Veranstaltungen

22. März 2018 , 19:30 Uhr
Gedenkveranstaltung

Eine wundersame Begegnung

Programm:

Die Gedenkstunde gestalte ich aus Dankbarkeit für die besonderen Erlebnisse, die ich durch die Beschäftigung mit ihm erfahren habe. Bei der Feier werden neben der "Geschichte" verschiedene Texte zu hören und einige Fotos seiner Werke, kleine Kopien in Terrakotta, eine Originalradierung zu sehen sein.

 

Am 13.2.1943 starb der jüdische Bildhauer Moissey Kogan 63jährig in Auschwitz-Birkenau.

Ich fand Kogan über die Google-Suchmaschine unter der Eingabe "jüdischer Bildhauer Auschwitz". Die Fotos seiner Werke haben mich sofort angesprochen. Mir wurde im Nachhinein deutlich, wie sich unter glücklichen Bedingungen eine "fixe Idee" inkarnieren kann. Ich wollte versuchen, durch die Beschäftigung mit einem in Auschwitz verstorbenen Bildhauer einen zerrissenen Faden wieder aufzunehmen, um zu schauen, ob etwas auf irgendeine Art weitergehen könnte. In dieser riesigen Tötungsmaschine Auschwitz-Birkenau starben so viele Menschen- sie alle waren voller Lebenswünsche und Schaffensziele- was ist aus all dem Potential geworden- wie muss es wohl speziell den Künstlern ergangen sein- welche Gestaltungsideen konnten sie durch dieses abrupte Ende nicht verwirklichen?

 

Und die Reise begann und sie führte mich trotz des dunklen Hintergrundes in eine Welt der Schönheit und des Lebens.

 

Kogan wurde am 24.5.1879 in Orgjejeff in Bessarabien (heute Moldawien) geboren. Er ist dann später in verschiedenen Ländern zuhause gewesen, in der Schweiz, in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Und so hat er auch einige Jahre hier in München gelebt. Er hat 1903 bei Wilhelm Rümann an der Akademie für Bildende Künste studiert, war dann freischaffender Künstler und beteiligte sich 1910 an der Neuen Künstlervereinigung. Er war häufiger Gast bei Jawlenski und Werefkin, die hier um die Ecke in der Giselastr. 23 wohnten.

 

Es folgte ein unseter Lebenswandel. Er hatte unentwegt Kontakt zu den Künstlergrößen seiner Zeit und war bei einigen großen Ausstellungen beteiligt. Die letzten Lebensjahre verbrachte er mit seiner Familie in Paris, obwohl es dort während der deutschen Besatzungszeit für ihn als Juden sehr gefährlich war. Am 4.2.1943 wurde er verhaftet und über Drancy nach Auschwitz deportiert, wo er am 13.2.1943 eintraf und direkt nach seiner Ankunft ermordet wurde.

 

Kogans bildhauerisches Lebensthema war der weibliche Akt. Es entstanden vor allem kleine Tonfigürchen, aber auch Reliefs und Köpfe. Die Werke strahlen Schönheit, Zartheit und Liebe aus. Er wendete v.a. den Negativschnitt an, ein sehr besonderes Vorgehen, bei dem er das Negativ der Gestalt in einen Gipsblock schabte und dann anschließend durch eine Tonausformung ins Positiv brachte.

 

Was verbindet mich mit Kogan? Schon bevor ich ihn kennen lernte, hat mich besonders der weibliche Akt interessiert. Dieses uralte Thema. Die Eva, die Urmutter, die Schöpferische ... Bei diesem Thema taucht man ganz in die Venus-Sphäre ein. Der Planetenbaum der Venus ist die Birke. Dieser Baum tauchte in verschiedener Weise bei meiner Beschäftigung mit Kogan auf. So merkte ich z.B. im Nachhinein, dass mein Arbeitsplatz, an dem ich die ersten Annäherungsversuche durch Kopieren seiner Werke machte, sich unter einer Birke befand. Das war in Ascona, wo ich Urlaub machte und kurz vor der Abreise erfuhr, dass Kogan dort einige Jahre gelebt hat. Sein Todesort ist Birkenau (ist es nicht eigenartig, dass dieser schreckliche Ort diesen wunderschönen Namen hat?), mein Geburtsort ist Birkenfeld. Da diese Ortsbezeichnungen namenhaft in mir lebten, war es fast erschreckend für mich, als mir plötzlich die Bedeutungsebene klar wurde. Das Gebäude, in dem ich mein derzeitiges Atelier eingerichtet habe, trägt den Namen Birkenhof.

 

Ein Höhepunkt der Begegnung mit Kogan war meine Reise nach Auschwitz-Birkenau. Ich hatte eine ungebrannte Kopie eines Reliefs von ihm dabei. Dieses legte ich in eine kleine frischgepflanzte Birkengruppe bei der Judenrampe. Da sollte es vergehen. Wer kann das große Leid erfassen, das an diesem Ort erfahren wurde. Die vielen Menschen, die aus der höchsten Kultur in die tiefste animalische Unkultur gestoßen wurden- wie muss es ihnen ergangen sein. Und im Besonderen einem so feinen Menschen wie Kogan, der so sehr die Schönheit liebte. Vielleicht habe ich durch ihn einen anfänglichen Zugang zu diesen großen Fragen gefunden. Ich hatte während des Aufenthaltes an diesem Ort das Gefühl in irgendeiner Weise beschützt zu sein.

 

Kogan ist für mich ein Lehrer geworden, für die Schönheit, die Linie, den Ausdruck, die Schlichtheit, das Zeitlose. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

 

Ich freue mich auf Ihr Kommen.

Herzliche Grüße

Torsten Kleiner

Torsten Kleiner
Am Farnbuck 9
D-79410 Badenweiler
+49-(0)7632-8234747
torstenkleiner@gmx.de
www.torstenkleiner.de

Ort:

Michaelskirche, Leopoldstraße 46 b, 80802 München

Veranstalter:

Torsten Kleiner