Veranstaltungen

23. November 2014 , 16:00 Uhr
Vortrag

Der Prager Kreis und die Folgen des Ersten Weltkriegs

Programm:

Vortrag von Martin Buber

Der Philosoph Martin Buber zählt zu den zahlreichen jüdischen Intellektuellen
in Deutschland, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit den geschichtlichen
Umwälzungen der Zeit nicht nur die Hoffnung auf verstärkte Integration der
jüdischen Minderheit verbanden, sondern darin zugleich die Chance zu einer
Verstärkung des jüdischen nationalen „Gemeinschaftsgefühls“ erblickten. Der
Vortrag skizziert kurz Bubers Haltung zum Krieg, widmet sich dann jedoch vor
allem der Kriegserfahrung dreier aus dem Prager Judentum stammender
zionistischer Intellektueller, Shmuel H. Bergman, Robert Weltsch und Hans
Kohn, die ihm seit seinen berühmten „Reden über das Judentum“ in Prag kurz
vor dem Krieg verbunden waren, und den politischen Schlussfolgerungen, die
sie aus ihrem Erleben der Zeit zogen. Alle drei setzten sich mit den Folgen
des europäischen Nationalismus auseinander und schlossen sich den politischen
Zielen des Vereins Brit Shalom an, der in Palästina einen binationalen Staat
und einen friedlichen Ausgleich mit der arabischen Bevölkerung anstrebte. Die
existentielle Konfrontation mit dem Krieg führte bei Kohn, Weltsch und
Bergman nicht nur teilweise zu einer kritischen Auseinandersetzung mit ihrem
Lehrer Buber, sondern auch zu recht unterschiedlichen persönlichen
Entscheidungen mit Blick auf den Zionismus: Während sich Kohn aus einer
pazifistischen Haltung heraus vom jüdischen Nationalismus abwandte und in die
USA auswanderte, flüchtete Weltsch 1938 aus Deutschland nach Palästina,
verließ es aber noch vor der Staatsgründung Israels. Nur Bergman blieb
zeitlebens in Jerusalem und versuchte dort die Ideale von Bubers Konzept
eines ethischen Nationalismus im politischen Diskurs der israelischen
Gesellschaft wachzuhalten. Der Vortrag spürt im Spiegel der Erfahrung und
Denkwege der drei Prager Schüler Bubers den Folgen des Ersten Weltkriegs, der
Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, für eine Strömung innerhalb des Zionismus
nach, deren Träume, Utopien und ethischen Bestrebungen an der Realität im
Nahen Osten nach dem Zweiten Weltkrieg zerbrochen sind.

Christian Wiese ist seit 2010 Inhaber der Martin-Buber-Professur für Jüdische
Religionsphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt. Vorher war er
Professor für Jüdische Geschichte und Direktor des Centre for German-Jewish
Studies an der University of Sussex. Gastprofessuren führten ihn u.a. nach
Montreal und Dublin. Seine Forschungen konzentrieren sich auf die jüdische
Geistes- und Kuturgeschichte der Moderne, jüdische Philosophie, die
Geschichte jüdisch-christlicher Beziehungen und die Antisemitismusforschung. 
Er ist der Autor zweier Monographien (“Challenging Colonial Discourse:
Jewish Studies and Protestant Theology in Wilhelmine Germany”, 2005; “The
Life and Thought of Hans Jonas: Jewish Dimensions”, 2007) und hat zahlreiche
Sammelbände zur jüdischen Geschichte veröffentlicht. Zur Zeit arbeitet er an
einer Biographie des Herausgebers der zionistischen Jüdischen Rundschau,
Robert Weltsch. Er ist u.a. der stellvertretende Vorsitzende der
Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts.

Ort:

Vortragssaal des Jüdischen Museums Untermainkai 14/15, 60311 Frankfurt

Veranstalter: