Andreas Froese

Todesmarschverbrechen – Die neue Dauerausstellung »Gardelegen 1945«

Gedenkstättenrundbrief 200 S. 3-17

"Das Massaker und seine Nachwirkungen"
im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen

Andreas
Froese

Mit der Fertigstellung der neuen Dauerausstellung wurde die Errichtung eines Dokumentationszentrums in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen nach fünfjähriger Planungs-, Forschungs- und Projektarbeit erfolgreich abgeschlossen[1]. Die feierliche Eröffnung des Gebäudes zusammen mit der neuen Ausstellung zum Internationalen Tag der Demokratie am 15. September 2020 durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff und die anschließende Freigabe des vollendeten Neubaus für das Besuchspublikum sind nicht nur Meilensteine für die Gedenkstättenarbeit im Bundesland Sachsen-Anhalt. Sie machen auch auf die bundesweite und internationale Bedeutung der Gedenkstätte Gardelegen aufmerksam, die sich als ein überregionaler Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsort in besonderer Weise dem thematischen Schwerpunkt der nationalsozialistischen Todesmarsch- und Endphaseverbrechen im europäischen Kontext widmet. Zugleich würdigen sie das dem Bau- und Ausstellungsvorhaben vorausgegangene Engagement vieler Menschen aus der Zivilgesellschaft vor Ort, die sich bereits seit Jahrzehnten beherzt für die lokale und regionale Erinnerungskultur in der Altmark einsetzen.

Das Massaker von Gardelegen

Die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen im nördlichen Sachsen-Anhalt zählt bundesweit zu den wichtigsten Erinnerungsorten für die Geschichte der nationalsozialistischen Todesmärsche und der sogenannten Endphaseverbrechen. Sie erinnert an das Massaker vom 13. und 14. April 1945, bei dem 1016 KZ-Häftlinge wenige Wochen vor dem offiziellen Kriegsende in einer Scheune des Gutes Isenschnibbe vor den Toren der Hansestadt Gardelegen ermordet wurden. Es handelte sich um ein Todesmarschverbrechen, das noch wenige Stunden vor dem Eintreffen der US-amerikanischen Truppen begangen wurde. Der Rückblick auf die Geschichte dieses Massakers liefert exemplarische Erkenntnisse zu den Handlungs- und Entscheidungsräumen unterschiedlicher Akteure und Gruppen in lokalen NS-Tatgemeinschaften im Zusammenhang mit den Räumungstransporten und Todesmärschen von KZ-Häftlingen kurz vor dem Kriegsende 1945. Zudem bietet er Erkenntnisse zur wechselhaften Einordnung von Todesmarschverbrechen in der Erinnerungskultur nach 1945 über viele Jahrzehnte hinweg bis in die Gegenwart.

Anfang April 1945 räumte die SS das Konzentrationslager Hannover-Stöcken - ein Außenlager des KZ Neuengamme - und mehrere Außenlager des KZ Mittelbau-Dora im Harz vor den heranrückenden alliierten Truppen. Transportzüge brachten von dort Tausende Häftlinge in die Altmark-Region. An den beiden Bahnhöfen der Ortschaften Mieste und Letzlingen bei Gardelegen kamen die Züge ungeplant zum Stehen. Wegen der bereits zerstörten Gleisanlagen konnten sie ihre Fahrt nicht fortsetzen. Die Angehörigen der Wachmannschaften von SS und Wehrmacht, die diese Bahntransporte begleiteten, zwangen die KZ-Häftlinge, die restlichen Kilometer bis nach Gardelegen zu Fuß zurückzulegen. Unterwegs ermordeten sie diejenigen Häftlinge, die mit dem Tempo dieser Todesmärsche nicht mehr Schritt halten konnten. Weitere Häftlinge starben an Entkräftung und Unterversorgung, infolge von Misshandlungen durch das Wachpersonal oder durch die Mitwirkung des Volkssturms, der Hitlerjugend und Zivilisten entlang der Wegstrecke.

In Gardelegen angekommen, trieben die Wachleute die Häftlinge zunächst in die Reithalle der Remonteschule: eine Kavalleriekaserne im Stadtgebiet, deren Soldaten das Gebäude schon fast vollständig vor der nahenden Front der US-amerikanischen Truppen geräumt und verlassen hatten. Von dort aus wurden die Häftlinge am Abend des 13. April 1945 auf einen Gewaltmarsch zur nahegelegenen Feldscheune des Gutes Isenschnibbe am Stadtrand gezwungen. Unter Beteiligung von SS- und Wehrmachtsangehörigen, des Reichsarbeitsdienstes, des Volkssturms und weiterer lokaler NS-Organisationen trieben sie die Häftlinge in die Scheune, setzten den Innenraum des Gebäudes in Brand und verriegelten von außen die Tore. Zuvor war das Stroh auf dem Fußboden mit Benzin übergossen worden. Häftlinge, die aus der brennenden Scheune zu fliehen versuchten, wurden erschossen. Nur wenige entkamen diesem Massenmord, der bis tief in die Nacht hinein andauerte.

