Uta George

„Vom Wert des Menschen“

Gedenkstättenrundbrief 113 S. 10-16

Eine Ausstellung zur Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Gießen von 1911 bis 1945

Fünf Jahre Ausstellung

Am 21. März 1998 wurde die Ausstellung „Vom Wert des Menschen. Die Geschichte der Heil- und Pfleganstalt Gießen 1911 bis 1945“ eröffnet. Das Datum war bewusst gewählt worden: der 21. März 1941 war einer von sieben Tagen, an denen Patienten der Gießener Heil- und Pflegeanstalt in die Landesheilanstalt Weilmünster verlegt wurden. Diese diente als so genannte Zwischenanstalt für die Gasmordanstalt Hadamar. Von den insgesamt 265 in Gießen abgeholten Opfern wurden 261 in Hadamar ermordet.1

Das Zentrum für Soziale Psychiatrie Mittlere Lahn, Standort Gießen -Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen (KPP Gießen), die frühere Heil- und Pflegeanstalt, befindet sich in Randlage der Stadt Gießen und verfügt heute über ein breit gefächertes Angebot zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung der Bevölkerung der Stadt, des Landkreises und der Region.2 Auf dem Gelände befindet sich eine eigene Krankenpflegeschule und eine Abteilung der forensischen Klinik des Zentrums für Soziale Psychiatrie Haina. Die KPP Gießen ist zudem akademisches Lehrkrankenhaus der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Der Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV), höherer Kommunalverband und Träger der Zentren für Soziale Psychiatrie in Hessen3 (vormals: Psychiatrische Krankenhäuser), übernahm mit seiner Gründung im Jahre 1953 eine Vielzahl von Institutionen, in denen Patienten während des Nationalsozialismus Opfer von Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Verbrechen wurden. Zu diesen Einrichtungen zählten ehemaligen Landesheilanstalten Hadamar, Weilmünster, Eichberg und Herborn, um nur einige zu nennen. 1986 wurde innerhalb des LWV das Referat „Archiv, Gedenkstätten und Historische Sammlungen“ gegründet; damit übernahm der LWV die Verantwortung für die in seinen Einrichtungen begangenen Verbrechen. Deutlich wurde diese Übernahme der Verantwortung durch die Umgestaltung und Erweiterung der Gedenkstätte Hadamar Ende der 80er Jahre, deren Träger der LWV ist und die 2003 ihr 20-jähriges Bestehen begeht.

Im Laufe der letzten zwanzig Jahre errichtete der LWV auf dem Gelände seiner Einrichtungen Denkmäler, die an die Opfer der Verbrechen des Nationalsozialismus erinnern. Seit ca. zehn Jahren werden nach und nach für jede Einrichtung eine Ausstellung mit Katalog bzw. Begleitband erarbeitet, die über die Geschichte des jeweiligen Standortes informieren. Einen Schwerpunkt bildet jeweils die Einbindung der Anstalt in die Verbrechen der NS-Psychiatrie.4

Im damaligen psychiatrischen Krankenhaus Gießen wurde bereits 1986 von Mitarbeitern eine erste Ausstellung zur Geschichte des Hauses erarbeitet. 1989 wurde die erweiterte Ausstellung „Was ein Menschenleben wert war – Von den Zwangssterilisationen zu den Euthanasieverbrechen“ im Gießener „Alten Schloss“ für zehn Tage präsentiert. Ca. 4500 Besucher sahen sich die Ausstellung damals an. Am 9. November 1996 wurde das Denkmal „Seht den Menschen“ eingeweiht. Zwischen 1996 und 1998 entstand die Ausstellung „Vom Wert des Menschen. Die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Gießen von 1911 bis 1945“ in Kooperation zwischen dem Bereich „Archiv, Gedenkstätten und Historische Sammlungen beim LWV Hessen“ und dem PKH Gießen.5

 

Die Heil- und Pflegeanstalt Gießen

Die Heil- und Pflegeanstalt Gießen (HuP) wurde 1911 am Rand der Stadt Gießen gegründet. Sie diente damit der psychiatrischen Versorgung der Provinz Oberhessen des Großherzogtums Hessen (später Volksstaat bzw. Land Hessen). In der Stadt Gießen existierten zu diesem Zeitpunkt bereits die Psychiatrische und Nervenklinik der Universität (seit 1896) und die Großherzogliche Provinzialsiechenanstalt (seit 1903). Die Gründung der HuP schloss die Lücke zwischen der Versorgung akut Erkrankter in der Universitätsklinik und der Betreuung Alter und Siecher in der Provinzialsiechenanstalt: Die neue Anstalt sollte zwar auch Akuterkrankte aufnehmen, der Schwerpunkt lag allerdings auf der Pflege von Langzeitpatientinnen und -Patienten. Obwohl sich auch andere Städte Oberhessens, z. B. Grünberg, darum beworben hatten, die neue HuP in ihrer Gemarkung zu erbauen, fiel die Wahl auf Gießen aufgrund der geografischen Nähe zur universitären Psychiatrischen und Nervenklinik. „In Gießen wird eine Irrenklinik mit 80 Plätzen und in Verbindung mit derselben und zu deren Entlastung eine erweiterungsfähige Irrenpflegeanstalt, zunächst mit 150 Plätzen errichtet.“6 Das heißt, bereits in der Planung wurde die Rollenzuschreibung für die zukünftige Heil- und Pflegeanstalt deutlich.

Die neue Anstalt verfügte bei ihrer Gründung über 440 Plätze. Sie war im Pavillonstil erbaut worden, das heißt, statt einem einzigen großen Anstaltsgebäude umfasste sie insgesamt elf kleine Krankengebäude. Auf dem Gelände wurde auch ein Haus für forensische Psychiatrie gebaut, das so genannte „Feste Haus“, für so genannte „Gemeinschaftsgefährliche“, zu denen vor allem straffällig gewordene psychisch Kranke gehörten. Während des Ersten Weltkrieges wurde ein Teil der Anstalt zum Reservelazarett für so genannte Kriegszitterer. Es handelte sich dabei um Soldaten, die an der Front schreckliche Kriegserlebnisse gehabt hatten und in der Folge davon psychische bzw. psychosomatische Symptome, wie Schütteltremor (daher die Bezeichnung Kriegszitterer), zeitweilige Stummheit, Depressionen u. a. aufwiesen. Die Aufgabe des Lazaretts bestand darin, diese Soldaten wieder „kriegsverwendungsfähig“ zu machen, oder wenn dies nicht gelang, so zumindest aber wieder arbeitsfähig, so dass sie „den Rentenkassen nicht zur Last fielen“. In das Gießener Lazarett waren von 1916 bis 1921 4758 Soldaten eingewiesen worden. Die Behandlungsmethoden reichten von Hypnose, Zwangsexerzieren über Arbeitstherapie bis zu Stromanwendung. „Keiner bekommt Urlaub, solange er zittert, stumm oder sonst wie ungeheilt ist.“7 Das Gießener Lazarett war allerdings im Vergleich zu anderen Lazaretten eher moderat. So wurden die Soldaten nur an die Front zurück geschickt, wenn es deren Gesundheitszustand zuließ. Überlegungen, dass eine Entlassung aus dem Kriegsdienst andere Soldaten animieren könnte, Krankheiten zu simulieren – eine häufige Annahme der Mediziner -, traten bei den Gießener Ärzten offensichtlich in den Hintergrund.8

Die Weimarer Republik brachte für die HuP Gießen Reformansätze: So fand die Arbeitstherapie regelmäßig Eingang in die Behandlung der Patienten – eine Gelegenheit für die Einrichtung, quasi kostenneutrale Arbeitskräfte einzusetzen, für die Patienten aber eine Möglichkeit, dem Psychiatriealltag, der in dieser Zeit im Wesentlichen durch Verwahrt-Werden gekennzeichnet war, zu entfliehen. Ein weiterer Reformansatz war die Einrichtung der „Hessischen Heilstätte für Nervenkranke“. Psychosomatisch erkrankte Arbeiterinnen und Arbeiter erhielten hier eine Kur.

Im Nationalsozialismus spielte die Gießener Anstalt eine ambivalente Rolle: Die Bandbreite reichte von relativ großer Zurückhaltung über unauffälliges Mitmachen bis zu herausragendem Engagement. Dies soll im Folgenden exemplarisch aufgezeigt werden.

Die Pflegesätze waren reichsweit bereits am Ende der Weimarer Republik sehr niedrig; diese Tendenz setzte sich im Nationalsozialismus fort, sodass von einer strukturbedingten zunehmenden Vernachlässigung der Patienten zu sprechen ist. Dies spiegelte sich auch in einer Verschlechterung des Personalschlüssels wider. Die Umstrukturierungen im Anstaltswesen ab 1938 (Verlegungen von Patienten aus kirchlichen und privaten Einrichtungen in staatliche) bedeuteten für die Gießener Anstalt einen rentableren Betrieb, für die Patienten massive Überbelegung.

Mit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ am 1. Januar 1934 waren auch Patienten der HuP Gießen von Zwangssterilisationen bedroht. Sie wurden von den Ärzten der Anstalt begutachtet, in der Regel mit der Empfehlung für eine Zwangssterilisation. Zwei Ärzte der Anstalt waren Beisitzer im Gießener Erbgesundheitsgericht.9 Gezielt durchsuchte die Verwaltung der Gießener Anstalt alte Karteien und lud Patienten vor, die in den Jahren zuvor entlassen worden waren. Sie wurden erneut begutachtet und beim Verdacht auf Erblichkeit ihres Leidens, die sehr großzügig ausgelegt wurde, zwangsweise sterilisiert. Ebenso finden sich unter den Gießener Zwangssterilisationsopfern Menschen, die beispielsweise bei Beantragung eines Ehestandsdarlehens erbbiologisch ausspioniert und in der Folge davon zwangssterilisiert wurden.10

Vor Beginn der „Aktion T4“ in Hessen hatte die Anstalt Gießen die Aufgabe, als Sammelanstalt für jüdische Patienten zu fungieren. 106 Patienten anderer Anstalten, insbesondere aus Nordhessen und Westfalen, wurden nach Gießen verlegt und wenige Tage später, gemeinsam mit 20 Gießener Patienten, in die T4-Gasmordanstalt Brandenburg verbracht und dort ermordet. Im Jahr 1941 fungierte eine weitere Anstalt des Landes Hessen, Heppenheim, als Sammelanstalt für jüdische Patienten. Sie wurden in Hadamar ermordet.

Ende Juni 1940 schickte die T4-Zentrale Meldebögen an die Gießener Anstalt mit der Aufforderung, sie für diejenigen Patienten auszufüllen, die entweder sehr schwere neurologische bzw. psychiatrische Krankheiten hatten, die länger als fünf Jahre in Anstalten lebten, die als kriminell oder als nicht-deutsch galten. T4-Gutachter entschieden über Leben bzw. Tod der Opfer, die dann zunächst in die Zwischenanstalt Weilmünster verbracht wurden, bevor sie in der Tötungsanstalt Hadamar durch Gas erstickt wurden.11 Insgesamt wurden aus der Anstalt Gießen 265 Opfer nach Weilmünster gebracht, 261 von ihnen ermordete das Hadamarer Personal in der Gaskammer. Von den restlichen vier wurden drei nach Gießen zurückverlegt, ein Patient war mittlerweile in Weilmünster verstorben.

Wie in vielen Heil- und Pflegeanstalten stellte sich auch für Gießen das Problem, was mit den durch die Ermordung der Patienten freigewordenen Kapazitäten passieren sollte. Bereits im Juni 1940 hatte die Anstalt ein Gebäude an die Waffen-SS vermietet, zur Einrichtung eines SS-Lazaretts für psychisch kranke SS-Männer. Im April 1941 erhielt das SS-Lazarett zwei weitere Gebäude. Bis Kriegsende wurden hier über 5.000 SS-Männer aufgenommen. Es lässt sich erahnen, dass diese Männer im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit als SS-Männer (als Mitglieder der Waffen-SS) psychisch erkrankten. Galt ein SS-Mann als unheilbar, so wurde er aus der SS entlassen und in eine Heil- und Pflegeanstalt verlegt.

Weitere Fremdnutzer auf dem Gelände waren die Universitätskinderklinik und eine Sanitäts- und Ausbildungskompanie der SS. In den letzten Kriegsjahren wurde ein Außenkommando des KZ Buchenwald auf dem Gelände der HuP Gießen angesiedelt. Darüber hinaus fungierte ein Teil der Anstalt 1942/43 offensichtlich als allgemeinmedizinische Abteilung, die somatisch erkrankte Zwangsarbeiter beiderlei Geschlechts pflegte.

