"Überformte Ruinen"

Pöpping Dagmar
Rezension Gedenkstättenrundbrief 100

.Gedenkstätten an den historischen Orten der nationalsozialistischen Terrorherrschaft haben es vergleichsweise schwer: Sie müssen mit nationalen Großunternehmen wie dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas, dem Jüdischen Museum oder den Einrichtungen der "Holocaust-Education" um Gelder, um Publikum und um öffentliche Aufmerksamkeit konkurrieren. ..Die Diskussionen um die zukünftige Arbeit der Gedenkstätten in dieser schwierigen Situation lassen sich im Jubiläumsheft, der hundertsten Ausgabe des von der Berliner Stiftung "Topographie des Terrors" herausgegebenen GedenkstättenRundbriefes nachlesen. Die seit dem Jahre 1984 erscheinende Zeitschrift hat sich inzwischen, wie der wissenschaftliche Direktor der "Topographie" Reinhard Rürup in dieser Ausgabe schreibt, vom internen Informationsmedium zur angesehenen Fachzeitschrift entwickelt. Sie ist das wichtigste Medium des 1983 noch von der "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V." gegründeten Gedenkstättenreferates. Im Jahre 1993 wurde diese, in Zusammenhang mit der seit Ende der siebziger Jahre begonnenen Freilegung der Ruinen der SS-Schaltzentralen auf dem Prinz-Albrecht-Gelände am Gropius Bau, von der "Stiftung Topographie des Terrors" übernommen. In dieser wird, unter der Federführung des Gedenkstättenreferenten Thomas Lutz, der seit 1984 auch den Rundbrief betreut, die dezentrale Gedenkstättenarbeit vernetzt...Wer sich für die Erkenntnisfortschritte der Erinnerungsarbeit im Deutschland der letzten zwanzig Jahre interessiert, wird in Bezug auf Sachkunde und Tiefenschärfe der Beiträge überrascht. Den zentralen Topos aller Gedenkstättenarbeit stellt der Begriff des "Authentischen" dar: Gedenkstätten haben gegenüber anderen Formen musealer Dokumentation den Vorteil, "Orte des Authentischen" zu sein, also Orte, an denen Tatort, Tat, Täter und Opfer eine Einheit bilden, wie Kurt Buck darlegt. Auf dem Boden der riesigen Friedhöfe und Hinrichtungsstätten teilt sich dem Besucher einer Gedenkstätte etwas von der Aura der realen Zeit der nationalsozialistischen Verbrechen mit...Doch diese Aura des Authentischen ist - weit mehr als bei architektonischen Monumenten - der Vergänglichkeit unterworfen: Die Zeitzeugen und die Opfer, die eng in die Erinnerungsarbeit der Gedenkstätten eingebunden sind, werden immer weniger. Damit werden die Gedenkstätten in absehbarer Zeit ihre wichtigsten Botschafter verlieren. Zurück bleiben die zahllosen, im Verlauf eines halben Jahrhunderts vielfach überformten Ruinen der NS-Verbrechen, die zwar ein beredtes Zeugnis von den verschiedenen pädagogisch-politischen Lernkonzepten der Gedenkstättenarbeit in Ost und West der letzten fünfzig Jahre ablegen, kaum aber noch etwas von dem ursprünglichen Zustand der Orte des Verbrechens vermitteln, wie Wulff E. Brebeck deutlich macht...Infolge des Verlusts der durch die Zeitzeugen garantierten historischen Kontexte der "authentischen Orte" muss sich die pädagogische Ausrichtung der Gedenkstätten notwendigerweise verändern. Der Abschied vom Konzept des emotionalen und erlebenden Lernens ist nicht mehr aufzuhalten. Die von "moralischen Überwältigungsversuchen nicht freien Erziehungskonzepte" der achtziger Jahre, die ihre Wurzeln im Kalten Krieg hatten, werden nun fragwürdig, bemerkt Heidi Behrens selbstkritisch. Es ist abzusehen, so Horst Seferens, dass die Gedenkstätten ihren Symbolcharakter verlieren und sich zu modernen zeitgeschichtlichen Museen entwickeln...Das neue Motto lautet: Weniger Erziehung, mehr Bildungsangebote und anstelle des Mahnens eine stärkere Sachbezogenheit. Gedenkstätten sollen Orte aktiven politischen Lernens sein: "Lernorte" gegen den grassierenden Rechtsextremismus und für Themen der Zukunft, wie die universellen Menschen- und Bürgerrechte. Spätestens seit der "Globalisierung" des Holocaust als dem "schlechthin Bösen" und der fortschreitenden internationalen Verflechtung der Gedenkstätten denken die Gedenkstättenprofis überdies darüber nach, sich einem breiteren Themenspektrum wie der internationalen Diskussion über die Demokratisierung ehemaliger Diktaturen zu öffnen, berichtet Thomas Lutz. Zu dem neuen, nüchternen Konzept der Gedenkstätten als "Lernorte" gehört auch die Erschließung der Geschichte der Täter, die trotz des Widerstandes einzelner Opferverbände an Bedeutung gewinnt...Aus den Beiträgen wird deutlich, dass das Gedenkstättenreferat der "Topographie" einen wohl einmaligen Erfahrungsschatz für Erinnerungsarbeit bereithält, von der auch andere Länder in der auf dem Weg zur Demokratie notwendigen Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit profitieren können. ..Seit einem Jahr präsentieren sich Gedenkstättenreferat und Rundbrief übrigens auch Online als "Gedenkstaettenforum", das nicht nur ein internes Kommunikationsforum für Gedenkstätten anbietet, sondern jedem Interessierten Aufschluss über einschlägige Veranstaltungen, Neuigkeiten, Publikationen und Forschungsprojekte gibt. DAGMAR PÖPPING..GedenkstättenRundbrief 100 4/2001, herausgeben und verlegt von der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin, 143 Seiten, 14,67 DM (im Internet unter: www.Gedenkstaettenforum.de)... ..[ document info ].Copyright © Frankfurter Rundschau 2001 .Dokument erstellt am 11.06.2001 um 21:24:04 Uhr.Erscheinungsdatum 12.06.2001 ..

Zeitschrift: Frankfurter Rundschau vom 12.06.2001