Wenige Stunden nach diesem Verbrechen, am Abend des 14. April 1945, erreichten die Truppen der 102. US-Infanteriedivision Gardelegen und nahmen die Stadt ein. Am darauffolgenden Tag entdeckten sie den Tatort des Massakers in der Feldscheune. Mit ihrer Ankunft in Gardelegen hatten sie den Versuch der beteiligten Tätergruppen, der städtischen Feuerwehr und des Technischen Notdienstes verhindert, die Spuren des Massenmordes zu beseitigen. Diese hatten noch im Laufe des 14. April 1945 mit dem Ausheben eines Grabens neben der Feldscheune begonnen, in dem sie die Leichen der Ermordeten ohne Kennzeichnung verscharren wollten. General Frank A. Keating, der Oberbefehlshaber der 102. US-Infanterie-Division, ordnete eine Exhumierung und würdige Bestattung der Ermordeten durch die männliche Bevölkerung der Stadt an. Unweit der Scheune ließ er einen Friedhof mit Einzelgräbern und weißen Holzkreuzen für die Opfer anlegen. Nur 305 der 1016 Opfer des Massakers konnten identifiziert werden. Die übrigen wurden mit der Aufschrift "Unbekannt" beigesetzt. Eine Hinweistafel erklärte das Gräberfeld offiziell zum militärischen Ehrenfriedhof. Sie verpflichtete die Bevölkerung der Stadt, die Gräber und das Andenken an die Ermordeten dauerhaft zu erhalten und zu pflegen. Auf Schändungen der Ruhestätte drohte die alliierte Militärverwaltung Strafen an.

Auch an der offiziellen Begräbnisfeier mit militärischen Ehren am 25. April 1945 musste die Einwohner der Stadt auf US-Anordnung teilnehmen. In seiner Ansprache konfrontierte Oberst George P. Lynch, Stabschef der 102. US-Infanteriedivision, die lokale Bevölkerung mit ihrer Verantwortung: "Einige werden sagen, die Nazis seien für dieses Verbrechen verantwortlich. Andere werden auf die Gestapo verweisen. Aber die Verantwortung liegt bei keinem von beiden - es ist die Verantwortung des deutschen Volkes." Die Erschütterung der US-amerikanischen Truppen über das Massaker in der Feldscheune lässt sich anhand ihrer unmittelbar nach der Entdeckung des Tatorts erstellten Foto- und Filmaufnahmen zur Dokumentation der Spuren dieses Verbrechens und anhand ihrer medialen Nutzung im Rahmen der re-education policy von US-Seite gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung ablesen.

Die Gedenkstätte am historischen Ort

Der offizielle Status des militärischen Ehrenfriedhofes und die Verpflichtung der lokalen Bevölkerung zur Grabpflege galten in Gardelegen auch nach dem Wechsel von der amerikanischen zur sowjetischen Militärverwaltung ab Juli 1945 weiter. Während die US-Truppen anfangs einzelnen lokalen Familien die konkrete Pflegeverantwortung für eines der Ehrengräber auferlegt hatten, gingen die organisatorische und finanzielle Durchführung der Pflegearbeiten in den darauffolgenden Jahren allmählich auf die kommunalen Behörden über. Die baulichen Überreste der beim Massaker zerstörten Feldscheune am Tatort des Massakers verwilderten zunehmend und wurden von der Bevölkerung als inoffizieller Steinbruch genutzt. Bis Ende der 1940er-Jahre befand sich die Ruine der Scheune in einem verwahrlosten Zustand.

Das rief ab Herbst 1949 Akteure der lokalen SED auf den Plan, in das ungepflegte Erscheinungsbild des historischen Tatortes vor den Toren der Stadt Gardelegen einzugreifen. Die Ruine der noch vorhandenen Scheune wurden abgetragen und bis 1953 zu einer weithin sichtbaren Gedenkmauer aufgearbeitet. Optisch deutet sie ein Teilstück der ursprünglichen Außenfassade des einstigen Scheunengebäudes an, von dem heute nur noch einige wenige Reste der Grundmauern und Teile des Estrichs erhalten sind. In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen weitere bauliche Elemente hinzu, die dem Außengelände seine bis heute erkennbare Gestalt gaben: Zwei Flammenschalen, eine Rednertribüne, ein Versammlungsplatz vor der Gedenkmauer, ein Aufmarsch- und Paradeweg mit einer Reihe von Fahnenmasten und den "Steinen der Nationen" sowie eine gepflegte Parklandschaft mit neu angelegten Pflanzungen und Geländewegen zwischen der aufgearbeiteten Scheunenfassade und dem Ehrenfriedhof. So entstand Schritt für Schritt eine in kommunaler Trägerschaft befindliche Mahn- und Gedenkstätte, die dem Stadtmuseum als Außenstelle angegliedert war. Architektonisch und funktional legte sich nun eine neue Zeitschicht über den einstigen Tatort.

Da es sich um ein Freigelände ohne Gebäude vor Ort handelte, war eine erste Ausstellung zur Geschichte des Massakers ab Mitte der 1960er-Jahren in den Räumen des Stadtmuseums zu sehen. Sie ordnete den Massenmord in der Feldscheune gemäß dem offiziellen, vom staatlichen DDR-Antifaschismus geprägten Geschichtsbild in den Kontext eines Kampfes der Arbeiterklasse gegen Faschismus und Kapitalismus ein, der mit der Gründung und Aufbau der DDR erfolgreich entschieden und überwunden sei. In Ergänzung zur offiziell betitelten "antifaschistischen Dokumentationsausstellung" im Stadtmuseum verwies ebenfalls ab den 1960er-Jahren ein "Nationaler Mahn- und Gedenkweg" in der Umgebung der Stadt mit insgesamt 75 weißen Markierungssteinen entlang der einstigen Marschwege der Häftlinge von den Bahnhöfen Mieste und Letzlingen bis zum Gelände der Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibbe auf die regionale Bedeutung der Todesmärsche von 1945 zur Isenschnibber Feldscheune.

Die überformende bauliche Umgestaltung und öffentliche Nutzung der damaligen Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune bis Anfang der 1970er-Jahre griff deutlich in das Erscheinungsbild des Freigeländes am historischen Tat- und Begräbnisort ein. Der Platz vor der Gedenkmauer entwickelte sich zu einem Ort für offizielle Gedenkveranstaltungen, aber auch für politische Massenkundgebungen, für Versammlungen der Pionierorganisationen, der Freien Deutschen Jugend und für die Vereidigung von Volkspolizisten. Bis in die späten 1980er-Jahre blieb das offizielle Gedenken an das Massaker vom Geist des staatlich verordneten Antifaschismus geprägt. Dessen Sichtweise erklärte alle beim Massaker ermordeten KZ-Häftlinge pauschal zu antifaschistischen Widerstandskämpfern und schrieb die (Mit-)Täterschaft an diesem NS-Verbrechen ausschließlich einer ortsfremden, anonymen Gruppe von Faschisten zu, deren geistige Erben und Nachfolger in der Bundesrepublik zu finden seien. Trotz dieses offiziellen Geschichtsbildes boten sich vor Ort in Gardelegen stets auch Freiräume für eine zivilgesellschaftliche Gedenk- und Erinnerungskultur außerhalb der politischen Leitlinien.

Bauliche Zeugnisse der einstigen offiziellen Gedenkkultur sind bis heute auf dem Außengelände sichtbar: Ideologische Parolen und die heroisch anmutende Bronzeskulptur eines Widerstandskämpfers prägen das Erscheinungsbild der Gedenkmauer und des ehemaligen Aufmarsch- und Versammlungsplatzes. Auch der im baulichen Stil gemäß der US-amerikanischen Begräbniskultur angelegte und bis heute erhaltene Ehrenfriedhof mit seinen vier Gräberfeldern, den die lokalen Behörden weiterhin pflegten, erfuhr eine offizielle Umdeutung im Sinne des staatlichen Antifaschismus. Zum 20. Jahrestag des Massakers im Jahr 1965 ließ die Stadt Gardelegen eine US-amerikanische Hinweistafel an der Baumallee zum Ehrenfriedhof vom April 1945 entfernen und durch eine neue Tafel ersetzen. Deren Wortlaut sprach die ortsansässige Bevölkerung von der ihr übertragenen historischen Verantwortung für das Massaker frei, verschwieg die US-amerikanische Anordnung zur Errichtung des Ehrenfriedhofes und stellte die Beisetzung der Ermordeten nach dem Verbrechen als einen freiwilligen Akt der angeblich stets friedliebenden Bevölkerung zum Aufbau des Friedens und des Sozialismus dar. Die ursprüngliche US-amerikanische Holztafel wurde jedoch nicht zerstört, sondern zur baulichen Verstärkung einer Schuppenrückwand auf dem städtischen Friedhof zweckentfremdet. Erst nachdem Ende der 1980er-Jahre ein heimlich aufgenommenes Privatfoto der originalen Tafel im Zustand ihrer Umnutzung heimlich in die USA gelangt war und dort Anlass zur Beschwerde über den unwürdigen Zustand dieses Gedenkzeichens gab, wurde die originale US-Tafel ins Stadtmuseum überführt. Dort verlor sich jedoch in den 1990er-Jahren ihre Spur, bis sie im Zuge der mehrjährigen Recherchen für die neue Dauerausstellung im Frühjahr 2019 nach langer Suche wiederentdeckt wurde. Noch kurz vor der Wiedervereinigung, im September 1990, wurde eine originalgetreue Kopie der ursprünglichen Tafel am Ehrenfriedhof in der Gedenkstätte feierlich eingeweiht.

In den folgenden Jahrzehnten blieb der Ort zunächst in städtischer Trägerschaft. Das kommunale Ordnungsamt, das Stadtmuseum, ein im Jahr 1994 gegründeter Förderverein und weitere Personen aus der lokalen Zivilgesellschaft kümmerten sich weiterhin um den baulichen Erhalt. Gemeinsam setzten sie sich für die Pflege des Geländes und für den Fortbestand einer lokalen Gedenkkultur ein, deren Interesse in der Öffentlichkeit mit dem Ende des staatlich verordneten Antifaschismus seit 1990 deutlich abgenommen hatte. Doch eine grundlegende Neukonzeption mit einer professionellen Forschungs- und Bildungsarbeit am historischen Ort erschien allen Beteiligten unter diesen begrenzten Ressourcen und Rahmenbedingungen nicht möglich zu sein. In den 2000er-Jahren mehrten sich deshalb die Stimmen derer, die sich öffentlich für eine zusätzliche Mitwirkung und Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt für die Gedenk- und Erinnerungskultur in Gardelegen aussprachen. Dabei kam der im Jahr 2007 gegründeten landeseigenen Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt eine Schlüsselrolle mit zunächst fachlich beratender Funktion zu.[2]

Der Weg zur Neugestaltung

Unterstützt von der Stadt Gardelegen und der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt entwickelte ein wissenschaftlicher Beirat ab 2008 neue Impulse für die Vermittlungsarbeit am historischen Ort. Dazu zählten u.a. die Erarbeitung und Errichtung eines Informationssystems mit wetterfesten Informationstafeln zur Geschichte des Massakers auf dem Gelände der Gedenkstätte, konzeptionelle Überlegungen für die zukünftige Gestaltung der jährlichen Gedenkveranstaltungen an den Jahrestagen des Massakers im April sowie Forschungsarbeiten und biografische Recherchen zu den Grablagen auf dem Ehrenfriedhof, auf deren Grundlage im Frühjahr 2011 ein Gedenkbuch zur namentlichen Kennzeichnung der bekannten Gräber eingerichtet werden konnte.[3]

Einen nächsten Schritt gingen elf Abgeordnete des Landtags von Sachsen-Anhalt mit einem fraktionsübergreifenden Antrag im Dezember 2011. Mit Verweis auf die überregionale Bekanntheit der Mahn- und Gedenkstätte in Gardelegen und auf die gesellschaftliche Bedeutung der nationalsozialistischen Todesmarschverbrechen empfahlen sie, diesen Ort offiziell in die Trägerschaft des Landes zu überführen und in die landeseigene Gedenkstättenstiftung aufzunehmen.[4]

Diese Argumente überzeugten alle damaligen Fraktionen: Ohne Gegenstimmen beschloss der Landtag im Dezember 2012 eine Aufnahme der Gedenkstätte in die Stiftung. Als notwendige Bedingung hierfür sah der Landtagsbeschluss den Bau eines neuen Dokumentationszentrums mit einer historischen Dauerausstellung, Bildungs- und Informationsangeboten und mit hauptamtlichem Gedenkstättenpersonal vor Ort vor. Um den Beschluss des Landesparlaments zum beabsichtigten Wechsel der Trägerschaft umzusetzen, folgten bis 2015 ein offizieller Kabinettsbeschluss der Landesregierung[5] sowie notwendige Zustimmungsbeschlüsse des Stiftungsrats und des Stadtrats der Hansestadt Gardelegen.

Auf dieser formalen Grundlage schlossen die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt und die Stadt Gardelegen im April 2015 einen Kooperationsvertrag ab, der seitdem die gemeinsame Verteilung der Aufgaben und Zuständigkeiten für die institutionelle Zusammenarbeit von Stadt und Land in der Gedenkstätte Gardelegen regelt.[6] Als Eigentümerin des Geländes kümmert sich die Stadt weiterhin um die Pflegearbeiten auf dem Gelände und übernimmt insbesondere den baulichen Erhalt des Ehrenfriedhofes. Der landeseigenen Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt billigte der Vertrag das Recht zum Bau und Betrieb eines Dokumentationszentrums sowie zur Forschungs- und Bildungsarbeit am historischen Ort zu. Mit seiner offiziellen Überführung in die Trägerschaft des Landes Sachsen-Anhalt im Mai 2015 erhielt der Ort zudem einen neuen Namen: Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen.

So konnten im Jahr 2015 der mehrjährige Prozess der Planungs-, Forschungs- und Projektarbeit für die Errichtung eines Dokumentationszentrums mit einer Dauerausstellung und eine hauptamtliche Gedenkstättenleitung ihre Tätigkeit am historischen Ort beginnen.[7] Beide Vorhaben - das Gebäude und die Dauerausstellung - sollten parallel und als eine komplementäre Einheit in drei Teilprojekten entstehen. Ein erstes vorbereitendes Projekt bildeten die Durchführung eines Architektenwettbewerbs für das Dokumentationszentrum und eines Gestaltungswettbewerbs für die Ausstellung. Im zweiten Teilprojekt folgten die Erschließung und Vorbereitung des Baufeldes für das Dokumentationszentrum sowie die Erarbeitung einer inhaltlichen und gestalterischen Konzeption für die Dauerausstellung. Dem schlossen sich in einem dritten Teilprojekt die bauliche Errichtung des Dokumentationszentrums sowie die Herstellung und der Einbau der Dauerausstellung in die Räumlichkeiten des neuen Gebäudes an. Das Land Sachsen-Anhalt förderte alle Teilprojekte mit finanziellen Zuwendungen.

Das Dokumentationszentrum: Architektonisches Konzept

Das von den Architekten der BHBVT GmbH aus Berlin entworfene und errichtete Gebäude ist ein länglicher Riegelbau aus Sichtbeton.[8] Die für den Architektenwettbewerb berufene Jury aus Fach- und Sachpreisrichtern begründete ihre Entscheidung für diesen Entwurf im April 2016 folgendermaßen: "Der Entwurf überzeugt durch seine gänzlich unpathetische und pragmatische Haltung und lässt erwarten, dass die Aufmerksamkeit der Besucher sich in ganz besonderem Maße auf die Inhalte der Ausstellung und die Wirkung und Ausstrahlung des historischen Ortes konzentrieren kann."[9]

Das Gebäude befindet sich am Rande des Außengeländes der Gedenkstätte und schmiegt sich direkt entlang der historischen Trasse des einstigen Todesmarschweges, auf den die Häftlinge am Abend des 13. April 1945 aus der nahen Stadt Gardelegen zu ihrer Ermordung in der Isenschnibber Feldscheune getrieben wurden. Ein breiter Wandelgang im Inneren des knapp 70 Meter langen Neubaus greift die Trassenführung des Todesmarschweges als bauliche Spiegelung auf. Über ihn gelangen die Besucherinnen und Besucher nach dem Betreten des Gebäudes zu den Seminar- und Ausstellungsräumen. Lichthelle Fenster- und Sichtachsen säumen den Weg im Gebäude und eröffnen an mehreren Stellen Blickbeziehungen nach draußen auf die für die Geschichte des Massakers bedeutenden historischen Orte und Gedenkzeichen im Umfeld. Dazu zählen ein breites Panoramafenster mit einem Gesamtblick auf den historischen Tat- und Begräbnisort im Außengelände sowie weitere Sichtfenster, die Blickkorridore zu den ehemaligen, damals nahegelegenen Standorten der Wehrmacht als einer für die Durchführung der Todesmärsche und des Massakers zentralen Tätergruppe sowie zur Stadt Gardelegen mit ihrer bereits im April 1945 nahen Bebauungsstruktur eröffnen. Auf diese Weise ermöglicht das Gebäude dem Besuchspublikum eine zugleich archäologische und kontextualisierende Spurensuche zur lokalen Täter- und Zeitzeugenschaft für das Massaker im Raum, auf die die Ausstellung mit ihren Inhalten erschließend eingeht.

