Frank Dingel

Vom Gropiusbau zum Marstall - Die »Topographie des Terrors« in Berlin (0st)

Gedenkstättenrundbrief 196 S. 20-22

In Ergänzung zu dem von Gerd Kühling mit Ulrich Eckhardt und Thomas Flierl geführten Interview wird im Folgenden ein unveröffentlichter Essay von Frank Dingel aus dem März 1989 abgedruckt. Er gibt nicht nur den damaligen Zeitgeist wieder, sondern stellt zugleich Fragen von der Bewertung des Erfolgs von Ausstellungen über die NS-Zeit bis hin zur Beschreibung, was eine hohe Diskussionskultur ist.

Thomas Lutz

 

Von 2. bis 25. Februar 1989 wurde ein Duplikat der Dokumentation »Topographie des Terrors« in der Hauptstadt der DDR gezeigt. In dieser Zeit ist sie von Zehntausenden 0st-Berliner Bürgern besucht worden. Eine genaue Zählung war nicht möglich, weil die Ausstellung im Eingangsbereich der Stadtbibliothek in der Breiten Straße, neben dem ehemaligen Marstall, aufgebaut worden war. Die ersten tausend Exemplare des Katalogs waren nach eineinhalb Tagen verkauft. Auch die Nachlieferung von weiteren zweitausend konnte die Nachfrage nicht gänzlich befriedigen. Mit einem Wort: Die »Topographie« war auch im 0stteil der Stadt ein Erfolg. Nach diesem gelungenen Auftakt wird sie im März/April in Buchenwald und dann in Brandenburg und Sachsenhausen zu sehen sein.

Bei längerem Nachdenken beschleichen einen jedoch Zweifel, ob Kategorien wie »Erfolg« oder »Misserfolg« angemessen sind. Diese Etikettierungen suggerieren die Auffassung, die Dokumentation sei eine Ware, deren Akzeptanz auf dem Markt zugleich Gradmesser ihrer Güte ist, gemäß der klassischen Lehre, wonach der Gebrauchswert einer Ware oder das subjektive Bedürfnis des Käufers darüber entscheiden, ob sich der Wert der Ware realisieren kann. Aufklärung ist allerdings eine recht eigentümliche Ware: Ihrem unbestreitbaren Gebrauchswert entspricht keineswegs ein adäquates Bedürfnis der »Kunden«, sie auch zu nutzen, geschweige denn, etwas dafür zu bezahlen. Aber auch »Aufklärung gratis« führt nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen. Die Ausstellung »Und lehrt sie: Gedächtnis«, die die Geschichte der Juden in Berlin zum Thema hatte, war in Berlin (0st) ein Publikumsmagnet, in Berlin (West) stieß sie eher auf bescheidenes Interesse. Diese unterschiedliche Resonanz erklärt sich weniger durch die möglicherweise nicht gleichermaßen attraktive Platzierung der Ausstellung, dort im Ephraim-Palais, hier im Sockelgeschoss des Gropiusbaus – als vielmehr durch den unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontext. Jüdische Geschichte in Berlin, das war im 0sten ein herausforderndes Thema, weil es allzu lange im allgemeinen antifaschistischen Gestus »mitbehandelt«, aber nur selten als eigenständiges, die Erklärungskraft ansonsten stimmiger materialistischer Faschismustheorien überforderndes Problem diskutiert worden ist. Im Westen hingegen, wo es eine einflussreiche Tradition gibt, sich der Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen des Faschismus durch Verweisen auf die Einmaligkeit des Nationalsozialismus zu entziehen, die sich in der Irrationalität des inzwischen breit dokumentierten Völkermordes an den europäischen Juden zeige, glaubte man sich in dieser Hinsicht genügend informiert. Entsprechend gering war das Publikumsinteresse.

Ceteris paribus war das gleiche für die »Topographie« in 0st-Berlin zu erwarten. Einer Gesellschaft, die den Antifaschismus zu einem grundlegenden Element ihres Selbstverständnisses zählt, würde, so glaubte nicht nur ich, die »Topographie« nicht viel Neues erzählen können. Der eingangs erwähnte Publikumszulauf hat uns Lügen gestraft. Die Frage ist, warum?

Eine erste Antwort liegt in dem Politikum, dass die Dokumentation eines historisch brisanten Themas, die in West-Berlin mit öffentlichen Geldern erarbeitet worden ist, unverkürzt in 0st-BerIin gezeigt werden kann.[1] Mit anderen Worten: die »Topographie« widerspiegelt einen wissenschaftlichen und politischen Konsens, der vor 20 Jahren undenkbar gewesen wäre. Für 0st-BerIiner Augen mochte es ungewohnt sein, nicht nur Robert Havemann, sondern auch den »NATO-General« Speidel als 0pfer des Faschismus dokumentiert zu sehen, ebenso wie es manchen Besucher der »Topographie West« irritiert, unter den dargestellten Widerstandskämpfern Erich Honecker zu finden. Diese unverkürzte Präsentation des antifaschistischen Widerstandes reflektiert die Einsicht, dass die defensive Aufgabe der Bekämpfung des Nationalsozialismus als eines antihumanen und destruktiven Systems schlechthin andere politische Koalitionen erfordert als der offensive Kampf um die positive Gestaltung der Gesellschaft. Dies bedeutet nicht, dass man auf die kritische Analyse der konzeptionellen Entwürfe der unterschiedlichen Widerstandsgruppen verzichtet. Man hat aber eine Grundlage gefunden, auf der die Diskussion ohne falsche Polemik geführt werden kann.

