Veranstaltungen

2. Juni 2021 - 7. Juli 2021
Vortrag Lesung

Vernichtungskrieg, Vor 80 Jahren: Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Programm:

Eine digitale Veranstaltungsreihe der Begegnungsstätte Alte Synagoge und der Gedenkstätte Steinwache Dortmund vom 2. Juni bis 7. Juli 2021

Am 22. Juni 1941 überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Der als Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg geplante Feldzug führte zu einer beispiellosen Brutalität in der Kriegsführung und der Besatzungspolitik. Der Überfall markierte zugleich den Beginn des Holocaust - die Ermordung der Jüdinnen und Juden in allen von Deutschland eroberten und besetzten Ländern.

Auch an der so genannten Heimatfront wurde der Krieg geführt: Mehrere Millionen sowjetischer Kriegsgefangener und zivile Zwangsarbeiter*innen mussten unter menschenunwürdigen und todbringenden Bedingungen leben und arbeiten.

Es dauerte länger als drei Jahre, bis Deutschland diesen Angriffskrieg verloren hatte. Er kostete nach unterschiedlichen Schätzungen allein aus der Sowjetunion fast 30 Millionen Menschen oder mehr das Leben.

Die Vortragsreihe nimmt den 80. Jahresstag des deutschen Überfalls zum Anlass, verschiedene Aspekte dieses "Krieges im Krieg" zu beleuchten. Es bestimmt heute das Bild vom Zweiten Weltkrieg. Trotzdem ist das Wissen über ihn, vor allem seine Bedeutung für das Zentralverbrechen des Nationalsozialismus, den Judenmord, nur unzureichend präsent im öffentlichen Bewusstsein.

Die Einwahldaten bitte unter info@alte-synagoge-wuppertal.de anfordern; sie werden Ihnen am Nachmittag des jeweiligen Vortragstags zugeschickt.

Mittwoch, 2. Juni 2021, 19.00 Uhr

Der deutsch-sowjetische Krieg 1941-1945 im Kontext

Vortrag von Prof. Dr. Dieter Pohl, Universität Klagenfurt

Der Verlauf des deutsch-sowjetischen Krieges und die Verbrechen der deutschen Besatzungsherrschaft sind inzwischen weithin bekannt. Freilich ist es notwendig, diesen epochalen Konflikt auch in größerer Perspektive zu sehen, nämlich als Versuch des deutschen Reichs, eine globale Hegemonie zu erreichen, als Teil des globalen Zweiten Weltkriegs, aber auch als zentrales Kapitel der Vernichtungspolitik NS-Deutschlands und der Gewalt der "Achsenstaaten".

Dieter Pohl ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Klagenfurt und Autor zahlreicher Publikationen zu den Themenfeldern "Holocaust" und "Vernichtungskrieg". Seine Forschungsschwerpunkte sind die nationalsozialistische Besatzungsherrschaft und Gewaltverbrechen, der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien, die Geschichte der Sowjetunion, die Kriegsfolgen, die Geschichte kommunistischer Systeme nach 1945, Massengewalt im 20. Jahrhundert sowie die Zeitgeschichte Polens und der Ukraine.

Mittwoch, 9. Juni 2021, 19.00 Uhr

Der Holocaust in der besetzten Sowjetunion und die Spurensuche heute

Vortrag von Dr. Andrej Umansky, Köln

Gemeinsam mit dem französischen Verein "Yahad - In Unum" widmet sich Andrej Umansky seit 2004 der systematischen Ermittlung und Dokumentation von Massenexekutionen von Juden und Roma während des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der Sowjetunion. Eine wichtige Rolle dabei haben die Interviews mit den Augenzeugen der Mordaktionen, die - oft als einstige Nachbarn - heimliche Beobachter des schrecklichen Geschehens waren und nun zum ersten Mal darüber sprechen. "Yahad - In Unum" dokumentiert auch die Orte der Erschießungen auf dem Territorium der früheren Sowjetunion. Bis heute über 7.000 Augenzeugen befragt und über 2.000 Tatorte ausfindig gemacht.

Dr. Andrej Umansky ist Strafverteidiger, Historiker und Vorstandsmitglied von "Yahad- In Unum".

Mittwoch, 16. Juni 2021, 19.00 Uhr

Sowjetische Kriegsgefangene zwischen Vernichtung und Zwangsarbeit

Vortrag von Dr. Christian Streit, Heidelberg

Die sowjetischen Kriegsgefangenen bildeten nach den Juden die größte Opfergruppe nationalsozialistischer Politik. Von den insgesamt mehr als 5,6 Millionen gefangener sowjetischer Soldaten, starben etwa drei Millionen als Opfer der verbrecherischen Politik des nationalsozialistischen Regimes. Dieses hatte den Völkerrechtsgrundsatz, dass Kriegsgefangenen menschlich zu behandeln sind, rigoros verworfen. Ein entscheidender Faktor für das Massensterben war das Ziel, die Nahrungsressourcen des Ostens gnadenlos zugunsten der deutschen Bevölkerung auszubeuten. Wenn es überhaupt geringfügige Verbesserungen in der Behandlung der Kriegsgefangenen gab, dann ausschließlich deshalb, weil man ihre Arbeitskraft dringend für den Einsatz in der deutschen Rüstungsindustrie brauchte.

Bis in die 1970er Jahre war es ein Tabuthema, über das Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen zu forschen, und erst seit den 1980 gab es erste Ansätze. Einen Schub erfuhr das Thema durch die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskreis 1941-1944" (1995). In der Diskussion über die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen wurden die sowjetischen Kriegsgefangenen nicht berücksichtigt, und erst 2015, als nicht einmal mehr 2000 Betroffene am Leben waren, entschloss sich der Bundestag zu einer symbolischen Zahlung von 2500 Euro für jeden von ihnen.

