„Die alliierte Gesetzgebung zur NS-Strafverfolgung“

Dr. phil. Annette Weinke

Einleitung..Die juristische Verfolgung von NS- und Kriegsverbrechen zählt zu den zentralen Aspekten einer mittlerweile mehr als sechs Jahrzehnte umfassenden Nachgeschichte des Nationalsozialismus. Die ersten strafrechtlichen Ermittlungen wegen NS-Besatzungsverbrechen und anderer Rechtsverletzungen setzten bereits wenige Monate nach dem militärischen Desaster von Stalingrad ein, und sie dauern bis heute an: Auch wenn aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Beschuldigten vermutlich nur noch wenige Gerichtsprozesse stattfinden werden, dürfte das Kapitel der NS-Strafverfolgung erst dann wirklich abgeschlossen sein, wenn auch der letzte Tatverdächtige verstorben ist..Vor dem Hintergrund der aktuellen völkerrechtlichen Entwicklungen – es sei hier nur an die Einsetzung zweier Ad-hoc-Gerichtshöfe durch den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als Reaktion auf die Völkermorde in Jugoslawien und Ruanda sowie die 2002 erfolgte Einsetzung eines Ständigen Internationalen Strafgerichtshofes im niederländischen Den Haag erinnert – ist das Thema der alliierten Strafverfolgung nach Kriegsende vermehrt in den Blickpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt. Auch haben der Zusammenbruch der DDR und die dadurch ausgelöste Ermittlungswelle gegen frühere SED-Partei- und Staatsfunktionäre dazu beigetragen, dass die NS-Prozesse und deren politische und rechtliche Voraussetzungen in den letzten Jahren verstärkt von Zeithistorikern untersucht worden sind. Obwohl Teilbereiche der Thematik noch einer genaueren empirischen Erforschung bedürfen – so sind beispielsweise unsere Kenntnisse über die alliierte Rechtsprechung in den vier Besatzungszonen nach wie vor rudimentär, und auch die Anwendung alliierter Gesetze durch deutsche Gerichte nach 1945 wurde bisher noch nicht umfassend und systematisch aufgearbeitet – lässt sich dennoch feststellen, dass es hier in den letzten anderthalb Jahrzehnten zu einem grundlegenden Perspektivenwechsel gekommen ist: Während die Geschichte der NS-Strafverfolgung vor der Zeitenwende von 1989/91 vor allem von ihrem Ende her betrachtet wurde, man also in erster Linie nach „harten“, d.h. materiell nachweis- wie vorzeigbaren Ergebnissen gefragt hat, richtet sich das Interesse heute vornehmlich auf „weichere“ Themen - beispielsweise auf die soziopolitischen Bedingungen von Straf- und Amnestiemaßnahmen oder auf die mitunter kaum wahrnehmbaren kulturellen und psychischen Wirkungen eines von der Justiz dominierten Diskurses über die NS-Vergangenheit..Im Folgenden möchte ich mich auf einige Aspekte dieses sehr komplexen Themas beschränken. Zunächst will ich versuchen, einen Einblick in die politische und völkerrechtliche Diskussion der Kriegsjahre zu vermitteln. An deren Ende stand bekanntlich nichts weniger als eine völkerrechtliche Revolution, nämlich die Einsetzung eines internationalen Gerichtshofes zur Aburteilung von ausgewählten Vertretern der NS-Partei- und Staatsführung. Zumindest am Rande soll es dabei auch um die Frage gehen, welche historisch-politischen Erfahrungen dem alliierten Strafverfolgungsprogramm zu Grunde lagen und wie sich diese auf die Konzipierung eines gemeinsamen völkerrechtlichen Instrumentariums – also konkret auf die Schaffung geeigneter Strafbestimmungen für die gerichtliche Ahndung typischer nationalsozialistischer Verbrechen – auswirkten. Daran schließt sich im zweiten Teil ein quantitativer Überblick zur NS-Strafverfolgung durch alliierte Justizbehörden in den einzelnen Besatzungszonen des ehemaligen Deutschen Reiches an. Vor dem Hintergrund dieser – etwas leblos wirkenden – statistischen Werte wird schließlich im dritten Teil noch kurz zu der Frage Stellung genommen, welchen Nachhall die alliierte Strafverfolgung in den deutschen Besatzungszonen und darüber hinaus gefunden hat. Zwecks Eingrenzung des Themas sei schon an dieser Stelle vorweggeschickt, dass sich die folgenden Ausführungen in erster Linie auf diejenigen Ermittlungen und Prozesse beziehen, die auf dem im August 1945 gemeinsam von den Alliierten vereinbarten Londoner Statut beruhen; demgegenüber werden all jene Strafverfolgungsprojekte, die die einzelnen Siegermächte in ihren jeweiligen Besatzungszonen auf der Grundlage eigener nationaler Zivil- und Militärstrafgesetze durchführten, nur am Rande behandelt....Die alliierte Diskussion über eine juristische Aufarbeitung von NS-Unrecht..Obwohl die deutschen Verteidiger der in Nürnberg angeklagten Repräsentanten des NS-Systems das International Military Tribunal (IMT) gerne als „Siegerjustiz“, also als eine unter dem Deckmantel des Rechts verbrämte machtpolitische Erniedrigung des deutschen Volkes darstellten, war die Idee, die politische und militärische Führung eines Staates für von ihr befohlene Kriegsverbrechen strafrechtlich zur Verantwortung zu ziehen, zum Zeitpunkt der Nürnberger Gerichtsverhandlung keineswegs neu. Bereits nach Ende des Ersten Weltkrieges hatte die internationale Völkergemeinschaft unter der Führung der Siegermächte USA, Frankreich und Großbritannien einen ersten Versuch unternommen, die deutsche Reichsführung und eine Reihe von Militärangehörigen aus dem zweiten und dritten Glied wegen Kriegsverbrechen vor ein Internationales Tribunal bzw. vor alliierte Militärgerichte zu stellen und auf der Grundlage völkerrechtlicher Strafbestimmungen zu verurteilen. Kurz nach Abschluß des Waffenstillstandsvertrages setzten die alliierten Mächte deshalb eine so genannten Kriegsschuldkommission ein, der die Aufgabe zugewiesen wurde, deutsche Verstöße gegen das internationale Kriegsrecht – konkret ging es hier um den Einfall in das neutrale Belgien und in Luxemburg, den uneingeschränkten U-Boot-Krieg sowie um Massenexekutionen und Deportationen von Zivilisten – zu dokumentieren und zur Ahndung dieser Rechtsverletzungen einen Katalog völkerrechtlicher Strafbestimmungen auszuarbeiten, der die Grundlage für eine Anklage gegen den deutschen Kaiser Wilhelm II. und weitere Mitglieder der Reichsführung bilden sollte..Obwohl das geplante Verfahren gegen den Kaiser scheiterte – er entzog sich seiner Verhaftung durch einen gewährten Antrag auf politisches Asyl in den Niederlanden – und auch die vor deutschen Gerichten durchgeführten Kriegsverbrecherprozesse schließlich im Sande verliefen, waren die in Paris geleisteten theoretischen Vorarbeiten dennoch von enormer Bedeutung für das, was nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Nürnberg und an anderen Orten Rechtspraxis wurde. So war von den juristischen Experten der Kriegsschuldkommission nicht nur erstmals erwogen worden, ein Staatsoberhaupt – ein solches stand zuvor unter dem allgemein anerkannten Grundsatz der Immunität – vor ein Gericht der internationalen Völkergemeinschaft zu stellen, sondern gleichzeitig hatte man angesichts der allgemeinen Brutalisierung und der großen Zerstörungen, die dieser Krieg angerichtet hatte, die Entwicklung neuer völkerrechtlicher Straftatbestände angeregt – konkret waren dies die Bestimmungen „Verbrechen gegen den Frieden“ und „Verbrechen gegen die Humanität“.. Trotz der sehr intensiven völkerrechtlichen Diskussion der Zwischenkriegszeit war nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lange nicht absehbar, ob es überhaupt zu juristischen Sanktionen wegen deutscher Kriegs- und Besatzungsverbrechen kommen würde. Für diese, in Anbetracht der radikalen deutschen Kriegsführung doch recht erstaunliche Passivität der Anti-Hitler-Koalition lassen sich verschiedene Gründe anführen. Der wichtigste und zugleich tragischste Grund war vermutlich, dass Großbritannien, das aufgrund seiner Rolle als Gastgeber von insgesamt neun europäischen Exilregierungen hauptsächlich für die Abstimmung einer gemeinsamen alliierten Kriegsverbrecherpolitk zuständig gewesen wäre, sich innerlich nie mit dieser Rolle anfreunden konnte. Forderungen nach juristischen Konsequenzen beantwortete die Londoner Regierung in der Regel mit dem lapidaren Hinweis auf das „Fiasko von Leipzig“ – gemeint waren die gescheiterten Kriegsverbrecherprozesse nach Ende des Ersten Weltkriegs. Das Debakel von „Leipzig“ stellte in der Tat aus britischer Sicht ein gewichtiges Argument gegen die Durchführung von Prozessen dar; mindestens ebenso bedeutsam dürften jedoch die politische und wirtschaftliche Krisenlage des Britischen Empire, die Angst vor Vergeltungsaktionen der Deutschen sowie nicht zuletzt die Palästina-Politik gewesen sein, die bekanntlich auch bei der Wahrnehmung des deutschen Vernichtungsfeldzuges gegen die Juden eine retardierende Rolle spielte..Noch bis in die letzten Kriegsmonate betrieben die Briten daher in dieser eminent wichtigen Frage vor allem eine Politik leerer symbolischer Gesten, die einerseits darauf abzielte, den Aktivismus der vom NS-Terror heimgesuchten kleineren Länder Ost- und Ostmitteleuropas zu kanalisieren, und die andererseits versuchte, die Sowjetunion als Verbündeten bei der Stange zu halten. Symptomisch für die tief verwurzelte Abneigung gegen eine juristische Lösung war beispielsweise eine Formulierung des Karrierediplomaten und späteren britischen Hochkommissars in Deutschland, Sir Ivone Kirkpatrick. Noch im Juni 1945, also wenige Monate vor Beginn des Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunals, gab dieser nach einem Besuch im amerikanischen Gefangenenlager im belgischen Mondorf-les-Bains - die Einrichtung wurde von den Alliierten salopp als „Ashcan“ (Müllereimer) bezeichnet - in einem Brief an Aussenminister Anthony Eden seiner „menschenfreundlichen“ Wunschvorstellung Ausdruck, man könne sich doch „jede Menge Ärger ersparen“, wenn alle „Ashcan“-Insassen noch kurz vor Prozessbeginn „Massenselbstmord“ begehen würden. Hätte sich das politische Establishment in London durchsetzen können, wäre es demnach wohl weder zur Einsetzung eines internationalen Gerichtshofes für die NS-Führung noch zur Durchführung nationaler Kriegsverbrecherprogramme, sondern zu einer Massenhinrichtung von etwa 50 bis 100 deutschen Führungspersönlichkeiten des NS-Staates - darunter NS-Paladine, Minister, Soldaten und Industriebosse - gekommen.. Dass sich die „Großen Drei“ - also Churchill, Roosevelt und Stalin - nach vielem Hin und Her in den letzten Kriegsmonaten doch noch auf eine gemeinsame Vorgehensweise gegen „Achsenkriminalität“ verständigten, hing vor allem damit zusammen, dass die sowjetische Führung im Herbst 1944 plötzlich lebhaftes Interesse an der Durchführung eines internationalen Tribunals gegen deutsche Hauptkriegsverbrecher bekundete und sich kurze Zeit später auch die amerikanische Regierung erstmals für diesen Plan empfänglich zeigte. Aufgrund amerikanischen Drucks gab die Churchill-Regierung schließlich im Mai 1945 ihren Widerstand gegen ein derartiges Vorhaben auf und überließ den Amerikanern die Koordinierung der interalliierten Zusammenarbeit und die Ausgestaltung der materiellrechtlichen und prozessualen Rahmenbedingungen. Dies hatte zur Folge, dass das völkerrechtliche Bestrafungsprogramm, das nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ im besetzten Nachkriegsdeutschland umgesetzt wurde, von Anfang an eine unverwechselbare amerikanische Handschrift trug: So war es nicht nur dem politischen Willen der Regierung von Franklin D. Roosevelt und der seines Nachfolgers Harry S. Truman zu verdanken, dass im Sommer 1945 überhaupt ein Statut für einen Internationalen Gerichtshof zustande kam, sondern die Amerikaner drückten dem ganzen Vorhaben auch ihren rechtlichen und geschichtspolitischen Stempel auf..Dies schlug sich zum einen in den konkreten Strafbestimmungen des Londoner IMT-Statuts nieder, die ab Oktober 1945 zu zahlreichen Anklageerhebungen führen sollten. Laut Vorstellungen des US-Kriegsministeriums dienten die Prozesse gegen die erste Garde des NS-Regimes vor allem dem Zweck, deren Verantwortung für die Planung und Durchführung eines „agressiven Angriffskrieges“ herauszustellen. Aus diesem Grund schlugen die Amerikaner vor, die NS-Führung wegen „Verbrechen gegen den Frieden“ und einer „Verschwörung zum Krieg“ anzuklagen. Insbesondere der letztgenannte Tatbestand - ein Novum im internationalen Kriegsrecht - fußte auf dem Gedanken, das Gerichtsverfahren auch zu einer exemplarischen Abrechnung mit den deutschen Eliten in Politik, Verwaltung, Militär und Wirtschaft zu nutzen, waren führende US-Politiker doch davon überzeugt, eine unselige Allianz von „Nazi revolutionaries“, „German reactionaries“ und „German militarists“ habe den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen..Gleichzeitig legte man Wert darauf, erstmals auch all jene Handlungen zu bestrafen, die sich gegen die Zivilbevölkerung eines Landes richteten, ohne in direktem Zusammenhang mit Kriegshandlungen zu stehen. Darunter fielen die Ermordung, Versklavung und Deportierung von Zivilisten sowie Verfolgungen von Minderheiten aus politischen, rassistischen oder religiösen Gründen. Dieser neuartige Verbrechenstyp hatte schon die Kriegsschuldkommission nach dem Ersten Weltkrieg beschäftigt – damals noch als „Verbrechen gegen die Humanität“ bezeichnet - war jedoch aufgrund amerikanischer Bedenken seinerzeit nicht in die Strafbestimmungen des Versailler Vertrages aufgenommen worden. Im Zusammenhang mit der Diskussion um deutsche Besatzungsverbrechen tauchte dieser Tatbestand nun wieder auf und wurde als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in das IMT-Statut aufgenommen. Gemäß eines Entwurfs des polnisch-jüdischen Juristen Raphael Lemkin, der sich im Rahmen seiner Arbeit für die UN-Kriegsverbrecherkommission besonders mit deutschen Verfolgungen gegen osteuropäische Juden und Sinti befasst hatte, griff das amerikanische Anklageteam teilweise auch schon auf den Begriff des „Genozids“ zurück..Schließlich unterbreiteten die amerikanischen Rechtsexperten den etwas problematischen Vorschlag, nicht nur führende Nationalsozialisten anzuklagen, sondern gleichzeitig auch einzelne Organisationen des NS-Regimes zu kriminellen Vereinigungen zu erklären. Ursprünglich war dabei an vierzehn rechtlich inkriminierte Einrichtungen gedacht (u.a. auch die Deutsche Arbeitsfront und Hitler-Jugend), später wurde deren Zahl jedoch auf sechs begrenzt (Reichsregierung; Politisches Korps der NSDAP; SS; SA; Gestapo und SD als Einheit sowie Generalstab und OKW als Einheit). Wie der amerikanische Chefankläger Telford Taylor rückblickend erklärte, sollte der „Organisationstatbestand“ nach Vorstellung seines Erfinders, des US-Anwalts Murray C. Bernays, vor allem das rechtliche Problem lösen, einer „sechs- oder gar siebenstellige[n] Zahl von Angeklagten“ – gemeint waren vor allem die zahlreichen Mitarbeiter von SS und Gestapo – individuelle Verwicklung in Verbrechen nachweisen zu müssen. Obwohl sich die Briten mit Händen und Füßen gegen diese rechtliche Neuerung wehrten, fand der Organisationstatbestand sowohl Eingang in das Londoner IMT-Statut (Art. 9, 10 und 11 IMT-Charta) als auch in das darauf beruhende Kontrollratsgesetz Nr. 10 vom 20. Dezember 1945. In Verbindung mit einem anderen Besatzungsgesetz, dem amerikanischen „Befreiungsgesetz“ vom 5. März 1946, wurde dieser Tatbestand auch in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) vielfach angewandt. Weitere Bestimmungen der IMT-Charta, die auf die Zusammenarbeit amerikanischer Verwaltungsjuristen mit den Rechtsexperten der UN-Kriegsverbrecherkommission und Nichtregierungsorganisationen wie dem Institute for Jewish Affairs hervorgingen, betrafen die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Staatsoberhäuptern und Regierungsangehörigen (Art. 7 IMT-Charta) sowie die Nichtanerkennung des Handelns auf Befehl als Strafausschließungsgrund (Art. 8 IMT-Charta)..Teilweise verhalfen die Amerikaner mit ihrem engagierten Eintreten für ein internationales Hauptkriegsverbrechertribunal völkerrechtlichen Ideen zum Durchbruch, die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg auf internationaler Ebene diskutiert worden waren. Teilweise beruhten die alliierten Strafbestimmungen aber auch auf einem Export US-amerikanischer Gesetze und Gerichtsentscheidungen. Spätestens mit Inkrafttreten des IMT-Statuts wurde dies allerdings zunehmend unwichtig, denn von diesem Zeitpunkt an waren die Richter der vier Siegermächte, die zivilen und militärischen Gerichte der einzelnen Besatzungsverwaltungen und nicht zuletzt deutsche Gerichte in den Besatzungszonen für die Anwendung und Auslegung alliierter Strafbestimmungen zuständig. Dabei stellte sich das zuvor vereinbarte Gelöbnis, das neue völkerrechtliche Instrumentarium in einheitlicher Weise umzusetzen, schnell als ausgesprochen realitätsfremd heraus. Letztlich nutzten Alliierte wie Deutsche das alliierte Recht nämlich so, wie es den eigenen politischen Prioritäten, den nationalen rechtlichen Traditionen und den geschichtlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus entsprach....Alliierte Strafverfolgungsaktivitäten vor und nach Kriegsende..Ebenso wie das noch weitaus umstrittenere Kapitel der Entnazifizierung wurde und wird die alliierte NS-Strafverfolgung von deutscher Seite in der Regel abschätzig als „Fehlschlag“ beurteilt. Da die deutsche Öffentlichkeit die Notwendigkeit zu einer juristischen Aufarbeitung schwerer Menschenrechtsverletzungen heutzutage überwiegend bejaht – dies war zumindest im westlichen Teil Deutschlands nicht immer der Fall –, fußt diese negative Bewertung zumeist auf der relativ niedrigen Verurteilungsbilanz sowie auf der – im Vergleich – noch dürftigeren Strafvollstreckungsbilanz. In der Tat fällt bei einem Blick auf die ursprünglich von den Alliierten erfasste Zahl von Tatverdächtigen auf, dass nur gegen einen beschränkten Kreis von Personen Gerichtsverfahren durchgeführt worden sind. Von insgesamt 36.529 Tatverdächtigen, die die Kriegsverbrecherkommission der Vereinten Nationen in den Jahren zwischen Oktober 1943 und März 1948 namentlich registrierte, mussten sich letztlich nur einige tausend Personen nach Kriegsende vor alliierten Gerichten verantworten. .Abgesehen davon, dass eine hohe Diskrepanz zwischen Aufwand und Ergebnis ein typisches Merkmal nachholender Strafverfolgung von Staatskriminalität zu sein scheint, das keinesfalls nur für den Umgang mit NS-Unrecht kennzeichnend ist, ist jedoch eine pauschale Abwertung der alliierten Ahndungsbemühungen auch deshalb nicht gerechtfertigt, weil dabei gemeinhin übersehen wird, mit welcher Intensität in den ersten Jahren nach Niederschlagung des Deutschen Reiches mit großen und kleinen Tätern juristisch abgerechnet wurde..So fanden in den ersten Jahren der gemeinsamen Besatzungsherrschaft gegen folgende Gruppen Strafprozesse statt: ..1.) Im Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunal, das die vier Siegermächte in der Zeit vom 18. Oktober 1945 bis zum 1. Oktober 1946 als einzige gemeinsame strafpolitische Unternehmung durchführten, standen bekanntlich 21 führende Repäsentanten des NS-Regimes vor Gericht. Neben dem Hauptangeklagten, dem Ex-Reichsmarschall Hermann Göring, mussten sich unter anderem der frühere Reichsinnenminister Wilhelm Frick, Julius Streicher, ehemals Chefredakteur des antisemitischen Hetzblattes „Der Stürmer“, sowie der Reichssicherheitshauptamtschef Ernst Kaltenbrunner vor dem international besetzten Richtergremium verantworten. Zwölf Angeklagte (davon einer in Abwesenheit) wurden zum Tode verurteilt, sieben weitere erhielten hohe Haftstrafen, drei wurden freigesprochen. Nur acht Angeklagte wurden auf der Grundlage des umstrittenen „Verschwörungstatbestandes“ verurteilt, jedoch befand das Gericht alle Todeskandidaten der Kriegs- und Menschlichkeitsverbrechen für schuldig. Von den sechs in Nürnberg angeklagten NS-Organisationen qualifizierte das Gericht nur drei als kriminell - Gestapo und SD als Einheit, die SS (Allgemeine SS, Waffen-SS und Totenkopfverbände) sowie das Korps der Politischen Leiter der NSDAP. Für eine Verurteilung wegen Organisationsschuld legte das IMT die rechtliche Hürde relativ hoch: So mussten die Mitglieder der Organisation freiwillig und in dem Wissen über die kriminellen Ziele beigetreten sein. Außerdem waren die Richter der Meinung, dass eine Bestrafung wegen Organisationsschuld nur dann in Frage käme, wenn die betreffenden Personen gleichzeitig auch wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt werden könnten. Dies wiederum setzte eine Beschränkung des kriminellen Charakters auf die Kriegszeit voraus. Eine restriktive Interpretation des umstrittenen Organisationstatbestandes wurde vor allem deshalb für notwendig gehalten, weil das alliierte Kontrollratsratsgesetz vom 20. Dezember 1945 den einzelnen Besatzungsmächten die Möglichkeit eröffnet hatte, weitere Kriegsverbrecherprozesse in ihrer jeweiligen Zone durchzuführen und gleichzeitig auch die wiedereingesetzten deutschen Justizbehörden mit dieser Aufgabe zu betrauen. Auch wenn sie es in Anwesenheit ihrer sowjetischen Kollegen nicht offen aussprachen, waren die westlichen Richter ganz offensichtlich besorgt, dass die Sowjets den Organisationstatbestand in ihrer Zone als Freifahrtschein nutzen würden, um mit einer größeren Zahl von Verdächtigen kurzen Prozess zu machen.. Aufgrund der Freisprüche für drei Angeklagte (einer stammte ursprünglich aus sowjetischer Untersuchungshaft) und der restriktiven Anwendung des Organisationstatbestands, die zu einem abweichenden sowjetischen Richterspruch führten, stand die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) dem Nürnberger Urteil distanziert gegenüber: Auf der einen Seite begrüsste man die Schuldsprüche des IMT; auf der anderen Seite lehnte man jedoch die Übernahme der dort vorgenommenen Einschränkungen zu dem auf einer Kollektivschuld basierenden Organisationstatbestand für die eigene Besatzungszone ab...2.) Nachdem sich die Idee eines weiteren IMT im Sommer 1946 endgültig zerschlagen hatte, führten die Amerikaner noch zwei weitere große Prozessprojekte in Alleinregie durch. Die erste Prozessserie, die zwischen Oktober 1946 und April 1949 unter der Bezeichnung „Nürnberger Folgeprozesse“ vor Zivilrichtern amerikanischer Berufungs- und Obergerichte stattfand, richtete sich gegen 185 hochrangige Funktionsträger des NS-Staates, darunter KZ-Ärzte, SS-Funktionäre, Militärs, Industrielle sowie Beamte aus der NS-Regierungsbürokratie. Insgesamt erhielten 24 Angeklagte die Höchststrafe; in zwölf Fällen wurde sie tatsächlich vollstreckt. 20 weitere Angeklagte wurden zu lebenslangen Haftstrafen und 87 zu befristeten Freiheitsstrafen verurteilt. In 35 Fällen erfolgten Freisprüche. Acht Personen wurden wegen Verhandlungsunfähigkeit entlassen, elf weitere, weil deren Strafe mit Ablauf der Untersuchungshaft als verbüßt galt...3.) Neben dem IMT und den Nürnberger Nachfolgeprozessen stellten die so „Dachauer Prozesse“ die dritte Säule des US-amerikanischen Kriegsverbrecherprogramms in Deutschland dar. Diese Prozessserie, welche von 1945 bis 1948 vor in Darmstadt, Ludwigsburg und Dachau stationierten „echten“ US-Militärgerichten stattfand (das IMT und die Kammern der US-Folgeprozesse waren mit Zivilrichtern besetzt), unterschied sich in mehrfacher Hinsicht von den Nürnberger Verfahren. Zum ersten bezogen sich diese Prozesse ausschließlich auf Verletzungen des Kriegsrechts und des Kriegsgewohnheitsheits, betrafen also Straftaten, die üblicherweise unter die Bestimmungen des Militärstrafgesetzbuches fielen. Zum zweiten zeichneten sich die Dachauer Prozesse dadurch aus, dass sie sich im Gegensatz zu den Nürnberger Verfahren nicht auf Planer und Anstifter, sondern auf nachrangige Täter konzentrierten. Zum dritten übertrafen die Dachauer Prozesse die übrigen Verfahren in Bezug auf Ausmaß und Tiefe der Sanktionen. Insgesamt wurden 489 Gerichtsverfahren gegen 1.672 Angeklagte durchgeführt. Es kam zu 1.416 Verurteilungen, in 426 Fällen verhängten die Gerichte Todesstrafen; 268 Personen wurden tatsächlich hingerichtet...4.) Da sich die Briten strikt weigerten, an einem zweiten IMT unter sowjetischer Beteiligung mitzuwirken, man sich aber gegenüber den Amerikanern auf eine Fortsetzung des Strafverfolgungsprogramms verpflichtet hatte, fanden auch in der britischen Besatzungszone weitere Kriegsverbrecherprozesse statt. Im Gegensatz zu den Amerikanern, die im IMT, den Nürnberger Folgeprozessen und den Dachauer Prozessen der US-Armee auf die völkerrechtlichen Bestimmungen des Londoner Statuts zurückgriffen, schufen sich die Briten für ihre Verfahren eine gesonderte Rechtsgrundlage. Am 18. Juni 1945 wurden per „Royal Warrant“ (eines königlichen Erlasses) eigene Militärgerichte eingesetzt und Verfahrensregeln geschaffen, nach denen so genannte nachrangige Täter angeklagt werden sollten. In der Regel waren damit Personen gemeint, die im Zuge von Kampfhandlungen Straftaten gegen Angehörige feindlicher Truppen und gegen die Zivilbevölkerung eines Besatzungsgebietes verübt hatten. Es war somit Ausdruck des legalistischen Konservatismus der Attlee-Regierung, dass sich das britische Kriegsverbrecherprogramm in Deutschland im Wesentlichen nur mit Handlungen beschäftigte, die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts als Kriegsverbrechen sui generis galten und entsprechend geahndet worden waren. Ungeachtet dieser rechtlichen Selbstbeschränkung umfasste das britische Kriegsverbrecherprogramm aber auch eine Reihe von Verfahren, die dem besonderen Charakter nationalsozialistischer Straftaten Rechnung trugen. Das bekannteste Verfahren dieser Art war der Lüneburger „Belsen-Prozess“ vom 17. September 1945, der sich gegen 45 frühere KZ-Wärter des von der Royal Army befreiten Konzentrationslagers Bergen-Belsen richtete. Daneben wurden aber auch eine ganze Reihe ehemaliger Wehrmachtsgeneräle auf der Grundlage des Royal Warrant angeklagt (das letzte Verfahren fand 1949 in Hamburg gegen Generalfeldmarschall Erich v. Manstein statt). Zwischen dem 23. Juli 1945 und dem 19. Dezember 1949 verhandelten die Royal Warrant-Gerichte in 357 Fällen gegen mehr als 1.000 Staatsangehörige aus Ländern der „Achsenmächte“, die Mehrzahl von ihnen Deutsche. Insgesamt verhängten sie 240 Todesstrafen und 447 Haftstrafen. Spezielle Spruchgerichte, die die Legal Division zur justiziellen Ahndung schwerer Belastungsfälle (Kategorien I und II der Kontrollratsdirektive Nr. 38 vom 12. Oktober 1946) eingesetzt hatte, verurteilten zusätzlich 14.116 Personen auf der Grundlage von Art. II 1c wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen NS-Organisation...5.) Ebenso wie die Briten führten auch die Franzosen ihr eigenes nationales Strafverfolgungsprogramm durch. Dieses beruhte auf einer „Ordonnance“ (zu deutsch: Erlass), die die provisorische französische Regierung unter ihrem Führer Charles de Gaulle am 28. August 1944 in Algier herausgegeben hatte. Trotz massiver deutscher Proteste wurde dieser Erlass im September 1948 durch ein Gesetz ergänzt, das unter Berufung auf das IMT-Urteil eine Strafbarkeit wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen NS-Organisation vorsah (Organisationsverbrechen). Die französischen Kriegsverbrecherprozesse fanden vor Sondergerichten statt, dessen Vorsitz ein Zivilrichter führte; als Beisitzer waren hingegen Offiziere vorgesehen, die mehrheitlich vor 1945 im französischen Widerstand aktiv gewesen waren. Als Rechtsgrundlage dienten hauptsächlich das (zivile) französische Strafgesetzbuch und Strafverfahrensrecht. Zur Verfolgungsbilanz der Franzosen liegen bislang nur vorläufige Zahlen vor: Danach sollen allein in der deutschen Besatzungszone 2.107 Personen rechtskräftig verurteilt worden sein, davon 104 zum Tode; zusätzlich ergingen vor Militärgerichten in Frankreich und in Französisch-Nordafrika weitere Urteile gegen 1.918 deutsche Staatsangehörige...6.) Schließlich initiierte auch die Sowjetunion ihr eigenes Kriegsverbrecherprogramm gegen „nachgeordnete“ Täter. Eine Besonderheit dieses Programms war, dass bereits zwei Jahre vor Kriegsende auf dem Territorium der Sowjetunion erste Verfahren gegen einheimische Kollaborateure und deutsche Wehrmachtsangehörige stattfanden. Die Installierung eines nationalen Strafverfolgungsprogramms war die Folge einer tiefgreifenden Verstimmung zwischen Stalin und den westlichen Regierungschefs: Churchill und Roosevelt hatten den Kreml-Chef im Oktober 1942 dadurch düpiert, dass sie ohne vorherige Konsultation des Verbündeten die bereits erwähnte Kriegsverbrecherkommission der Vereinten Nationen ins Leben riefen. Stalin lehnte es daraufhin ab, diesem Gremium beizutreten und gründete stattdessen im November des selben Jahres eine „Außerordentliche Staatskommission für die Feststellung und Untersuchung der Verbrechen der deutschen faschistischen Eindringlinge“. Am 19. April 1943 erließ das Präsidium des Obersten Sowjets der UdSSR dann ein Dekret „Über Maßnahmen zur Bestrafung deutsch-faschistischer Verbrecher“. Dieses Dekret – auch bekannt als „Ukas 43“ – bildete neben den Bestimmungen des politischen Strafrechts im Strafgesetzbuch der Russländischen Föderation (§§ 58, 59 StGB RSFSR) die normative Hauptgrundlage für die folgenden NS-Verfahren vor sowjetischen Feldgerichten..Das erste Verfahren dieser Art fand Mitte Juli 1943 in der Stadt Krasnodar statt, im Dezember 1943 folgte ein weiterer großer Prozess in der ostukrainischen Stadt Charkow, in dem neben einem sowjetischen Kollaborateur auch erstmals deutsche Angehörige des Oberkommandos der Wehrmacht, der SS und der Geheimen Feldpolizei zum Tode verurteilt und anschließend öffentlich hingerichtet wurden. Beide Verfahren verfolgten den Zweck, die Deutschen von der Begehung weiterer Gräueltaten abzuschrecken. Gleichzeitig war damit aber auch ein Signal an die Westalliierten verbunden. Durch die publikumswirksame Inszenierung dieser Prozesse wollten die Sowjets zum einen demonstrieren, dass sie in ungleich stärkerer Weise vom NS-Terror betroffen waren und darauf in entsprechender Weise zu reagieren gedachten. Zum anderen drückte dies aus, dass man zwar bis zu einem gewissen Grad bereit war, sich an interalliierte Vereinbarungen für eine gemeinsame Strafverfolgung zu halten, gleichzeitig aber im Umgang mit deutschen Tätern freie Hand behalten wollte..Kurz nach Übernahme der Regierungsgewalt durch den Alliierten Kontrollrat im Juni 1945 installierten die Sowjets dann in ihrer Besatzungszone ein weiteres nationales Strafverfolgungsprogramm. Dieses knüpfte zwar an die vor 1945 geführten Prozesse an, führte jedoch im Hinblick auf die Grundlinien sowjetischer Besatzungspolitik in Deutschland auch einige Neuerungen ein. So wurden bei der SMAD-Zentrale in Berlin-Lichtenberg und den SMA-Länderverwaltungen so genannte Sowjetische Militärtribunale (SMTs) eingerichtet, deren Rechtsprechung sich gegen tatsächliche und vermeintliche NS-Täter sowie gegen all jene Personen richtete, welche von den sowjetischen Sicherheitsorganen als „Feinde der neuen Ordnung" identifiziert worden waren. Von den etwa 35.000 SMT-Urteilen, die in den Jahren von 1945 bis 1955 (faktisch waren die Tribunale nur bis 1953 tätig) in Deutschland gefällt wurden, ergingen nach Erkenntnissen des Dresdner Hannah Arendt Instituts etwa 4.400 gegen deutsche Zivilisten, die von den Sowjets als Kriegs- und NS-Täter eingestuft wurden. Das durchschnittliche Strafmaß in diesen Verfahren lag bei 10 bis 25 Jahren Lagerhaft; in mindestens 450 Fällen wurden Todesstrafen verhängt..Die Verurteilungsgrundlage bildete neben dem Ukas 43 hauptsächlich das sowjetische Strafgesetzbuch von 1926, insbesondere dessen Artikel 58 zur Bekämpfung „konterrevolutionärer" Verbrechen. Alliiertes Recht wurde hingegen nur in Ausnahmefällen angewandt, wenn dies aus aussenpolitischen und propagandistischen Gründen geboten erschien (z.B. im Berliner Sachsenhausen-Prozess vom Oktober 1947). Da die sowjetische Strafpraxis keine rechtsstaatlichen Mindeststandards beachtete und die Urteile in der Regel durch die Sicherheitsorgane präjudiziert wurden, können die SMT-Urteile nur in sehr begrenztem Sinne als Beitrag zur juristischen Aufarbeitung von NS-Unrecht bewertet werden. In wachsender Zahl betraf die SMT-Rechtsprechung zudem nicht mutmaßliche oder echte „Nazi- und Kriegsverbrecher", sondern auch vermeintliche und tatsächliche Gegner der kommunistischen Einparteienherrschaft..Nicht plausibel scheint mir jedoch die teilweise in der Forschung vertretene Auffassung zu sein, die SMT-Rechtsprechung auf deutschem Boden sei ein unzulässiger Export sowjetischer Normen nach Deutschland gewesen, dem machtpolitische und geostrategische Ziele zu Grunde gelegen hätten. Dies übergeht nicht nur die Tatsache, dass die gesamte alliierte Strafverfolgung auf der Idee beruhte, Handlungen deutscher Staatsbürger – unter Nichtbeachtung des Souveränitätsprinzips und Umgehung des Verbots rückwirkender Bestrafung – einer universalen bzw. ausländischen Jurisdiktion zu unterwerfen, sondern ignoriert auch, dass die absolute Regierungsgewalt im Juni 1945 auf die vier alliierten Besatzungsmächte übergegangen war, das Deutsche Reich also de facto zu existieren aufgehört hatte..Selbst wenn man die sowjetische NS-Strafverfolgung wegen