Ein zweiter Grund für die Attraktivität der »Topographie« liegt in der Form der Dokumentation selbst. Sie zwingt dem Besucher keine Interpretation auf. Dies heißt nicht, dass Interpretation, oder anspruchsvoller formuliert, die theoretische Anstrengung der Begriffsbildung überflüssig wäre. Sie gibt aber dem Besucher die Souveränität zurück, sich dieser Anstrengung selbst zu unterziehen und durch Selberdenken zu einer gefestigteren Erkenntnis zu kommen, als dies bei bloßer Übernahme vorgekauter Merksätze möglich wäre. Vermeidung von Schablonen und Wille zur Erfassung der konkreten Realität zeigten sich auch in den die Dokumentation begleitenden Veranstaltungen, in denen Erfahrungen von Zeitzeugen, der Naziterror in Berlin 1933/34, die rechtliche »Bewältigung« der Nazi-Diktatur nach 1945 und unser Umgang heute mit diesem Erbe thematisiert wurden.

Ein allgemeiner Eindruck vorweg: Die Diskussionen in den überfüllten Veranstaltungen zeichneten sich durch eine hohe Argumentationskultur aus. Man hörte einander zu und gab an keiner Stelle der sonst häufig zu beobachtenden Versuchung nach, dem Kontrahenten, sei es auf dem Podium, sei es im Publikum, unlautere Gesinnung zu unterstellen. Die selbstkritische Befragung der eigenen Gesellschaft, der DDR also, war unverkennbar. Dies zeigte sich nicht nur bei der Reflexion des eigenen Geschichtsbildes – die Sozialfaschismustheorie wurde als schädlich erkannt, die Stilisierung des Klassenkampfes im Faschismus als Auseinandersetzung zwischen »Helden« und »Monstern« als unrealistisch und der historischen Wahrheitsfindung hinderlich verworfen – sondern auch bei der Frage, wie man mit faschistischen Erscheinungen heute umzugehen habe. Neofaschistische Aktionen und Meinungsäußerungen in der DDR zwingen dazu, über die relative Autonomie des Überbaus gegenüber der Basis nachzudenken und sich dem Problem zu steIIen, dass eine fortschrittliche Gesellschaftsordnung nicht automatisch das Ende reaktionärer Ideologien bedeutet. Es versteht sich von selbst, dass die angesprochenen Probleme nicht bis in die letzten Konsequenzen ausdiskutiert werden konnten. Es gab auch Scheingefechte wie etwa die Auseinandersetzung darüber, ob man Nazi-Verbrecher nach einem Recht verurteilen könne, das nach 1945 erlassen wurde. Die Hamburger Staatsanwältin Grabitz verfocht, rechtstheoretisch sicherlich überzeugend, das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit, verfehlte aber den politischen Sachverhalt. Wenn in der DDR etwa 12 000 Naziverbrecher abgeurteilt wurden, in der BRD aber nur um die 6 000, dann liegt das nicht daran, dass in dem einen Falle nach den Prinzipien des Nürnberger Urteils, im anderen nach wilhelminischem Strafrecht geurteilt wurde, sondern daran, dass in der BRD mit zweierlei Maß gemessen wird. Was bei einem sogenannten linken »Terroristen« zu lebenslanger Freiheitsstrafe führt, bringt einem Nazi-Verbrecher Freispruch ein. Nicht das Recht also hätte Gegenstand der Kritik sein müssen, sondern die Justiz. Doch hier waren die Schranken diplomatischer Höflichkeit unübersehbar.

Trotzdem: Sollte es der »Topographie« gelingen, das Nachdenken über den Faschismus und seine Wirkungen bis heute in beiden deutschen Staaten in den jeweils spezifischen gesellschaftlichen Zusammenhängen, voranzutreiben, dann ist das mehr, als wir uns 1987 in unseren kühnsten Träumen hätten erhoffen können.

 

Frank Dingel, Politologe, war von 1986 an der erste wissenschaftliche Mitarbeiter des Projektes Topographie des Terrors; der Name der Institution wurde maßgeblich von ihm begründet. Er ist im Jahr 2005 mit 60 Jahren gestorben.



[1]    Siehe hierzu S. 14 in diesem Heft: Darstellung von Robert Havemann.