Karola Fings

»Voices of the Victims«

Gedenkstättenrundbrief 194 S. 31-35

Eine andere Perspektive auf den Völkermord an den Sinti und Roma Europas

"Meine liebe Mutter, ich will euch meinen letzten Wunsch mitteilen, da ich euch nicht mehr sehen werde. Ich wünsche euch eine gute Gesundheit und ein langes Leben. Gute Nacht. Anton Bühler."[1] Dies ist der Abschiedsbrief, den ein 17-jähriger Sinto kurz vor seiner Erschießung am Morgen des 31. März 1945 an seine Familie schrieb. Anton Reinhardt - im Brief "Bühler" nach seinem Stiefvater - war nach einer Flucht aus einem Lager ergriffen und von einem Standgericht zum Tode verurteilt worden. Am nächsten Morgen musste er in der Nähe von Bad Rippoldsau eine Grube ausheben, anschließend wurde er von einem SS-Hauptsturmführer mit einem Genickschuss getötet.

Dieser Brief ist eine von 60 Schriftquellen, die seit Januar 2019 in dem maßgeblich von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Portal "RomArchive. Digitales Archiv der Sinti und Roma" online zugänglich sind.[2] Das über fünf Jahre aufgebaute Projekt präsentiert Werke von Angehörigen der Minderheit in den Sparten Bildende Kunst, Theater, Film, Fotografie, Tanz und Flamenco, Literatur und Musik. Eine weitere ­Sektion widmet sich der Geschichte der Bürgerrechtsbewegungen in verschiedenen Ländern. RomArchive zeichnet sich durch eine internationale Perspektive aus, aber vor allem dadurch, dass die meisten Kuratorinnen und Kuratoren selbst Angehörige der Minderheit sind. Auch der Beirat, der im Austausch mit allen Beteiligten in ethischen Richtlinien und Überlegungen zur Sammlungspolitik die Leitplanken für die inhaltliche Ausrichtung setzte, bestand überwiegend aus Vertreterinnen und Vertretern von Selbst­organisationen. Zu den Zielen von RomArchive gehört, die Künste und Kulturen von Sinti und Roma sichtbar zu machen, ihre Qualität und Heterogenität herauszustellen und den mehrheitsgesellschaftlichen Blick auf die Minderheit zu dekolonisieren.

Isabel Raabe und Franziska Sauerbrey, die RomArchive initiiert und den Aufbau des Portals organisiert und begleitet haben, fragten im Herbst 2015 an, ob ich mich als Historikerin, die zahlreiche Studien zur NS-Verfolgung von Sinti und Roma publiziert hat, an dem Projekt beteiligen würde. Ich sagte zu, weil sich damit die Chance bot, eine Konzeption umzusetzen, bei der die Selbstrepräsentation von während des Nationalsozialismus in Europa verfolgten Angehörigen der Minderheit radikal ins Zentrum gerückt wird.

Konzeption von "Voices of the Victims"

Der Konzeption liegen mehrere Überlegungen zugrunde. Immer noch ist die Tatsache, dass Sinti und Roma Opfer eines Völkermordes geworden sind, in der breiten Öffentlichkeit nicht präsent. Einer der Gründe ist, dass kaum Zeugnisse publiziert sind, die Empathie für die Opfer, die Überlebenden und deren Nachkommen zu erzeugen vermögen. Der Holocaust ist nicht nur durch den gleichnamigen, vierteiligen Fernsehfilm aus dem Jahr 1979 einem millionenfachen Publikum ins Bewusstsein gerückt worden. Besonders populär ist bis heute das Tagebuch von Anne Frank (1929-1945), die im Konzentrationslager Bergen-Belsen ermordet wurde. Viele Tausende Selbstzeugnisse jüdischer Verfolgter aus den Jahren 1933 bis 1945 liegen in Form von Briefen oder Tagebüchern vor, nicht wenige davon sind publiziert. Einen vergleichbaren Quellenkorpus gibt es für die Opfergruppe der Sinti und Roma nicht. Ziel von "Voices of the Victims" ist es daher, dieses Defizit durch eine Sammlung einzelner Schriftzeugnisse von Angehörigen der Minderheit zumindest ansatzweise zu kompensieren.

Eine zweite konzeptionelle Grundlage für das Projekt ist, dass Selbstzeugnisse aus der Zeit der Verfolgung eine herausragende Qualität haben, die sie insbesondere als Material für die Bildungsarbeit prädestinieren. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur erlebten Verfolgung sind sie in der Regel recht detailreich und anschaulich. Sie reflektieren die alltäglichen Probleme, die durch den Verfolgungsdruck entstanden sind, lassen etwas von den Sorgen und Ängsten der Betroffenen erahnen und ebenso von den Überlebensstrategien, die sie im Angesicht der Vernichtung entwickeln. Auch treten die Individualität der Schreibenden, ihre Lebensumstände und auch Zukunftshoffnungen deutlich hervor. Dadurch unterscheiden sich derartige Zeugnisse fundamental von den Interviews, die mit Sinti und Roma verstärkt seit den 1980er-Jahren geführt wurden, um deren Erinnerung an die NS-Zeit festzuhalten. Viele Details sind naturgemäß im Laufe der Jahrzehnte in Vergessenheit geraten, die Erzählung vielfach durch die Zeit nach 1945 und heutige Konventionen überformt, um nur wenige Aspekte zu nennen, die generell für diese Quellengattung gelten.

Ein drittes Argument ist für "Voices of the Victims" grundlegend: Diese Zeugnisse bilden eine Gegenerzählung zu dem Feindbild der NS-Täterinnen und -Täter. Die Dominanz dieses Feindbildes ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass in der historischen Darstellung der NS-Verfolgung meist auf die in Archiven und Bibliotheken zahlreich vorhandenen und einfach zugänglichen Quellen und Publikationen aus den Reihen derjenigen zurückgegriffen wurde, die im NS-Staat in Polizei und Justiz, Medizin und Rassenforschung oder Verwaltung und Wehrmacht die Stigmatisierung, Isolierung und schließlich Deportation und Ermordung von Sinti und Roma vorangetrieben haben. Der rassistisch aufgeladene, diffamierende und kriminalisierende Blick der Täterquellen wurde und wird oftmals nicht dekonstruiert, sondern weiter tradiert.

Schließlich widmet sich "Voices of the Victims" bewusst der europäischen Dimension, weil in vielen Ländern bis heute das Bewusstsein darüber, dass Sinti und Roma Opfer eines systematischen Völkermordes wurden, noch weniger ausgebildet ist als in der Bundesrepublik. Zudem vermag nur eine europäische Perspektive das Ausmaß der Gewalt- und Tötungsverbrechen, denen Sinti und Roma ausgesetzt waren, zu repräsentieren.

Antiziganismus in Wissenschaft und Bildungsarbeit

Diese Konzeption überzeugte die Initiatorinnen von RomArchive ebenso wie den Beirat und die anderen Kuratorinnen und Kuratoren, so dass 2016, auch dank der zusätzlichen Förderung durch die Bundeszentrale für politische Bildung, erste Vorarbeiten beginnen konnten. Diese Vorarbeiten wären hier nicht weiter erwähnenswert, wenn in diesem Stadium nicht Probleme aufgetreten wären, die einmal mehr zeigen, wie notwendig ein Diskurs über Antiziganismus in der Wissenschaft und in der Bildungsarbeit ist.[3] Es sind eben leider nicht nur die Quellen aus der NS-Zeit, die den Täterblick perpetuieren, sondern auch diejenigen Historikerinnen und Historiker, die sich nicht selbstkritisch mit ihren eigenen Vorannahmen gegenüber der Minderheit auseinandersetzen.

Um die gewünschte europäische Perspektive repräsentieren zu können, habe ich zahlreiche Kolleginnen und Kollegen angesprochen und gefragt, ob sie in dem Projekt mitarbeiten wollten. Es gab diejenigen, die spontan zusagten und denen sofort aus ihrer bisherigen Arbeit heraus entweder Quellen einfielen oder die eine Idee hatten, wo zu suchen wäre. Und dann gab es ein merkwürdiges Grundrauschen, das sich aus Bedenken und Vorbehalten zusammensetzte, die dann entweder in einer Ablehnung mündeten oder doch zerstreut werden konnten. Dieses Grundrauschen war anfangs schwer zu verorten, weil es nur sporadisch und ganz leise daherkam. Typisch dafür war, dass auf die Frage, ob man sich vorstellen könne, schriftliche Quellen aus der Zeit der Verfolgung, die von Sinti und Roma selbst verfasst worden sind, beizusteuern, die Antwort kam, dass es solche Quellen nicht geben würde. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass dahinter entweder die Annahme stand, dass Sinti und Roma nicht hätten schreiben können, also Analphabeten oder Analphabetinnen gewesen seien, oder aber, dass Roma sich nicht gegenüber der Mehrheitsgesellschaft artikuliert hätten.

Diese Vorstellungen beruhen auf "klassischen" antiziganistischen Ressentiments: Sinti und Roma wird pauschal eine niedrige bis überhaupt keine Bildung und damit auch eine allgemein randständige Position zugeschrieben. Auch als historische Subjekte, die eine Artikulationsfähigkeit haben, sich innerhalb der Gesellschaft zu Wort melden und dies können, weil sie die kommunikativen Regeln beherrschen, werden Angehörige der Minderheit meist nicht wahrgenommen. Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich das Gespräch vertiefen konnte, räumten ein, dass sie nach solchen Quellen noch nie zielgerichtet gesucht hatten - die verinnerlichten antiziganistischen Stereotype hatten diese Option nicht erlaubt.

Die Erfahrungen in der ersten Projektphase bestärkten mich darin, das Konzept - die Schriftquellen werden als zentrale Exponate in den Vordergrund gestellt und sorgsam kontextualisiert - nicht aufzuweichen.

Umsetzung

Insgesamt vierzehn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich an "Voices of the Victims" beteiligt und Dokumente für Belarus, Belgien, Bosnien und Herzegowina, Deutschland, Estland, Frankreich, Italien, Kroatien, Lettland, Niederlande, Österreich, Polen, Rumänien, Russland, Schweiz, Serbien, Slowakei, Tschechien, Ukraine und Ungarn zusammengetragen. Sofern es nicht möglich war, Quellen aus der Zeit der Verfolgung zu finden, wurden unmittelbar nach dem Krieg entstandene Zeugnisse - Aussagen vor Kommissionen oder Gerichten, Strafanzeigen gegen Täter - ausgewählt. Ziel war es, insgesamt 60 Quellen zu präsentieren.[4]

Eine der ältesten Quellen datiert auf den 12. Mai 1938 und ist eine detaillierte Beschreibung der rassistischen Hetze sowie der diskriminierenden Maßnahmen, denen Roma im österreichischen Burgenland ausgesetzt sind. Die sieben Unterzeichner wenden sich in ihrer Petition an Adolf Hitler gegen den Entzug ihrer bürgerlichen Rechte.[5] Zu den jüngsten Quellen zählen umfangreiche Zeugenaussagen, die Roma und Romnia 1952 vor dem Amtsgericht Zagreb über die an der Minderheit im Lager ­Jasenovac begonnenen Verbrechen im Rahmen eines Verfahrens gegen Andrija Artuković, dem ehemaligen Innenminister des Unabhängigen Staates Kroatien, gemacht haben.[6]

Jede Quelle ist als Scan verfügbar, zudem in der Originalsprache transkribiert und sowohl ins Deutsche, Englische und in Romanes übersetzt worden. Damit sind die zentralen Barrieren für einen Zugriff auf solche Dokumente - geringe Zugänglichkeit, schwere Lesbarkeit, unverständliche Fremdsprache - beseitigt worden. Zusätzlich wurden die Dokumente mit Kommentaren versehen, die Informationen über die Schreibenden und den Kontext, in dem sie sich zu Wort melden, bieten. Eine weitere Besonderheit von "Voices" ist es, dass die Stimmen der Betroffen auch zu hören sind. Jedes Dokument steht in den drei genannten Sprachen als Audiodatei zur Verfügung - die Unmittelbarkeit des Erzählens verstärkt die Unmittelbarkeit des damaligen Erlebens und eröffnet eine weitere Rezeptionsebene. Zu jedem Land gibt es außerdem einen Hintergrundbericht, der den Verlauf der Verfolgung in dem jeweiligen Land darstellt. In vier redaktionellen Beiträgen werden das Projekt "Voices of the Victims", die Debatten um Opferzahlen und die Bezeichnung des Völkermordes sowie die Bedeutung autobiografischer Quellen behandelt.

Der Quellenkorpus von "Voices of the Victims" steht nunmehr für die Bildungsarbeit und für die Forschung zur Verfügung. Erste Formate für die Bildungsarbeit hat das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma mit Unterstützung der Berliner Landeszentrale für politische Bildung im Rahmen des Launchs von ­RomArchive im Februar 2019 ausprobiert. Das Dokumentationszentrum hat außerdem im März 2019 die Trägerschaft für RomArchive übernommen, das als digitales Archiv kontinuierlich ausgebaut werden soll. Zukünftig könnten daher weitere Quellen und Länder in "Voices of the Victims" ergänzt werden. Es ist zu wünschen, dass diese besonderen Quellen zukünftig auch in der Fachwissenschaft mehr Beachtung erfahren.

Dr. Karola Fings ist Historikerin, stellvertretende Direktorin des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln und hat zahlreiche Studien zur Verfolgung von Sinti und Roma im Nationalsozialismus verfasst. Sie ist Mitglied der "Unabhängigen Kommission Antiziganismus" der Bundesregierung, die im März 2019 ihre Arbeit aufgenommen hat.


[1] Staatsarchiv Freiburg im Breisgau, F 179/1, Nr. 249. Zur besseren Lesbarkeit wurde der Text orthographisch bearbeitet.

[2] Siehe www.romarchive.eu. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung, die Deutsche Kinemathek, das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut gehörten zu den Förderern.

[3] Die Auseinandersetzung über Antiziganismus in der Wissenschaft wird vor allem von der "Gesellschaft für Antiziganismusforschung" in Marburg und seit 2017 auch von der "Forschungsstelle Antiziganismus" am Historischen Seminar der Universität Heidelberg vorangetrieben. Innerhalb der Gedenkstätten gibt es seit 2015 ein Netzwerk, das sich mit den Fallstricken der Vermittlungsarbeit auseinandersetzt, und in diesem Jahr vom 23.-25. Oktober in der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück in Fürstenberg/Havel zusammentrifft. Vgl. allg. zur Problematik Steffen Jost, Verfolgung, Vernichtung und der Kampf und Anerkennung und Wiedergutmachung - Historische Bildungsarbeit zu Sinti und Roma aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft, In: LaG Magazin 06/14

(http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/11789).

[4] Derzeit sind von den 60 Quellen zwei wegen noch offener Publikationserlaubnisse nur im internen Archiv vorhanden.

[5] Das Dokument stammt aus Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien.

[6] Die Dokumente stammen aus dem Kroatischen Staatsarchiv, Zagreb.