schwerwiegender verfahrensrechtlicher Verstöße aus der alliierten Urteilsbilanz ausklammert, erscheint die Zahl von rund 5.000 rechtskräftig verurteilten NS- und Kriegsverbrechern immer noch erstaunlich hoch. Weitaus bedeutsamer als dieser statistische Wert ist jedoch die Tatsache, dass das alliierte Recht ein Instrumentarium geschaffen hatte, das – wenn auch in unzulänglicher Weise - erstmals formale Verfahrensweisen und normative Bewertungsgrundlagen bereit stellte, um den besonderen Unrechtscharakter nationalsozialistischer Gewaltverbrechen zu kennzeichnen. Im Übrigen – darauf hatte bereits der Zeithistoriker Martin Broszat vor mehr als zwanzig Jahren hingewiesen – kam der alliierten Justiz eine Vorreiterrolle bei der sprachlichen Vergegenwärtigung der NS-Vergangenheit zu, an die spätere deutsche Selbstverständigungsdiskurse anknüpfen konnten....Auswirkungen des alliierten Rechts auf die juristische Selbstreinigung der Deutschen..Auch wenn die alliierten Siegermächte eine deutsche juristische „Selbstreinigung“ (Martin Broszat) anfangs nicht in Erwägung zogen, war doch bereits kurz nach Kriegsende absehbar, dass es früher oder später zu einer Beteiligung deutscher Justizbehörden an der NS-Strafverfolgung kommen würde. Grundsätzlich stellte die Anwendung des alliierten Rechtsinstrumentariums durch deutsche Staatsanwaltschaften und Gerichte ein Prüfstein für die Frage dar, inwieweit sich die besiegten Deutschen mit der besonders von den Amerikanern verfochtenen Idee einer „Umerziehung mittels Strafrecht“ identifizieren würden. In der ersten Zeit nach Wiedereinsetzung deutscher Gerichte blieben die Spielräume zu einer eigenständiger Rechtsauslegung allerdings auch in den westlichen Besatzungszonen noch eng begrenzt; im Osten Deutschlands war die NS-Strafverfolgung spätestens seit 1947 ohnehin starkem politischen Druck ausgesetzt. Unabhängig von der Haltung, die westdeutsche und ostdeutsche Richter gegenüber dem alliierten „Fremdrecht“ einnahmen – exemplarisch war hier die Kontroverse auf dem Konstanzer Juristentag von 1947 - blieb die juristische Selbstreinigung in beiden Teilen Deutschlands anfangs noch stark durch den „Geist von Nürnberg“ geprägt..Zwar fanden bereits in den Sommermonaten 1945 in den Ländern der vier Besatzungszonen erste deutsche NS-Prozesse mit Billigung der jeweiligen Besatzungsmacht statt, erst im Dezember wurden jedoch mit dem Erlaß des KRG 10 über die „Bestrafung von Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen den Frieden und Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ die Rechtsgrundlagen für eine förmliche Ermächtigung deutscher Strafgerichte geschaffen. Während Sowjets und Amerikaner die Genehmigung von Fall zu Fall erteilten, gingen die Briten 1946 und die Franzosen 1948 zu generellen Ermächtigungen für bestimmte Deliktgruppen über. In den folgenden Jahren ahndeten deutsche Spruchkörper NS- und Kriegsverbrechen auf Grundlage des Kontrollratsgesetzes Nr. 10 vom 20. Dezember 1945 (KRG 10) und der einschlägigen Tatbestände des deutschen Reichsstrafgesetzbuchs in der Fassung von 1871. Eine Besonderheit stellte jedoch die Rechtsprechung ostdeutscher Sonderstrafkammern in der SBZ dar: Die Kammern mußten von Herbst 1947 an infolge des SMAD-Befehls Nr. 201 vom 16. August 1947 und der parallel dazu ergangenen dritten Ausführungsbestimmung zusätzlich auch auf Basis der in der SBZ als Strafgesetz geltenden Kontrollratsdirektive Nr. 38 vom 12. Oktober 1946 urteilen, die auf dem amerikanischen Befreiungsgesetz von 1946 fußte.. Neben einer Intensivierung der NS-Strafverfolgung zielte der Befehl Nr. 201 in erster Linie auf eine sukzessive „Sowjetisierung“ des ostdeutschen Justizwesens ab: Nicht nur ging es darum, einen ideologisch gefügigen Rechtsstab und zentralistische Justizstrukturen zu schaffen; Ziel des Befehls war es auch, unter dem Deckmantel des justiziellen „Antifaschismus“ die seit 1945 eingeleitete sozioökonomische Umwälzung in der SBZ voranzutreiben. Seine gravierende Bedeutung für die weitere strafrechtliche Verfolgung von NS-Unrecht erlangte der Befehl 201 in erster Linie dadurch, dass die Sowjets die alliierte KRD 38, welche nach ursprünglichen Vorstellungen des amerikanischen Befreiungsgesetzes vom März 1946 Fehlverhalten im Dritten Reich primär politisch bewerten und sühnen sollte, als echtes Strafgesetz auffassen wollten. Dies hatte zur Folge, dass in der SBZ nunmehr auch Sachverhalte justiziabel wurden, die in den Westzonen lediglich einer politischen Beurteilung unterlagen. Besonders problematisch war, dass die laut KRD 38 vorgesehene Abkehr vom Individualschuldprinzip dazu führte, dass etwa 1.000 bzw. 3.000 bis 4.000 Angeklagte allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer als verbrecherisch eingestuften NS-Organisation oder als so genannte Aktivisten (Art. III A I 1 bis 3) verurteilt wurden. Einen Einstieg in die politische Strafjustiz bot insbesondere der Blankettstraftatbestand des Artikel III A III der KRD 38, der Propaganda für den Nationalsozialismus, sofern sie nach dem 8. Mai 1945 verübt wurde, mit hohen Haftstrafen bedrohte. Insofern stellte der beliebig weit auslegbare Tatbestand der Friedensgefährdung eine direkte Verbindung zum späteren Gesinnungsstrafrecht der DDR-Justiz dar, wenn er auch bis 1949 nur in wenigen hundert Fällen angewandt wurde. Nach Gründung der DDR wurde das alliierte Recht dann kaum zur juristischen Aufarbeitung von NS- und Kriegsverbrechen angewandt – diese galt mit Ende der „Waldheimer Prozesse“ im Wesentlichen als abgeschlossen, sondern es wurde vor allem dazu eingesetzt, unliebsame Gegner des SED-Regimes auszuschalten oder sie als „Faschisten“ zu diskreditieren. Insgesamt wurden in der SBZ/DDR bis Anfang der fünfziger Jahre mindestens 8.000 Personen (ohne Waldheimer Prozesse) auf der Grundlage alliierter Strafbestimmungen verurteilt.. In den westlichen Besatzungszonen nahm die NS-Strafverfolgung durch deutsche Gerichte eine andere Entwicklung. Ein grundlegender Unterschied gegenüber dem Osten Deutschlands war, dass die westzonale Justiz in der Regel nicht von Amts wegen tätig wurde, sondern nur auf Anzeigen aus der Bevölkerung reagierte. Ausserdem bestand im Westen anders als im Osten die Möglichkeit, sowohl alliiertes wie deutsches Recht anzuwenden. In dem Maße, in dem sich nach dem Ende des Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunal die Abwehrfront gegen das alliierte „Fremdrecht“ verstärkte, weigerten sich immer mehr Gerichte, auf die Strafbestimmungen des KRG 10 zurückzugreifen. Diese Praxis war allerdings unter westdeutschen Juristen von Anfang an umstritten, da einige der Meinung waren, nur das rückwirkende alliierten Recht sei in der Lage, mit dem durch den NS-Staat entstandenen Problem des gesetzlichen Unrechts fertig zu werden. Trotz erheblicher Widerstände wurden bis 1949 knapp 4.500 Personen auch auf Grundlage alliierten Rechts verurteilt. Nach Gründung der Bundesrepublik wurde das KRG 10 zuerst nicht mehr angewandt; auf Initiative des ersten BGH-Präsidenten Hermann Weinkauff, der das KRG 10 für einen zu eliminierenden Fremdkörper im „deutschen Rechtsdenken“ hielt, bemühte sich das Bundesjustizministerium bereits 1951 bei den Alliierten um eine Rücknahme der Ermächtigung für das KRG 10. Obwohl viele Landesjustizminister damals noch der Ansicht waren, ohne die Beibehaltung des KRG 10 könnten nationalsozialistische Massenverbrechen nicht mehr adäquat geahndet werden, setzten sich der Bundesgerichtshof und der Bundesjustizminister in dieser eminent wichtigen Frage durch. Die weitreichenden Folgen dieser justizpolitischen Entscheidung sind im Wesentlichen bekannt....Fazit..Resümierend soll die Frage erörtert werden, wie der Versuch der Alliierten, die präzedenzlosen Gewalttaten der Nationalsozialisten mit dem Mittel des Völkerrechts aufzuklären und zu sühnen, im Rückblick von sechzig Jahren beurteilt werden kann. Die meisten Deutschen, die binnen weniger Jahrzehnte zum zweiten Mal wider Willen Objekt völkerrechtlicher „Weltverbesserungs“-Experimente geworden waren – um es salopp zu formulieren –, lehnten das in London und Nürnberg geschaffene Recht als juristisch verbrämte Machtpolitik, also als „Siegerjustiz“, ab. Dieses Verdikt war nicht nur substantiell falsch, sondern verkannte auch die politischen Implikationen des IMT. Die konstruktive Rolle, die die Politik bei der Einsetzung des IMT und der Durchsetzung neuer völkerrechtlicher Normen gesetzt hatte, wurde in gewisser Weise dadurch neutralisiert, dass mit dem politischen Klimawandel des Kalten Krieges die politische Nützlichkeit der Kriegsverbrecherprogramme zunehmend in Frage gestellt wurde. Trotz der Unvollkommenheit der alliierten Rechtspraxis (die sowjetische Rechtsprechung war allerdings nicht „unvollkommen“, sondern in der Regel menschenrechtswidrig) und der hartnäckigen deutschen Agitation gegen das „System von Nürnberg“ wird das Bestrafungsprogramm von Historikern heute in der Regel als Erfolg bewertet. Obwohl nach wie vor unklar ist, ob die Demokratisierung der Bundesrepublik wegen der alliierten Strafprozesse oder trotz des deutschen Widerstands gegen diese Prozesse voran kam, ist kaum noch umstritten, dass die juristische Vergangenheitsbewältigung zu den zentralen Faktoren dieses Wandlungsprozesses zählt. Man braucht sich nur das Beispiel der heutigen Türkei und die dort gepflegten Leugnungsdiskurse gegenüber dem Genozid an den Armeniern vor Augen zu halten, um zu erkennen, welchen Segen es letztlich für die politische Kultur Deutschlands bedeutet, dass die Alliierten eine derartige Mythenbildung sofort im Keim erstickt haben. Vielleicht war ihnen bewusst, dass in einer legalistischen, obrigkeitsstaatlichen Kultur wie derjenigen der Deutschen Strafprozesse am ehesten zum gewünschten Ziel führen würden.. Weniger positiv fällt die Bilanz aus, wenn man die ambitionierten Zielstellungen der amerikanischen Besatzungsmacht zum Maßstab nimmt, die bekanntlich nichts weniger als die Errichtung einer internationalen Friedensordnung auf der Grundlage des Völkerrechts beabsichtigte. Auch wenn die „Nürnberger Prinzipien“ in den letzten anderthalb Jahrzehnten eine Wiederauferstehung erlebt haben, bleibt das wichtigste Ziel der US-Amerikaner, die strafrechtliche Sanktionierung von Angriffskriegen zu erreichen, weiterhin unverwirklicht. Geradezu prophetisch klingt daher noch heute das Gelöbnis aus der berühmten Opening Address des Chefanklägers Robert Jackson vom 21. November 1945, der im Gerichtssaal erklärte: „Wir dürfen niemals vergessen, daß nach dem gleichen Maß, nach dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden. Diesen Angeklagten einen vergifteten Becher reichen, bedeutet, ihn an unsere eigenen Lippen zu bringen.“..Hinweise auf weitere Literatur der Autorin zum Thema:.Annette Weinke, Die Nürnberger Prozesse, München: C.H. Beck 2006;.dies.; Die Verfolgung von NS-Tätern im geteilten Deutschland. Vergangenheitsbewältigungen 1949-1969 oder: Eine deutsch-deutsche Beziehungsgeschichte im Kalten Krieg, Paderborn: Schöningh 2002.......