Von außen betrachtet spiegeln sich in den Fenstern die Sichtreflexionen der Orte in ihrem heutigen Erscheinungsbild wider - ein visueller Effekt, der von baulicher Seite als Einladung zur thematischen Reflexion angedacht ist. Insgesamt handelt es sich um ein erdgeschossiges Gebäude, dessen äußeres Erscheinungsbild sich bewusst nüchtern und schlicht zurücknimmt, um das Gelände des historisches Tat- und Begräbnisortes nicht erneut baulich zu beeinträchtigen oder gar zu überformen. Der Bau verknüpft denkmal- und naturschutzrechtliche Auflagen mit ästhetischen Gestaltungsideen und funktionalen Anforderungen an eine zeitgemäße Gedenkstättenarbeit. Seine Formensprache möchte das Publikum weder einschüchtern noch abschrecken, sondern vielmehr zum Besuch einladen und neugierig machen. Um diese Botschaft des Willkommens und des offenen Zugangs für das Publikum baulich zu unterstreichen, wurden die mit lichthellen Glaswänden ausgestatteten Büros der Mitarbeitenden bewusst in der Nähe des Informationstresens im vorderen Gebäudebereich und nicht in einem versteckten Bereich platziert. Die technisch ausgestatteten Seminar-, Wechselausstellungs- und Veranstaltungsräume lassen sich über dynamische Trennwände flexibel zusammenlegen oder unterteilen, sodass die Bildungsarbeit für Schulklassen und Erwachsenengruppen parallel in großen oder in mehreren Kleingruppen erfolgen kann und gleichzeitig auch weitere temporäre Bildungs- und Programmangebote möglich sind.

Die Dauerausstellung: Inhaltliche und gestalterische Konzeption

Die neue Dauerausstellung "Gardelegen 1945. Das Massaker und seine Nachwirkungen" im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte thematisiert die Geschichte des Massakers in der Isenschnibber Feldscheune vom 13. April 1945, den historischen Kontext des Verbrechens und seine Nachwirkungen von der frühen Nachkriegszeit bis in die Gegenwart. Ihr leitendes Prinzip ist ein multiperspektivischer Blick auf die Ereignisse von 1945 aus den unterschiedlichen Perspektiven der damals beteiligten Akteure, der individuelle Handlungs- und Entscheidungsräume offenlegt.[10] Dabei blickt sie auch auf die nachgeschichtliche Einordnung des Massakers in der Erinnerungskultur nach 1945 bis in die jüngste Gegenwart, hinterfragt überlieferte Narrative und regt zum Nachdenken über vermeintliche Gewissheiten und Mythenbildungen im Laufe der Jahrzehnte an. Die Ausstellungsräume präsentieren dreidimensionale Objekte, Grafiken, historische Fotografien und audiovisuelle Interviewauszüge. Ein markanter Blickfang ist die aufwendig inszenierte Graphic Novel, die als großflächige Wandabwicklung in mehreren Ausstellungskapiteln zu sehen ist.

Anstatt sich auf eine deskriptive Nacherzählung der geschichtlichen Zusammenhänge vor Ort in Gardelegen zu beschränken, lädt die Ausstellung das Publikum zum selbstständigen Mit- und Nachdenken ein und wirft aktualitätsbezogene Leitfragen auf: Was verbinden wir heute mit der Geschichte des Massakers und der Erinnerung an die NS-Todesmärsche von 1944/45? Welche Bedeutung haben historische Mechanismen der sozialen Ausgrenzung und Anfeindung von Individuen und Gruppen während der nationalsozialistischen Herrschaft für unsere heutige Zeit? Woran können und wie wollen wir uns zukünftig erinnern?

Räumliche und zeitliche Ausgangspunkte für die Ausstellung sind die heute erhaltenen baulichen Überreste am historischen Tat- und Begräbnisort auf dem Außengelände, die überlieferten Erinnerungszeugnisse in Schrift und Bild von Überlebenden, alliierten Befreiern und aus der lokalen Bevölkerung. Diese Text-, Bild- und Sachquellen konfrontieren das Publikum gleich nach dem Betreten des Dokumentationszentrums im Eingangs- und Prologbereich zunächst als überlieferte Fragmente im Raum: teils als Wandaufdrucke, teils über lichthelle Sicht- und Blickachsen durch großformatige Fensterflächen. Zugleich macht die Herkunft dieser Quellen den Besucherinnen und Besuchern deutlich, dass sie nun einen international bekannten Gedenkort betreten, dessen Themenbezug sowie mit der Lokalgeschichte eines Massakers als auch mit einer überregionalen Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen verbunden ist.

Eine Einführung in die Geschichte der Auflösung der nationalsozialistischen Konzentrationslager und in den Beginn der Räumungstransporte und Todesmärsche ab 1944/45 verortet das Massaker von Gardelegen in einem europaweiten Kontext. Ein grafisch veranschaulichter Blick auf militärische Frontverläufe, Häftlingstransport- und Todesmarschrouten in Ost- und Westeuropa sowie autobiografische Schilderungen von Überlebenden, die bereits vor ihrer Ankunft in Gardelegen nach mehrjähriger KZ-Haft auf mindestens einen, oft schon auf mehrere Transporte und Todesmärsche getrieben worden waren, ordnen die Kette der Ereignisse zeitlich und thematisch in die letzte Phase des Zweiten Weltkrieges ein. Der zu dieser Zeit faktischen Realität der vorrückenden alliierten Truppenverbände wird die deutsche Kriegspropaganda im Kontrast gegenübergestellt, die selbst noch im Frühjahr 1945 auf den "Totalen Krieg gegen alle inneren und äußeren Feinde" einschwor, um den sogenannten Endsieg zu erreichen. Die Brechung der propagandistischen Feind- und Kampfrhetorik erfolgt audiovisuell: Eine Hörstation präsentiert im Wechsel ausgewählte Fragmente aus deutschen und alliierten Radioberichten vom März und April 1945 als akustische Klangwolke. Zudem gibt ein Sichtfenster den Blick auf den früheren Standort des benachbarten militärischen Flugplatzes der Wehrmacht frei, den ein alliiertes Luftbild dieses Areals vom Sommer 1944 ergänzt. Auf diese Weise wird das Ausstellungspublikum für den offensichtlichen Widerspruch zwischen der kriegsverherrlichenden Kampfrhetorik auf deutscher Seite und ihrer militärischen Aussichtslosigkeit im Frühjahr 1945 sensibilisiert.

In ebenfalls kontextualisierender Funktion widmet sich ein weiteres Kapitel der regionalen NS-Geschichte der Stadt Gardelegen und der Altmark seit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten. In verdichteter Form werden lokale Gewalt- und Ausgrenzungsprozesse aufgezeigt, die die Region schon lange vor der Ankunft der KZ-Häftlinge in den Räumungstransporten im April 1945 prägten. Sie richteten sich unter anderem gegen die jüdische Bevölkerung sowie gegen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die insbesondere zur Arbeit in der regionalen Landwirtschaft in die Altmark verschleppt worden waren. Auf der anderen Seite spielten insbesondere die in Gardelegen stationierten Einheiten der Wehrmacht ab Mitte der 1930er-Jahre eine zentrale Rolle, um die sogenannte Volksgemeinschaft im kleinstädtischen und ländlichen Raum öffentlich sichtbar zu propagieren. Ausgewählte Fotos, Medienberichte und Interview-Auszüge machen mikrohistorisch deutlich, dass diese Region, die nun im Frühjahr 1945 ein umkämpftes Frontgebiet wurde, bereits seit 1933 ein Raum für rassistisch motivierte Ausgrenzung und Gewalt gegenüber vermeintlich minderwertige Bevölkerungsgruppen war.

Dieses regionale Umfeld erreichten die Bahntransporte aus den Konzentrationslagern Mittelbau-Dora und Hannover-Stöcken im Frühjahr 1945. Ihnen und dem Weg der KZ-Häftlinge bis zum Massaker in der Isenschnibber Feldscheune ist der Hauptteil der Ausstellung gewidmet. Für die Thematisierung dieser Ereignisse vor Ort in den Ausstellungsräumen des Dokumentationszentrums ergaben sich einige konzeptuelle Herausforderungen: Wie lassen sich ausschließlich schriftlich überlieferte Quelleninhalte anschaulich im dreidimensionalen Raum präsentieren? Wie kann mit Lücken und Widersprüchen in der schriftlichen Quellenüberlieferung umgegangen werden? Und wie lässt sich die Nichtexistenz von Primärquellen zum unmittelbaren Hauptereignis - der Mangel an (bildlichen) Täter- und Zeugnisdokumenten vom Massaker in der Isenschnibber Feldscheune - ausstellungsdidaktisch umsetzen? Hierfür entwickelten die vier Historiker des Ausstellungsteams gemeinsam mit dem Gestaltungsteam der Agentur KOCMOC aus Leipzig eine großflächige, aufwendig inszenierte Graphic Novel, die das Geschehen in mehreren Themenmodulen veranschaulicht. Getragen wird sie von einer interpretativen Zeichnungsebene, die sich als dreidimensional inszenierte Wandabwicklung im Raum zum einen auf die überlieferte Quellenlage stützt, zugleich aber auch auf offensichtliche Widersprüche zwischen verschiedenen Berichten und Aussagen sowie auf Wissenslücken und unbelegte Mythenbildungen aufmerksam macht. An ausgewählten Zeitpunkten verweisen die Themenmodule auf Handlungs- und Entscheidungsalternativen der am Massaker beteiligten Akteure. Damit gelingt den Themenmodulen der Graphic Novel eine räumliche Präsentation und didaktische Veranschaulichung sowohl der ereignis- und biografiegeschichtlichen Thematik als auch der quellenhistorischen Überlieferung. Zugleich nimmt auch die Graphic Novel einen Bezug auf das historische Gelände: Ein großes Sichtfenster ermöglicht als gegenwärtige und historische Blickachse nach draußen den Blick auf den damaligen Todesmarschweg, auf dem die KZ-Häftlinge am frühen Abend des 13. April 1945 zum Massaker in die Isenschnibber Feldscheune getrieben wurden.

Mit der Ankunft der US-amerikanischen Truppen in Gardelegen und mit ihrer Entdeckung des Tatorts in der Feldscheune endet die Graphic Novel. Denn ab diesem Zeitpunkt liegen von alliierter Seite private und offizielle Foto- und Filmaufnahmen zur nachträglichen Dokumentation der Spuren des Massakers vor. Ihnen widmet sich das Ausstellungskapitel zur Konfrontation mit dem Verbrechen am historischen Tatort im mehrfacher Perspektive: Es thematisiert erstens die Konfrontation der alliierten Truppen mit der entdeckten Feldscheune; zweitens die von US-Seite erzwungene Konfrontation der lokalen Bevölkerung aus Gardelegen im Rahmen von Zwangsbesichtigungen und der Anordnung zur Errichtung eines Ehrenfriedhofes für die Ermordeten; schließlich drittens die weltweite mediale Berichterstattung über das Massaker von Gardelegen, die dieses Todesmarschverbrechen in vielen Ländern bekannt und "Gardelegen" zum Synonym für das Massaker machten. Bei der Präsentation dieser Thematik achtet die Ausstellungsgestaltung bewusst darauf, ihrerseits keine erzwungene Konfrontation des Publikums mit den historischen Filmaufnahmen vom April 1945 aus der Feldscheune vorzunehmen. Besucherinnen und Besucher können sich diese Aufnahmen auf einem Großbildschirm in einem separaten Raum anschauen, den sie freiwillig betreten können.

