Veranstaltungen

31. Mai 2013 - 1. Juni 2013
Tagung / Seminar / Workshop

Gedenkstätten und Geschichtspolitik

Programm:

Gedenkstätten an Orten ehemaliger Konzentrationslager sind seit der deutschen Vereinigung einem steten Wandel unterworfen: Im Zuge ihrer Professionalisierung und Institutionalisierung sind sie heute zeitgleich dem Gedenken der NS-Verfolgten, der Zusammenarbeit mit Überlebenden und ihren Angehörigen, internationalen Begegnungen, der historisch-politischen Bildung und der Forschung verpflichtet, und erfüllen diese Aufgaben mit den Arbeitsweisen und den Standards zeithistorischer Museen. Gedenkstätten werden mittlerweile als Orte kultureller und politischer Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland wahrgenommen. Zugleich sind sie aber auch Stätten der Artikulation verschiedener zivilgesellschaftlicher Initiativen und Gruppen. Gedenkstätten sind heute Kristallisationspunkte unterschiedlicher geschichtspolitischer Interessen und Ansprüche. Vor diesem Hintergrund möchte der geplante Workshop die geschichtspolitischen Koordinaten in den Blick nehmen, die die Arbeit der Gedenkstätten definieren.

Das Heft 16 der Zeitschrift „Beiträge zur Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland“, dessen Erscheinen für das Frühjahr 2014 geplant ist, wird diesen Themenschwerpunkt aufgreifen und einzelne Beiträge des Workshops veröffentlichen. Besonders erwünscht ist ein regionalgeschichtlicher Bezug auf Norddeutschland bzw. auf in Norddeutschland gelegene Gedenkstätten und Erinnerungsorte. Historikerinnen und Historiker, die zu einem der folgenden Themenbereiche oder zu weiteren Aspekten der Verbindung von Gedenkstätten und Geschichtspolitik einen Beitrag leisten möchten, sind herzlich zur Teilnahme und Mitwirkung eingeladen.

Folgende Fragestellungen und Perspektiven sollen diskutiert werden:

1. Das Feld, in dem Gedenkstätten handeln, ist mit Begriffen belegt, hinter denen Konzepte stehen, die durchaus verschieden sind: Was genau besagen Begriffe wie Vergangenheitspolitik – Geschichtspolitik – Erinnerungspolitik – Gedenkpolitik und wie lassen sie sie sich zueinander in Beziehung setzen? Gehen sie mit einem Funktionswandel von Gedenkstätten und dem Wandel der Erinnerungskultur einher?

2. Wie funktioniert das Zusammenspiel von staatlich geförderter Gedenkstättenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement im Einzelnen? Welche Folgen und Konflikte ergeben sich aus dem Miteinander von staatlicher Verantwortung und gesellschaftlicher Partizipation? In welcher Weise greifen politische Akteure in die Gedenkstättenarbeit ein und wie beeinflussen Gedenkstätten politische Entscheidungen? Welche Formen der Verfasstheit und Trägerschaft von Gedenkstätten können sich als zukunftsfähig erweisen?

3. Gedenkstätten verzeichnen kontinuierlich ansteigende Besucherzahlen. Woher rührt das zunehmende öffentliche Geschichtsinteresse? Mit welchen Erwartungshaltungen kommen Besucherinnen und Besucher zu Orten mit ‚negativer Geschichte‘? Vorstellungen von historischen Ereignissen werden heute in erster Linie von den Massenmedien vermittelt und geprägt, so dass Gedenkstätten den mitgebrachten Bildern kaum mehr entsprechen. Auf welche Weise können Gedenkstätten die notwendige „Korrekturfunktion“ (Aleida Assmann) gegenüber den Vorstellungshaushalten ausüben und der Suggestionskraft der „Stätten des Grauens“ in der Vermittlung historischer Kenntnisse begegnen? Wie ist auf den stets erneut gestellten Anspruch von Politik und Medien zu antworten, Gedenkstätten sollten der Prävention von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus dienen?

4. Die Praxis öffentlichen Gedenkens war lange durch tradierte Formen des nationalen Totenkults geprägt. Seit einigen Jahren ist eine Vervielfältigung der Formen des Gedenkens zu beobachten. Kommemorative Praktiken sind heute nicht mehr ausschließlich an einer quasi sakralen Formensprache orientiert; verschiedene geschichtspolitische Initiativen entwickeln neue, kreative und künstlerische Ausdrucksformen. Wie manifestiert sich diese aktive und innovative Erinnerungsarbeit in den einzelnen Gedenkstätten?

5. Gedenkstätten und Geschichtsinitiativen leisten einen besonderen Beitrag zu einer Politik der Anerkennung verschiedener Verfolgtengruppen, deren Diskriminierungsgeschichte teilweise bis heute andauert. Dabei liegt ein potentielles Konfliktfeld im Miteinander einer wissenschaftlich-historisch fundierten Darstellung einer Verfolgungsgeschichte einerseits und einem identitätspolitisch aufgeladenen und auf aktuelle Problemlagen orientierenden Thematisierungswunsch andererseits. Wie werden in den Gedenkstätten beide Ansätze vermittelt und die Konflikte artikuliert?

6. In welchem Spannungsverhältnis stehen national orientierte Narrative zu den Bemühungen um eine Europäisierung bzw. Globalisierung der Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen? Wie lassen sich die Bemühungen interpretieren, sowohl die nationalsozialistischen als auch die stalinistischen Verbrechen als gemeinsamen negativen Gründungskonsens in Europa zu etablieren? Ein Ausdruck dieses Bemühens ist die Entschließung des europäischen Parlaments im April 2009, den 23. August zum Gedenktag für alle Opfer totalitärer und autoritärer Regime zu erheben. Auf welche Weise sind die NS-Gedenkstätten mit diesen geschichtspolitischen Entdifferenzierungsunternehmen befasst? Welche Formen der Vernutzung von Geschichte für gegenwärtige Interessen sind in den Gedenkstätten heute virulent und wie wird ihnen begegnet?

Die Vorträge sollen den Charakter zwanzigminütiger Impulsreferate haben, an die sich jeweils eine zwanzigminütige Diskussion anschließen wird. Es können in den Vorträgen eine oder mehrere der sechs angesprochenen Fragestellungen/Perspektiven angesprochen werden. So können beispielsweise einzelne gesellschaftliche Akteursgruppen, Studien zur Besucherforschung und den Reaktionsweisen von Gedenkstätten auf veränderte Erwartungshaltungen z. B. in der Bildungsarbeit, historisch ausgerichtete Untersuchungen der Entwicklung von Geschichtspolitik in Bezug auf KZ-Gedenkstätten und aktuelle geschichtspolitische Kontroversen und Konfliktlinien exemplarisch am Beispiel einzelner, möglichst in Norddeutschland gelegener Gedenkstätten oder bezogen auf Gedenkstätten allgemein vorgestellt werden.

Wir bitten alle Interessierten, uns bis spätestens 22. Februar 2013 ein einseitiges Abstract ihres geplanten Vortrages sowie eine Kurzbiografie an folgende E-Mail-Adresse zu senden: beitraege@<wbr></wbr>gmx.de.

Die Benachrichtigung der ausgewählten Referentinnen und Referenten erfolgt Anfang März 2013. Für Referentinnen und Referenten werden die Reise- und Übernachtungskosten übernommen.

Kontakt:

Jutta Mühlenberg
KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Jean-Dolidier-Weg 75, 21039 Hamburg
beitraege@<wbr></wbr>gmx.de

URL:

http:/<wbr></wbr>/www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de/

Ort:

Veranstalter: