„Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück“

Erpel, Simone
Zur Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

„Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück“.Zur Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück..Simone Erpel..Die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück eröffnete vor fast genau zwei Jahren, am 17. Oktober 2004, in einem der acht ehemaligen Aufseherinnenhäuser die Ausstellung über das weibliche KZ-Personal..Im Mittelpunkt der Exposition stehen erstmals die Frauen, die als so genanntes weibliches Gefolge der Waffen-SS eingesperrte Frauen aus ganz Europa im KZ Ravensbrück drangsalierten und quälten. Über 3.500 Aufseherinnen, die zwischen 1939 und 1945 im KZ Ravensbrück ihren Dienst verrichteten, haben in ihren zumeist niederen Rängen das Lagersystem am Laufen gehalten, Verbrechen billigend in Kauf genommen oder waren selbst daran beteiligt...Warum eine Ausstellung zum weiblichen KZ-Personal?..1. Die wissenschaftliche Erkenntnis, dass die nationalsozialistischen Verbrechen ohne Beschäftigung mit den Tätern und Täterinnen letztendlich nicht zu verstehen sind, hat zu einer Erweiterung der Perspektive auch in den KZ-Gedenkstätten geführt. So fand bereits vor 10 Jahren eine Tagung statt, die sich mit Darstellung von Tätern in Gedenkstätten beschäftigte. .2. Die Pathologisierung der NS-Täter und Täterinnen hat eine entlastende Funktion. Die Gesellschaft kann sich von ihnen distanziert und so eine Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Motiven zu vermeiden. Dabei betrachteten und betrachten sich ehemalige KZ-Aufseherinnen keineswegs als außerhalb der Gesellschaft stehend, wie wir – das Ausstellungsteam –.in Interviews mit drei ehemaligen Aufseherinnen erfuhren. Mehr noch – Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges als Aufseherinnen dienstverpflichtet worden waren, erklärten mitunter, wenn sie sich geweigert hätten, Aufseherin zu werden, wären sie selbst ins KZ gekommen. Diese Entschuldungfigur beruht auf der Legende, es habe ein Zwang zum Mitmachen gegeben, im Falle einer Verweigerung wäre Leib und Leben bedroht gewesen. .3. Für die Gedenkstätte Ravensbrück stellte sich nach dem Abzug der GUS-Truppen 1994 die Frage, wie das frei gezogene Gelände, darunter die acht ehemaligen Aufseherinnenhäuser in der SS-Wohnsiedlung künftig genutzt werden sollten. Im April 2002 wurden sechs Häuser als Internationale Jugendbegegnungsstätte mit Seminarhaus und Jugendherberge eröffnet. Die Nutzung eines Hauses für die Dauerausstellung über SS-Aufseherinnen geht auf einen bereits 1996 gefassten Beschluss der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten zurück. Im Wesentlichen gab es dafür zwei inhaltliche Gründe:.a) Es war das weibliche Bewachungspersonal, das täglich die unmittelbare Herrschaft über die weiblichen Gefangenen ausübte. Zwar stellten Aufseherinnen aufgrund der Organisationsstruktur der Konzentrationslager wahrscheinlich nie mehr als zehn Prozent des gesamten KZ-Personals, doch die SS setzte Frauen für die innere Bewachung des Häftlingslagers und zur Bewachung der Häftlinge ein, die außerhalb des Lagers arbeiten mussten..b) Zwischen 1942 und 1944 wurde Ravensbrück zum zentralen Ausbildungslager für weibliches KZ-Personal. Bis 1943 bewarb sich die Mehrheit der Aufseherinnen auf eigene Initiative in Ravensbrück. Mit dem Ausbau des KZ-Systems und der Arbeitsdienstverpflichtung wurden Aufseherinnen von den Arbeitsämtern oder von Rüstungsbetrieben, die KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit angefordert hatten, zur Ausbildung nach Ravensbrück geschickt. ..Ziele .Ziel der Ausstellung ist es, die Besucher und Besucherinnen anzuregen, sich mit den Motiven, Handlungsmöglichkeiten und Taten von Aufseherinnen differenziert auseinanderzusetzen. Wir fragen deshalb in der Ausstellung:.- Wer waren diese Frauen, von denen nur eine Minderheit Mitglieder der NSDAP waren?.- Aus welchen Gründen wurden gerade junge Frauen SS-Aufseherinnen?.- Worin bestand ihre Tatbeteiligung?.- Wie sah die juristische Ahndung der KZ-Verbrechen in Ravensbrück nach 1945 aus?.- Gab es Auseinandersetzung in den Familien der ehemaligen KZ-Aufseherinnen?..Die Ausstellung versucht sich diesen Fragen in zweifacher Hinsicht zu nähern:.1. durch die Darstellung der Geschichte des weiblichen KZ-Personals von 1939 bis 1945;.2. durch die Darstellung des gesellschaftlichen, insbesondere juristischen Umgang mit dem weiblichen Wachpersonal nach 1945..Biografien von 18 ehemaligen Aufseherinnen sind jeweils thematischen Aspekten zugeordnet. ..Die thematischen Schwerpunkte der Ausstellung .Außen : Geschichte des Ortes..Erdgeschoss .Foyer: Videoinstallation mit den Berichten von Überlebenden.Raum 1: Aufseherinnen in der SS-Hierarchie.Raum 2: Alltag und Gewalt.Raum 3: Beteiligung an Verbrechen.Raum 4: Außenlager und Massentötung im Frauen-KZ Ravensbrück.Raum 5: Nach Dienstschluss..Obergeschoss.Foyer: Suche nach Täterinnen; Der erste Hamburger Ravensbrück-Prozess.Raum 6: Alliierte Nachkriegsprozesse.Raum 7: Deutsche Strafverfolgung.Raum 8: Presseberichterstattung und Versuche der Rehabilitierung von ehemaligen Aufseherinnen.Raum 9: Das Bild von Aufseherinnen in Filmen, Romanen und in der Erinnerung von Überlebenden.Raum 10: Die Tradierung von Entlastungslegenden in den Familien ehemaliger Aufseherinnen.Raum 11: Leere ehemalige Dienstwohnung..Das Berliner Ausstellungsbüro Frey & Aichele Team gestaltete die Ausstellung und hat mit dem Einbau eines Wandsystems, das abrupte Wendungen und scharfe Kanten hat, eine Ausstellungsarchitektur geschaffen, die die vorhandene Bau- und Raumgestalt des ehemaligen Aufseherinnenhauses deutlich konterkariert. Die Ausstellungswände durchkreuzen auf beiden Etagen in sternförmigen Zacken die Wände im Inneren des Gebäudes..An der Außentreppe ragt – deutlich sichtbar - eine Spitze bis zum oberen Stockwerk hinauf. Auf diese Weise wird eine Brechung zur reinen Wohnsituation in dem Originalgebäude erzeugt..Die Klammer zwischen der NS-Zeit im unteren Teil und der Nachkriegszeit im oberen Teil der Ausstellung bildet eine Installation mit insgesamt 48 Fotos von Aufseherinnen, die sich im Treppenauge über beide Etagen zieht...Ich möchte nur kurz auf das Konzept eingehen, das der Ausstellung zugrunde liegt .Täterinnenbiografien sind jeweils thematischen Aspekten zugeordnet. Erfahrungen ehemaliger Häftlinge wurden als eine wesentliche Perspektive im Narrativ der Ausstellung verankert. Nicht nur in der Eingangsinszenierung, sondern sie zieht sich durch alle Themenbereiche..Um eine mögliche auratische Wirkung von SS-Originalen zu vermeiden, werden ausschließlich Faksimile und Reproduktionen in der Ausstellung gezeigt. Außerdem wird generell darauf verzichtet, Fotos und Dokumente „aufzublasen“. Stattdessen werden sie in Originalgröße gezeigt und ihre Objektgeschichte „erzählt“...Erfahrungen mit der Ausstellung.Hinsichtlich der Besucherresonanz kann ich mich hauptsächlich auf die Erfahrungen der Gedenkstättenpädagogen und –pädagoginnen stützen, die vor allem Schulklassen in der Ausstellung betreuen. Bedingt durch die Ausstellungsarchitektur, die ja eine zusätzliche Enge absichtlich erzeugt, sind Gruppenführungen durch die Ausstellung so gut wie ausgeschlossen. Bewährt hat sich, in der leeren ehemaligen Dienstwohnung eine thematische Einführung zu geben. Gelegentlich wird gleich zu Anfang von Jugendlichen gefragt, wie die Aufseherinnen denn zu ihrem „Job“ gekommen seien..Die in Raum 1 aufgeworfene Frage nach der „Rekrutierung“ finden Schüler/innen interessant. So ist Oliver aus B. verblüfft: „Also, die haben sich echt auch freiwillig gemeldet?“.An der Darstellung der unterschiedlichen Strafprozesse zeigen sich Schüler/innen offensichtlich weniger interessiert als an der grundsätzlichen Frage, ob die Täter/innen überhaupt belangt worden sind. Eine Schülerin bringt das mit der Frage „Hat man die denn hoffentlich bestraft?“ zum Ausdruck..Ein gewisser „Eye-Catcher“ ist für Jugendliche der Raum „Nach Dienstschluss“ – er zeigt die „Normalität“ der Frauen in einer unnormalen Umgebung. Eine Schülerin formuliert es so:„Die haben hier ja ganz normal gelebt, mit Kindern und allem, das kann man sich gar nicht so vorstellen.“.Von diesen einzelnen Beispielen aus zu generalisieren halte ich für schwierig, dazu wäre eine Besucherevaluierung Voraussetzung und m. E. überhaupt sinnvoll. Vielmehr zeigen diese Schlaglichter, dass es gerade die Bilder sind – im realen wie im übertragenden Sinne –, die am wenigsten mit der Erwartungshaltung übereinstimmen, nämlich die von Normalität und Entscheidungsmöglichkeit, die einen Eindruck hinterlassen. Wie nachhaltig er sein wird, bleibt dahin gestellt, dass die Ausstellung überhaupt solche Fragen aufwirft, halte ich für einen wichtigen Punkt....