Veranstaltungen

6. November 2020 , 09:30 Uhr - 7. November 2020 - 15:30 Uhr
Tagung / Seminar / Workshop

Die Vor- und Darstellung von Täterschaft und Verantwortung in Gedenkstätten und Museen im deutsch- und russischsprachigen Raum

Programm:

Online-Workshop

Dr. Olga Rosenblum und Dr. Enrico Heitzer

Die Diskussionen im russisch- und deutschsprachigen Raum zu historischer Täterschaft und Verantwortung unterscheiden sich deutlich. Dasselbe gilt für die öffentliche Darstellung dieses Themas in Gedenkstätten bzw. Ausstellungen und seine Vermittlung in der historisch-politischen Bildungsarbeit. In einem Online-Seminar versuchen wir, über Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten, ins Gespräch miteinander zu kommen.

Ausgangspunkt unserer Diskussionen ist ein zentraler Unterschied in der deutschen und russischen Sprache und damit möglicherweise auch zusammenhängend in Forschungstraditionen und Museumspraktiken: die Abwesenheit eines Äquivalents zum deutschen Wort "Täter" im Russischen, das im Deutschen üblicherweise für die Analyse und Darstellung verschiedener Grade der Verantwortung vor allem für NS-Verbrechen, aber auch DDR-Unrecht, benutzt wird. Möglicherweise lässt sich das durch die seit Khrushchev dauernde Tendenz erklären, die Auseinandersetzung mit der Verantwortung für die Repressalien zu meiden und als Folge Begriffe mit einem maximal breiten, geradezu verschwommenen Sinn zu verwenden (z.B. "Čekist" oder "Henker" für jeden Mitarbeiter der ČK und aller Nachfolgeinstitutionen, "Macht", "Totalitarismus", "schwierige Zeit", "historisches Moment", "Sonnenfinsternis", "Tragödie" usw.).

Bei Gesprächen stellte sich heraus, dass es mitunter gar nicht einfach ist, eine gemeinsame Sprache zu finden, weil wörtlich übersetzte Begrifflichkeiten zum Teil signifikant andere Bedeutungen in der jeweils anderen Sprache tragen. Zudem besteht viel zu selten die Möglichkeit, dass sich deutsch- und russischsprachige "memorial professionals" zu memorialkulturellen und -politischen, aber auch generellen Fragen des Ausstellungsmachens sowie der Forschungs- und Vermittlungsarbeit austauschen. Wir versuchen mit diesem Format, das auch explorativen und experimentellen Charakter trägt, Gedenkstättenmitarbeiter/innen, Forscher/innen, aber auch Studierende, Vertreter/innen der Zivilgesellschaft und anderweitig am Feld interessierte, in den Austausch zu bringen.

Wir schlagen als Auftakt vor, dem vielleicht weitere Online-Workshops folgen könnten, über die prinzipiellen Unterschiede der Aufarbeitungsdiskurse in das Thema einzusteigen und folgende Fragen ins Zentrum der Diskussion zu stellen, dabei immer die spezifischen Fragen aus dem Gedenkstätten- und Museumsbereich im Blick:

1. Neben historiographischen Fragen nach der Genese und Entwicklung der Erforschung von Täterschaft und Verantwortung und ihren Konjunkturen, soll es darum gehen, wie diese Themen öffentlich behandelt und museal dargestellt werden. Wie wird Täterschaft definiert und eingegrenzt? Wo setzt die Diskussion und Darstellung von Verantwortung an? Welche Tätertypen und -gruppen finden Beachtung? Was spielt hingegen keine Rolle?

2. Eine zweite Frage der Diskussion könnte sich moralischen Dilemmas/Handlungspielräumen in repressiven Kontexten des 20. Jahrhunderts widmen: Welche moralischen Dilemmas hinsichtlich Täterschaft und Verantwortung werden in Ausstellungen dargestellt, können überhaupt dargestellt und pädagogisch sinnvoll verhandelt werden? Wie wird in diesem Zusammenhang mit dem Problem möglicher Relativierung von tatsächlicher Schuld umgegangen? Betreffen die dargestellten Dilemmas allein die Einschätzung der in der Ausstellung dargestellten Gesellschaft oder wird das Profitieren von der Täterschaft und ihrer Unterstützung thematisiert - was unvermeidbar auf Fragen zu heutigen Gesellschaften zielen würde.

Das Seminar findet mit "Zoom" auf Deutsch und Russisch mit einer Simultanübersetzung statt. Wir werden versuchen, Expert/innen für kurze Impulsvorträge zu gewinnen, um viel Raum für Diskussionen zu haben.

Der Workshop wird von Olga Rosenblum konzipiert und organisiert, deren Aufenthalt in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen durch ein Stipendium des Programms "Memory Work" der Bundesstiftung zur Aufarbeitung gefördert wird. Eine Anmeldung bei Olga Rosenblum bis zum 26. Oktober wird gebeten (rosenblum@gedenkstaette-sachsenhausen.de).

Im Vorfeld wird es Material der Referent/innen geben.

Genauere Informationen zum Programm folgen später.

Der Ablauf am 06.11.2020 ist folgendermaßen geplant:

9:30 - 10:00 Begrüßung, Vorstellung der Teilnehmenden, des Konzepts und des organisatorischen Ablaufs

10:00 - 12:00 Panel I

12:00 - 13.00 Pause

13:00 - 15:00 Panel II

15:00 - 15.30 Abschlussdiskussion

Ort:

Veranstalter: