Juristische Konstruktionen von NS-Täterbildern im Nachkriegsdeutschland: Theorie und Praxis

Arendes, Cord, Wolfrum, Edgar

Juristische Konstruktionen von NS-Täterbildern im Nachkriegs-deutschland: Theorie und Praxis..Cord Arendes/Edgar Wolfrum..Täterbilder als erkenntnistheoretisches Feld.Das „past-beating“, das Vergangenheitsbewältigen, ist zu einer weltweiten Industrie in Gesell-schaften geworden, die den Weg von einer Diktatur zur Demokratie zurücklegen. Es lassen sich acht Ziele und zehn Wege der Vergangenheitsbewältigung unterscheiden. Die Ziele können sein: 1. Wahrheit, 2. Gerechtigkeit, 3. Anerkennung von Verantwortung und Schuld, 4. Verhinderung erneuter Menschenrechtsverletzungen, 5. Konsolidierung demokratischer Verhältnisse, 6. Hei-lung, verstanden im psychologischen, individuellen Sinn, 7. Reinigung, also eine gesellschaftliche Katharsis und 8. Versöhnung. Diese Ziele können auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden: 1. Säuberungen, wie etwa die Entnazifizierung, 2. Wahrheitskommissionen, 3. Öffnung der Ar-chive, 4. Kriminalisierung der Leugnung von Verbrechen, 5. Gedenk- und Erinnerungsarbeit in Museen und Gedenkstätten, 6. Symbolische Versöhnungsakte, 8. Entschädigungen und Reparati-onen, 9. Behebung struktureller Missstände, die aus der überwundenen Diktatur herrühren und schließlich, hier für den Schluss aufgespart, 10. Gerichtsverfahren..Welche Fragestellungen erscheinen hinsichtlich der Gerichtsverfahren sinnvoll? Um nur eini-ge zu nennen: Welche Täterkonstruktionen scheinen auf, welche Täterbilder werden durch Justiz und Rechtsprechung entworfen? Wie bestimmen juristische Denk- und Argumentationsfiguren die Urteils- und Strafzumessung der Gerichte (Befehlsnotstand, Nötigungszustand, Pflichtenkol-lision, Verbotsirrtum der Täter, übergesetzlicher Notstand, übergesetzlicher Schuldausschie-ßungsgrund)? Hat die Rechtsprechung zur moralischen Exkulpation der Nachkriegsgesellschaft beigetragen?.Durch eine Inhaltsanalyse exemplarischer Urteile und deren Einbettung sowohl in den gesell-schaftlichen Kontext als auch in die konkreten juristischen Verfahren (Vorermittlung, Anklageer-hebung, Urteil) kann man Antworten auf diese Fragen finden. Lassen sich dabei Wandlungen im Zeitverlauf feststellen? Veränderte sich etwas das Strafmaß im Laufe der Jahre? Gibt es internati-onale und interregionale Unterschiede? Was heißt überhaupt Konstruktion von Täter- und Ge-schichtsbildern? In welchem Zusammenhang stehen der öffentliche Diskurs, die juristische Kon-struktion und die populäre Vermittlung von Täterbildern? Wie beeinflussen sie sich gegenseitig?.Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen kann man ein erkenntnistheroretisches „Feld“ abstecken. Es ergibt sich aus erstens der Vergangenheitspolitik, also den exekutiven, legislativen und justiziellen Maßnahmen; und zweitens der Geschichtspolitik, also den Diskursen über Ge-schichte in der Öffentlichkeit. Schwierig ist es nicht allein, den juristischen Prinzipien der Kon-struktion von Tätern, den strafrechtlichen Denkfiguren und den Argumentationsfiguren der Ur-teile auf die Spur zu kommen. Hinzu kommen auch vorbewusste, außernormative Einstellungen und spezifische Menschenbilder der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger. Die Frage, wie die Rechtsprechung das öffentliche Täterbild mitbestimmt, ist ebenfalls schwierig zu beantworten. Einen wichtigen Weg eröffnet die Lektüre und Interpretation von Strafprozessakten als Quellen, die an ein juristisches Relevanzsystem gebunden und zugleich von Entwürfen, Konstruktionen und Festschreibungen durchzogen sind..Aufgabe eines Strafrichters in einem demokratischen Rechtsstaat ist es, die empirischen Sach-verhalte zu prüfen, die normativen, vom Gesetzgeber formulierten Tatbestände zu interpretieren und auf diese Weise die Schuld der Angeklagten zu beurteilen. Diesen steht allen gleichermaßen das Recht zu, dass das Gericht ihren Fall individuell behandelt, d.h. ihr subjektives Wissen und Wollen um die Verwirklichung der Tat abwägt. Stereotypisierungen widersprechen einem rechts-staatlichen Verfahren. Man wird sie daher in Urteilstexten auch nicht ausformuliert finden. Gleichzeitig aber leben Richter nicht außerhalb der Gesellschaft, in der Annahmen über Verbre-chen und Verbrecher in Umlauf sind, von sehr vielen Menschen geteilt werden und so ihre Wir-kungsmacht entfalten. Das betrifft Annahmen über den sozialen Status der Täter ebenso wie Annahmen über generationen- oder geschlechterspezifische Typisierungen. .Deshalb kommt neben der Vergangenheitspolitik die Geschichtspolitik in die Betrachtung mit hinein: Wie wirken öffentliche Diskurse wiederum auf die Rechtsprechung zurück? Welche Rolle spielt die historische Wissenschaft, welche Rolle neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Gutachten für die Prozesse? Dann muss auch der deutsche Systemkonflikt beachtet werden: für Bonn stand oft nicht die juristische Ahndung der NS-Prozesse im Zentrum, sondern die Bewah-rung der Bundesrepublik vor Propagandaangriffen aus dem Ostblock. .Schließlich muss noch nach verschiedenen Tätergruppen unterschieden werden. Die be-kannte Urteilssammlung von Christiaan F. Rüter erlaubt eine Gliederung nach 12 Kategorien von Tatkomplexen: 1. Denunziation, 2. Euthanasie, 3. Justizverbrechen, 4. Kriegsverbrechen, 5. Massenvernichtungsverbrechen durch Einsatzgruppen, 6. Massenvernichtungsverbrechen in La-gern, 7. andere Massenvernichtungsverbrechen, 8. NS-Gewaltverbrechen in Haftstätten, 9. Schreibtischverbrechen, 10. Verbrechen der Endphase, 11. andere NS-Verbrechen und 12. unbe-kannte Tatkomplexe. Diese Kategorien lassen sich wiederum vier Großverbrechen zuordnen: der Vernichtung des europäischen Judentums (Massenvernichtungsverbrechen in Lagern, durch Einsatzgruppen, Schreibtischverbrechen), die Euthanasie, der Vernichtungskrieg (Kriegsverbre-chen, Massenvernichtungsverbrechen in Lagern), die Justizverbrechen (Verbrechen der Endpha-se, Denunziationen)...Strafrechtliche Denkfiguren, Täterbilder und Entlastungsstrategien der Angeklagten.In den Strafverfahren wegen nationalsozialistischer Gewaltverbrechen standen Verbrechen zur Beurteilung an, die sich nicht nur quantitativ sondern auch qualitativ von der bekannten Gewalt-kriminalität unterschieden. War man es bis dahin gewohnt, denjenigen für den kapitalsten Ver-brecher zu halten, der mit Motiv und heimtückisch eigenhändig mordete, so sah man sich nun mit tausenden von Angeklagten konfrontiert, die entweder weit von den Orten massenhafter Verbrechen entfernt entsprechende Pläne erdacht und Anweisungen gegeben hatten oder aber ohne nachweisbares eigenes Interesse auf diese Anweisungen hin Menschen, die sie nicht per-sönlich kannten, kaltblütig verfolgt, deportiert, gefoltert und getötet hatten. Als diese neuartigen Massenverbrechen mit dem Kriegsende einer immer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurden und die Beweise nicht länger zu ignorieren waren, fragten sich daher viele verstört, wie solche Täter und Täterinnen wohl charakterlich beschaffen sein müssten, wie sie aussähen und wie sie sich – ihrer Macht beraubt – vor ihren Anklägern und Richtern präsentieren würden. Kaum je-mand nahm damals an, dass es sich um vergleichsweise unauffällige, gewöhnliche Männer und Frauen handeln könnte, die ohne den Nationalsozialismus vermutlich nie einem anderen Men-schen ein Haar gekrümmt hätten. Viel naheliegender und dem Entsetzen angemessener schien es, davon auszugehen, dass die angeklagten Verbrechen das Werk teuflischer, oder doch zumindest abgründig schlechter Individuen gewesen waren. Durch eine solche Dämonisierung erhielten die Millionen Opfer rückwirkend immerhin Gegenspieler, die einer Tragödie gewissermaßen „wür-dig“ erschienen, wenn schon ihr Leiden und Sterben so unerträglich sinnlos gewesen war. Doch mindestens ebenso wichtig war vor allem für Deutsche, aber wohl nicht nur für sie, dass die An-nahme einer abnormen charakterlichen oder psychischen Disposition zu diesen jetzt zur Ver-handlung anstehenden Gewaltverbrechen die Sicherheit verlieh, man selbst sei ebenso wie die nächsten Angehörigen und Freunde zu solcher Grausamkeit niemals in der Lage..Jedem Täterbild sind Vorstellungen und Werturteile, eine implizite Ätiologie (Lehre von den Ursachen) des Verbrechens inhärent. Die Vorstellungskraft ist dabei nicht schrankenlos. Sie ist an das Repertoire vorhandener kultureller Bilder gebunden. Dieser oftmals latente Sinn muss aber nicht zwangsläufig konsistent und eindeutig sein, im Gegenteil, durch die unterschiedlichen As-soziationen, die das Bild hervorruft, ist er häufig sogar ambivalent und schwankend. Um Täter-bilder weiter zu erkunden, muss man die zugrunde liegenden strafrechtlichen Denkfiguren be-rücksichtigen:.Erste strafrechtliche Denkfigur – Verurteilung wegen Mordes in Täterschaft: Dieser Vorwurf hat für den Angeklagten weitreichende Folgen. Mord muss mit lebenslanger Strafe geahndet werden, während bei Mordgehilfen bis auf drei Jahre Freiheitsstrafe gemildert werden kann. Das größte Problem ist die Abgrenzung zwischen Mord und Totschlag und die Zuordnung zu einer Teil-nahmeform: Täterschaft oder Beihilfe. Mord aus der NS-Zeit konnte in der Bundesrepublik Deutschland uneingeschränkt verfolgt werden. Mordqualifizierende Merkmale sind: Die Tat ge-schieht aus Überlegung, aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder aus sonstigen niedrigen Beweggründen, sie wird heimtückisch begangen oder grausam oder mit ge-meingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu decken. Alle er-wähnten Begriffe bedürfen der inhaltlichen Konkretisierung und diese ergibt sich aus der Recht-sprechung des Bundesgerichtshofes. Danach sind niedrige Beweggründe: wenn sie als Motiv einer Tötung nach allgemeiner sittlicher Anschauung verachtenswert sind und auf tiefster Stufe stehen, z.B. Rassenhass. Heimtückisch ist es zum Beispiel, wenn der Täter die Arg- und Wehrlo-sigkeit des Opfers für seine Tat ausnutzt. Und Grausam ist derjenige, der seinem Opfer aus ge-fühlloser, unbarmherziger Gesinnung besondere Schmerzen oder Qualen zufügt. Zentral ist die Abgrenzung von Täterschaft und Beihilfe. Allein der Wille des Beteiligten ist entscheidend, also die Frage: Will er die Tat als eigene? Hat er einen Täterwillen, ein Interesse am Taterfolg? Ordnet er sich nur einem fremden Willen unter, dann hat er lediglich einen Gehilfenwillen. Dabei be-rücksichtigen die Gerichte die zeitgenössischen Umstände, nämlich die Diktatur. Bei jenen Men-schen, so der Bundesgerichtshof 1962, die „Verbrechensbefehle missbilligen und ihnen wider-streben, sie aber gleichwohl aus menschlicher Schwäche ausführen, weil sie der Übermacht der Staatsautorität nicht gewachsen sind oder ihr nachgeben, weil sie den Mut zum Widerstand oder die Intelligenz zur wirksamen Ausflucht nicht aufbringen, sei es auch, dass sie ihr Gewissen vo-rübergehend durch politische Parolen zu beschwichtigen und sich selber zu rechtfertigen suchen“ bestehe kein hinreichender Grund, sie „ausnahmslos und zwangsläufig von vornherein schon in der Beteiligungsform dem Taturheber, dem bedenkenlosen Überzeugungstäter, willigen Befehls-empfänger gleichzusetzen“. Die Auschwitz- und Treblinka-Urteile beziehen sich ausdrücklich darauf. Es muss also ein großer einverständlicher Eifer nachgewiesen werden, eine Ausführung der Tat über das Anbefohlene hinaus, vor allem sichtbar in eigenmächtigen, befehlslosen Exzes-sen. Sie sind ein Indiz für den Täterwillen. Den Hintergrund dafür bildet die Aussage des Be-fehlsnotstands. Durch Befehle der Vorgesetzten nicht gedeckte Exzesse des Untergebenen wur-den in der Regel als ein kaum zu entkräftendes Indiz für dessen Täterwillen gewertet. Dies be-deutet, dass keiner der wegen Beteiligung an Massenmorden in den Vernichtungslagern als Mit-täter verurteilten Angeklagten ausschließlich wegen dieser Tätigkeit verurteilt wird. Immer kom-men noch einzelne Mordtaten hinzu, die über den Vernichtungsbefehl hinausgingen. Bei Schreibtischtätern hängt Mord in Täterschaft oder als Gehilfe davon ab, welche Willensrichtung feststellbar ist. Dafür ist der Grad des eigenen Interesses am Erfolg der Tat ein wesentlicher An-haltspunkt. „Dieses Interesse braucht nicht ein materielles zu sein, es kann auch in einem persön-lichen Trieb oder in einem Gefühl beruhen, wie Ehrgeiz, Eifersucht, dem Wunsch nach Rache und dgl. mehr. Das Interesse kann aber auch darin bestehen, dass eine vom Täter geteilte ideolo-gische Anschauung den Erfolg der Tat als erstrebenswert ansieht. Wenn der Täter aus dieser An-schauung heraus sich zur Tat entschließt, handelt er aus eigenem Interesse“. Wichtig ist also die innerliche Identifikation und Billigung der Tat..Zweite strafrechtliche Denkfigur – Strafmilderung durch Beihilfe zum Mord: Die Dominanz der Beihilfe-Konstruktion ist das auffälligste Ergebnis einer quantitativen Auswertung der Urteile. Beihilfe zum Mord aus der Zeit vor dem 5.12.1939 und Totschlag konnten bereits seit dem 8.5.1960 nicht mehr verfolgt werden, sofern die Verjährung nicht vorher unterbrochen worden war. Eine Neuregelung gab es 1969, welche die Beihilfe zu NS-Mordtaten drastisch einschränkte: Wenn man „niedere Beweggründe“ als ein täterbezogenes Merkmal ansieht, und diese beim Ge-hilfen nicht nachgewiesen werden können, dann sinkt die zwingende Strafmilderung auf höchs-tens 15 Jahre und auch die Verjährungsfrist auf 15 Jahre. Damit war die „neutrale Beihilfe“ rück-wirkend schon zum 8.5.1960 verjährt. Nach einem BGH-Urteil vom Mai 1969 konnte der Mord-gehilfe künftig nur noch dann bestraft werden, wenn ihm entweder nachzuweisen war, dass sein Tatbeitrag auf eigenen „niederen Beweggründen“ beruhte oder aber, dass er zum Zeitpunkt sei-nes Handelns die grausamen oder heimtückischen Umstände der Tatausführung kannte. Bei den KZ-Prozessen sind die Angeklagten von den Gerichten vornehmlich unter Beihilfe zum Mord eingeordnet worden. Die Begründung lautete: Tötungen in Gaskammern waren Mord; die Täter waren: Hitler, Göring, Himmler, Heydrich. Die Angeklagten haben dazu Beihilfe geleistet. Ob die Tat als Beihilfe oder Mittäterschaft zu werten war, konnte nur anhand subjektiver Kriterien ent-schieden werden: „Das bedeutet, dass Täter derjenige ist, der seinen Tatbeitrag mit dem Täter-willen (animus auctoris), Gehilfe derjenige ist, der seinen Tatbeitrag mit Gehilfenwillen (animus socii) leistet.“ Um diese Frage zu entscheiden beschäftigen sich die Gerichte mit der Tatherr-schaft, der inneren Einstellung zum Tatgeschehen, dem eigenen Interesse und dem Umfang der eigenen Tatbestandsverwirklichung. Dabei wird nun der soziale Status des Angeklagten wichtig. So wird argumentiert, er habe sein ganzes Leben lang unbeanstandet geführt und wäre auch heute noch frei von Schuld, „wenn er nicht durch die Umstände, die letztlich außerhalb seiner Person lagen, in jene Situation hineingestellt worden wäre, aus der diese Straftaten sich schließlich entwi-ckelten.“ Den tatsächlichen Willen eines Angeklagten nach 20 Jahren zu erforschen, erwies sich sehr schwierig. Häufig wird argumentiert: Unter der Herrschaft des NS habe eine beispiellose geistige Verwirrung geherrscht; in der SS seien Angeklagte der Propaganda und Beeinflussung besonders intensiv ausgesetzt gewesen, seien missbraucht worden. Somit kommt es nicht selten zu einer konstruierten Trennung von NS-Karriere und innerer Einstellung zur Tat. Anders ge-sagt: die NS-Karriere wird nicht als Indiz für Täterwillen anerkannt. Wenn der Angeklagte auf Befehl tätig wurde und sich jeder Exzesstat im Sinne von eigenhändigen Willkürmorden enthielt bzw. ihm eine solche nicht nachgewiesen werden konnte, dann genügen eigener Ermessensspiel-raum und eine NS-Karriere nicht, um die Gerichte auf Täterwillen schließen zu lassen. Teilweise, wie beim stellvertretenden Lagerkommandanten im Majdanek-Urteil, wird der Angeklagte zu einem fremdgesteuerten Statisten der NS-Vernichtungsmaschinerie. Dann wird statt eines „ein-verständlichen Eifers“ ein „besonderer Eifer“ bzw. eine „auffallende Rücksichtslosigkeit“ gefor-dert und eine über den Befehl hinausgehende Handlung statt des Einsatzes für den rückhaltlosen Vollzug verbrecherischer Befehle. Strafmildernd wird anerkannt: dass die Angeklagten zwischen Tat und Ahndung ersichtlich an seiner Schuld getragen hätten. Meist werden sie als neutrale Be-fehlstäter ohne Handlungsspielraum klassifiziert. Er sei lediglich ein Rädchen im großen, von anderen gesteuerten Räderwerk gewesen, hieß es dann. Aber als Persönlichkeit sei er sauber und anständig, freilich der Propaganda ausgesetzt gewesen; nach dem Krieg habe er sich nichts weiter zu schulden kommen lassen. Auffällig ist: es gibt zweierlei Maß bei der Annahme von „niederen Beweggründen“, das abhängig ist vom sozialen Status des Angeklagten. Die Abgrenzungsgesichts-punkte werden zu Vehikeln außerrechtlicher Einflüsse. Diese zeigen sich besonders deutlich in Urteilen gegen Akademiker: Bei ihnen trennen Gerichte säuberlich die Einpassung in das NS-System von der inneren Einstellung zu den Massenverbrechen. Aufspaltung von „äußerlicher Mitwirkung“ und „innerlicher Anständigkeit“. Die meisten deutschen Gerichte wollten also nicht zur Kenntnis nehmen, dass sich viele Angehörige der Funktionseliten in erheblichem Maße mit der NS-Ideologie identifiziert hatten und verorteten sie daher als Gehilfen in einem ihnen frem-den Geschehen. Diejenigen, die im NS-Staat Leitungsfunktionen innehatten, konnten zudem auch im Nachkriegsdeutschland größtenteils wieder qualifizierte Positionen einnehmen und er-schienen damit in den Prozessen nur noch als achtbare Bürger und nicht als gemeine Verbrecher..Dritte strafrechtliche Denkfigur – Strafmilderung oder Straflosigkeit durch Totschlag statt Mord: Tot-schlag liegt vor, wenn kein Mord qualifizierendes Merkmal festzustellen ist. Dies hat Auswirkun-gen auf das Strafmaß, vor allem aber schloss es wegen der gegenüber Mord geringeren Höchst-strafe ab 1960 die Strafverfolgung wegen der Verjährung generell aus. Erst mit dem Strafrechts-änderungsgesetz von 1969 wurde Verjährungsfrist für Totschlag auf 20 Jahre ausgedehnt, was für die Tötungsverbrechen aus der NS-Zeit nicht mehr relevant war..Vierte strafrechtliche Denkfigur – Schuldausschluss wegen „fehlenden Unrechtsbewussteins“: Hier steht nicht der Tatbestand oder die Teilnahmeform im Mittelpunkt, sondern die Frage der straf-rechtlichen Schuld des Angeklagten. Den Angeklagten, so wird argumentiert, habe bei ihrem Handeln das Bewusstsein gefehlt, Unrecht zu tun. Allerdings überschnitt sich das mit der ihrer-seits wieder umstrittenen „Kernbereichstheorie“. So stellte das BHG 1952 fest: „Im Bewusstsein aller zivilisierten Völker besteht ein gewisser Kernbereich des Rechts, der nach allgemeiner Rechtsüberzeugung von keinem Gesetz und keiner sonstigen obrigkeitlichen Maßnahme verletzt werden darf.“ Damit war für die justitielle Bewertung der NS-Verbrechen entschieden, dass die Endlösung, die Euthanasie und die Massentötungen sowjetischer Kriegsgefangener auch dann objektiv rechtswidrig blieben, wenn man etwa dem Willen des Führers Gesetzescharakter bei-misst..Ein Resümee unseres Forschungsprojekts aus den bisher eingesehenen Urteilen lautet: Zu den häufigsten Milderungsgründen gehörte das Argument, dass die Straftaten lange Zeit zurück lagen und das gesellschaftliche Sühnebedürfnis inzwischen stark abgenommen habe. Die be-schriebenen Argumentationsfiguren führten insgesamt oft zu einer Bagatellisierung von NS-Verbrechen. Zu einem zentralen Argument für die Schuldmilderung entwickelten sich die exzep-tionellen Verhältnisse im Dritten Reich: Kriegsgeschehen, ideologische Beeinflussung und Ver-hetzung. Unter solchen Umständen hätten sich Menschen in einer „sittlich verwirrenden, mitun-ter ausweglosen Lage“ befunden. Dies gelte vor allem bei Menschen mit geringer Schulbildung und einfacher Denkweise, die somit der Propaganda besonders leicht erlegen seien. Auch bei Berufsoffizieren und Beamten wurde mitunter mildernd berücksichtigt, dass sie „von Jugend an daran gewöhnt waren“, Befehle auszuführen, dass ihnen ein berufsbedingter Pflichteifer eigen gewesen sei. .Viele Gerichte berücksichtigten auch, dass die Angeklagten seit 1945 einen Persönlichkeits-wandel durchlaufen hatten und nun mit dem Täter von einst nicht mehr viel gemein hätten: sie hätten ein „ordentliches bürgerliches Leben geführt“, sich „mit Fleiß und Tüchtigkeit in den Ar-beitsprozess eingeordnet“ und die Familie versorgt; dieser Argumentation lag der Gedanke zu Grunde, dass eine Wiederholung der Tat unter rechtstaatlichen Bedingungen nicht zu erwarten war. Bei der Strafzumessung spielten der familiäre, der wirtschaftliche und der soziale Status der Angeklagten nach 1945 eine wichtige Rolle, kurz gesagt: je höher der soziale Status des Ange-klagten war, desto günstiger für ihn. Auch Kriegsgefangenschaft, Internierung, Kriegsverletzung, Vertreibung und Familien- oder Vermögensverlust konnten strafmildernd wirken...Fallbeispiel I – Ein Kapo als