Euro zukommen zu lassen, nachdem vorher entsprechende Anträge stets abgelehnt worden waren.

Dr. Christian Streit, Oberstudienrat a.D.; seine Doktorarbeit "Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945", Stuttgart 1978, 4. Aufl. Bonn 1997, gilt als Standardwerk zur Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen; 1999/2000 Mitglied der Kommission zur Überprüfung der sogenannten "Wehrmachtausstellung".


[1] Dallin, Alexander. Deutsche Herrschaft in Rußland 1941-1945, deutsch Düsseldorf 1958; Reitlinger, Gerald, Ein Haus auf Sand gebaut. Hitlers Gewaltpolitik in Rußland 1941-1944, deutsch Hamburg 1962.

[2] Datner, Szymon. Crimes Against POWs. Responsibility of the Wehrmacht, Warschau 1964.

[3] Jacobsen, Hans-Adolf. "Kommissarbefehl und Massenexekutionen sowjetischer Kriegsgefangener" in: Anatomie des SS-Staates, Bd. 2, Taschenbuchausgabe München 1967.

[4] Hillgruber, Andreas. Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941, Frankfurt 1965.

[5] Messerschmidt, Manfred. Die Wehrmacht im NS-Staat, Hamburg 1969.

[6] Shirer, William L.. Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, Köln 1961; Goldhagen, Daniel Jonah, Hitlers willige Vollstrecker: Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.

[7] Conze, Werner. Das deutsch-russische Verhältnis im Wandel der modernen Welt, Göttingen 1967, S. 54 f.

[8] "Die Verpflegung der deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion im Rahmen der sowjetischen Ernährungslage" in: Hedwig Fleischhacker, Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Der Faktor Hunger = Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges, hrsg. v. Erich Maschke, Bd. III, München 1965, S. IX-XXXVIII.

[9] A.a.O., S. XII f.

[10] Streit, Christian. Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen, Stuttgart 1978 (4. Aufl. Bonn 1997).

[11] Krausnick, Helmut; Wilhelm, Hans-Heinrich. Die Truppe des Weltanschauungskrieges. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD 1938-1942, Stuttgart 1981; Förster, Jürgen, "Das Unternehmen Barbarossa als Eroberungs- und Vernichtungskrieg" und "Die Sicherung des 'Lebensraumes'" in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, Stuttgart 1983; Müller, Rolf-Dieter, "Von der Wirtschaftsallianz zum kolonialen Ausbeutungskrieg" und "Das Scheitern der wirtschaftlichen 'Blitzkriegsstrategie'", in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, Stuttgart 1983; Streim, Alfred, Die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener im "Fall Barbarossa". Eine Dokumentation, Heidelberg 1981.

[12] Pieper, Volker; Siedenhans, Michael. Die Vergessenen von Stukenbrock, Bielefeld 1988; Karl Hüser, Reinhard Otto, Das Stammlager 326 (VI K) Senne 1941-1945, Bielefeld 1992; Werner Borgsen; Klaus Volland, Stalag X B Sandbostel, Bremen 1991.

[13] Keller, Rolf. "'Die kamen in Scharen hier an, die Gefangenen.' Sowjetische Kriegsgefangene, Wehrmachtsoldaten und deutsche Bevölkerung in Norddeutschland 1941/42", in: Rassismus in Deutschland. Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 1, Bremen 1994.

[14] Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941-1944, 2002.

[15] Osterloh, Jörg. Ein ganz normales Lager. Das Kriegsgefangenenmannschaftsstammlager 304/IV H Zeithain bei Riesa in Sachsen, Leipzig 1997.

[16] Otto, Reinhard. Wehrmacht, Gestapo und sowjetische Kriegsgefangene im deutschen Reichsgebiet 1941/42, München 1998.

[17] Keller, Rolf. Sowjetische Kriegsgefangene im Deutschen Reich 1941/42. Behandlung und Arbeitseinsatz zwischen Vernichtungspolitik und kriegswirtschaftlichen Zwängen, Göttingen 2011.

[18] Nowak, Edmund. Lager in Lamsdorf/Łambinowice (1870-1946), Opole 2009.

[19] Christian, Gerlach. Kalkulierte Morde. Die deutsche Wirtschafts- und Vernichtungspolitik in Weißrußland 1941-1944. Hamburg, 1999.

[20] Müller, Rolf-Dieter. "Das Scheitern der wirtschaftlichen 'Blitzkriegsstrategie'", in: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg, Bd. 4, Stuttgart 1983. S. 1007.

[21] Pohl, Dieter. Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944, München 2008; Hürter, Johannes, Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941/42, München 2006; Hartmann, Christian, Wehrmacht im Ostkrieg. Front und militärisches Hinterland 1941/42, München 2009.

[22] Dieckmann, Christoph. Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941-1944, Göttingen 2016.

[23] Angrick, Andrej. Besatzungspolitik und Massenmord. Die Einsatzgruppe D in der südlichen Sowjetunion 1941-1943, Hamburg 2003.

[24] Polian, Pavel. Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im "Dritten Reich" und ihre Repatriierung, München 2001; Goeken-Haidl, Ulrike, Der Weg zurück. Die Repatriierung sowjetischer Zwangsarbeiter und Kriegsgefangener während und nach dem Zweiten Weltkrieg, Essen 2006.

[25] Keller, Rolf; Petry, Silke. Sowjetische Kriegsgefangene im Arbeitseinsatz 1941-1945. Dokumente zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen in Norddeutschland, Göttingen 2013.

[26] Overmans, Rüdiger; Hilger, Andreas; Polian, Pavel in Zusammenarbeit mit Reinhard Otto und Christian Kretschmer (Hrsg.). Rotarmisten in deutscher Hand. Dokumente zu Gefangenschaft, Repatriierung und Rehabilitierung sowjetischer Soldaten des Zweiten Weltkrieges. Schöningh 2012.

[27] Die Website von KONTAKTE-KOHTAKTbI mit den Briefen ehemaliger sowjetischer Gefangener:

kontakte-kontakty.de/freitagsbriefe; Stratievski, Dmitri, Sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft: Menschenschicksale in Selbstzeugnissen, Berlin 2015.