Sven Hilbrandt

Wahrnehmbarkeit, Fortbildung, Vernetzung

Gedenkstättenrundbrief 199 S. 22-31

Die Ergebnisse der Digitalisierungsumfrage des Gedenkstättenreferates der Topographie des Terrors

Die digitalisierte Arbeit und Präsentation einer Gedenkstätte ist vielseitig und wird heutzutage von allen Einrichtungen als notwendig angesehen. Aus der Museumssoziologie ist zudem bekannt, dass die Internetpräsenz mit Website und neuerdings Social Media nicht nur das historische Interesse weckt, sondern verstärkt zum Besuch an die historischen Orte animiert. Gleichzeitig haben die Gedenkstätten und -initiativen sowie Dokumentationszentren zur Geschichte der NS-Verfolgung häufig nicht die Kapazitäten, um sich hinsichtlich aktueller Entwicklungen von neuer Hard- und Software auf dem Laufenden zu halten und für sich geeignete Anwendungen herauszufinden. Wie sieht es also in der Gedenklandschaft der Bundesrepublik mit dem digitalisierten Arbeiten aus?

Die Umfrage zum Stand der Digitalisierung

Im Juni 2020 hat das Gedenkstättenreferat der Topographie des Terrors eine Onlineumfrage zum Stand der Digitalisierung durchgeführt.[1] 284 Gedenkstätten wurden per E-Mail zur Teilnahme eingeladen. 139 Einrichtungen (49 %) aus allen 16 Bundesländern haben den Fragebogen ausgefüllt.

Zwölf Punkte umfasste die Umfrage, welche je nach Frage mittels Mehrfachauswahl oder per Eingabefeld beantwortet werden konnten. Der Schwerpunkt der Umfrage lag auf der Nutzung von Internet und sozialen Medien in der Kommunikation und Bildungsarbeit der Gedenkstätten, -initiativen und Dokumentationszentren, die in Deutschland an historischen Orten über die Verbrechen in der NS-Zeit aufklären und der Opfer gedenken. Zunächst wurden Basisdaten wie Name und Größe der Einrichtung aufgenommen, bevor die Institutionen eine einfache Selbsteinschätzung durchführen sollten.

Darauf folgten Fragen zur Nutzung digitaler Werkzeugen im Bereich der internen Kommunikation, der Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen, der Bildungsarbeit und Begegnungen sowie Forschung und Dokumentation. In einem nächsten Schritt wurden die Einrichtungen zu praktischen Tools in der Gedenkstättenarbeit befragt. Weiter sollten sie die Bereiche mit dem dringendsten Digitalisierungsbedarf benennen und die Auswahl in einer Folgefrage per Eingabefeld detaillierter erläutern.

Im nächsten Schritt wurde nach Maßnahmen gefragt, die die Umfrage-Teilnehmenden bei ihrer Digitalisierung unterstützen könnten. Darauf folgten drei potenzielle Angebote seitens der Topographie des Terrors - eine gemeinsame Sammlungspräsentation ähnlich museum-digital.de, ein neues Erzählformat, erstellt mit der Software pageflow.io, sowie ein verbessertes Online-GedenkstättenForum mit einer gemeinsamen Präsentation im Social-Media-Bereich. Per Eingabefeld konnten die Einrichtungen darauffolgend noch mögliche Angebotswünsche anderer Institutionen, etwa der Bundes- und Landeszentralen für politische Bildung oder Stiftungen darlegen, sodass neben dem konkreten Stand auch Bitten und Wünsche für eine Förderung berücksichtigt werden konnten.

Zum Schluss gab die Umfrage den Teilnehmenden den Raum für "good practices", von ihnen selbst gewählte Beispiele für aktuell gelungene digitale Bildungsformate und -angebote. Fast zwei Drittel der Befragten (59 %) haben nicht anonymisiert an der Umfrage teilgenommen. Die Hälfte erklärte zudem ihre Bereitschaft zu einem vertiefenden Telefoninterview (44 %).[2] Neben dem Interesse an den Umfrageergebnissen gab ein Großteil der befragten Einrichtungen (82 %) an, zukünftig über spezielle Angebote für Gedenkstätten informiert werden zu wollen.

Bereits in der Konzeptionsphase ging das Projektteam von einer unterschiedlich starken Präsenz der Einrichtungen aufgrund ihrer Größe und dem Status ihrer Tätigkeit aus. Die Größe hat erfahrungsgemäß Auswirkungen auf die finanzielle Ausstattung sowie personelle Möglichkeiten, einzelne Bereiche zu betreuen; und damit auf die Möglichkeiten der digitalen Präsenz. Um diese unterschiedlichen Bedingungen und auch Bedarfe in der Detailanalyse berücksichtigen zu können, wurden die Einrichtungen in drei Kategorien unterteilt: ehrenamtlich geführte Gedenkstätten (29 % der Gesamtteilnehmenden), kleine Einrichtungen mit maximal vier Mitarbeitenden (50 %) und große Einrichtungen mit mehr als vier Angestellten (19 %).

Ausgangssituation

Der überwiegende Teil der befragten Einrichtungen unterhält einen Webauftritt (92 %), dessen Nutzen sie als sehr hoch ansehen. Die Öffentlichkeitsarbeit findet zu sehr großen Teilen über die Website statt (86 % bis 100 %).

Im Bereich des Social Media empfinden sich die teilnehmenden Einrichtungen ebenfalls stark aufgestellt. 30 % der ehrenamtlich geführten Einrichtungen sind im Besitz eines Social-Media-Kanals. Kleine hauptamtlich betriebene Einrichtungen geben zu 58 % an, einen Kanal zu nutzen. Alle 27 befragten großen Einrichtungen betreiben mindestens eine Social-Media-Anwendung. Unter diesen wurde Facebook am häufigsten erwähnt: 73 von 139 Einrichtungen besitzen einen Facebook Kanal (54 % aller Einrichtungen). Instagram, der Konkurrent aus dem Facebook-Unternehmen, folgt auf dem zweiten Platz. 35 Instagram-Kanäle wurden gezählt (29 % aller Einrichtungen). Twitter ist der drittstärkste Social-Media-Kanal und wird immerhin noch von 21 Einrichtungen verwendet (17 %). Daneben muss erwähnt werden, dass weitere 13 der befragten Einrichtungen (27 %) generell Social Media als Form der Öffentlichkeitsarbeit erwähnten und somit einen nicht näher definierten Kanal verwenden.

In der internen digitalen Kommunikation werden der Team- oder der Outlookkalender (59 % aller Teilnehmenden) sowie die E-Mail (45 %) am häufigsten genutzt. Gefolgt werden sie von Videokonferenzen (45 %). Projekt- und Teammanagementtools wie Trello, Slack oder Kanbanize werden von zwölf Einrichtungen verwendet (9 %). Der (virtuelle) Rundgang ist noch immer das weitverbreitetste Bildungsangebot (25 %). Vermehrt kommen in der Bildungsarbeit eigene Apps zum Einsatz (19 %), die dem Besucher vor Ort Informationen in Form von Text, Bild, Ton und mitunter auch Video zur Verfügung stellen. (Multi-)Mediaguides sind weniger verbreitet (15 %).

Als Hardware-Hilfsmittel in der Bildungsarbeit werden vor allem Laptops genannt (63 %). Die Nutzung der Geräte ist in den drei Größen-Kategorien der Gedenkstätten auffallend verschieden: So haben ehrenamtlich geführte Einrichtung den Laptop nur zu 55 %, kleine Einrichtungen dagegen zu 65 % und große Einrichtungen zu 74 % zur Verfügung. Multimediastationen oder -tische folgen als zweithäufigstes Medium (32 %), fast ausschließlich genutzt in Ausstellungen.

Neben Laptops und Multimediastationen sind es der Audioguide (24 %) und das Tablet (22 %), welche als Ausstattung in der Bildungsarbeit vorhanden sind. Neueste technische Geräte zur Nutzung von Virtual- und Augmented Reality wurden hingegen nur zweimal erwähnt. Die Sammlung und Forschung sind neben der Wissensvermittlung und Öffentlichkeitsarbeit ein weiteres bedeutendes Tätigkeitsfeld der Einrichtungen. 60 % der Einrichtungen gaben an, in diesem Bereich Datenbanken zu verwenden. Zu spezifischen Datenbankprogrammen äußerten sich 12 %. Am weitesten verbreitet ist das FAUST-Datenbanksystem (8 %), gefolgt von Augias und MS Access (je 2 %).