Exzesstäter.Die Forschungsgeschichte zu den NS-Tätern lässt sich in verschiedene, sich zum Teil über-schneidende Phasen mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Akzentuierungen, Methoden und Täterbildern sowie spezifisch politisch-kulturellen Umgangsformen unterscheiden. Eines der bekanntesten Motive des frühen Täterdiskurses, für das sich zahlreiche Beispiele bis zum Ende der 1950er Jahre finden lassen, wird in der Forschung als „Distanzgewinnung durch Exterritoria-lisierung“ zusammengefasst. Die Taten und die Täter werden in diesen Fällen von der gesell-schaftlichen Norm abstrahiert und quasi „entwirklicht“: Das vorherrschende Bild der Täter ist das der „Bestien“. Sie entstammen oft aus den sozialen Unterschichten und ihnen werden teil-weise pathologische Charaktereigenschaften zugeschrieben. In vielen Fällen vermischen sich aber die Kategorien der Opportunisten und Exzesstäter zu einem nicht immer eindeutigen Bild. Dies gilt besonders für die Täter, die sich in den Konzentrationslagern auf Seiten der Häftlinge befan-den, nämlich die so genannten Kapos..Anfang Oktober 1948 erhebt die Staatsanwaltschaft in Freiburg/Breisgau gegen den ehemali-gen Kapo im Steinbruch des Lagers Buchenwald, Johann Herzog aus Sandhausen in der Nähe von Heidelberg, aufgrund eidesstattlicher Versicherungen von zahlreichen Mitgefangenen Anzei-ge wegen Quälens von Häftlingen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Herzog, nach einer Maurerlehre und abgelegter Gesellenprüfung zwischen 1919 und 1936 mit einer längeren Unterbrechung als freiwilliger bei der französischen Fremdenlegion, geriet wegen illegalen Grenzübertritts, Passvergehens, unerlaubten Besitzes von Hiebwaffen sowie Jagdvergehens mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. 1939 wurde er ins Konzentrationslager Buchenwald ver-bracht, wo er bis zu seiner Entlassung Ende 1942 zuerst als Maurer, dann als Kantineneinkäufer und zuletzt – ab 1941 – als Vorarbeiter für eine Kolonne von 25 Arbeitern im Steinbruch einge-setzt war. Über den Beginn seiner Zeit als Kapo weichen seine Angaben allerdings beträchtlich von denen der befragten Zeugen ab, die ihn schon ab dem Frühjahr 1940 in Ausübung dieser Position schildern. Die Anklageschrift führt dementsprechend aus, dass „[s]eine verhältnismässig lange Kapo-Zeit zeigt, dass er zur Zufriedenheit der SS gearbeitet haben muss.“ .Die ehemaligen Mithäftlinge schildern Herzog als „größten Schläger“ , „größten Mörder“ , „Massenmörder“, „gemeinsten Sadist(en)“, als „einen der gefürchtetsten und meist gehassten Leute des KZ-Lagers Buchenwald“. Ähnliche Attribute für das brutale Vergalten des Ange-klagten finden sich in nahezu allen der Anzeige beigefügten eidesstattlichen Versicherungen. Der Angeklagte soll mehrfach Häftlinge gezielt dazu veranlasst haben die Postenkette der Wach-mannschaften freiwillig zu durchschreiten und schon beim Ausrücken der Arbeitskommandos einzelne Häftlinge mit den Worten angeschrieen haben: „Du kannst heute durch die Postenkette, Du verreckst sowieso!“ Herzog galt als zudem als „verlängerter Arm der SS“. Ein weiterer Zeuge schildert, wie der Kapo einen neben ihm stehenden neu zugegangenen Häftling, einen so genannten Wehrmachtler, mit der Faust mehrmals ins Gesicht schlug und diesen anschrie: „Hast Du Dein Testament gemacht? Du musst heute verrecken!“ Der Häftling kam nach Arbeits-schluss nicht mehr lebend ins Lager zurück. Für das Lager galt es als ein Ereignis, wenn das Kommando „Steinbruch“ unter Herzogs Leitung am Abend einmal ohne Tote und Verletzte einrückte. Einer der Zeugen gibt bei der Befragung erschüttert zu Protokoll: „Da ich heute er-fahren habe, daß Herzog noch lebt, so muß ich sagen, daß ich mich vor demselben heute noch fürchte.“ .Am 28. Januar 1949 erlies das Amtsgericht Heidelberg Haftbefehl gegen Herzog. Schon im Vernehmungsprotokoll der Kriminalpolizei wird das negative Täterbild eines Kriminellen sicht-bar: „Er macht den Eindruck, daß er nur zugibt was ihm bewiesen werden kann und ich bin der Ueberzeugung, daß die Angaben der angeführten Zeugen zum größten Teil der Wahrheit ent-sprechen [sic!] die geschilderten Mißhandlungen von ihm tatsächlich vollbracht wurden und er manchen Häftling in den Tod getrieben hat.“ Die Anklage lautete auf vorsätzliche Tötung, Körperverletzung mit Todesfolge und gefährliche Körperverletzung. Herzog selbst bestreitet während der Vernehmungen alle Anklagepunkte und gibt nur einige kleinere Stockschläge zur körperlichen Züchtigung zu..Welches Bild des Täters zeichnet nun das Verfahren vor dem Schwurgericht Heidelberg am 15. und 16. Dezember 1949? Um es vorweg zu schicken: Der Verlauf des Prozesse befasst sich allein mit den Taten, Aussagen, die auch das System des Nationalsozialismus in die Argumentati-on mit einbeziehen, fehlen völlig. Einen ersten Aufschluss gibt das amtliche Sitzungsprotokoll. Aussage eines Zeugen vor Gericht auf die Frage, ob er den Angeklagten wieder erkenne: „Er ist nicht sehr verändert. Nur blass ist er. Das Böse aber sieht man ihm noch an.“ Ein Entlastungs-zeuge gibt als Grund für Herzogs gewaltsames Handeln an, herausgefunden zu haben, dass sich Herzog „während seiner Legionszeit einen Tropen-Koller geholt haben muss. Er ist immer gleich aufgebraust [...]“. In anderen Zeugenaussagen hießt es: „Wenn er wütete, war er kein Mensch mehr. Ich weiß auch, dass Herzog Malaria hatte, denn ein normaler Mensch macht solche Aus-schreitungen nicht.“ Oder „Er behandelte die Häftlinge nicht als Menschen [...]. Den Begriff Verantwortung kannte er nicht.“ Das psychiatrische Gutachten beschreibt den Angeklagten als „gemütlich [...] nicht warm, sondern kalt. [...] Er ist gefühlsmäßig stumpf und energisch unbe-herrscht.“ Daneben wird ihm aber „eine gute Intelligenz, Anpassungsfähigkeit und Urteilsfähig-keit“ bescheinigt. Dieses Täterbild spiegelt sich auch in der wenig umfangreichen Presseberich-ten zum Verfahren wieder. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte 15 Jahre Gesamt-Zuchthausstrafe beantragt, das Urteil vom 16.12.1949 lautete auf 12 Jahre Zuchthaus und 10 Jahre Ehrverlust wegen Totschlags, versuchten Totschlags, der Köperverletzung mit Todesfolge und der gefährlichen Körperverletzung in mindestens 50 Fällen. Der Angeklagte legte Revision ein, die vom Oberlandesgericht Stuttgart im Februar 1950 „einstimmig für offensichtlich unbe-gründet erachtet“ wurde. .Von weiterem Interesse für das zeitgenössische Täterbild sind auch die jeweiligen Befürwor-tungen der insgesamt drei Gnadengesuche, die Herzog ab 1954 bis zur Stattgabe im Februar 1956 stellen sollte. Der Anstaltspfarrer befürwortet die vorzeitige Haftentlassung des Angeklag-ten wie folgt: „Herzog hält sich im Hause ordentlich. Im Umgang mit Kriminellen ist er vorsich-tig. Die ihm zu Last gelegten Straftaten haben ihre Hintermänner im 3. Reich. In der Linie der Schlussstrichziehung unter das Geschehen vor 1945 empfehle ich Befürwortung des Gesuchs. H. war nie kriminell und wird nie kriminell werden.“ Der Vorstand der Anstalt bemerkt zum zweiten Gnadengesuch: „Der Sühnecharakter der Strafe wird durch eine bedingte Aussetzung des Strafrestes nunmehr wohl nicht mehr gefährdet. Auch werden in neuerer Zeit derartige – fast 15 Jahre zurückliegende – Straftaten in der Öffentlichkeit wohl in einem etwas milderem Licht gese-hen.“ ..Fallbeispiel II – Ordnungspolizisten als Gehilfen und Befehlsempfänger.In den späten 1940er und frühen 1950er Jahren gab es aber auch Fälle, in denen zwar ausführlich auf Befehlsnotstand und Einordnung als „Gehilfentat“ plädiert wurde, das im Prozess erzeugte Täterbild eines „Befehlsempfängers“ aber in Teilen der Öffentlichkeit (noch) nicht auf einen entsprechenden Resonanzboden fiel. Dies sollte im „Mannheimer-Böse-Prozess“ nicht allein auch daran liegen, dass sowohl Täter als auch Opfer deutsche Volksgenossen waren. .Angeklagt vor dem Landgericht Mannheim waren der ehemalige Hauptmann der Schutzpoli-zei Otto Hugo Böse, der ehemalige Polizeimeister Karl Otto Hermann Hecker und der ehemalige Polizeihauptachtmeister Josef Lauber. Ihnen wurde zur Last gelegt, nur zwei Tage vor Einmarsch der alliierten Truppen, in Mannheim am 28.3.1945 an der Erschießung von drei festgenommenen Arbeitern beteiligt gewesen zu sein, die aus einem Hochhaus eine weiße Flagge gehisst hatten. Im ersten Prozess am 27. und 28. Februar 1947 hatte die Staatsanwaltschaft 5 Jahre wegen Tot-schlags für Böse und für Hecker ein Jahr und sechs Monate sowie für Koch ein Jahr wegen fahr-lässiger Tötung gefordert. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert, weil das Leben der Angeklagten bei Zuwiderhandlung gegen die gegebenen Befehle selbst in Gefahr geraten wäre. Das Urteil des LG Mannheim vom 28.2.1947 lautet auf zwei Jahre Gefängnis wegen Totschlags für Böse und auf Freispruch für Hecker und Lauber. .Der „Mannheimer Morgen“ kommentierte am 1. März in einem Zusatz zur Meldung das „herausfordernde“ Urteil wie folgt: „Die Verurteilung eines dreifachen Mörders und SS-Hauptsturmführers zu zwei Jahren Gefängnis und der Freispruch seiner Komplicen ist eine Ver-höhnung der Hetakomben [sic!] schuldlos hingemordeter Naziopfer und eine Herausforderung aller aufbauwilligen demokratischen Kräfte, die keineswegs widerspruchslos hingenommen wer-den wird.“ Am 3. März fand eine „von stürmischer Erregung getragene Versammlung“ in der überfüllten Wandelhalle des Mannheimer Rosengartens statt. Der Vorsitzende des Ortsausschus-ses der Gewerkschaften, der Abgeordnete Schreck, prangerte die Rechtspraxis des Mannheimer Gerichts an und sprach von „Justizschande“ und einem „Schlag ins Gesicht des deutschen Vol-kes“. Von besonderem Interesse für den Protest gegen das Urteil ist der Wortlaut der Ent-schließung, die in diesem Zusammenhang gefasst und ebenfalls in der Ausgabe des „Mannheimer Morgen“ vom 4. März veröffentlicht wurde. Die Vertrauensleute und Betriebsräte des Gewerk-schaftsbundes Württemberg-Baden fordern darin neben der „Kassierung des Urteils“, der „Ab-berufung der verantwortlichen Richter“ und der „Aburteilung der Mörder“ auch ein „härteres Zupacken der Spruchkammern gegenüber Naziaktivisten“ und eine „wirkliche Säuberung und Demokratisierung von Verwaltung und Wirtschaft“. In einem ergänzenden Kommentar wird hervorgehoben, dass die Berufung auf den Befehlsnotstand „keine Entschuldigung“ sondern „die Unterwürfigkeit eines Hetzhundes“ und somit „nichts anderes als ein Merkmal des verbrecheri-schen Tatwillens“ sei. .Das Urteil wurde nach Revisionsanträgen der Staatsanwaltschaft und des Angeklagten Böse durch Beschluss des OLG Karlsruhe vom 20.4.1947 und entsprechendem Urteil vom 26.6.1947 als unbegründet bzw. verspätet zurückgewiesen. Die Militärregierung Baden-Württemberg hatte unterdessen eine Nachprüfungsentscheidung erwirkt, in der Urteil und Beschluss für null und nichtig erklärt wurden, weil Staatsanwalt und Richter in der Beweisaufnahme ihrer Sorgfalts-pflicht nicht nachgekommen wären. Im Wiederaufnahmeverfahren sprach das Landgericht Mannheim am 11.6.1948 nach zwei Verhandlungstagen folgendes Urteil: drei Jahre Gefängnis für Böse, erneuter Freispruch für Hecker und Lauber. Die Staatsanwaltschaft hatte fünf Jahre Ge-fängnis für Böse wegen Totschlags gefordert, da ein Notstand nicht bestanden und dem Ange-klagten habe klar sein müssen, dass seine Tat rechtswidrig und unsittlich gewesen sei. Für Hecker und Lauber wurden je ein Jahr Gefängnis beantragt. Die drei Verteidiger plädierten wie erwartet auf Freispruch..Aus dem Prozessverlauf sollen im Folgenden nur einige wenige Aspekte herausgegriffen wer-den, die in direkter Form auf das Bild der Täter in der Öffentlichkeit einwirkten. Böse wurde von Zeugen als „SS-Typ“ geschildert, aber nicht in dem „Sinne, dass er den Zwecken und Zielen je-ner Organisation besonders verhaftet gewesen sei, vielmehr im Sinne des ‚Leuteschinders’“. An-sonsten galt es als „ein sturer Befehlsempfänger und Befehlsausführender“. Der schlechte Ruf des Angeklagten in der Mannheimer Polizei wird im Urteil aber auf landsmannschaftliche Miss-verständnisse zurückgeführt: Der „derb-vierschrötige, hagere Norddeutsche aus dem Pommern-land“ steht mit seiner „schroffen, dem Süddeutschen unbekannten, ja sogar manchmal fernlie-genden Weise“ nach seiner Versetzung nicht auf dem leichtesten Posten: „das, was Zeuge G. an dem Angeklagten B[öse] tadelt, ist nicht eine Eigenschaft, die ihm durch den Nationalsozialismus überkommen wäre, sondern eine abstammungsgemäße Veranlagung [...]“. Der „Fehler“ des An-geklagten, „dessen ganze Stärke in Normalzeiten nur in Gehorsam bestand“ liege schlicht in dem Umstand, dass er „gegenüber der Gehorsamspflicht seine Menschenpflicht vergessen“ habe. Von einem Entlastungszeugen wurde Böse als „hochwertiger aber weicher Mensch geschildert, der einen Befehl, der ursprünglich von Bohrmann, Keitel und Himmler stammte [der sogenannte Flaggenerlass], nicht hätte bezweifeln oder gar verweigern können.“ Andere Zeugen wie der Polizeioberleutnant Deppert verweisen hingegen auf die Möglichkeit, den Auftrag bzw. Befehl nicht auszuführen, wie am gleichen Tag in Mannheim ebenfalls und folgenlos geschehen. Insge-samt habe es Böse an „Mut, Entschlossenheit und Entschlussfähigkeit“ gefehlt, er verfüge über einen „Charakterdefekt“. Er sei damit „kein Verbrechertyp [...] insbesondere kein nationalsozia-listischer Verbrechertyp“. Über ein Jahr nach den Protesten schlug dieses Urteil aber kaum noch Wellen. Im Kommentar des „Mannheimer Morgens“ vom 15. Juni 1948 wird denn auch darauf verwiesen, dass es durchaus von Bedeutung sei, ob ein „vom Geist der Militarismus Besessener“ wegen „Fahrlässigkeit oder wegen vorsätzlicher Tötung“ zur Verantwortung gezogen werde. ..Fallbeispiel III – „Systemtäter“ aus den Reihen des „Selbstschutz Westpreußen“.Spätestens nach dem Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961 hatte sich der Umgang mit NS-Tätern in Justiz und Öffentlichkeit gewandelt. Die Distanzgewinnung erfolgt nun nicht mehr auf dem Weg der Exterritorialisierung sondern via Abstrahierung mit einhergehender Entpersonalisierung. In letzter Konsequenz ist hier ein zweiter Vermeidungsdiskurs zu beobachten: Auf den un-menschlichen Exzesstäter folgt der kalt-distanzierte Systemtäter – der amorphe Täterbegriff bleibt allerdings bestehen. Dies gilt aber nicht allein für die Prozesse gegen die Täter der Shoah während der 1960er Jahre. Zu den schon bekannten Denkfiguren der Haupttäter und Gehilfen sowie des Befehlsnotstandes treten weitere Argumentationsfiguren hinzu, welche die eigentlichen Verbrechen in den Hintergrund rücken. Die Täter selbst sind Getriebene und damit auch „Op-fer“ des Geschehens, welches sie mitgerissen hat. .Nach über 3? Jahren an Voruntersuchungen, Zeugenvernehmungen und Überprüfung von Anklagepunkten begann am 1. Februar 1965 vor dem Landgericht Mannheim der Prozess gegen Heinrich Mocek, Wilhelm Richart, Werner Sorgatz und Kurt Wollenberger. Dieser Prozess war das Ergebnis der Zusammenlegung mehrerer einzelner Verfahren mit anfangs ca. 2 Dutzend Angeklagten. Den Angeklagten wurde vorgeworfen, Ende Oktober 1939 als Mitglieder der SS bzw. des „Selbstschutz Westpreußen“ an mehreren Tagen hintereinander an der Erschießung von jeweils zwischen 30 und 60 polnischen Bürgern im Wald bei Rudabrück, Kreis Tuchel, betei-ligt gewesen zu sein. Da die Verantwortlichen einer vermuteten Brandstiftung in einer deutschen Scheune nicht gefunden werden konnten und eine gerichtliche Untersuchung die wahllos ange-klagten polnischen Bürger freigesprochen hatte, sollten die Erschießungen dazu führen, dass sich die vermeintlichen Täter stellten. In Wahrheit sprachen indessen alle Indizien dafür, dass der Ei-gentümer der Scheune und gleichzeitiger Amtkommissar des Bezirkes die Scheune im trunkenen Zustand selbst versehentlich in Brand gesetzt hatte. Mocek hatte sich eines Verbrechens des 30fachen Mordes und der Anstiftung zum 30-fachen Mord, Richardt des 30-fachen Mordes, Sor-gatz und Wollenberg je zwei Verbrechen der Beihilfe zum 30-fachen Mord zu verantworten. .Der über 25 Verhandlungstage gehende Prozess bzw. das am Ende gefällte Urteil stellen ein Lehrstück über die NS Prozesse der 1960er da. Alle weiter oben angeführten juristischen Denkfi-guren wie Täter oder Beihelfer, subjektiver oder objektiver Täterwille, Befehlsnotstand, Fragen der Verjährung von Totschlag und der Hinzuziehungen von polnischen Untersuchungsakten zum Prozess werden thematisiert. Zur Einschätzung des Hauptangeklagten Mocek nur ein länge-res Zitat aus den Vernehmungsprotokollen „Nun wurde Mocek aktiv. […] Nachdem die Kriegs-gerichtsherren den Saal verlassen hatten, eröffnete er den Reigen mit folgenden Worten: ‚So eine Sauerei, jetzt nehmen wir die Sache in die Hand. So, jetzt brauche ich Polen, Polen, Polen. Bür-germeister, Gendarmerie, Selbstschutzführer, wo seid Ihr. Sie besorgen mir in einer Stunde unge-fähr 50 Polen.’ Auf meinen Einwand, daß dies nicht möglich ist, sagte er zu mir: ‚Ich verlange und befehle von Ihnen allen, daß Sie mir in einer Stunde ungefähr 50 Polen besorgen, andernfalls ist dies Befehlsverweigerung und ich müßte Sie mit den Polen auf eine Stufe stellen.’“ Am Ende des Prozesses wird Mocek zu lebenslanger Zuchthausstrafe wegen 17-fachen Mordes verurteilt, Richardt zu zweimal lebenslanger Zuchthausstrafe wegen 45-fachen Mordes (in zwei Fällen), Sorgatz zu 4 Jahren Haft wegen Beihilfe zum 60-fachen Mord. Wollenberg wird von der Beihilfe zum Mord freigesprochen. .Allein: Die Täterbilder haben im Vergleich zu den ersten beiden Fallbeispielen an Schärfe verloren. Auch das angeblich große Interesse in den bundesrepublikanischen Medien in Folge des Ulmer Einsatzgruppenprozesse 1958 lässt sich für das Verfahren gegen Mocek u.a. nur bedingt nachweisen. Ein überregionales Interesse bleibt auch diesem Verfahren verwehrt. Selbst ein besonderer regionaler Bezug zum Verhandlungsort Mannheim lässt sich weder für die Tat noch für Täter und Opfer nachweisen. Die Beiträge des „Mannheimer Morgens“ lehnen sich deshalb auch eher an den Prozessverlauf an und berichten nur zum Auftakt und zum Abschluss des Pro-zesses. .Insgesamt lassen sich für die 25 Verhandlungstage für nur 4 Tage insgesamt 7 Meldungen nachweisen, die alle aus der Feder eines einzigen namentlich gekennzeichneten Reporters stam-men. Persönliche Merkmalszuschreibungen zu den Angeklagten sind eher selten. Sorgatz wird mit dem Satz „ich hegte niemals Haß gegen Polen“ zitiert, ein Entlastungszeuge gibt bezüglich der Willkür-Aktionen der SS und volksdeutschen Selbstschutzverbünde an: „Nach einigen Mo-naten hatten wir einen moralischen Kater“. Nach fünf Verhandlungstagen konstatierte ein Be-richt, dass das „Mannheimer Schwurgericht noch weit vom Kern des Verfahren[s] entfernt“ sei. Zwar geben die Artikel einige weiterführende Informationen, da die Berichterstattung aber erst zur Urteilsverkündung wieder aufgenommen wird, liegt insgesamt wohl eher tages- als gesell-schaftspolitisches Interesse zugrunde – die Artikel „rutschen“ in der Zeitung zudem immer wei-ter nach hinten. Die vom Gericht entworfenen Täterbilder werden allenfalls reproduziert. Aus-führlicher wird auf den Zusammenbruch des Angeklagten Mocek nach der Urteilsverkündung eingegangen, der noch im Gerichtssaal ärztlich versorgt werden musste. Zu einer Ausweitung der Berichterstattung kam es erst wieder ein knappes Jahr später, als bekannt geworden war, dass Richardt aus gesundheitlichen Gründen aus der Haft entlassen wurde und in einer Zeitung stand, „daß der freigelassene Richardt täglich nach eigener Aussage fünf bis sechs Stunden spazierenge-he und zwei bis drei Zigarillos rauche.“ Nach Protesten von Seiten der Politik wurde Richardt am 19. August 1965 in das Bochumer Gefängniskrankenhaus eingeliefert..Spätestens seit Mitte der 1990er Jahre werden Täter nicht mehr nur als Exponenten von In-stitutionen im weitesten Sinn, sondern auch als selbständig handelnde Akteure in ihren konkreten sozialen Bezugs(-systemen) wahrgenommen. Dabei ist in der Täterforschung die lange Zeit vor-herrschende Beschränkung auf strafrechtliche verfolgte Täter aufgebrochen worden. Dies ist zu begrüßen, auch wenn die vielgestaltigen Verbindungsstränge zwischen Politik, Justiz und Öffent-lichkeit gleichwohl nichts von ihrer Bedeutung für die Nachzeichnung eines umfassenden Täter-bildes eingebüßt haben. Neben den Tätern stand immer auch ein Stück „Geschichte vor Ge-richt“, selbst wenn ein öffentliches Interesse – und mit ihm dokumentierbare Täterbilder – ohne ein gewisses Skandalisierungspotenzial zumeist ausgeblieben ist. Die Fallbeispiele sollten gezeigt haben, dass in den geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen besonders die Schnittstellen bzw. Überschneidungsflächen zwischen den realen und mentalen Täterbildern in den Blick ge-nommen werden müssen und nach dem jeweiligen Beeinflussungsverhältnis zwischen äußeren und inneren (Täter-)Bildern zu fragen ist. Nichtsdestotrotz erscheint die weitere Arbeit an neuen Definitionsrastern für NS-Täter angebracht..