Für die HuP Gießen sind keine Transporte nachweisbar, bei denen Patienten zwischen 1942 und 1945 nach Hadamar verbracht worden wären. Hadamar war ab 1942 erneut Tötungsanstalt, die Sterberate lag bei 90%. Hier ist sicherlich eine bemerkenswerte Zurückhaltung der Gießener Leitung zu konstatieren. Die Sterberate in der HuP Gießen selbst betrug während des Krieges zwischen 11% und 20%.

Das Fazit der Ausstellungsmacher ist, dass die Chance, ab 1942 in der HuP Gießen zu überleben, relativ groß war, im Vergleich zu anderen psychiatrischen Einrichtungen in der Region Hessen / Hessen-Nassau.

 

Die Ausstellung

Die Ausstellung befindet sich auf dem Gelände der KPP in Gießen in einem Krankengebäude. Es handelt sich um ein Gebäude, das während des Krieges durch das SS-Lazarett belegt war. Dort ist die Ausstellung in der ehemaligen Patienten-Cafeteria im Keller untergebracht. Sie besteht aus 15 Kapiteln. In den ersten drei Kapiteln wird über die Gründung der HuP, über die Zeit der Weimarer Republik und über das Reservelazarett informiert. Das Thema „Nationalsozialismus“ wird in den Kapiteln 4 bis 13 dargestellt, mit den oben beschriebenen Schwerpunkten. Kapitel 14 ist längsschnittartig den Therapien der Psychiatrie gewidmet, die seit der Gründung der Gießener Anstalt bis heute Anwendung finden. Kapitel 15 gibt einen Ausblick auf die Nachkriegszeit und auf die in den 70er Jahren initiierte Psychiatriereform. Darüber hinaus gibt es einen Gedenkraum. Hier sind Kopien des Aufnahme- und Entlassungsbuches der Heil- und Pflegeanstalt ausgehängt. Sie geben Auskunft über die Verlegungen im Zusammenhang mit der so genannten Sammelanstalt für jüdische Patienten und mit der Aktion T4.

Die Thematik eines jeden Kapitels wird durch eine Texttafel eingeführt, die die Besuchenden überblicksartig informiert. Zur inhaltlichen Vertiefung ist jedem Kapitel darüber hinaus mindestens ein Pultordner zugeordnet: Dort sind Dokumente wie Ausschnitte aus Patientenakten, Fotos, Erlasse, Diagramme etc., reproduziert, die quellenkritisch erläutert werden. Die Pultordner sind dergestalt konzipiert, dass neuere Erkenntnisse problemlos eingearbeitet werden können. Die Ausstellung kann dadurch den Forschungsstand berücksichtigen, ohne dass es allzu kosten- und zeitaufwändig wäre. Für die Besucher ergibt sich durch die Unterscheidung in Texttafeln und Pultordner die Möglichkeit, sich entweder grob über die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Gießen zu informieren, oder bei einzelnen Themen in die Tiefe zu gehen. Besonders für Schulklassen bietet sich an, die Thematik der Ausstellung in Gruppen erarbeiten zu lassen.

Die Ausstellung wurde in den fünf Jahren ihres Bestehens von ca. 5000 Menschen besucht. Sie ist interessant für Bürger der Stadt Gießen und des Landkreises, da es sich bei der Thematik um ein Stück Lokalgeschichte handelt. Für Krankenpflegeschulen bietet die Ausstellung die Möglichkeit, sich anhand lokaler Bezüge über Krankenpflege im Nationalsozialismus zu informieren. Für Mitarbeiter des LWV Hessen ist die Geschichte der Einrichtung gleichsam Teil der Verbandsgeschichte. Das Besucherspektrum spiegelt diese unterschiedlichen Bezüge wider.

Im Rahmen von Fortbildungen der Gedenkstätte Hadamar werden regelmäßig auch einrichtungsspezifische Angebote gemacht, um den Mitarbeiter des jeweiligen Standortes die Möglichkeit zu geben, sich mit Historie ihres Arbeitsplatzes zu beschäftigen.

 

NS-Psychiatriegeschichte als Teil der historisch-politischen Bildung

Die Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ lädt Besucher ein, sich mit der Geschichte einer Gießener Institution auseinander zu setzen. Der Fokus der Betrachtung liegt neben dem lokalhistorischen Ansatz auf Kontinuitäten und Brüchen in der Entwicklung der Psychiatrie. Der thematische Bogen von der Gründung bis zur Psychiatrieenquete wurde bewusst gewählt, um die Einbindung der Psychiatrie in gesellschaftliche Entwicklungen zu verdeutlichen. Psychiatrie ist nach Einschätzung der Ausstellungsmacher immer ein Spiegelbild der Gesellschaft: der Umgang einer Gesellschaft mit Randgruppen, wie Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder geistigen Behinderung, offenbart, wie menschlich und integrationsfähig und -willig eine Gesellschaft insgesamt ist.

Die Einbeziehung von Psychiatriegeschichte und -gegenwart in die historisch-politische Bildung ermöglicht es, die in der Gesellschaft immer noch bestehenden Berührungsängste mit den psychiatrischen Institutionen abzubauen. Die Tatsache, dass sich die Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ auf dem Gelände der KPP in Gießen befindet, führt dazu, dass Bürger der Stadt den Weg auf das Gelände finden, dass Schulen und Krankenpflegeeinrichtungen Kontakt mit der KPP aufnehmen, um die Ausstellung besuchen zu können. Die Auseinandersetzung mit der NS-Psychiatrie am lokalen Beispiel informiert über eine Facette des Nationalsozialismus, die vielen unbekannt ist. Die Beschäftigung mit den präsentierten Biografien der Opfer lässt die gängige Zuschreibung „psychisch krank“ oder „geistig behindert“ in den Hintergrund treten, da die Menschen als Menschen im Vordergrund stehen.

Der Ausblick auf „Psychiatrie heute“ ist integraler Bestandteil der Ausstellung, auch wenn er quantitativ wenig Raum einnimmt. Er fußt auf dem Wissen, dass sich am Alltag der Psychiatrie nach 1945 zunächst nur wenig geändert hat. Es sollte mehr als weitere 30 Jahre brauchen bis zur Psychiatrie-Enquete, bis die Patienten der Psychiatrie denen somatischer Krankenhäuser gleichgestellt waren. Ansätze, die psychiatrischen Krankenhäuser zu öffnen, Wohnheime und -gruppen zu gründen und so genannte Laienhelfer in die psychiatrischen Einrichtungen hinein zu lassen, sind erst ab Mitte der 70er Jahre entstanden. Besucher der Ausstellung können sich anhand der Schilderungen der Veränderungen in den 70er Jahren mit aktuellen Tendenzen unserer Gesellschaft hinsichtlich Ausgrenzung von gesellschaftlichen Randgruppen beschäftigen. Es wird deutlich, dass die Ressentiments gegenüber psychiatrischen Einrichtungen nicht der Vergangenheit angehören, schon gar nicht sind sie begrenzbar auf den Nationalsozialismus. Insofern hoffen die Autoren der Ausstellung, durch die präsentierten Inhalte für einen gesellschaftlich ganzheitlicheren Ansatz werben zu können.12

 

Der Begleitband

In diesem Jahr wird zur Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ ein Begleitband erscheinen.13 Die Herausgeber gehören dem LWV Hessen und dem Institut für Geschichte der Medizin der Universität Gießen an. Die oben geschilderten Schwerpunkte werden von verschiedenen Autoren weitergehend erforscht und bearbeitet. Der thematische Fokus geht allerdings über die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt hinaus: Mit einbezogen werden die Anfänge der Psychiatrie in Gießen, die Gründung der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität und deren Geschichte während des Nationalsozialismus. Ergänzt wird die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt um eine detaillierte Schilderung des „Festen Hauses“, der forensischen Abteilung. Auch die heutigen psychiatrischen Ansätze finden Eingang in den Begleitband. Die Texte der Ausstellung werden vollständig abgedruckt, einzelne Dokumente der Ausstellung dienen zur Illustration.

Mit diesem Begleitband ist die Erforschung der Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt Gießen zunächst abgeschlossen. Die Erkenntnisse bilden ein weiteres Mosaiksteinchen der Geschichtsaufarbeitung im Rahmen der NS-Psychiatrie-Forschung, im Rahmen der Gießener Lokalgeschichte und im Rahmen der Verbandsgeschichte des LWV Hessen.

 

1 Vgl. George, Uta: Die Heil- und Pflegeanstalt Gießen im Nationalsozialismus, in: George, Uta; Haug, Christine; Kah, Rainer: Die andere Perspektive. Ein historischer Rückblick auf Gießen im 20. Jahrhundert, Gießen 1997, S. 131-153, hier S. 139.

2 Vgl. Wölk, Helmut; Hüttenberger, Siegfried; Samari, Marion: Das Zentrum für Soziale Psychiatrie heute, in: George, Uta; Groß, Herwig; Putzke, Michael; Sahmland, Irmtraud; Vanja, Christina (Hg.): Psychiatrie in Gießen - Facetten ihrer Geschichte. Zwischen Fürsorge und Ausgrenzung, Forschung und Heilung, erscheint 2003.

3 Teilweise sind die ehemaligen Psychiatrischen Krankenhäuser in gGmbHs umgewandelt worden, sodass der LWV formal nicht mehr der Träger, wohl aber alleiniger Gesellschafter der gGmbHs ist.

4 Vgl. u.a. LWV Hessen (Hg.): 1866-1992 Psychiatrie in Heppenheim. Streifzüge durch die Geschichte eines hessischen Krankenhauses (= Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Quellen und Studien Bd. 2), Kassel 1993 und Vanja, Christina (Hg.): Heilanstalt – Sanatorium – Kliniken. 100 Jahre Krankenhaus Weilmünster 1897-1997 (= Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Quellen und Studien Bd. 4), Kassel 1997 und Sandner, Peter; Aumüller, Gerhard; Vanja, Christina (Hg.): Heilbar und nützlich. Ziele und Wege der Psychiatrie in Marburg an der Lahn (= Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, Quellen und Studien Bd. 8), Marburg 2001.

5 Leitung und Konzeption: Uta George, Herwig Groß, Michael Putzke.

6 Geheimrat Ludwig zu Heppenheim: Die Ueberfüllung der Landesirrenanstalten Hofheim und Heppenheim, ihre Ursachen, Folgen und die Mittel zur Abhülfe, Heppenheim, 1886; zitiert nach: Dannemann, Adolf: Die psychiatrische Klinik zu Gießen. Ein Beitrag zur practischen Psychiatrie, Berlin 1899, S. 46.

7 Wagner, Albert: Überblick über die in der Heil- und Pflegeanstalt Gießen behandelten nerven- und geisteskranken Soldaten in: Feldärztliche Beilage zur Münch. med. Wochenschrift, Nr. 15. S 549.

8 Vgl. Groß, Herwig: Das Reservelazarett, in: Psychiatrie in Gießen (Anm. 2).

9 Vgl. George (Anm. 1), S. 133-135. Und Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ Kapitel 4.

10 Vgl. Bock, Gisela: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik, Opladen 1986.

11 Vgl. George (Anm. 1), S. 137-140. Und Ausstellung „Vom Wert des Menschen“ Kapitel 9. Grundlegende Literatur hierzu: Winter, Bettina: Verlegt nach Hadamar. Die Geschichte einer NS-„Euthanasie“-Anstalt, Kassel ?1994 und Aly, Götz: Aktion T4 1939-1945. Die „Euthanasie“-Zentrale in der Tiergartenstraße 4, Berlin 1989 und Klee, Ernst: „Euthanasie“ im NS-Staat. Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, Frankfurt 1985.

12 Ich danke Herwig Groß und Michael Putzke für die vielen Einblicke in „Psychiatrie heute“, die ich durch die gemeinsame Arbeit an der Ausstellung und viele Diskussionen gewinnen durfte.

13 Psychiatrie in Gießen (Anm. 2). Bezugsadresse: Funktionsbereich Gedenkstätten, Archiv, Historische Sammlungen, LWV Hessen, 34112 Kassel, e-mail: anita.winklhoefer@lwv-hessen.de.

 

Uta George ist seit 1994 pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar. Sie hat an der Bearbeitung der Geschichte der ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Gießen, der Konzeption und Erstellung der Ausstellung "Vom Wert des Menschen" - gemeinsam mit zwei Psychiatern des Hauses - sowie federführend als Herausgeberin des 2003 erscheinenden Begleitbandes und Katalogs mitgewirkt.

Artikel als PDF verfügbar
(GedRund113_10-16.pdf)