Bedarfe, Hoffnungen und Wünsche

Nachdem die Einrichtungen den aktuellen Stand ihrer technischen Ausstattung und Digitalisierungsgrad dargelegt hatten, wurden sie gebeten, konkrete Bedarfe zu nennen sowie potenzielle Angebote zu bewerten. Die Bildungsarbeit und pädagogisch geleitete Begegnungen sehen alle Einrichtungen als den Kernbereich ihrer Tätigkeit an. Zugleich benennen sie hier den dringendsten Bedarf für eine verstärkte Digitalisierung (84 %). Diesem folgen die Forschung und Dokumentation (68 %) sowie Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen (53 %). Die interne digitale Kommunikation ist hingegen von geringer Bedeutung (12 %).

Die befragten Einrichtungen erhoffen sich mit der Modernisierung ihrer digitalen Angebote am häufigsten eine generelle Verbesserung der Vermittlungsarbeit (19 %) und die Reichweitensteigerung (17 %) ihrer Angebote. Weitere Erwartungen sind eine verbesserte Jugendbildungsarbeit (14 %), eine generelle Erreichbarkeit zu ermöglichen (13 %) sowie die Schaffung zielgruppengerechter, moderner Bildungsangebote (12 %). Auch die verstärkte Dokumentation und Sicherung ihrer Forschungsergebnisse, beispielsweise mittels des Aufbaus einer Datenbank (12 %), sind erhoffte Ergebnisse. Mit Blick auf die Gedenkstättenlandschaft in Deutschland erhoffen sich zwei Drittel der Einrichtungen (66 %) durch eine verstärkte Digitalisierung eine bessere Vernetzung, eine bessere Wahrnehmung und einen engeren Austausch.

Auf die Frage, wie die digitalen Angebote von Seiten der Gedenkstätten besser umgesetzt werden können, werden gezielte Schulungen und Coachings (69 %) am meisten gewünscht, gefolgt von der Verbesserung der technischen Ausstattung (68 %) sowie der Schaffung fester Personalstellen zur Betreuung in der ersten Linie der Hardware und gleichzeitig der Begleitung der Software-Implementierung (65 %).[3]

Hinter der Hoffnung auf einen verstärkten Austausch, Schulungen und Coachings verbirgt sich der Gedanke, die eigenen Formate noch zielgerichteter nutzen zu können und damit eine starke Sichtbarkeit der Einrichtung herzustellen. Bei der Frage nach gemeinsamen Projekten wünschen sich die Einrichtungen die digitale Präsentation von Objekten und Orten (65 %) am stärksten. Darauf folgt die Entwicklung neuer Erzählformate (58 %). Als drittes sollen Inhalte in sozialen Medien gemeinsam präsentiert werden (56 %). Von Institutionen wie Bundes- oder Landeszentralen für politische Bildung sowie Stiftungen wünschen sich die antwortenden Einrichtungen zum Teil eine finanzielle Unterstützung (17 %). Ebenso sind Fortbildungen (17 %), gemeinsame Plattformen und Angebote (15 %) sowie eine stärkere Vernetzung (12 %) und stärkerer regelmäßiger Austausch (6 %) erwünscht.

Das Gedenkstättenreferat der Topographie des Terrors hatte bisher nicht die Kapazitäten, um die Gedenkstätten auch in diesem Tätigkeitsfeld beratend unterstützen zu können. Dies ist erst seit kurzem durch die Einrichtung einer neuen Projektstelle im Gedenkstättenreferat für die Entwicklung digitalisierter Strategien möglich.[4] Die Umfrageteilnehmenden haben daher kaum spezifische Angebote oder Formen der Unterstützung durch das Gedenkstättenreferat angegeben. Lediglich vereinzelt äußern sie spezielle Wünsche an das Referat nach Unterstützung bei der Vernetzung (4 %) und einem koordinierten Austausch (3 %).

Aktuell wegweisende Formate und Angebote

Am Ende der Umfrage wurde nach guten Beispielen für digitale Formate und Angebote gefragt. Bei einem Drittel der Antworten wurden konkrete Beispiele genannt. Vor allem die Web- und Social-Media-Auftritte von Neuengamme und Dachau (jeweils 11 Erwähnungen), die Bad Arolsen Archives (9 Erwähnungen), das Augmented Reality-Angebot von Bergen-Belsen (8) und die Datenbank von Yad Vashem (7) werden genannt. Daneben wird auch der virtuelle Geschichtsort des Lern- und Gedenkortes Hotel Silber in Stuttgart (5) aufgeführt. In ehrenamtlich geführten Einrichtungen äußert sich die Mehrheit (53 %) nicht zu guten Praxisbeispielen. Je größer die Einrichtung, desto differenzierter sind auch die erwähnten Beispiele.

