Veranstaltungen

10. September 2015 , 19:00 Uhr
Film Vortrag

"Jederzeit widerruflich" – Jüdische Filmstars im Nationalsozialismus

Programm:

Vortrag mit anschließender Vorführung des Films "Ehe im Schatten"
von Kurt Maetzig

Moderation: Christian Müller-Lorenz (Gedenkstätte Lindenstraße)

Datum: Donnerstag, 10. September 2015, 19 Uhr
Ort: Gedenkstätte Lindenstraße, Lindenstraße 54, 14467 Potsdam

Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

„Jederzeit widerruflich“ – so lautete ab 1935 die Standardformulierung für sogenannte Sonder-genehmigungen, mit denen die Reichskulturkammer unter Joseph Goebbels einen Ausweg gefunden hatte, sich über staatlich verordnete Berufsverbote für Künstler jüdischer Herkunft aus pragmatischen Gründen hinwegzusetzen. Die Verfolgung führender und prominenter Vertreter des deutschen Kulturlebens aus rassistischen und politischen Gründen drohte zu einer Verarmung bisheriger Standards künstlerischer Qualität anzuwachsen. Um diesen Verlust teilweise zu kom-pensie€ren, wurde es prominenten Schauspielern wie Paul Henckels, Hans Moser oder Heinz Rühmann, Sängerstars der Bayreuther Festspiele wie Frida Leider, Max Lorenz und vielen ande€ren Künstlern und vielen anderen Künstlern aufgrund von Sondergenehmigungen gestattet, ihren Beruf weiter auszuüben. Weniger bekannt ist allerdings das tatsächliche Ausmaß dieses taktisch immer wieder variierten Instruments der NS-Kulturpolitik, das nicht nur Stars, sondern eine Vielzahl bewährter Kräfte bis hin zum technischen Personal betraf. Der angekündigte Vortrag befasst sich mit der Praxis dieser Sondergenehmigungen.

Mit freundlicher Unterstützung des Filmmuseums Potsdam zeigt die Gedenkstätte im Anschluss den Film „Ehe im Schatten“ von Kurt Maetzig (Deutschland 1947). Maetzig, der im NS-Staat als 'Halbjude' selbst vom Berufsverbot betroffen war, thematisiert in diesem schwarz/weiß gedrehten Drama die Geschichte des deutschen Schauspielers Joachim Gottschalk und seiner Ehefrau Meta. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft erhielt Meta Gottschalk Berufsverbot während ihr Ehemann bis 1940 mit Hilfe von Sondergenehmigungen weiter arbeiten durfte. Als das Reichspropa-gandaministerium ihn zur Scheidung zwingen wollte, beging er mit seiner Ehefrau Selbstmord. Kurt Maetzig, der später einer der wichtigsten Propaganda-Filmemacher der SED-Diktatur wurde, erinnert mit seinem Film an das Schicksal vieler deutscher Juden wie auch seiner Mutter, die sich 1944 das Leben nahm.

Dr. Bärbel Schrader, Jg. 1942, Theaterwissenschaftlerin in Berlin, lange Jahre Mitarbeiterin am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, 1990 Gast-professur in den USA; ab 1993 Mitarbeit an Forschungsprojekten der Humboldt Universität Berlin und der Universität Hamburg. 2008 erschien ihr Buch „‘Jederzeit widerruflich‘ – Die Reichskultur-kammer und die Sondergenehmigungen in Theater und Film des NS-Staates“.

Ort:

Potsdam, Gedenkstätte Lindenstraße

Veranstalter:

Potsdam, Gedenkstätte Lindenstraße