Übersicht zu den beidenBuchreihen 2017/2018 der Child Survivors Deutschland e. V. (CSD)

Child Survivors haben die Verfolgung durch die Nazis als Kinder überlebt. Ihre Leiden bis 1945 wurden mehrfach in Biografien beschrieben. Jahrzehntelang wurde das in Deutschland kaum beachtet. Nun ist das Interesse an ihnen als Zeitzeugen gewachsen.

Kennzeichnend ist, dass Child Survivors in den Jahrzehnten nach 1945 bis in die Gegenwart großen Belastungen ausgesetzt waren, die weitgehend unbekannt sind. Deshalb hat unser Verein verstärkt publiziert, sowohl auf der Website

www.child-survivors-deutschland.de

als auch in Büchern: Innerhalb von 12 Monaten kamen sieben Bände der beiden neuen Buchreihen der CSD heraus, ein weiterer folgte im September 2018. Die Buchreihen wurden möglich durch die Förderung von EVZ (Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft) und ZdJ (Zentralrat der Juden in Deutschland).

Die Autoren: Insgesamt etwa hundert Child Survivors haben selbst geschrieben, davon 15 Mitglieder des Vereins CSD. Hinzu kamen etwa 15 Experten.

 

 

A)   Die erste Buchreihe der Child Survivors Deutschland:

„Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?“

im vornehmen jüdischen Verlag Hentrich & Hentrich wurde mit vier Bänden abgeschlossen, in kleinem, handlichem Format:

 

Band 1: (einführend), Philipp Sonntag: Wir Überlebende des Nazi-Terrors in Aktion, April 2017.

Eigentlich sollte die Buchreihe mit vielen Zeitzeugenberichten der Mitglieder von CSD beginnen, aber das Schreiben war für zu viele der Autoren eine erst Mal zu hohe Belastung. Philipp Sonntag kannte viele Beobachtungen und Erfahrungen, so konnte er den ersten Band selbst schreiben, mit entsprechenden Zitaten.

Das Resultat hat einige außerhalb des Vereins erschreckt – kein Wunder, es war höchste Zeit, dass Child Survivors selbst mal ihre Leiden bis 1945 und ihre Frustrationen danach bis jetzt (!) authentisch darstellten. Child Survivors haben Gründe für Empörung und das soll nicht vornehm theoretisierend verschleiert werden. Wer empört ist, schreibt erst mal spontan empört – mit etlichen diplomatischen Empfehlungen wurde es dann ein etwas behutsamerer, die bittere Realität erträglicher vermittelnder Text.

 

Band 2: Liesel Binzer: Ich prägte mein Leben in / wegen / trotz Theresienstadt, April 2017

Liesel Binzer ist mit hohem Einsatz in vielen Schulen präsent und hat Erfahrung mit Kindern und Jugendlichen. Ihr Buch über die bittere Zeit in Theresienstadt ist anschaulich geschrieben. Unsägliches wird ruhig erzählt, vor allem was sie als Opfer empfindet und was dies später für das eigene Leben bedeutet. Eine Besonderheit ist, dass ihre drei Kinder und sogar einer ihrer Enkel auch je einen Text beigetragen haben. Das hilft bei der Frage, die viele Child Survivors sich selbst stellen: „Wie wirke ich als Child Survivor auf meine Nachkommen?“

 

Band 3: Charakter, Zorn und Widerstand - Child Survivors aus Expertensicht; November 2017

Wie wirken Child Survivors auf ihr Umfeld? Was bekommt die Gesellschaft überhaupt mit von all den bedrängenden Belastungen? Zur Beantwortung solcher Fragen gibt es eine Fülle von Experten, zum Beispiel Historiker, Therapeuten, Betreuer und Literaten. Es ist gelungen, anerkannte Experten für Band 3 zu engagieren. Sie schreiben zugleich fundiert, auf die Gegenwart bezogen und allgemeinverständlich.  

 

Band 4: Alexej Heistver (Hg.): Unbekannter Holocaust im Osten Europas; Feb. 2018

Wir haben in Deutschland zwei Vereine von Child Survivors, neben CSD noch „Phönix aus der Asche“, der Verein der Child Survivors die aus der früheren Sowjetunion mit den Kontingentflüchtlingen nach Deutschland gekommen sind. In Osteuropa, noch östlich von Polen, war der Holocaust deutlich anders, als im Westen. Die Brutalität von Tätern zu Opfern hatte andere, oft sehr direkte Formen und sie begann an vielen Orten schon, bevor die deutschen Soldaten eintrafen. Es handelt sich um eine Kurzfassung, in der die Resultate umfangreicher Untersuchungen allgemeinverständlich zusammengefasst wurden. Siehe auch ausführlicher in Band 3 der anderen Buchreihe, bei Beggerow.

 

 

B)   Frühjahr 2018 startete CSD eine neue Buchreihe im Beggerow Verlag:

"Die Unruhe der Zeitzeugen des Holocaust".

Der Verlag ist zupackend auf erkennbar authentische Zeitzeugen orientiert.

 

Band 1: Child Survivors als Zeitzeugen für damals bis jetzt; Januar 2018.

Das sind die Zeitzeugen! Vierzehn Mitglieder von CSD kommen als Autor-Innen zu Wort. Ihre bitteren Erfahrungen sind ganz unterschiedlich. Alle schreiben beeindruckend authentisch. Die unbeirrbar grausamen Täter werden unmissverständlich beschrieben. Ebenso die Folgen für die Opfer, vor allem wie deren seelisch verletztes Ich noch Jahrzehnte nach der Verfolgung reagiert.

Sind Child Survivors übermäßig empfindlich, zu sehr alarmiert, zu arg besorgt? Es könnte sein, dass gerade ihre hochsensibel wahrgenommenen Sorgen um die demokratische Gesellschaft angemessen sind. Wären ihre Einschätzungen, die sich nicht grundlegend gewandelt haben, bereits vor 20 Jahren erschienen, dann wären sie mit die stärksten Mahner gewesen, welche die drohenden rechts-populistischen Aktivitäten in Europa erahnt, befürchtet und mit ihrem Gefahrenpotenzial treffend bezeichnet hätten. Child Survivors sind Zeitzeugen dafür, wie rasch und drastisch Menschenrechte beseitigt werden können.

 

Band 2: Karin Weimann: Child Survivors zu Gast am Gedenktag 27. Januar. Erinnern und VerANTWORTung in der Ruth-Cohn-Schule; Februar 2018

Viele Child Survivors gehen derzeit als Zeitzeugen in Schulen. Einige Klassen wurden vorher gut vorbereitet, andere nicht – es hängt von der Schule, vor allem von den Lehrer-Innen ab. Die Autorin Karin Weimann hat eine Art „Handbuch“ für Lehrer-Innen geschrieben. Sie hat jahrelang als Lehrerin ihre Schule, ihre Kollegen auf Child Survivors vorbereitet, eingestimmt – und sie berichtet im Buch über eine Fülle praktisch erprobter Aktivitäten, oft von Schülern und Zeitzeugen gemeinsam. Dabei hat sich eine tiefe Freundschaft von Karin Weimann mit Child Survivor Sara Bialas entwickelt – über die sie im Buch ergreifend erzählt.

 

Ein weiterer Band konnte mit Hilfe der „Initiative 27. Januar“ gelingen:

Band 3: Alexej Heistver (Hrsg.): Verwundete Kindheit - Holocaust-Überlebende aus der Sowjetunion in Deutschland; 426 Seiten, April 2018

Eine kurze Erläuterung zu diesem Band steht bereits oben bei Band 4 der Buchreihe „Bittere Vergangenheit! – Bessere Zukunft?“ Hier folgt nun Band 3 beim Verlag Beggerow, als eine ausführliche, authentisch lebendige und wissenschaftlich fundierte Dokumentation zu dem Holocaust in Osteuropa. Dies ist weitgehend neu für Forschung, Lehre und Medien in Deutschland.

In Deutschland fällt auf, dass „die Gesellschaft“ Child Survivors und ihre jetzt akuten Belastungen kaum kennt, geschweige denn beachtet. Noch mehr ausgeprägt ist dieses Gefühl bei den Child Survivors aus Osteuropa, die eine Sprachbarriere haben und denen oft mit mangelndem Verständnis begegnet wurde, so auf Ämtern. Und dennoch sind sie gerne in Deutschland! Kein Wunder nach allem, was sie in Osteuropa auch nach 1945 an Verfolgung und Einschränkung erleben mussten.

 

Band 4: Fred Lieball: Kindheit in schwerer Zeit - Verfolgung und Krieg, Befreiung und Frustration, Sorgen und Hoffnung; Sept. 2018

Als Kind einer Mischehe, sozusagen als „Halb-Jude“, konnte Fred Lieball überleben, war jedoch stets in Gefahr und musste als Kind und Jugendlicher viele bittere, oft tödliche Schicksale beobachten. Die Bombardierung von Berlin, das Chaos mitten in Trümmern schildert er realitätsnah. Bis kurz vor seinem Tod konnte er in vielen Schulen den Schülern vermitteln, was ein Mangel an Demokratie hautnah an Leiden ermöglichen kann. 

 

Wird es weitere Bücher in der Buchreihe beim Verlag Beggerow geben? Es gibt Stoff genug in den Archiven von CSD. Es wäre jedoch viel Aufarbeitung nötig. Es wäre finanziell schwierig. Ebenso wünschenswert – und längst nachgefragt – wären englische Bände, bzw. ein zusammenfassender englischer Band.