Signifikante Unterschiede in der Nutzung - je nach Einrichtungsgröße

Einige signifikante Unterschiede in der Nutzung von digitalen Werkzeugen lassen sich je nach Größe der Gedenkstätten festhalten. Besonders auffällig ist dies im Bereich der Forschung und Dokumentation. Lediglich 9 % der ehrenamtlich geführten Gedenkstätten richten im Moment eine Datenbank ein. 14 % nutzen MS Excel, MS Word oder offline geführte Listen. 26 % verfügen noch über keine Datenbanken. Große hauptamtlich geführte Einrichtungen besitzen hingegen zu 100 % eine Datenbank im Bereich der Sammlungen, kleine Gedenkstätten immerhin zu 89 %.

Ehrenamtlich geführte Einrichtungen benennen den Digitalisierungsbedarf in der Bildungsarbeit und Begegnung lediglich mit 70 % (gesamt: 84 %). Für sie sind die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungen (68 %; gesamt: 53 %), noch vor der Forschung und Dokumentation (58 %; gesamt: 68 %) besonders relevant. Große Einrichtungen wünschen sich laut der Umfrage zunächst Fortbildungsmöglichkeiten (30 %), die von anderen Institutionen durchgeführt werden. Ehrenamtlich geführte (21 %) und kleine hauptamtliche Gedenkstätten (17 %) erstreben von anderen Institutionen in erster Linie eine finanzielle Unterstützung.

Eine Interpretation der Ergebnisse

Bildung und Vermittlung werden als wichtigste Aufgaben der Gedenkstätten, Initiativen und Dokumentationszentren angesehen. Aus dieser inhaltlichen Festlegung ergibt sich auch bei der Digitalisierung in diesen Tätigkeitsfeldern eine besondere Aufmerksamkeit. Die Umfrage ergibt, dass die Einrichtungen, so unterschiedlich sie in ihrer Beschaffenheit auch sind, nahezu alle im Internet auf ein- oder mehrfache Weise vertreten sind. Da die Nutzung des Internets in den letzten Jahren altersgruppenübergreifend stetig gestiegen ist, wird die dortige Präsenz für die generelle Sichtbarkeit und die Bereitstellung von Informationen als elementar angesehen. Hinzu kommt in den letzten Jahren eine zielgruppengerechtere Bereitstellung von Informationen. Dies haben alle Einrichtungen erkannt und verfolgen hier eine verstärkte Präsenz und Entwicklung neuer Formate.

Um diese digitalen Angebote verbessern zu können, ist eine detailliertere Evaluation, welche Bereiche der Homepage oder der Social-Media-Angebote wie und von wem genutzt werden, notwendig. Dies ist für viele Anwendungen ein wichtiger nächster Schritt, um ihre Wahrnehmbarkeit zu verstärken.

Die Gedenkstätten bieten ihre Bildungsprogramme gleichzeitig in unterschiedlichen digitalen Formaten an. Größere Gedenkstätten verwenden parallel mehrere Anwendungen wie eine App, einen Rundgang per QR-Code und Onlineführungen. Große Einrichtungen profitieren an vielen Stellen von der größeren Zahl an Mitarbeitenden, die dadurch verschiedene Angebote gleichzeitig verwirklichen können. Kleine und ehrenamtlich geführte Gedenkstätten müssen sich aufgrund des Personal- und Finanzmangels meist auf die Ausführung einer Anwendung beschränken.

Social-Media-Anwendungen werden in vielen Einrichtungen genutzt. Dies liegt vor allem an der einfachen Verwendungsweise, der Schnelligkeit dieses Mediums sowie der relativ hohen Reichweite, die damit erzeugt werden kann. Neue Formate wie ein Live-Rundgang oder Podcast können hier ausprobiert werden. Zugleich wird je nach Social-Media-Kanal eine jüngere Zielgruppe erreicht.

Im Bereich der Sammlung und Erfassung von historischen Objekten und Dokumenten besteht trotz des positiven Gesamtbildes ein großes Problem: nahezu die Hälfte der ehrenamtlich geführten Einrichtungen (49 %) nutzen zurzeit entweder keine Datenbank oder arbeiten mit einfachsten, veralteten Systemen wie MS Excel oder gar MS Word. Dies ist mit Blick auf den Erhalt des Wissens für die Zukunft mit Hilfe von Sammlungsbeständen und das Wissen über die Verfolgten ein Umstand, der sehr rasch geändert werden sollte.

Für die Gedenkstätten hat die Sichtbarkeit ihrer Orte die größte Bedeutung. Da sie aufgrund der Corona-Pandemie ab Mitte März 2020 für mehrere Monate nicht besucht werden konnten, mussten alternative digitale Formate geschaffen werden, um den historischen Ort weiterhin nahebringen zu können. So wurde die Umsetzung bereits geplanter digitaler Projekte angeschoben und beschleunigt. Digitale Formate erhielten Einzug, die die Arbeit vereinfachen, effizienter gestalten und mehr Menschen erreichen. Hierzu gehören die deutlich stärker genutzten Videokonferenzen unter den Mitarbeitenden, die Onlinevortragsveranstaltungen oder auf der Website bereitgestellte themenspezifische Podcasts.

In der Anwendung von neuen Tools und Bildungsangeboten zeigen sich Schwächen, die eine größere Zahl von Einrichtungen betreffen. Viele neue Formate entstehen durch learning by doing: fundierte Analysen über die Anwendungsmöglichkeiten, die Reichweitenerhöhung, die Nutzungsanalyse und eine daraus sich ergebende Anpassung der Angebote werden erfahrungsgemäß zurückgestellt. Die good practices - sofern sie überhaupt umfänglich bekannt sind - werden als Vorlage genutzt und ausprobiert.

Die Gedenkstätten erkennen selbstkritisch ihre Schwächen im Wissen über die Entwicklung von neuen Tools für die digitale Präsentation. Als Lösung erhoffen sie sich in erster Linie einen verstärkten Austausch innerhalb des Gedenkstättennetzwerkes. Der Wunsch nach Schulungen und Coachings ist sehr hoch. Der Wunsch nach verstärktem Austausch untereinander schließt sich dem an. Um diesem Bedürfnis nachzukommen wäre es hilfreich, einen (virtuellen) Ort zu schaffen, an dem sowohl Informationen und Wissen als auch Angebote aus dem Netzwerk bereitgestellt werden. Jede Gedenkstätte, gleichgültig welcher Größe und Verfasstheit, sollte sich an dieser Stelle von den spezifischen Erfahrungen im Bereich der Sammlung, Bewahrung und des Lernens über die NS-Verbrechensorte der anderen profitieren und selbst eigene Fragestellungen sowie neue Projekte und Ideen einbringen können. Hieran schließt sich der nächste große Wunsch der Einrichtungen an: gemeinsame Plattformen und Formate, um bundesweit alle Einrichtungen gleichermaßen bewerben zu können. Die gemeinsame Arbeit an solchen Plattformen soll Synergieeffekte schaffen und mehr Menschen ansprechen. Attraktiv erscheint dieser Wunsch auch mit Blick auf die Darstellung des Gedenkstättennetzwerkes im Internet insgesamt. Dieses erscheint aus Sicht der Teilnehmenden, vor allem ehrenamtlich Engagierten, an der Umfrage noch zu gering.

Für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, auch bei der Nutzung digitaler Angebote, ist eine finanzielle Förderung durch die Aufstockung der bisherigen Mittel unabdingbar. Nur so können Professionalisierungsschritte eingeleitet werden, die auch mit der Bindung von festem Personal verbunden sein muss. Kleine Einrichtungen, welche aus wenigen Mitarbeitenden bestehen, sind mit der täglichen Arbeit bereits voll ausgelastet. Innovative Formate oder Angebote können somit meist erst gar nicht geschaffen werden.

Auch die Qualität der technischen Ausstattung muss verbessert werden. Als Beispiele werden von den Gedenkstätten genannt, dass sie angesichts eines instabilen WLANs mit geringer Reichweite weder einen Rundgang per QR-Code anbieten noch Geländeinformationen im Außenbereich zugänglich machen können.

Lösungsansätze für eine verbesserte virtuelle Darstellung

Mit der Umfrage haben sich mehrere Felder herauskristallisiert, für die eine bessere Wahrnehmung der Gedenkstättenlandschaft auf der einen Seite und Hilfen für digitale Bildungsformate auf der anderen Seite weithin gewünscht werden. Die Stiftung Topographie des Terrors will mit entsprechenden Angeboten für die dezentrale Nutzung in Gedenkstätten, -initiativen und Dokumentationsorte in diesen Tätigkeitsfeldern unterstützend tätig sein:

I. Einstellung von Objekten aus Gedenkstätten und deren Verlinkung in gedenkstätte-digital.de

Die neu zu schaffende Plattform gedenkstätte-digital.de nutzt als Fundament die im Museumsbereich seit langem eingeführte Datenbank museum-digital.de. Auf der von Stefan Rohde-Enslin vom Institut für Museumsforschung entwickelten und betreuten Plattform veröffentlichen bereits 650 große und kleine Museen Informationen und stellen ihre Sammlungen dar. In der Erweiterung zu gedenkstätte-digital erhalten alle Gedenkstätten die Möglichkeit, Objekte einzustellen und der Öffentlichkeit zur ­Verfügung zu stellen. Die Objekte verschiedenster Art werden automatisch durch vielfache Verweise miteinander verknüpft. So entstehen Querverweise und das Netz der Gedenkstätten wird in seiner Breite visualisiert. Schnell können Objekte anderer ­Einrichtungen gefunden werden, um Zusammenhänge zu veranschaulichen und das Auffinden ähnlicher Objektgattungen zu erleichtern. Gerade das bisher im Internet nicht bestehende Netzwerk der Gedenkstätten in Deutschland kann damit visualisiert werden. Vor allem kleine Einrichtungen haben die Chance, im Verbund sichtbarer zu sein.

Da die Struktur von museum-digital übernommen wird, kann das neue Portal gedenkstätte-digital schnell eingerichtet und niederschwellig - auch mit individueller Beratung von Seiten der Stiftung Topographie des Terrors - genutzt werden. Besonders ansprechend ist die Beschreibung der Objekte, die ausführlich in kleinen Geschichten von im Durchschnitt 1 000 Zeichen geschehen sollte. Hierüber können in einer thematisch aufbereiteten Zusammenschau mit anderen Objekten größere Zusammenhänge besser dargestellt werden.

Ein weiteres besonderes Merkmal ist die einfache, selbsterklärende Handhabung der Datenbank. Dank Erklärbuttons ist sie für ungeübte rasch nachzuvollziehen. Telefonische oder Online-Beratung vonseiten der Stiftung Topographie des Terrors steht jederzeit zur Verfügung. gedenkstätte-digital.de bietet kleinen Einrichtungen die Möglichkeit, ihre Sammlung kostenlos zu digitalisieren und zu verwalten. Hiermit werden erstmals Objekte aus der eignen Sammlung genutzt, um auf die Institution aufmerksam zu machen. Mit einer möglichen Einbindung in Portale wie europeana oder die Deutsche Digitale Bibliothek wird zusätzlich eine enorme Reichweite generiert. In allen Erarbeitungsphasen entscheiden die Institutionen jederzeit selbst darüber, welche der eingepflegten Daten nur von ihnen intern genutzt oder auf der gedenkstätte-digital-Website extern sichtbar freigeschaltet sind.

II. Geschichte erzählen mit Geschichten

In der Umfrage wird von 84 % der Teilnehmenden gewünscht, dass digitale Lernangebote das Bildungsangebot verbessern sollen. In den letzten Jahren wurden verschiedene Formen entwickelt, um Interessierte durch die multimediale Präsentation von Geschichten zu motivieren, sich mit den Gedenkstätten und ihrer Historie zu befassen. Eines dieser Angebote hat das Gedenkstättenreferat als Pilot entwickelt und will die Erarbeitungsgeschichte in Form eines Handbuches zur Verfügung stellen.

Gemeinsam mit der Gedenkstätte Bergen-Belsen und BE|YOND strategic consulting wurde eine multimediale kleine Geschichte über die Software pageflow entwickelt, die gezielt Schülerinnen und Schüler anspricht und auf den Gedenkstättenbesuch vorbereitet. Hierbei werden gezielt Fragen beantwortet, die junge Menschen vor einem Besuch beschäftigen wie "Was erwartet mich dort?" oder "Wie verhalte ich mich an diesem Ort?". Mit bewegten Bildern und Videomaterial wird ein lebendiger Zugang erstellt. Daneben werden erste Inhalte eingebaut. Die Nutzenden selbst können entscheiden, ob und wo sie weiter in die Materie einsteigen möchten.

