Vor 75 Jahren „Wir sind frei, welches Glück“

Inge Auerbacher

Vor 75 Jahren

"Wir sind frei, welches Glück"

Inge Auerbacher aus Kippenheim erlebte das Ende des 2. Weltkrieges, mit dem die unmenschliche Herrschaft der Nationalsozialisten, die 1000 Jahre dauern sollte, nach 12 Jahren, drei Monaten und acht Tagen am 8. Mai 1945 aber durch die Alliierten beendet wurde, im KZ Theresienstadt, wo sie seit 22. August 1942 mit ihren Eltern interniert war.

In ihrem Buch "Ich bin ein Stern" beschreibt sie zu ihrer Befreiung vor 75 Jahren u.a.: "Zum Zeitpunkt unserer Befreiung waren die Gaskammern in Theresienstadt fast fertig. Nur die sich überstürzenden Ereignisse bewahrten uns das Leben. Wachleute, die fürchteten, von den Alliierten gefangen genommen zu werden, versuchten die Lagerunterlagen zu verbrennen... Anfang Mai rannten die meisten der Bewacher, die nicht im Lager wohnten, weg. Sie versuchten noch, uns zu töten... Ich kletterte auf eine Barrikade, obwohl das verboten war, und spähte hinaus. Eine Handgranate flog an mir vorbei, die mich nur knapp verfehlte. Die plötzliche Explosion erschreckte mich. Ich betastete meinen Kopf, um sicher zu sein, dass er auch noch da war. Dann rannte ich schnell zu meinen Eltern. Papa sagte, wir müssen irgendwo Schutz suchen... wir stiegen in einen dunklen Keller hinunter. Jemand hatte eine kleine Kerze dabei, die etwas Licht in den dunklen Raum brachte. Es war vollkommen still... Ein tapferer Mann wagte es gegen neun Uhr abends den Keller zu verlassen und hinaufzugehen. Er kam mit der unglaublichen Neuigkeit zurück: "Die Alliierten sind da, wir sind frei !"

Ihre nur in der Englischen Originalausgabe "I am a star" geschriebenen 22 Gedichte wurden von Susanne Bruckner ins Deutsche übersetzt und vom Deutsch - Israelischen Arbeitskreis Ettenheim (DIA) unter dem Titel "22 Gedichte zu 'Ich bin ein Stern'" herausgegeben. Unter der Überschrift "Befreiung" schreibt Inge Auerbacher:

• Die Menschen um uns wurden immer mehr:

• Reste andrer Lager trieb man hierher.

• Zeit war's: die Tyrannen wichen zurück,

• ihre Niederlage hatten sie im Blick.

• Ihre Posten verließen immer mehr Wachen,

• was würde man jetzt mit uns wohl machen ?

• Furcht und Hoffnung rissen uns hin und her,

• notvolle Erwartung wuchs mehr und mehr.

• Ich riskierte von oben einen Blick:

• eine Handgranate verfehlt mich zum Glück.

• Die Explosion war ein schlimmer Schreck,

• doch ich fühlte: mein Kopf war noch nicht weg.

• Mit den Eltern suchte ich Schutz nun schnell

• im dunklen Keller auf der Stell.

• Viele Menschen mit uns hinuntergestiegen:

• "Überleben wir's, oder bleiben wir hier liegen ?"

• Ein einziges Kerzlein schickt' Licht durch die Nacht,

• Leuchtfeuer der Hoffnung, im Dunkeln entfacht.

 

• Totenstill war's, wie lange würde das währen ?

• Nur mein Herz konnt' ich unruhig schlagen hören.

• Zum Trost konnt' ich mein Gebetbuch aufschlagen.

• Steigt jemand hinauf , einen Blick zu wagen ?

• Der Abend war da, es war kurz vor neun:

• Ein Mann ging voran und setzte sich ein.

• Beklommenes Warten - bald kam er zurück:

• "Die Alliierten sind da, wir sind frei, welches Glück!"

Inge Auerbacher (1990): "Ich bin ein Stern", Beltz - Verlag, Weinheim/Basel. 5,95 €

 

Inge Auerbacher (2005): "Jenseits des gelben Sterns", Hartung-Gorre Verlag, Konstanz. 9.80 €.

 

Inge Auerbacher (2015): "22 Gedichte zu 'Ich bin ein Stern'", deutsche Übersetzung von Susanne Bruckner, beim DIA oder Hartung-Gorre Verlag, Konstanz. 4,00 €.