"Die weltanschauliche Schulung der Polizei im Nationalsozialismus"

Hans-Christian Harten

Harten, Hans-Christian: Die weltanschauliche Schulung der Polizei im Nationalsozialismus. Paderborn: Ferdinand Schöningh 2018. ISBN 978-3-506-78836-8; 663 S.; EUR 89,00.

Rezensiert für H-Soz-Kult von:

Melanie Hembera, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen

Seit den Arbeiten von Christopher R. Browning und Daniel Jonah Goldhagen über das Reserve-Polizeibataillon 101 stehen die deutsche Polizei und ihre Beteiligung an NS-Verbrechen verstärkt im Fokus des Forschungsinteresses.[1] Wie aber wurden gewöhnliche Berufspolizisten und zur Polizei einberufene Reservisten Vollstrecker der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik? Obgleich die weltanschauliche Schulung der Polizei im NS-Staat "einen Schlüssel zum Verständnis dieser Beteiligung"

(S. 11) bieten kann, fand dieser Aspekt innerhalb der Historiographie bislang nur wenig Beachtung.[2] Hans-Christian Harten legt nun eine Untersuchung zur weltanschaulichen Schulung der Polizei im Nationalsozialismus vor und schließt damit diese Forschungslücke. Der Band stellt eine Ergänzung zur 2014 veröffentlichten Studie über die SS dar.[3]

Einleitend umreißt Harten die Polizeiausbildung in der Weimarer Republik, die zwar militaristisch und antirepublikanisch geprägt war, sich jedoch auch durch "deutliche Tendenzen der Professionalisierung und Modernisierung" (S. 31) auszeichnete. Mit Etablierung der NS-Diktatur kam es zu einer Abschaffung der nur Jahre zuvor eingeführten "Staatsbürgerkunde", an deren Stelle die weltanschauliche Schulung treten sollte. Zwar wurden vornehmlich bei der Politischen Polizei Entlassungen vorgenommen, im Gesamten bestand jedoch eine hohe personelle Kontinuität über 1933 hinweg. Während das Ausbildungssystem per se zunächst keiner signifikanten Umgestaltung unterworfen war, änderte sich dies mit der Ernennung Heinrich Himmlers zum "Chef der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern" im Juni 1936 schlagartig. Ein Verschmelzungsprozess von SS und Polizeiapparat wurde angestrebt, im Zuge dessen auch die weltanschauliche Schulung der SS auf die Polizei ausgeweitet werden sollte.

Im Fokus des ersten Kapitels steht die ideologische Indoktrination der Sicherheitspolizei (Sipo) und des Sicherheitsdienstes (SD), die dem seit

1936 existierenden Hauptamt Sipo unter Leitung Reinhard Heydrichs unterstanden. Das neugegründete Amt V "Verwaltung und Recht" war nun für Ausbildungsangelegenheiten von Kriminalpolizei und Geheimer Staatspolizei zuständig; ein Referat befasste sich im Speziellen mit der weltanschaulichen Schulung. In der Folgezeit wurde der weltanschaulichen Erziehung in den Ausbildungen und Lehrgängen breiter Raum gegeben, deutsche Geschichte sowie "Rassen- und Gegnerkunde" avancierten zu zentralen Elementen der Lehrpläne. Der Unterricht sollte auf modernen pädagogischen Konzepten basieren. Wesentlich war zudem eine "wissenschaftlich-akademische Kontextualisierung" (S. 18) von Lerninhalten. Gemeinsame "Führerlehrgänge" und "Führerlager" sollten nicht nur Sipo und SD zusammenführen, sondern auch der Infiltration der Sipo mit "SS-mäßigem" Gedankengut dienen. Innerhalb des SD, als SS-eigene Organisation[4], blieb die Schulung Harten zufolge "weitestgehend der Initiative von Abteilungsleitern und Referenten überlassen" (S. 86). Der SD fungierte aber auch als "Dienstleister" im Schulungswesen, indem er Vorträge und Texte für Lehrgänge diverser Polizeisparten verfasste. Hierbei tat sich insbesondere das SD-Amt II hervor, das mit der "Weltanschaulichen Gegnerforschung" befasst war.

Deutlich wird, dass der SD "auch eine substantielle Rolle in der Schulungsarbeit der SS und anderer Gliederungen der Partei spielte" (S.

91).

Im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) war ab September 1939 die Abteilung Nachwuchs und Erziehung fortan für die Organisation der weltanschaulichen Schulung verantwortlich. Hierunter fielen auch deren Schulen im Reichsgebiet sowie in den annektierten und besetzten Ländern.

Diese dienten nicht nur der Aus- und Weiterbildung deutscher Polizisten, Volksdeutscher sowie "Fremdvölkischer", sondern auch als Rekrutierungsreservoir für Einsatzgruppen, die aktiv am Genozid an der jüdischen Bevölkerung beteiligt waren. Nach Harten sei "davon aus[zu]gehen, dass der weltanschauliche Unterricht [...] den Polizeischülern die Durchführung dieser Aufgaben erleichterte" (S. 139).

Wie aufgezeigt wird, war eine große Zahl der Dozenten der Sipo-/SD-Schulen an "auswärtigen" Einsätzen beteiligt. "Diese Formen der 'Integration von Theorie und Praxis' bildeten einen festen und wichtigen Bestandteil der Personal- und Ausbildungspraxis des RSHA" (S. 145).

Die weltanschauliche Schulung der Ordnungspolizei (Orpo) wurde ab 1933 erst allmählich etabliert. Zwar wurden in die Lehrpläne nationalsozialistische Themen eingeführt, allerdings noch nicht im Sinne einer weltanschaulichen Schulung der SS. Nachweislich jedoch waren Polizeibeamte bereits 1935 mit antisemitischen Inhalten konfrontiert.

Anfänglich war vor allem der 1933 gegründete "Kameradschaftsbund der Deutschen Polizei" als Nachfolgeinstitution der aufgelösten Polizeigewerkschaften "der wichtigste Träger für die fachliche, politische und weltanschauliche Fort- und Weiterbildung und die außerdienstliche Schulungsarbeit in der Polizei" (S. 172).

Nach der Ernennung Himmlers zum Polizeichef unterlag das Polizeischulungswesen zahlreichen Modifikationen. So wurden Schulungsredner und -lehrer rekrutiert, die zunächst noch aus der SS stammten. Daneben waren fortan für alle Polizeibeamten nicht nur monatliche Vorträge verpflichtend, sondern an den Polizeischulen auch das Unterrichtsfach "Nationalsozialistische Lehre". Nachdem das Hauptamt Orpo gegründet worden war, etablierte man ein zentrales Ausbildungsamt mit eigenem Referat für die weltanschauliche Erziehung. Im April 1937 wurde schließlich die weltanschauliche Schulung innerhalb der Orpo angeordnet, wobei wie bei der Sipo und des SD das Augenmerk auf geschichtliche und rassenpolitische Themen sowie "Gegnerkunde" gelegt wurde. Mit der Ernennung von Joachim Caesar zum Inspekteur für die weltanschauliche Erziehung der Ordnungspolizei im Herbst 1939 baute man eine autonome Amtsgruppe mit Zuständigkeiten für die weltanschauliche Schulung auf. Wie Harten zeigt, markierte der Kriegsbeginn nicht nur aus organisatorischer Hinsicht eine Zäsur. Die Aufstellung von Polizeibataillonen führte auch zu einer weiteren Militarisierung der Polizei, die auch die Schulungstätigkeit massiv beeinflusste: "Die weltanschauliche Schulung begründete den Kampfauftrag: Kriegsführung gegen völkische, rassische und andere weltanschaulich definierte Gegner"

(S. 306).

 

Die weltanschaulich-politische Schulung der Polizei im Kriegseinsatz zeigt Harten durch zahlreiche Fallbeispiele. Polizisten wurden, etwa in Polizeibataillonen, vor ihrem Kriegseinsatz mental auf ihre mörderische Aufgabe nicht zuletzt mittels der wiederkehrenden Darstellung des Stereotyps vom "jüdischen Bolschewismus" vorbereitet. Die Vermittlung von NS-Ideen wurde im Einsatz fortgeführt und war stets "in einen militärischen Kontext eingebettet" (S. 352). Um nach den Mordaktionen für geistige Ablenkung zu sorgen, betrieb man einen großen "Aufwand an 'kultureller Truppenbetreuung'" (S. 359). Theaterbesuche, KdF-Vorstellungen oder auch Kameradschaftsabende gingen im Wechsel mit der Beteiligung an Partisaneneinsätzen, Massenerschießungen und Deportationen einher. Harten geht auch auf "fremdvölkische"

Polizeiformationen, wie die Hilfspolizei, die "Schutzmannschaften" sowie die "einheimischen" Polizeieinheiten in den deutsch annektierten und besetzten Gebieten ein. Aufgrund des Personalmangels war das NS-Regime auf die Mitarbeit Nicht-Reichsdeutscher angewiesen und versuchte, auch diese Personen durch gezielte Propaganda und Schulung vom NS-Gedankengut zu überzeugen. Die Schulungspläne für die deutsche Polizei waren "mit ihrer Akzentuierung von Rassenkunde und deutscher Geschichte für diese Aufgabe allerdings nur begrenzt geeignet" (S. 494f.). Je weiter ein Volk in der rassischen NS-Hierarchie am unteren Ende rangierte, umso mehr trat deren Schulung in den Hintergrund. Vielmehr setzte man dann auf Propaganda, die jedoch keine tiefgreifende Wirkung entfaltet habe.

Harten legt die erste systematische Gesamtdarstellung zur weltanschaulichen Schulung der deutschen Polizei im Nationalsozialismus vor. Kritisch angemerkt werden muss, dass die Studie leider eine pointierte Zusammenfassung der Ergebnisse vermisst. Auch die leserunfreundlichen Endnoten hätten mühelos vermieden werden können.

Demgegenüber beeindruckt die herangezogene Quellenbasis, die in zahlreichen nationalen und internationalen Archiven recherchiert wurde.

Anhand dieser breiten Dokumentenbasis zeigt Harten eine Vielzahl regionaler Fallbeispiele auf und bietet ein breites Panorama der weltanschaulichen Erziehung der Polizei - auch jenseits der deutschen Grenzen. Ergänzend gewährt der Band durch zahlreiche Einzelbiographien Einblicke in den Werdegang des Personals, welches für die Realisierung der weltanschaulichen Indoktrination in der Polizei verantwortlich zeichnete. Inwieweit die NS-Schulung allerdings vom Einzelnen rezipiert und interpretiert wurde und inwiefern sich daraus individuelle Handlungsimperative ableiten ließen, bleibt offen. Eine Kausalität zwischen weltanschaulicher Erziehung und genozidalem Handeln kann die vorliegende Arbeit nicht aufzeigen, dieser Anspruch wird von Harten allerdings auch nicht erhoben. Die Studie verdeutlicht vielmehr den hohen Stellenwert, den das NS-Regime der geistigen Durchdringung der Polizei mit NS-Inhalten einräumte. Möchte man das Täterverhalten von Polizisten erklären, sollte die Indoktrination der menschenverachtenden NS-Ideologie nicht außer Acht gelassen werden, schuf diese nicht zuletzt einen "legitimatorischen Rahmen" (S. 12) für die Beteiligung des Einzelnen an NS-Verbrechen. Wie zahlreiche Studien der Täterforschung freilich gezeigt haben, lässt sich beim "Fußvolk der Endlösung"[5] meist ein Motivkonglomerat erkennen, dass den Antrieb für deren Handeln bildete.

Alles in allem hat Harten hat eine solide Monographie vorgelegt, die künftig als Standardwerk zur weltanschaulichen Schulung der Polizei rezipiert werden wird.

Anmerkungen:

[1] Christopher R. Browning, Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die "Endlösung" der Judenfrage, Reinbek 1999; Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996.

[2] Eine Ausnahme bildet hier etwa: Jürgen Matthäus u.a. (Hrsg.), Ausbildung Judenmord? "Weltanschauliche Erziehung" von SS, Polizei und Waffen-SS im Rahmen der "Endlösung", Frankfurt am Main 2003.

[3] Hans-Christian Harten, Himmlers Lehrer. Die Weltanschauliche Schulung in der SS 1933-1945, Paderborn 2014.

[4] Harten betont in der Vorbemerkung, dass er aus Praktikabilitätsgründen das Kapitel über die Sipo und den SD in diesen Band habe einfließen lassen, da eine Aufteilung in einen SS- und einen polizeibezogenen Teil nicht sinnvoll erschien.

[5] Klaus-Michael Mallmann, Vom Fußvolk der "Endlösung".

Ordnungspolizei, Ostkrieg und Judenmord, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte 26 (1997), S. 355-391.

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von:

Thomas Werneke <werneke@zzf-potsdam.de>

URL zur Zitation dieses Beitrages

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