Christa Niclasen

»Stein – Denkstein – Denk-mal… an jüdische Mitbürger«

Gedenkstättenrundbrief 116 S. 28-32

Die Löcknitz-Grundschule in Berlin-Schöneberg

Seit 1994 entsteht auf dem Grundstück der Löcknitz-Grundschule im Berliner Bezirk Tempelhof/Schöneberg ein Denk-mal für jüdische Mitbürger des Bezirks Schöneberg, die in Konzentrationslagern gewaltsam zu Tode gekommen sind. Als historisches Grundlagenmaterial stellt das Kunstamt den Schülerinnen und Schüler Listen aller ehemaligen jüdischen Mitbürger des Bezirks nach Straßen und Hausnummern geordnet zur Verfügung.

Die Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen suchen sich aus diesen Listen Namen von Mitbürgern heraus, zu denen sie spontan eine besondere Beziehung nach dem Alter, dem Geburtstag, dem Namen oder der Adresse aufbauen können. Sie beschriften einen Denk-Stein mit diesem Namen und fügen ihn in einer kleinen Feier der Denksteinsammlung hinzu.

 

Fächer und Methoden

• Fächer: Deutsch, Geschichte, Mathematik, Kunst, Musik, Religion, Lebenskunde

• Fächerübergreifende Arbeitsgemeinschaften und Projektgruppen

• Lokalgeschichte recherchieren

• Archivarbeit

• Zeitzeugen begegnen

• Gestaltung eines Denk-mals.

 

Der geschichtliche Hintergrund

Das Bayerische Viertel in Berlin-Schöneberg wurde zu Beginn des Jahrhunderts auch »Jüdische Schweiz« genannt, denn es war ein Zentrum jüdischen Lebens. Anfang der dreißiger Jahre lebten etwa 16 000 Juden und Jüdinnen im Umkreis der Löcknitz-Grundschule. Auf dem heutigen Gelände der Schule wurde 1910 die jüdische Synagoge Münchener Straße 37 eingeweiht. Sie bildete das Zentrum jüdischen Lebens im Bayerischen Viertel. Die Synagoge wurde am 9. November 1938 kaum beschädigt, fiel aber den Bombenangriffen während des Zweiten Weltkrieges weitgehend zum Opfer und wurde 1956 endgültig abgerissen. Heute steht der Schulpavillon an der Stelle der Synagoge. Seit 2003 sind die Eckpunkte der Synagoge auf dem Schulgelände dauerhaft sichtbar gemacht.

An der Hecke in der Münchener Straße, die an das Schulgebäude grenzt, steht ein Denkmal des Bezirks zur Erinnerung. Seit 1993 sind die Straßen des Einzugsbereichs der Schule gesäumt von Schildern, die von den gesetzlichen Repressalien bzw. der Judenverfolgung berichten.

Hieraus ergibt sich die besondere Bindung der Schule an diesen schrecklichen Abschnitt unserer Geschichte. Teil der Unterrichtseinheit »Nationalsozialismus« in der 6. Klasse ist daher immer wieder die altersgemäße intensive Beschäftigung mit dem Schicksal der jüdischen Mitbürger. Zeitzeugen berichten von ihren Erlebnissen im Unterricht, auf Unterrichtsgängen werden die Erinnerungsschilder erarbeitet, Klassen nehmen an der jährlichen Kranzniederlegung des Bezirks teil und besuchen die Ausstellungen und Unterrichtsangebote des Heimatmuseums, der Synagogen und des Jüdischen Museum Berlins.

 

Das Denk-mal wächst

Im Schuljahr 1994/95 entstand im Rahmen einer Unterrichtseinheit zum Thema Nationalsozialismus in einer 6. Klasse die Idee, ein Denk-mal für jüdische Mitbürger des Bezirks Schöneberg auf unserem Schulgelände zu errichten. Seitdem beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler jedes Jahr zunächst intensiv mit Listen des Schöneberger Heimatmuseums, in denen mehr als 6.000 Namen jüdischer Mitbürger des Bezirks Schöneberg aufgezeichnet sind, die durch den Nationalsozialismus den Tod fanden. Jede Schülerin und jeder Schüler sucht sich aus diesen Listen den Namen eines damaligen jüdischen Mitbürgers heraus, dem ein Stein gewidmet werden soll. Ob dabei Bezugspunkte zum Namen, zum Alter, zum Geburtsdatum oder zur Straße und Hausnummer von der jeweiligen Schülerin bzw. dem Schüler gewählt wird, ist ihnen völlig freigestellt. Jedes Kind der Klasse gedenkt eines Menschen, indem der Name und das Todesdatum auf einen Mauerstein geschrieben wird.

Die Schülerinnen und Schüler entwickeln bei der Beschäftigung mit den Listen des Heimatmuseums ein großes Interesse und eine hohe Sensibilität, gerade auch gegenüber ihren ausländischen Mitschülern, die wie selbstverständlich ebenfalls an dieser Aktion teilnehmen.

Viele Schüler versuchen in den entsprechenden Häusern noch etwas von »ihrem jüdischen Mitbürger« zu erfahren, haben sie Erfolg, berichten sie mit Engagement und teilweiser offener Bestürzung. Als zusätzliche Idee der Schülerinnen und Schüler, die zum größten Teil die Häuser ihres Mitbürgers besuchten, entstand eine ständige Ausstellung im Schulgebäude. Sie zeigt die Fotos von Wohnhäusern im Schulbezirk, in denen jüdische Mitbürger gelebt haben.

In den jährlichen Gedenkfeien, an denen zunehmend mehr Personen der Öffentlichkeit teilnehmen, sprechen die Kinder über »ihren Mitbürger«:.»Ich denke an…,

• weil er genauso hieß wie ich und am… im Konzentrationslager in Auschwitz umkam

• weil sie in meinem Haus wohnte und am… im Konzentrationslager in Auschwitz umkam

• weil sie am gleichen Tag wie ich Geburtstag hat… und…

• weil er nur 2 Jahre alt geworden ist… und…

• weil sie so heißt wie meine Schwester… und…

• weil er an meinem Geburtstag umkam…

• weil sie an meinen Geburtstag genau 117 Jahre alt gewesen wäre… und…

Schülerinnen und Schüler der 5. Klassen, die an der Feierstunde teilnehmen, äußern während der Erarbeitung der Unterrichtseinheit in ihrer Klasse wiederum das Interesse, diese Aktion fortzuführen.

Die anerkennenden Berichte der Tagespresse erfreuen die Schülerinnen und Schüler und unterstützen ihr Bemühen, soviel wie möglich über die Zeit des Nationalsozialismus zu erfahren.

In einer ausgedehnten Unterrichtseinheit beschäftigen sich die Klassen sehr intensiv mit dem Thema Judenverfolgung. Die Schülerinnen und Schüler untersuchen in diesem Zusammenhang die Schulchronik der Jahre 1931 bis 1939, in der sich die Auswirkungen der politischen Entwicklungen auf das Schulleben widerspiegeln.

Inzwischen unterhält die Schule zudem zahlreiche Kontakte zu Zeitzeugen aus dem In- und Ausland, die wir regelmäßig zu Gesprächen mit den Kindern einladen.

Der Einladung zu unserer Gedenksteinniederlegung im Jahr 1997 folgte u. a. Ignatz Bubis, ehemaliger Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die Schülerinnen und Schüler bereiteten sich intensiv auf diesen Besuch vor und stellten Fragen zusammen, die sie Herrn Bubis in einer im Radio übertragenen Gesprächsrunde stellten. In seiner Ansprache würdigte Herr Bubis die Arbeit der Schule mit bewegenden Worten: »…Namen spielen im Judentum eine ganz große Rolle. Eine solche Mauer mit Namen, an denen sich jeder fest machen kann, hat eine besondere Bedeutung.« Er wies die Schüler auf ein jüdisches Sprichwort hin, das die Schülerinnen und Schüler unbewusst zum Leitmotiv ihrer Projektarbeit gemacht hatten: »Menschen, die man vergisst, sterben ein zweites Mal.«

 

Das Denk-mal lebt

Das Denk-mal befindet sich am Rand unserer Gymnastikwiese unter Bäumen und ist für die Schülerinnen und Schüler jederzeit präsent. Eltern, die die Schule besuchen, nutzen oft die Gelegenheit, sich dieses aus dem Unterricht entstandene Projekt anzuschauen. Inzwischen kommen auch Schulklassen aus anderen Bezirken und Schulen, um sich über das Denk-mal zu informieren. Oft werden sie dann von den Schülerinnen und Schülern der 6. Klassen bei ihrem Rundgang begleitet.

Das Denk-mal-Projekt, das auf Wunsch der Kinder seit 1994 jedes Jahr weitergeführt wird, brachte in den vergangenen Schuljahren auch noch weitere »Steine ins Rollen«: So machte eine 6. Klasse des Schuljahres 1998 den Grundriss der ehemaligen Synagoge Münchener Straße auf dem Schulhof sichtbar und stellte für die Besucherinnen und Besucher der Gedenksteinniederlegung Informationen zusammen, die die Geschichte der Synagoge zusammenfassten.

Für dieses Projekt erhielt die Löcknitz-Grundschule vom Anne-Frank-Institut in Berlin-Mitte den Edith-Wolff-Preis.

Die Parallelklasse rekonstruierte im gleichen Schuljahr auf der Grundlage historischer Vorlagen den Innenraum der Synagoge und baute ein Modell, das dauerhaft im Schulgebäude zu sehen ist.

Eine Arbeitsgruppe richtete mit Hilfe von unzähligen Spenden eine originalgetreue Museumsküche der Kriegs- und Nachkriegszeit als be-greifbaren authentischen Gruppenraum ein.

Eine Gruppe führte mit der Autorin Rosemarie Köhler das Projekt »Kochen wie in Kriegszeiten« durch. Schülerinnen und Schüler der 6. Klassen leiten jedes Jahr als Experten zu ihrem Thema eine Arbeitsgruppe an der Staatlichen Fachhochschule für Erzieher anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz. Beim Grundschulforum 2002 leiteten sie eine Arbeitsgruppe Erwachsener völlig selbstständig.

Konfliktlotsen der 6. Klassen lösen die wenigen auftretenden Konflikte unter den Schülern verbal und mit Hilfe von sogenannten Verträgen.

Im November 2002 erhielt die Löcknitz-Grundschule einen Anerkennungspreis der Ausländerbeauftragten des Senats von Berlin.

Im Juni 2003 wurde der 500. Stein gelegt. Das Projekt erhielt einen bundesweiten Anerkennungspreis von »Demokratisch Handeln« und eine Gruppe von Kindern nahm an einem viertägigen Seminar in Leipzig teil.

Aus der spontanen Projektidee des Denk-mals entwickelte sich so an unserer Schule eine fortlaufende Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus, die die Schülerinnen und Schüler handlungsorientiert und altersgemäß behutsam an die Problematik der Judenvernichtung heranführt. Sie sensibilisiert sie durch emotionale Bindung an einen ehemaligen Mitbürger für die unmenschlichen Gewalttaten der Hitlermacht und trägt vielleicht dazu bei, ein Bewusstsein für Gewaltfreiheit und demokratisches Denken und Handeln zu entwickeln.

Auch die zahlreich aus dieser Unterrichtseinheit entstandenen fächerübergreifenden Projekte haben dazu geführt, dass Diskriminierung und Gewalt an unserer Schule so gut wie gar nicht existieren, Toleranz und Akzeptanz, soziales Miteinander und gegenseitige Achtung inzwischen zum täglichen Schulalltag gehören. 

 

Niclasen, Christa, Waltraud Hardtke, Ulrike Ulmer, Gisela Vendovszky:

»Stein – Denkstein – Denk-mal… an jüdische Mitbürger« Domino-Verlag: München 1998.

Hrsg. Kunstamt Schöneberg: Orte des Erinnerns Band 1 und 2, Edition Hentrich 1994

Niclasen, Christa: Denk-mal an jüdische Mitbürger, Eigendokumentation 1994.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund116_28-32.pdf)