Mit diesem Pilotprojekt soll dargestellt werden, wie mit Multimediareportagen ohne großen Materialaufwand, niederschwellig und ansprechend sowie zielgruppengerecht Geschichte vermittelt werden kann. Andere Gedenkstätten erhalten die Möglichkeit, sich dieses Beispiel in seinem Werdegang anzusehen und zu überlegen, ob sie diese Methode - mit dem eigenen Ort entsprechenden Inhalten - ebenfalls einsetzen möchten.

III. GedenkstättenForum als online-Netz

Das gedenkstaettenforum.de besteht seit dem 3. Januar 2000. Es sieht seit Beginn seine Funktion darin, über das Netzwerk der Gedenkstätten für NS-Opfer in Deutschland zu berichten. Neben der werktäglich aktualisierten News-Seite werden Veranstaltungs- und Stellenhinweise sowie Projekt- und Literaturtipps publiziert. Auch eine Gedenkstätten-Übersicht ist hier zu finden. Dies alles ist in die Jahre gekommen und soll im Laufe des nächsten Jahres überarbeitet und vor allem inhaltlich ausgebaut werden. Der Charakter als Informationsplattform über Gedenkstätten für NS-Opfer in Deutschland soll verstärkt werden. Wie bisher werden täglich die neuesten Nachrichtenmeldungen verlinkt. Auch Stellenangebote sowie Veranstaltungs- und Publikationshinweise sollen weiterhin dargeboten werden.

Daneben sollen neue Bereich so entwickelt werden, dass sie die konkreten Tätigkeiten in den dezentral in Deutschland in sehr unterschiedlicher Art und Weise mit den historischen Orten arbeitenden Gedenkstätten öffentlich darstellen. Die Redaktion hat die Aufgabe, aktuell wichtige Themen zu moderieren und zur Diskussion zu stellen.

Das Thema "Digitalisierung von Gedenkstätten" soll einen eigenen Bereich erhalten. Für gute Praxisbeispiele aus allen Gedenkstätten in Deutschland wird ein eigener virtueller Raum entstehen. Ein Informationspool über gelungene digitale Anwendungen und ihre Nutzungsmöglichkeiten in ähnlichen Formen soll - im Einklang von Möglichkeiten und sehr beschränkten Ressourcen - damit geschaffen werden. Sowohl das Forum als auch der angeschlossene Social-Media-Kanal können und sollen ebenfalls als Ausgangspunkt für gemeinsame Social-Media-Aktionen genutzt werden.

Neben der öffentlichkeitswirksamen Präsentation des Gedenkstättennetzwerks soll ein nur für Gedenkstätten nutzbarer Bereich geschaffen werden, in dem moderiert ein Austausch über pädagogische Inhalte und Methoden ebenso wie über aktuelle Ereignisse, die die Gedenkstätten betreffen, diskutiert werden kann. Diese Aktivitäten betreten in vielen Bereichen Neuland. Sie sollen dazu dienen, die Präsenz des Netzwerkes aller Gedenkstätten zu erhöhen. Dies kann nur funktionieren, wenn die Angebote des Gedenkstättenreferats die Interessen der Gedenkstätten aufgreifen und in sinnvoller Art und Weise fördern. Ein intensiver Dialog miteinander ist dafür eine unabdingbare Voraussetzung.

Sven Hilbrandt studierte an der Universität Potsdam Zeitgeschichte und Politik. Nach einem wissenschaftlichen Volontariat an der Gedenkstätte und dem Museum Sachsenhausen ist er seit Juni 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Gedenkstättenreferat der Topographie des Terrors.


[1] Das Projekt ist dank einer Finanzierung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien möglich. Die Beratungsfirma BE|YOND strategic consulting GbR unterstützt das Gedenkstättenreferat bei der Planung und Umsetzung der Umfrage.

[2] Es wurden aus den Rückmeldungen 15 Gedenkstätten ausgewählt, die in der Zwischenzeit für qualitativ vertiefende Telefoninterviews angefragt und größtenteils bereits ausgewertet sind.

[3] In diesem Fragefeld waren Mehrfachnennungen möglich.

[4] Die Stelle konnte dank der Projektförderung von Seiten der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien geschaffen werden. Im Moment ist die Unterstützung mit Drittmitteln bis Herbst 2021 befristet.