Der Tod auf steilem Berge - Die „Standgerichtsprozesse“ gegen Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi und die Freisprechung ihrer Mörder

Christoph U. Schminck-Gustavus

Literaturhinweis

Die Literatur über Dietrich Bonhoeffer füllt seit Jahren ganze Bibliotheken. So mag es sonderbar erscheinen, dass nochmals auf das Leben und Sterben des berühmten Theologen eingegangen wird. Der Verfasser des neuen Buches nähert sich Bonhoeffers Leben und Wirken aber nicht als Theologe, sondern als Rechtshistoriker. Die Schrecknisse des NS-Regimes musste er zwar nicht selbst erleben; als damals "Kinderlandverschickter" hat er aber noch heftige Erinnerungen an das Kriegsende und die Nachkriegsjahre. Auch sind ihm in den Erzählungen seiner Eltern Nazi-Terror und Kriegsschrecken schon früh begegnet und später in den Akten der Archive immer wieder nahe gerückt. Auch die Begegnungen mit Zeitzeugen - zuerst in Polen, dann in Italien und Griechenland - haben ihn zur "oral history" geführt und veranlasst, die jeweiligen Landessprachen zu erlernen, um die gesammelten Zeugnisse aufzuschreiben und so zu bewahren. Dass die juristische "Vergangenheitsbewältigung" jahrelang scheitern musste, weil viele der ehemaligen juristischen Handlanger des Regimes auch nach dem "Zusammenbruch" von 1945 wieder in den Justizdienst zurückgekehrt sind, wird in dieser Dokumentation an der Straflosigkeit der Mörder von Dietrich Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi vor Augen geführt. Die Recherche stützt sich vor allem auf bislang unveröffentlichtes Aktenmaterial, das im Münchner Staatsarchiv aufbewahrt wird, denn der erste Prozess ist im Februar 1951 vor dem Schwurgericht München geführt worden. Das damals gefällte Urteil war das erste in einem langen und qualvollen Weg durch die Instanzen, der schließlich mit skandalösen Freisprüchen und einem Urteil des Bundesgerichtshofs endete, an dem ehemalige NS-Richter beteiligt waren. Die Arbeit beschränkt sich aber nicht auf die Beschreibung von NS-Terror und juristischen Untaten, sie macht deutlich, dass der Widerstand gegen das Unrecht in vielfältigen Formen stattgefunden hat und dass viele - oft unbekannt gebliebene - "stille Helden" ihr Leben eingesetzt haben, um Verfolgte zu retten. So strahlen die Recherchen auch Zuversicht aus. In einer Zeit, in der schon wieder Stimmen laut werden, die die Zeit des Nazi-Terrors als "Vogelschiss gegenüber den tausend Jahren deutscher Geschichte" bezeichnen und ein Ende des "Erinnerungskults" fordern, soll die vorliegende Dokumentation auch eine Ermutigung sein - zum Widerstehen gegenüber dem Unrecht.

Eindrucksvoll belegt ist auch die trickreiche Art, mit der der Bundesgerichtshof (BGH) die Mörder von Strafe verschonte. Das schlimmste Beispiel ist das Urteil vom 19. Juni 1956, das der BGH wegen der Peinlichkeit absichtlich nicht selbst veröffentlicht hat, das aber in der "Neuen Zeitschrift für Strafrecht" (1996, S. 485 f.) leicht auffindbar ist. Darin behaupten die Bundesrichter, mit ihrer Entscheidung darüber, ob das mit SS-Juristen besetzte "Standgericht" die Widerstandkämpfer zum Tode verurteilen durfte, seien sie, die Bundesrichter, an die "Grenzen irdischer Rechtsprechung" gelangt. Mit anderen Worten: Die BGH-Richter haben sich letzten Endes für unzuständig erklärt und die Verantwortung auf Gott geschoben. Eine solche Rechtsverweigerung ist wohl der schlimmste Verstoß gegen die Rechtsgewährungspflicht eines jeden Richters. Zugleich haben die Richter mit dem Hinweis auf das "Schicksal" sich in den theologischen Bereich begeben. Das ist umso unerträglicher, weil Dietrich Bonhoeffer ein wirklich gläubiger Christ war. Das Buch ist auch deshalb empfehlenswert, weil es sehr sorgfältig recherchiert und ediert worden ist.

Dr. Helmut Kramer, Wolfenbüttel

 

 

Der Tod auf steilem Berge

Die "Standgerichtsprozesse" gegen Dietrich Bonhoeffer und

Hans von Dohnanyi und die Freisprechung ihrer Mörder

384 Seiten, 108 Abbildungen, Hardcover, 29.80 € -

ISBN 978-3-943425-94-9 (Donat Verlag, Bremen)