Stefanie Endlich

»Vergangenheit ist Gegenwart«

Gedenkstättenrundbrief 130 S. 25-30

Denkzeichen für die Opfer der »Euthanasie«-Morde in Pirna-Sonnenstein

Für kleinere Kommunen, die in der NS-Zeit Schauplatz unvorstellbarer Verbrechen waren, ist es besonders schwierig, sich offen mit dieser Geschichtsetappe auseinanderzusetzen. Oft herrscht die Sorge vor, der Name der Stadt könnte auf Dauer mit dem damaligen Geschehen identifiziert und die Stadt für etwas verantwortlich gemacht werden, das auf einer ganz anderen Ebene entschieden wurde. Solche Ängste sind gerade dort manifest, wo der Fremdenverkehr eine große Rolle spielt und die Stadt sich um ein rundum harmonisches Selbstbild bemüht.

Auch im sächsischen Pirna an der Elbe war es – nach dem langen Verdrängen während der DDR-Zeit1 – kein leichter Prozess, Erinnerung an jene Verbrechen zuzulassen, anzunehmen und gesellschaftlich zu verbreitern, die sich in den Gebäuden der Burganlage Sonnenstein oberhalb der malerischen Altstadt vollzogen hatten. In der ehemaligen Festung war 1811 eine der ersten deutschen Heilanstalten für Geisteskranke eingerichtet worden. Sie entwickelte sich zu einer international beachteten Musteranstalt und galt lange Zeit als wegweisend für die Psychiatrie-Reform in Deutschland. Im Nationalsozialismus jedoch wurde aus dem Ort des Schützens und Heilens ein Ort des Mordens. Etwa fünfzehntausend Menschen wurden hier mit Kohlenmonoxyd-Gas vergiftet. In einem der Häuser der zuvor geschlossenen Psychiatrischen Klinik wurde eine der sechs Tötungsanstalten des nationalsozialistischen »Euthanasie«-Mordprogramms eingerichtet. 13 720 psychisch kranke und geistig behinderte Menschen starben zwischen Juni 1940 und August 1941 in der Gaskammer. Ermordet wurden hier auch mehr als tausend meist geschwächte und dadurch nicht mehr für Zwangsarbeit einsetzbare Häftlinge aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Sachsenhausen. Die Toten wurden verbrannt, die sterblichen Überreste als Asche den Elbhang hinabgeschüttet.

An die Opfer der »Euthanasie«-Morde erinnert seit dem Jahr 2000 die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, Teil der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.2 Im denkmalpflegerisch restaurierten »Haus 14« wird im Dachgeschoss eine historische Dokumentation zur Geschichte der »Euthanasie« gezeigt. Im Keller, wo sich Gaskammer und Krematorium befunden haben, wurde ein Gedenkbereich in den umgestalteten Räumen eingerichtet. Im Stadtbild von Pirna allerdings, wegen seines historischen Kerns aus Renaissance- und Barockgebäuden Anziehungspunkt für Touristen aus dem In- und Ausland, war bisher kein markanter Hinweis auf diesen Ort zu finden. Nach dem berühmten Venezianer, der im königlichen Auftrag elf Pirna-Veduten schuf, hat sie sich den Namen »Canaletto-Stadt« gegeben. Die Mitte des 18. Jahrhunderts entstandenen Stadtansichten des sächsischen Hofmalers Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, hängen in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister und in anderen Museen der Welt. Sie sind längst zum identitätsstiftenden Motiv der Stadt geworden und aus ihrem Fremdenverkehrs-Konzept nicht wegzudenken.

Alle Gesamtansichten, die Canaletto unmittelbar vor dem Siebenjährigen Krieg von Pirna gemalt hat, zeigen den Sonnenstein hoch über Stadt und Elbe. Die Festung, zu der man in einer Viertelstunde vom historischen Marktplatz hinaufsteigen kann und deren Silhouette in den Straßen und Gassen fast überall zu sehen ist, wurde bisher von den meisten Besuchern ebenso nostalgisch wahrgenommen wie Rathaus, Marienkirche und all die anderen Baudenkmäler, die auf den Canaletto-Veduten zu sehen sind. Die Gedenkstätte fand nur, wer gezielt nach ihr suchte.

Doch nun hat Pirna Verantwortung und Mut bewiesen. Mit großer Zustimmung von Stadtrat und Stadtverwaltung wurde im November 2005 ein Kunstprojekt realisiert, das die schönen, die berühmten und beliebten Seiten der Stadt mit ihrer schlimmsten Geschichtsepoche unmittelbar verbindet. Das Thema der »Euthanasie«-Morde auf dem Sonnenstein wird nicht ausgeblendet, sondern kehrt ins Herz der Altstadt zurück, in Form eines bewussten und kritischen Umgangs mit dem schrecklichen historischen Erbe. Umgesetzt hat dieses Projekt die Stiftung Sächsische Gedenkstätten.

Das Denkzeichen »Vergangenheit ist Gegenwart« der Berlinerin Heike Ponwitz ist ein künstlerisches Markierungssystem, das vom Bahnhof Pirna durch das Stadtzentrum hoch zur Festung und zur dortigen Gedenkstätte führt. Sechzehn Glastafeln erscheinen im Stadtraum wie Überraschungsmomente. Sie sind eher klein dimensioniert, nicht im überwältigenden Format großer Werbeplakate. Grundton ist ein eigenartiges sanftes Grün, das Bildmotiv verfremdend, als sähe man es durch ein Stück Flaschenglas. Motiv ist die Festung mit Stadtzentrum, Anlegestelle und Lastkahn, ein Ausschnitt aus Canalettos berühmter Vedute »Pirna vom rechten Elbufer bei Copitz unterhalb der Stadt«. Die Spiegelung der wohlbekannten Sonnenstein-Architektur in der Elbe erscheint in der grünen Verwandlung wie eine Traumszenerie, das Wasser fast wie brüchiges Eis.

Erst beim näheren Hinschauen sieht man, dass die Canaletto-Vedute mit Begriffen aus dem Zusammenhang der »Euthanasie«-Verbrechen verbunden ist, mit »Unworten« aus dem nationalsozialistischen Vokabular, wie »Sammeltransport«, »Gnadentod«, »Trostbrief«, »Rassenhygiene« oder »Geheime Reichssache«. Die Glastafeln mit ihren Siebdrucken sind teils als kleine Tableaus an Hauswänden und Mauern befestigt, teils von schmalen Metallträgern gehalten und in den Straßenraum gestellt. Bei der Auswahl der Standorte wurde versucht, einen Bezug zwischen dem jeweiligen Wort und der Örtlichkeit herzustellen. Wenn man der Sequenz folgt, taucht meist das nächste Bild schon in der Ferne auf, als grünes Signal und suggestiver Leitfaden, quer durch das historische Zentrum und seine Einkaufsstraßen, vorbei am Marktplatz und an der spätgotischen Marienkirche, zum Fuß des Berges, auf dem die Festung steht.

Dort teilt sich der Weg. Nicht die Treppe hinauf weisen die Tafeln, also den kürzesten Weg hoch zum Sonnenstein, sondern seitlich am Berg den Elbhang entlang. Der schmale, eher versteckte »Canalettoweg« führt als Wanderpfad unterhalb der Festungsmauern vorbei bis in die Sächsische Schweiz. Zwischen ihm und der ehemaligen Mordanstalt – dem Haus, in dem sich heute die Gedenkstätte befindet – bauten die Täter damals eine Tarnmauer, um das Verbrechen vor den Augen der Öffentlichkeit zu verbergen. Durch ein Tor in dieser Mauer wurde damals die Asche der Ermordeten über den Canalettoweg hinweg den Elbhang hinuntergeschüttet. Das Tor wurde in den siebziger Jahren zugemauert. Wenige Schritte vor dieser im alten Ziegelmauerwerk noch heute sichtbaren verspachtelten Stelle führt ein Mauerdurchbruch gewissermaßen von hinten zur Gedenkstätte.

Hier endet die Kunstlinie, die im Rückblick manchen Besuchern wie ein Stationenweg erscheinen mag, mit zwei sehr viel größeren Glastafeln, beide ohne Canaletto-Motiv. Die eine markiert die zugemauerte Torsituation mit den Worten »Asche Tor«. Die andere, seitlich des Eingangs zur Gedenkstätte, vor dem Blindfenster des ehemaligen Tötungskellers, trägt die Worte »Gegenwart ist Vergangenheit« und verweist damit in Umkehrung der Wortfolge auf den Titel des »Denkzeichens«. Die Sachlichkeit dieses Titels drückt programmatisch die Grundhaltung des Kunstwerks aus. Kein Pathos, keine auf Emotionen zielende Inszenierung, kein erhobener Zeigefinger. Aber auch keine Vereinfachung oder Verharmlosung. Stattdessen eine klare, in gedanklichen Ansätzen der Konzeptkunst wurzelnde Installation, stadträumlich wirksam und auf den historischen Ort bezogen. In ihrer speziellen und zunächst verschlüsselt erscheinenden Verbindung von bildhaften Motiven und Texten eröffnet sie eine Fülle von Assoziationen.

Das Projekt von Heike Ponwitz ist ein eigenständiges Kunstwerk und kein pädagogischer Lehrpfad. Zugleich ist es Teil eines übergreifenden Arbeits- und Vermittlungszusammenhangs. Zum einen – und vor allem – bietet die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein am Endpunkt des Kunstweges umfassende Hintergrundinformationen zu den Themen »Euthanasie« und »Sonderbehandlung« sowie zum konkreten Geschehen auf dem Sonnenstein. Zum anderen ist auf jeder der Tafeln der Hinweis auf eine Webseite zu finden. Die Internetpräsentation www.denkzeichen.de ist Teil des Projektes, dient gewissermaßen als Sprachrohr des Kunstwerks und enthält einen Lageplan der Standorte und historische Erläuterungen und Dokumente zu den NS-Begriffen auf den Tafeln. Darüber hinaus gibt sie in einem Diskussionsforum Gelegenheit für Meinungsaustausch zum Thema. Sie ist in deutscher, polnischer und tschechischer Sprache verfasst, wegen der Nähe der beiden Länder und weil viele Opfer der Tötungsanstalt auch von dort kamen.

Wie die meisten Erinnerungs-Kunstwerke hat auch dieses eine lange und konfliktreiche Vorgeschichte, nachzulesen in einem früheren GedenkstättenRundbrief.3 In einem Wettbewerb im Sommer 2000 hatte das Preisgericht einstimmig die Ausführung des Entwurfs von Andrea Wandel, Andreas Hofer, Wolfgang Lorch und Nikolaus Hirsch befürwortet. Der zweite Preis ging an Heike Ponwitz, der dritte an Arend Zwicker. Der Entwurf von Wandel/Hofer/Lorch und Hirsch sah vor, einen mit Kohlenmonoxyd gefüllten Glaskörper vor dem Haus 14 aufzustellen, dessen Dimension und Kantenlängen dem Raum der ehemaligen Gaskammer im Keller des Gebäudes entsprechen. Dieser Glaskubus wäre für unterschiedliche Interpretationen offen. Es bliebe dem Betrachter überlassen, ob er in ihm den nach außen gekehrten, ans Tageslicht geholten Raum der Gaskammer sieht oder einen rätselhaften, unbetretbaren Ort. Damit wurde ein Entwurf prämiiert, der sich auf metaphorische Weise auf das historische Geschehen bezieht, aber auch ein eindeutiges, zugespitzt provokatives Moment beinhaltet, indem er Kohlenmonoxyd, das bei den Gasmorden der »Euthanasie« verwendet worden war, an diesem Gedenkort reproduziert, wenngleich der Glaskubus hermetisch verschlossen sein sollte.

Dieser Entwurf mit seiner Drastik des Kohlenmonoxyd-Motivs traf auf heftige Ablehnung von Seiten der AWO, von Politikern und Bürgern aus Pirna, aber auch von Teilen der Fachöffentlichkeit. Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten bemühte sich um Realisierung und unternahm zahlreiche Vermittlungsversuche, jedoch ohne Erfolg. Nach zwei Jahren waren auch die Kunst-am-Bau-Mittel nicht mehr verfügbar, die im Zusammenhang mit der Restaurierung des historischen Gebäudes für das Mahnmal bereitgestellt worden waren. Dennoch hielten Stiftung und Gedenkstätte am Projekt eines Mahnmals fest. Als keinerlei Aussichten auf Konsens mehr bestanden, wurde – wie es die Wettbewerbsrichtlinien nahe legen – eine Realisierung des zweiten Preises erörtert. Dabei war zunächst nicht zu erwarten, dass der Entwurf von Heike Ponwitz – mit seiner Konfrontation von Canaletto-Motiv und NS-Vokabular und seiner Verortung in der historischen Altstadt – leichter vermittelbar und eher konsensfähig sein würde als der erste Preis.

Es gelang jedoch überraschend schnell, alle Beteiligten von der künstlerischen Qualität des Entwurfs und seiner Bedeutung für die Stadt Pirna bei der Definition eines neuen Selbstverständnisses zu überzeugen. Nur das Canaletto-Forum Pirna e.V. und sein Ehrenvorsitzender, der ehemalige Generaldirektor der staatlichen Kunstsammlungen zu Dresden Werner Schmidt, sahen in ihm eine »Diffamierung des italienischen Meisters« und wollten das Denkmal nur am »authentischen Ort«, also oben auf dem Sonnenstein, zulassen, und zwar in anderer, nämlich »aussagekräftiger bildnerischer Form«. Den zweijährigen Beratungen war das Canaletto-Forum allerdings trotz Einladung immer ferngeblieben. So fasste der Stadtrat auch gegen diesen Protest seinen positiven Beschluss und »befürwortet(e) die Einbeziehung der Stadt als Wegstrecke der Denkzeichen und das Ziel des Projektes, mit dem ein Bekenntnis zu dem dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte und ein Zeichen der Mahnung und Versöhnung gegeben werden soll.«

Durch das Engagement der Stiftung konnten schließlich auch neue Gelder beschafft werden. Die Ausführung kam im November 2005 zustande und wurde aus Mitteln der Europäischen Union, der Kulturstiftung des Bundes, des Förderprogramms »Weltoffenes Sachsen für Toleranz und Demokratie« und der Stiftung Sächsische Gedenkstätten finanziert. Die Reaktionen von Öffentlichkeit und Presse waren positiv.4 Trotz der Sorge, die zart und fragil erscheinenden Glastafeln könnten schnell zerstört oder beschmiert werden, wurde bisher nichts beschädigt. Schließlich ist Pirna auch eine Hochburg der »Skinheads Sächsische Schweiz« und der Kameradschaft »Nationaler Widerstand«.

Das »Denkzeichen« der Künstlerin Heike Ponwitz5 ist ein weiteres Beispiel in der Reihe hervorragender Projekte der Memorialkunst, die in den letzten Jahren an Orten ehemaliger »Euthanasie«-Verbrechen entstanden sind.Zu nennen sind hier die zweiteilige Wort-und-Video-Arbeit »Irrstern – Die Fenster des Himmels« von Marikke Heinz-Hoek für das Zentralkrankenhaus Ost in Bremen (2000), der poetische »Alphabet-Garten« von Diane Samuels in der Gedenkstätte Grafeneck (1998), die Neugestaltung der Gedenkstätte Hartheim bei Linz in Zusammenarbeit mit dem Künstler Herbert Friedl (2003) sowie die im Januar 2005 getroffene Wettbewerbsentscheidung für den Entwurf »Graue Busse« von Horst Hoheisel/Andreas Knitz im Zentrum für Psychiatrie Die Weißenau in Ravensburg.

 

1 Siehe auch: Nora Manukjahn, »Euthanasie« – das lange verdrängte Verbrechen. In: Stiftung Sächsische Gedenkstätten (Hrsg.), Nationalsozialistische Euthanasieverbrechen. Beiträge zur Aufarbeitung ihrer Geschichte in Sachsen, Dresden 2004, S. 173ff., insbes. S. 185–190

2 Boris Böhm, Pirna-Sonnenstein. Von einer Heilanstalt zu einem Ort nationalsozialistischer Tötungsverbrechen. Begleitband zur ständigen Ausstellung der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, Dresden 2001

3 Stefanie Endlich, Ein Mahnmal für die Opfer der »Euthanasie«-Verbrechen
Pirna-Sonnenstein. In: GedenkstättenRundbrief Nr. 97/2000 (hier auch die
Beschreibung der anderen Wettbewerbsentwürfe)

4 Zum Beispiel: Reiner Burger, »Mitten unter uns«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung 19. 12. 2005

5 Zur Einweihung erschien die Publikation: Boris Böhm/Norbert Haase (Hrsg.),
Nora Manukjan (Red.), Das Denkzeichen »Vergangenheit ist Gegenwart«. Ein Kunstprojekt der Stiftung Sächsische Gedenkstätten in Pirna, Dresden 2005; siehe auch: www.denkzeichen.de

6 Siehe auch: Stefanie Endlich, »Das Gedenken braucht einen Ort.« Formen des Gedenkens an den authentischen Orten. In: Kristina Hübener (Hrsg.), Brandenburgische Heil- und Pflegeanstalten in der NS-Zeit, Berlin 2002, S. 341–388

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund130_25-30.pdf)