Ein weiteres Ausstellungskapitel thematisiert die juristische Aufarbeitung des Massakers im zeitlichen Wandel. Während die Hauptverantwortung und der Befehl zum Massaker über viele Jahrzehnte hinweg vorrangig Gerhard Thiele, dem damaligen Kreisleiter der NSDAP in Gardelegen, zugeschrieben wurde, blieben die Mittäterschaft aus vielen weiteren lokalen NS-Organisationen und auch seitens der damaligen Zivilbevölkerung entlang der Todesmarschwege nahezu unberücksichtigt. Ein Vitrinenband präsentiert anhand von dreidimensionalen und audiovisuellen Ermittlungsdokumenten die verschiedenen Ansätze der Strafverfolgung im zeitlichen Wandel, die bereits mit dem US-amerikanischen Report of Investigation im Mai 1945 begann und bis in die jüngste Vergangenheit andauerte. Am Beispiel des Massakers von Gardelegen werden auf diese Weise Fragen zur anteiligen Täterschaft und Mitwirkung an nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und zu ihrer juristischen Würdigung von alliierter Seite sowie im geteilten und später vereinigten Deutschland veranschaulicht.

Schließlich geht ein abschließendes Kapitel auf die Gedenk- und Erinnerungskultur an das Massaker nach 1945 ein. Als Relikte aus verschiedenen Jahrzehnten stellen dreidimensionale Exponate, historische Fotos und persönliche Berichte die geschichtspolitische Deutung des Massakers zu DDR-Zeiten dem Blick auf die nachfolgenden Entwicklungen am historischen Tat- und Begräbnisort in Gardelegen seit der Wiedervereinigung gegenüber. Bewusst werden dabei sowohl offizielle Geschichtsbilder von staatlicher Seite als auch das zivilgesellschaftliche Engagement der Menschen aus der Region für einen lebendigen Gedenkort berücksichtigt. Auch die wiederentdeckte originale US-amerikanische Hinweistafel auf den Ehrenfriedhof vom April 1945 und ihre wechselvolle Überlieferungsgeschichte sind in diesem Kapitel zu sehen. Ebenso gehen Medienstationen auf ausgewählte Biografien von Überlebenden und Familienangehörigen der Ermordeten aus vielen Ländern sowie der US-Veteranen von 1945 ein, für die "Gardelegen" bis heute ein sehr zentraler und persönlicher Bezugsort ist. Anschließend gelangen die Besucherinnen und Besucher wieder nach draußen zu den heutigen Gedenkzeichen im Außengelände - und damit gleichsam wie durch eine "Zeitschleuse" zurück zur Gegenwart. Idealerweise gelingt es der Ausstellung, dem Besuchspublikum beim Verlassen des Dokumentationszentrums gegenwartsbezogene Denkimpulse zur Aktualität und heutigen Bedeutung der Ereignisse vom April 1945 mitzugeben.

Insgesamt ist die Präsentation der Ausstellung in den Räumlichkeiten durchgehend zweisprachig auf Deutsch und Englisch gehalten. In Vorbereitung bis voraussichtlich Ende des Jahres sind zusätzlich weitere Informationsmaterialien in französischer und polnischer Sprache, um dem Besuchspublikum auch in diesen beiden Sprachen eine Erschließung der Dauerausstellung zu ermöglichen. Zudem sind weitere ausstellungsbegleitende Elemente geplant, insbesondere ein Print-Katalog und zusätzliche digitale Angebote für den Besuch der Räumlichkeiten.

Erste Reaktionen und Ausblick

Bereits im Stadium der vorbereitenden Arbeiten für den Bau des Dokumentationszentrums und für die Erarbeitung der neuen Dauerausstellung nahmen die bundesweite und internationale Aufmerksamkeit für beide Projektvorhaben in der Gedenkstätte Gardelegen seit der Übergabe ihrer Trägerschaft an das Land Sachsen-Anhalt spürbar zu. Deutlich wurde dies insbesondere bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen, an denen inzwischen internationale Mitglieder des diplomatischen und konsularischen Corps teilnehmen. Erfreulicherweise engagieren sich viele Menschen aus der lokalen Zivilgesellschaft weiterhin für die Gedenk- und Erinnerungskultur in der Altmark. Auch die Zahl der Anfragen nachfolgender Generationen nach biografischen Informationen zu ihren Familienangehörigen, die ihre Vorfahren unter den nach Gardelegen deportierten und dort ermordeten KZ-Häftlingen vermuten, nahm seitdem zu. Insofern ist die Gedenkstätte Gardelegen heute ein lebendiger Erinnerungsort, der schon seit einigen Jahren sowohl in der Region als auch von überregionaler Seite viel Aufmerksamkeit und Würdigung findet.

Dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff das fertiggestellte Dokumentationszentrum mit der neuen Dauerausstellung im September 2020 feierlich eröffneten, hat dieses öffentliche Interesse an der Gedenkstätte Gardelegen im In- und Ausland noch zusätzlich erhöht.[11] Ursprünglich sollte die feierliche Kompletteröffnung in Gardelegen bereits zum 75. Jahrestag des Massakers im vergangenen April stattfinden. Der coronabedingte Lockdowns verhinderte jedoch diese Veranstaltung. Deshalb fand das Gedenken zum 75. Jahrestag im Rahmen einer Online-Collage zum Mitmachen digital statt.[12] Seit der Eröffnung der neuen Ausstellung finden zahlreiche Besucherinnen und Besucher den Weg ins Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Gardelegen.[13]

Für viele Nachkommen der Überlebenden und Ermordeten des Massakers, die den Festakt per Livestream digital mitverfolgten, waren der Besuch und die Rede des Bundespräsidenten wichtige Zeichen der Anerkennung und Würdigung des Andenkens an ihre Familienmitglieder. Exemplarisch wird in Gardelegen deutlich, wie die Zukunft des Gedenkens an ein nationalsozialistisches Gewaltverbrechen nach dem Ende der unmittelbaren Zeitzeugenschaft aussehen kann. Es bleibt zu hoffen und zu wünschen, dass der Besuch und die Gedenkarbeit vor Ort auch bald wieder ohne Beeinträchtigungen durch die weltweite Corona-Pandemie möglich sein werden.

Andreas Froese, Historiker, ist seit 2015 Leiter der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen. Er leitete die Erarbeitung der neuen Dauerausstellung und begleitete das Neubauprojekt.


[1] Als Gedenkstätten- und Projektleiter danke ich allen an der Dauerausstellung Beteiligten für ihre tatkräftige und engagierte Unterstützung, insbesondere Lukkas Busche, Thomas Irmer und Stefan Wilbricht für ihre Mitarbeit im Ausstellungsteam, dem begleitenden Fachbeirat mit Prof. Dr. Detlef Garbe, Dr. Stefan Hördler, Mandy Schumacher und Caroline Winkler, der Agentur KOCMOC GmbH aus Leipzig für die Ausstellungsgestaltung und Generalplanung ihrer baulichen Herstellung sowie der Medienagentur Faible GmbH aus Leipzig für die Produktion der Medienstationen. Ein besonderer Dank gilt den Familienangehörigen und Verbänden der Überlebenden und Ermordeten des Massakers von Gardelegen sowie der Veteranen der 102. US-Infanteriedivision vom April 1945, dem Land Sachsen-Anhalt für die Förderung des Dokumentationszentrums und der Dauerausstellung, der Stadtverwaltung und der Bevölkerung der Hansestadt Gardelegen für ihre Unterstützung der Gedenkstättenarbeit in Gardelegen, der BHBVT GmbH aus Berlin und dem Bau- und Liegenschaftsmanagement Sachsen-Anhalt für die bauliche Realisierung des Dokumentationszentrums sowie allen Mitarbeitenden der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt für ihre kollegiale Unterstützung.

[2] Kai Langer: 10 Jahre Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Bilanz und Ausblick, in: Rundbrief "Erinnern! Aufgabe, Chance Herausforderung" Nr. 2/2017, hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2017, S. 1-32; Thomas Irmer: Neue Quellen zur Geschichte des Massakers von Gardelegen, in: Gedenkstättenrundbrief 156 (2010), S. 14-19.

[3] Thomas Irmer: 70 Jahre Massaker von Gardelegen, in: Rundbrief "Erinnern! Aufgabe, Chance Herausforderung" Nr. 1/2015, hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2015, S. 40-47;

[4] "Aufnahme in die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt", in: Altmark-Zeitung Gardelegen, 9. 12. 2011. Dem damaligen sechsten Landtag von Sachsen-Anhalt gehörten die vier Fraktionen der CDU, der SPD, der Linken und der Grünen an.

[5] Beschluss der Landesregierung von Sachsen-Anhalt vom 17. 2. 2015, veröffentlicht im Ministerialblatt für das Land Sachsen-Anhalt Nr. 1/2016 vom 18. 1. 2016, S. 3.

[6] Stefan Schmidt: "Ein historischer Tag": Stiftung übernimmt Gedenkstätte, Altmark-Zeitung, 30. 4. 2015.

[7] Andreas Froese: Gardelegen - eine Gedenkstätte im Entstehen, in: Rundbrief "Erinnern! Aufgabe, Chance Herausforderung" Nr. 1/2016, hrsg. von der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2016, S. 67-74.

[8] Andreas Froese: Der lange Schatten der NS-Todesmärsche: Das neue Besucher- und Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen, in: Museumsnachrichten 2017, hg. vom Museumsverband Sachsen-Anhalt, S. 30-32.

[9] Auszug aus dem Protokoll der Preisgerichtssitzung vom 7. 4. 2016, S. 4f.

[10] Andreas Froese: Gedenken gestalten. Das neue Besucher- und Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen, in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 182, hrsg. von der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin 2016, S. 35-43

[11] Video der Eröffnung: Youtube-Kanal des Landes: www.youtube.com/watch?v=BJE0HHxXUgA (Stand vom 5. 11. 2020), Phoenix TV: www.youtube.com/watch?v=-Ll1BT58LjQ (Stand vom 5. 11. 2020), verlinkt auf Homepage der Gedenkstätte: www.gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de (Stand vom 5. 11. 2020). Weitere Berichte in der ARD-Tagesschau und im MDR-Fernsehen. Berichte vom BP-Besuch auf Bundespräsidialamt mit Rede und Übersetzung: gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de (Stand vom 5.11.2020).

[12] Online-Blog #Gardelegen45. Digitales Gedenken und Erinnern zum 75. Jahrestag des Massakers in der Isenschnibber Feldscheune": www.gardelegen75.wordpress.com (Stand vom 5. 11. 2020).

[13] Eine Auswahl an ersten Medienberichten über die eröffnete Dauerausstellung im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Gardelegen: Ausstellung über Massaker in der Isenschnibber Feldscheune, in: Süddeutsche Zeitung, 11. 9. 2020; Bernd-Volker Brahms: Neue Blickwinkel auf ein Kriegsverbrechen in der Altmark, MDR Sachsen-Anhalt, 14. 9. 2020,

www.mdr.de/sachsen-anhalt/stendal/gardelegen/eroeffnung-neue-erinnerungsstaette-isenschnibbe-100.html (Stand vom 5. 11. 2020);

Elke Weisbach: Pädagogisches Herzstück wird eröffnet, Volksstimme, 13. 9. 2020;

Alexander Walter: Gardelegen erhält neuen Gedenkort, in: Volksstimme, 15. 9. 2020;

Ausstellung an Tatort, an dem mehr als 1000 KZ-Häftlinge bei Scheunen-Massaker starben, in: Tag 24, www.tag24.de/nachrichten/regionales/sachsen-anhalt/mehr-als-1000-kz-haeftlinge-starben-bei-massaker-in-feldscheune-isenschnibbe-jetzt-gibt-es-eine-ausstellung-am-tatort-1644037 (Stand vom 5. 11. 2020);

Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen: Manchmal gibt es Wartezeiten, in Altmark-Zeitung, 28. 9. 2020.