Veranstaltungen

22. Januar 2011
Tagung / Seminar / Workshop

Die Schweiz und die Shoa

Programm:

Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW am ZDA und Professur für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften und ihre Disziplinen, Aarau 22.01.2011-22.01.2011, Zentrum für Demokratie Aarau

Deadline: 30.09.2010

Das Erinnern an die Shoa in der Schweiz war lange massgeblich von einer Identitätspolitik bestimmt, die davon ausging, dass weder Staat noch Zivilgesellschaft in die Shoa involviert gewesen seien. Demgegenüber zeigte die historische Forschung insbesondere zu den Wirtschaftsaktivitäten der Schweiz, dass die weltweit verflochtene Wirtschaft und ihre international agierenden Akteure im nationalsozialistisch kontrollierten Europa einen Umgang mit Partnern und Konkurrenten entwickelten und pflegten. Sie analysierte, dass dieser nur teilweise den damals geltenden Massstäben ethisch vertretbaren Wirtschaftsgebarens entsprach und erst recht nicht den heutigen. Ebenso zeigte sich, dass die Respektierung der Neutralität der Schweiz durch Dritte weniger den militärischen Bemühungen als vielmehr dem allseitigen Nutzen geschuldet war, den die Kriegsparteien und insbesondere die Nationalsozialisten in ihr erkannten. So wurde deutlich, dass die Vorstellung einer zivilen wie politischen Distanz der Schweiz zum damaligen Weltgeschehen eine Fiktion war, was das Feld für die Diskussion der Frage öffnete, welchen Anteil die Schweiz an der Shoa habe.

Diese Frage ist eine historisch drängende, sie stösst aber auch ins Zentrum der heutigen Identitätssuche von Schweizerinnen und Schweizern bzw. der Schweiz. Und dies in dreifacher Weise:

Zum einen fordert sie Erinnerungsgemeinschaften zur Befragung ihrer Selbstvergewisserungen und zur teilweise konsequenten Neubeleuchtung ihrer Erinnerungen bzw. zu einer schmerzhaften Neudefinition ihrer Identität(en) auf. Diese Herausforderung ist umso grundsätzlicher, als sie auf die historische Gleichzeitigkeit von Massenmord und Vernichtung (Shoa) und relativ friedlichem Alltag in der Schweiz zwischen 1933 und 1945 zurückgreift. Gerade dieser Gleichzeitigkeit hat sich demgegenüber die Geschichtswissenschaft als einer Forschungsfrage verstärkt zu stellen, hat sie sich doch bislang zuwenig um die historische Aufarbeitung des Alltags und der diskursiven Durchdringung der unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Milieus während dieser Jahre bemüht.

Des weitern verbindet sie sich mit der heutigen Identitätssuche und Handlungssicherheit einer Gesellschaft, die ihre weltweite Vernetztheit in einer globalisierten Welt nicht nur hinsichtlich Wirtschaft und Politik neu einordnen muss sondern auch hinsichtlich eines globalisierten Denkens. Dieses beleuchtet und bewertet über die Orientierung am Völkerrecht und am Menschenrechtsdiskurs Gegenwart und auch Vergangenheit neu - und insbesondere aus der Perspektive der Opfer.

Schliesslich machen heutige Kontroversen und Kommunikationslosigkeiten bezüglich Erinnerung an die Zeit des Zweiten Weltkrieges deutlich, dass der zwischenzeitliche geschichtskulturelle und vor allem geschichtspolitische Umgang mit der belasteten Zeit deren heutige Verarbeitung zusätzlich erschweren. Sie werfen damit die Frage auf, in welchem Verhältnis die jeweilige Interpretation zu den dann aktuellen politischen Verhältnissen gestanden hat. 

Gegenwärtige Suchbewegungen für eine kollektive Identität der Schweiz kombinieren sich also mit dem Ringen um Erinnerung. Dabei gerät insbesondere die Interpretation des Anteils der Schweiz und der schweizerischen Gesellschaft an der Entrechtung und Ermordung der Juden und Jüdinnen in Europa in den Fokus. 

Nach einer ersten Tagung (im März 2010) in der Reihe zu "Erinnerung - Verantwortung - Zukunft" aus Anlass des jährlichen Gedenkens an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit vom 27. Januar, die von der Professur für die Didaktik der Gesellschaftswissenschaften und dem Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der Pädagogischen Hochschule FHNW am Zentrum für Demokratie Aarau gemeinsam getragen wird, findet nun die 2. Ta-gung am 22. Januar 2011 statt. In der wissenschaftlichen Konferenz zu «Die Schweiz und die Shoa» werden drei Beobachtungsachsen vorgeschlagen: 

Erstens geht es um eine Geschichte der schweizerischen Gesellschaft zur Zeit des Nationalsozialismus und ihre Vermittlung in Geschichtskultur und Geschichtsunterricht. Thematisiert wird die historische Gleichzeitigkeit von nationalsozialistischer Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden, Sinti, Roma und anderer Opfer und von historischen Erfahrungen von Menschen und Gruppen in der Schweiz, die in einem relativ friedlichen Alltag vom Vernichtungskrieg und vom Völkermord verschont blieben. Gesucht werden innovative Zugänge zu diesem Verhältnis (etwa lokal- oder regionalhistorische Untersuchungen zum Wissen und Nicht-Wissen über die NS-Verbrechen in konkreten gesellschaftlichen Kontexten, z. B. bei Arbeiterinnen und Arbeiter in der Rüstungsindustrie, bei Angestellten der Finanz- und Versicherungswirtschaft oder bei Bewohnerinnen und Bewohner der Grenzregionen). Dabei soll eine historiographische Tradition neu belebt und auch für geschichtskulturelle und schulische Zusammenhänge genutzt werden, die anstelle der Nation andere Analysekategorien aus der Geschlechter-, Alltags-, Firmen- oder anderer Geschichten verwendet, ohne die Nation im Hintergrund aus dem Blick zu verlieren. 

Zweitens interessieren unterschiedliche, zum Beispiel gruppenspezifische Erinnerungstraditionen mit ihren Strategien, Ausformungen und Wirkungen und ihre Bedeutung für die Geschichtskultur und den Geschichtsunterricht. Sie stehen im Umfeld einer Geschichte des kollektiven Erinnerns an die Zeit des Zweiten Weltkriegs in wechselnden politischen Kontexten seit 1945 (Geistige Landesverteidigung, Kalter Krieg, Wende, usf.) und basieren auf der Figur der Gleichzeitigkeit von kollektiver Erinnerung und einer Geschichte des Vergessens. Wir fragen nach dem Verhältnis und den Auseinandersetzungen von gruppenspezifischen Erinnerungs-traditionen mit hegemonialer Erinnerungspolitik. Es interessieren spezifische Erinnerungsgemeinschaften etwa in Armeeverbänden, Vereinen oder anderen Formen der Vergemeinschaftung, deren alternative Erinnerungen aus Macht- oder Ressourcengründen hinter den dominanten Erzählungen verstummten. Wir fragen auch nach den Konzeptionen, die in der Schule und in der Geschichtskultur für die Fragen von Vergessen und Erinnern, mit Erinnerung von Einzelnen und Kollektiven, mit Erinnerung und geschichtlicher Interpretation zur Anwendung gelangen.

Drittens wird die Geschichte der historischen Auseinandersetzung mit dem Thema «Schweiz - Zweiter Weltkrieg», in Verbindung mit den geschichtspolitischen Kämpfen der sie umgebenden Gesellschaft und ihren Wirkungen auf die Geschichtskultur und den Geschichtsunterricht, thematisiert. Dabei geht es um eine Interaktion zwischen geschichtswissenschaftlichen und geschichtskulturellen bzw. geschichtspolitischen Thematisierungen der schweizerischen Weltkriegsgeschichte. Es wird gefragt, auf welche Weise gesellschaftliche Debatten die Analysekonzepte, Perspektiven und Fragestellungen der Geschichtswissenschaften sowie den Schulunterricht geprägt haben. Andererseits wird thematisiert, inwiefern und auf welche Weise, die Geschichtswissenschaften die zentralen Denkkategorien (Anpassung, Widerstand, Dissuasion, «die Schweiz», usw.) der öffentlichen Auseinandersetzung und der schulischen Behandlung zu beeinflussen vermochte.

 

Als Analysekategorien verweisen wir auf Ansätze der transnationalen Geschichte und der Transfergeschichte sowie auf die Konzepte der Analyse geschichtskultureller bzw. geschichtspolitischer Phänomene. Besonders willkommen sind Beiträge, die historische Erfahrungen bzw. Erinnerungsprozesse in der Schweiz mit analytischen Kategorien von Klasse, Gender, Religion, Ethnizi-tät und anderen verknüpfen. Neben Referaten, die Verbindungen zwischen Geschichtswissenschaft, -kultur und -unterricht in den Blick nehmen, sind sehr wohl auch spezifische Beiträge willkommen, die sich innerhalb einer der Achsen Wissenschaft, Kultur oder Schule bewegen.

Eingabe bis zum 30. September 2010.

Sie erhalten bis zum 15. Oktober Bericht.

Bitte geben Sie ein an beatrice.ziegler@fhnw.ch:

- 4 keywords

- die Zuordnung zu einer der drei Analysefelder

- einen Text  (max. 3000 Zeichen)

- Biobibliographische Angaben (max.300 Zeichen)

Ort:

Zentrum für Demokratie Aarau

Veranstalter:

Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik der PH FHNW am ZDA