Andrej Bartuschka

»Vergeben konnte ich, vergessen nie«*

Gedenkstättenrundbrief 167 S. 21-26

Die KZ-Gedenkstätte Laura

Die Hölle im Schieferberg – die Geschichte des Lagers Laura

Das Konzentrationslager Laura wurde im September 1943 als ein Außenlager des KZ Buchenwald gegründet, um Arbeitskräfte für das Rüstungswerk »Vorwerk Mitte Lehesten« zur Verfügung zu stellen. In dem bei Schmiedebach gelegenen Oertelsbruch sollten Triebwerke für die A4/V2-Rakete getestet werden. Außerdem entstand in den unterirdischen Hohlräumen des Schieferbergwerks eine Anlage zur Produktion von flüssigem Stickstoff und Sauerstoff für die Triebwerkstests, die Industrie und den A4-Fronteinsatz. Die Gebäude der Firma Karl Oertel Schieferbrüche Lehesten G.m.b.H., die zuvor als Wohnungen für die Firmenangestellten, für den Steinbruchbetrieb und als landwirtschaftlicher Betrieb genutzt wurden, dienten als Unterkünfte für Häftlinge und Wachmannschaften.

Die Zahl der Häftlinge stieg binnen zwei Monaten auf über 1 000 und erreichte im Dezember 1943 mit mehr als 1 200 ihren Höchststand. Bereits im Januar 1944 wurden die ersten Triebwerke getestet und mit der Sauerstoffproduktion begonnen. Bis Ende 1944 wurden in Laura nachweislich 4 372 Triebwerkstests durchgeführt und 3 462 Raketentriebwerke für die Montage freigegeben, was die wichtige, wenn auch lange Zeit übersehene Rolle Lauras in dem Produktionsbetrieb der »Wunderwaffe« A4 verdeutlicht. Untrennbar damit verbunden war der menschenverachtende Arbeitseinsatz der Häftlinge. Hunderte bezahlten ihren Einsatz bei dem Aufbau des Rüstungswerkes mit dem Leben. Bis Frühjahr 1944 fiel ein Drittel der in Laura eingesetzten Häftlinge der Zwangsarbeit, Misshandlungen, unzureichender Versorgung und den katastrophalen hygienischen Bedingungen zum Opfer.

Als sich im Frühjahr 1944 die Witterungsbedingungen besserten, die meisten Bauvorhaben ihren Abschluss fanden und man die Häftlinge zunehmend in der Produktion, im Testbetrieb und bei der Wartung der Raketentriebwerke einsetzte, ging die Sterblichkeitsrate zurück. Ab Mitte 1944 galt Laura als ein verhältnismäßig »gutes« Lager mit vergleichsweise guten Überlebenschancen.

Am Morgen des 13. April 1945 wurde das Lager wegen dem Herannahen der amerikanischen Truppen von der SS geräumt, die etwa 600 noch marschfähigen ­Häftlinge nach Wurzbach getrieben und in einen Zug verladen. Die im Lager verbliebenen Kranken wurden noch am selben Tag von US-Truppen befreit. Der Leidensweg der übrigen Häftlinge endete für die meisten im KZ Dachau/Allach, wo sie am 30. April von amerikanischen Truppen befreit wurden. In den achtzehn Monaten des Lagerbestehens waren in Laura insgesamt über 2 500 Häftlinge aus fast zwanzig Nationen eingesetzt, unter anderem Bürger der Sowjetunion, Franzosen, Polen, Juden, Jugoslawen, Deutsche und Österreicher, Tschechen, Belgier und Niederländer. Zu einem großen Teil handelte es sich um »politische Häftlinge«, die wegen angeblicher oder tatsächlicher Widerstandsaktionen gegen die deutschen Besatzer inhaftiert worden waren. Die deutschen und österreichischen Häftlinge waren hingegen überwiegend sogenannte »Berufsverbrecher« oder »Asoziale«. Aus ihren Reihen rekrutierten sich die privilegierten Funktionshäftlinge oder Kapos. Neben KZ-Häftlingen wurden in Laura auch etwa 200 italienische Militärinternierte eingesetzt, die als angebliche »Verräter« besonders unter der Grausamkeit der Wachmannschaften zu leiden hatten.

Mindestens 550 Menschen starben in Laura, ihre Leichen wurden bis auf wenige Ausnahmen in das Hauptlager Buchenwald transportiert und dort verbrannt. Eine unbekannte Zahl an bereits durch die schlechten Lebensbedingungen geschwächten Laura-Häftlingen starb kurz nach ihrer Verlegung in andere Lager wie Buchenwald, Bergen-Belsen oder Mittelbau-Dora.

Nach der Befreiung nutzten die US-Truppen den Oertelsbruch für den Test von Raketentriebwerken und demontierten kurz vor Übergabe des Gebietes an die Rote Armee im Juli 1945 einen Teil der Spezialausrüstung. Auch die sowjetischen Truppen nutzten die Triebwerkstestanlage unter der Bezeichnung »ZW 8 Lehesten«. Bis zum Frühjahr 1946 fanden auf den alten Brennständen und einem neu errichteten Prüfstand eine Reihe von Testversuchen statt. Ab April 1946 begann die Demontage der unterirdischen Anlagen. Im März 1948 wurde ein Großteil der noch vorhandenen unter- und überirdischen Anlagen des Rüstungswerkes gesprengt. Die Firma Oertel, die nach Kriegsende wieder mit dem Schieferabbau begonnen hatte, wurde 1948 enteignet und von der Vereinigung Volkseigener Betriebe Mineral/Erz, Land Thüringen übernommen. Die Gebäude des Lagers wurden teilweise als Wohnunterkünfte oder für eine LPG weitergenutzt und blieben so erhalten. Andere Bestandteile – wie der Stacheldrahtzaun und die Wachtürme – wurden abgerissen oder verfielen aufgrund fehlender Instandhaltung.

 

Ein schwieriges Erbe – die Geschichte der Gedenkstätte Laura

1956 wurde auf dem ehemaligen Lagergelände ein Gedenkstein errichtet. 1965 begann die Arbeitsgemeinschaft »Junge Historiker« der Schule Wurzbach mit der Erforschung der Lagergeschichte. Aufbauend auf Zeitzeugenbefragungen und Archivrecherchen kam 1970 die mehrmals aufgelegte Broschüre »LAURA – die Hölle im Schieferberg« heraus. Mit Unterstützung der Gedenkstätte Buchenwald und unter reger Beteiligung der Anwohner entstand 1979 in einem eigens dafür abgetrennten Drittel des ehemaligen Block I eine kleine Ausstellung. Allerdings blieb der Zugang durch die Grenzlage eingeschränkt und war außer für Anwohner nur mit Sondergenehmigung möglich. Dennoch besuchten bis 1989 fast 16 000 Menschen das frühere Lager Laura. Sowohl die Ausstellung als auch die veröffentlichte Broschüre war von der staatlichen Geschichtspolitik der DDR beeinflusst. Gedenkveranstaltungen dienten auch der Präsentation eines »besseren Deutschlands« und waren mit der Teilnahme bewaffneter Staatsorgane verbunden. Laura wurde von Delegationen der Volkspolizei, des Ministeriums für Staatssicherheit und der Nationalen Volksarmee als Exkursionsziel und Ort der Vereidigung, Selbstverpflichtung oder politischen Erziehung genutzt.

Die politische Wende 1989/90 beendete die Zugangsbeschränkungen aufgrund der Grenzlage und die Verwendung der Gedenkstätte für ideologische Zwecke. 1991/92 wurde die Ausstellung inhaltlich ergänzt und teilweise überarbeitet. Nach einem zeitweiligen Rückgang stabilisierten sich die Besucherzahlen ab 1993 und stiegen in den folgenden Jahren deutlich an (1990–2000: 17 000 Besucher; 2001–2011: 30 000 Besucher). Seit 1990 finden zum Volkstrauertag Gedenkgottesdienste der evangelischen Kirchgemeinde Schmiedebach statt, seit 1995 ökumenische Gottesdienste aller Kirchgemeinden der Region. Die Einbeziehung von ehemaligen Häftlingen in die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte war eine weitere Neuentwicklung der 1990er Jahre. Überlebende Häftlinge wie Herman van Hasselt und Auguste Verfaille berichteten mehrfach vor Jugendlichen von ihren Erlebnissen. Nachdem die gesamte Bausubstanz bereits 1993 provisorischen Denkmalstatus erhalten hatte und 1994 die Gedenkstätte in die Trägerschaft der Landkreises Saalfeld-Rudolstadt überging, wurde das gesamte Ensemble 1995 endgültig unter Denkmalschutz gestellt. 1998 gründete sich der Förderverein Gedenkstätte Laura e.V., um die Gedenkstätte als Ort des Erinnerns, der Begegnungen und historischen Lernort zu erhalten. 1999 wurde das ehemalige Außenlager mitsamt allen Zeugnisspuren der Lagernutzung als geschichtliches Kulturdenkmal in das Denkmalbuch aufgenommen.

Seit 2001 übernahm das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands e.V. (CJD) die Betreuung der Gedenkstätte, in der neben dem Besucherbetrieb auch Schülerprojekte durchgeführt werden. Zeitweilig dienten die ehemaligen Unterkünfte der SS-Wachmannschaften als Unterbringungsmöglichkeit für suchtkranke Jugendliche. Mit dem Erwerb des ehemaligen Häftlingsbereiches durch den Landkreis Saalfeld-Rudolstadt 2010 begann ein neuer Abschnitt der Gedenkstättengeschichte. Durch diese – nur nach schwierigen Verhandlungen mögliche – Übernahme der Gedenkstätte seitens des Landkreises konnte ihr Erhalt dauerhaft gesichert werden. Seitdem wurde die Ausstellung unter Einbeziehung des Fördervereins und der Gedenkstätte Buchenwald umfassend überarbeitet, erweitert und neu gestaltet. Bisher verborgen gebliebene Spuren aus der Lagerzeit konnten freigelegt, untersucht und gesichert werden. Am 13. April 2012 wurde die Gedenkstätte neu eröffnet, weitere Instandsetzungs- und Ausbaumaßnahmen werden bis Ende 2013 abgeschlossen sein.

Eine Besonderheit der Gedenkstätte Laura ist der umfangreiche Bestand an noch vorhandenen Gebäuden und Gebäuderesten aus der Lagerzeit, während in vielen anderen ehemaligen Konzentrationslagern nur noch wenig von der ursprünglichen Gebäudesubstanz erhalten ist. Der frühere Block I wurde ursprünglich als Feldscheune errichtet, 1943 für die Unterbringung der Häftlinge umgebaut und diente zeitweise bis zu 800 Häftlingen als Unterkunft. Da das Gebäude nach dem Krieg lange Zeit wieder als Scheune genutzt wurde, ist die ursprüngliche Raumgestaltung nicht mehr erhalten. Seit 2012 ist das gesamte Gebäude Teil der Ausstellung, während zuvor nur ein abgetrennter Bereich besichtigt werden konnte. Im Rahmen der dafür notwendigen Sanierungsarbeiten wurden restauratorische Untersuchungen durchgeführt, die neue Einblicke in die Lagergeschichte und das Alltagsleben der Häftlinge ermöglichten. Durch die Untersuchung der Gebäudesubstanz ergaben sich wertvolle Hinweise, wie das Gebäude für die Nutzung als Häftlingsunterkunft umgebaut wurde sowie auf die Raumgestaltung, Einrichtung und »Renovierungsmaßnahmen« während der Lagerzeit. An zahlreichen Stellen wurden Überreste der originalen Wandbemalung freigelegt und gesichert. Farbige Wand- und Blumenmalereien zeigen dem Besucher, wie die Häftlinge versuchten, sich ihre Unterkunft etwas »wohnlicher« zu gestalten. Besonders deutlich sichtbar ist dies in den zwei erhaltenen Kapo-Räumen, in denen privilegierte Funktionshäftlinge untergebracht waren. Die auffallend farbige Gestaltung dieser Quartiere, die in einem der Räume auch einen weiblichen Akt und andere Wandbilder mit einschloss, verdeutlicht die hierarchischen Abstufungen unter den Häftlingen von Laura. Ebenfalls erhalten und seit diesem Jahr in die Ausstellung aufgenommen sind zwei Wandinschriften aus der Lagerzeit – zum einen eine Zeile aus dem Lagerlied des KZ Esterwegen, zum anderen die Inschrift »Lerne Leiden ohne zu Klagen«, die vermutlich auf Betreiben der SS-Wachmannschaften angebracht wurde. Sie hatte vermutlich eine ähnliche Funktion wie die über dem Eingang anderer Konzentrationslager angebrachten Sinnsprüche »Jedem das Seine« oder »Arbeit macht frei«. Zu dem Bestand der in den ehemaligen Lagergebäuden untergebrachten Ausstellung gehören neben Informationstafeln verschiedene Relikte aus der Lagerzeit.

Der ehemalige Block II des Lagers, der als Häftlingsunterkunft, Schreibstube und zeitweilig als Krankenrevier diente, wurde nach dem Krieg als Wohnhaus genutzt. 2012 wurde hier ein Besucherzentrum eingerichtet, das auch für Tagungen und Projektarbeiten genutzt werden kann. Die ehemalige Häftlingsküche, die in einer kleinen Scheune eingerichtet wurde, diente nach dem Krieg ebenfalls als Wohngebäude. Seit 2012 sind hier das Gedenkstättenbüro und das Archiv untergebracht. Bei den dafür notwendigen Bauarbeiten wurden der ehemalige Kochplatz und Farbspuren aus der Lagerzeit freigelegt und gesichert. Von einigen anderen Gebäuden wie der Leichenhalle, der Lagerlatrine und den Wachtürmen sind allerdings nur noch Fundamentreste erhalten geblieben. Neben dem Gedenkstein wurde 2009 der ehemalige Häftling Herman van Hasselt auf eigenen Wunsch beigesetzt. Durch diese, in der deutschen Gedenkstättenlandschaft einmalige Geste, wollte er einerseits seinen Sieg über seine Peiniger und seine Verbundenheit mit den in Laura ums Leben gekommenen Mithäftlingen demonstrieren, und andererseits den dauerhaften Erhalt der Gedenkstätte sichern. Der Schieferbruch, in dem die Triebwerkstests durchgeführt wurden, kann von einem Aussichtspunkt aus besichtigt werden. Er steht aber – wie die unterirdischen Anlagen – nicht für eine Begehung offen. Durch die Demontage nach dem Krieg und den fortgesetzten Schieferabbau sind nur noch wenige Fundamentreste des Rüstungswerkes erhalten.

Zusätzlich zu dem normalen Besucherbetrieb finden auf Initiative des Fördervereins mehrmals im Jahr Projekttage mit Schulklassen statt. Neben Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen und mehreren Büchern zum »Vorwerk Mitte Lehesten« und dem KZ Laura verfügt die Gedenkstätte über einige Filme zur Geschichte des Lagers und einzelnen Häftlingsschicksalen, die im Rahmen von Führungen oder Projekttagen gezeigt werden können. Der Besuch der Gedenkstätte Laura ist – wie die Teilnahme an den angebotenen Führungen – kostenlos.

 

Andrej Bartuschka studierte Neuere Geschichte, Osteuropäische Geschichte und Politikwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und promovierte anschließend zum Thema US-Propaganda und Counterinsurgency im Kalten Krieg am Beispiel des Vietnamkonfliktes. Er ist Besucherkoordinator der KZ-Gedenkstätte Laura. Die Gedenkstätte ist eine Einrichtung des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt.

 

KZ-Gedenkstätte Laura, Schmiedebach, Fröhliches Tal, 07349 Lehesten

Telefon (03 66 53) 26 46 75

www.kz-gedenkstaette-laura.de | info@kz-gedenkstaette-laura.de

April–Okt., Dienstag–Sonntag 14–17.30 Uhr (auch feiertags und nach Vereinbarung)

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund167_21-26.pdf)