Mit seiner Dissertation "Keine Kameraden. Die Wehrmacht und die sowjetischen Kriegsgefangenen 1941-1945" (1978) hat Christian Streit ein Standardwerk zum Thema geschaffen. 1990/ 2000 war Streit Mitglied der Kommission zur Überprüfung der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskreis 1941-1944" und 2015 Sachverständiger in der Bundestagsdiskussion über die Anerkennung und Entschädigung sowjetischer Kriegsgefangener als NS-Opfer.

Dienstag, 22. Juni 2021, 19.00 Uhr

"... unsere Sendung, die europäische Kultur zu retten vor dem Vordingen der asiatischen Barbaren."

Ausgewählte Texte, gelesen von Julia Wolff und Gregor Henze

Aus den überlieferten Quellen zum Überfall auf die Sowjetunion kommt der verbrecherische Charakter des als "Unternehmen Barbarossa" getarnten Krieges erschreckend deutlich zum Vorschein. Die Lesung ausgewählter Quellentexte beleuchtet ihn aus unterschiedlichen Perspektiven: aus der Sicht der Angreifer und aus dem Blick der Überfallenen. Den ideologischen Eifer und die mörderische Praxis des "Ostfeldzugs" dokumentieren nicht nur die berüchtigten "Ereignismeldungen" der Sicherheitspolizei, sondern auch einschlägige Befehle der Wehrmachtsführung sowie zahllose Feldpostbriefe deutscher Soldaten. Aus der Sicht der Opfer bezeugen unter anderem Tagebücher aus den Ghettos und aus dem besetzten Leningrad oder Aussagen jüdischer Zeugen in NS-Prozessen nach 1945 und Berichte von Überlebenden der Massenerschießungen das Verbrechen dieses Krieges. Diese Berichte sind auch heute noch schwer auszuhalten.

Gregor Henze war mehrere Jahre Ensemblemitglied der Wuppertaler Bühnen und dort im Schauspiel und im Musiktheater aktiv. Er arbeitet heute u.a. als freier Schauspieler an verschiedenen Theatern in NRW, u.a. beim Schauspiel Essen.

Julia Wolff war nach Engagements an verschiedenen deutschen Theatern von 2004 bis 2014 festes Ensemblemitglied der Wuppertaler Bühnen. Seitdem dort und am Schauspiel Bochum Gast. Sie ist Sprecherin für den WDR und seit 2013 Schauspieldozentin an der Folkwang Hochschule Essen und an der Grazer Universität.

Mittwoch, 30. Juni 2021, 18.00 Uhr

Deutsche Herrschaft der besetzten Sowjetunion. Von Hunger, Zwangsarbeit und Alltagsgewalt in den Jahren des Zweiten Weltkriegs

Vortrag von Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer, Bergische Universität Wuppertal

Der Vortrag widmet sich der Frage, welche Konsequenzen die deutsche Herrschaft für die einheimische, jüdische wie nichtjüdische Bevölkerung der Sowjetunion hatte. In besonderer Weise werden dabei Aspekte beleuchtet, die bisher weniger im Zentrum der Aufmerksamkeit gestanden haben, vor allem: Was bedeutete Besatzung für das Alltagsleben? An ausgewählten Beispielen aus dem Kontext der Versorgung, der Arbeit, aber auch der alltäglichen Gewalt wird der Vortrag zeigen, dass "Vorkriegsnormalitäten" sich tiefgreifend veränderte. - In ihren Ausführungen wird die Referentin auch auf die Befunde des von ihr geleiteten Forschungs- und Editionsprojekt "Societies under German Occupation. Experiences and Everyday Life in World War II" eingehen.

Tatjana Tönsmeyer ist seit 2011 Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Bergischen Universität Wuppertal. Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. die Geschichte des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der europäischen Besatzungsgesellschaften. Sie ist Leiterin des internationalen Netzwerks "Besatzungsgesellschaften" und eine der Herausgeber*innen der Quellenedition "Fighting Hunger, Dealing with Shoortage. Everyday Life under German Occupation in World War II Europe", die im Herbst 2021 erscheinen wird. Sie ist Mitglied in verschiedenen Beiräten, darunter der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, des Deutschen Historischen Instituts Warschau sowie der Wissenschaftlichen Arbeitsgruppe zur Errichtung einer Dokumentations-, Bildungs- und Erinnerungsstätte zur deutschen Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkriegs.

Mittwoch, 7. Juli 2021, 19.00 Uhr

"Aktion 1005" - Spurenbeseitigung von NS-Massenverbrechen in der Sowjetunion

Vortrag von Dr. Andrej Angrick, Berlin

Unter der Tarnbezeichnung "Aktion 1005" verbirgt sich einer der ungeheuerlichsten und geheimsten Vorgänge des "Dritten Reichs": Im Jahr 1942 gab die oberste Führung an das "Reichssicherheitshauptamt" die Order aus, sämtliche Massengräber im deutsch besetzten Europa unkenntlich zu machen - durch Exhumierung und Verbrennung der Leichen. Ebenso sollten alle verfänglichen schriftliche Dokumente und sonstigen Informationen vernichtet werden, die den Völkermord an den europäischen Juden, die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen, die Vernichtung der Roma und die Hinrichtungen polnischen Nationalisten dokumentiert hätten.

Andrej Angrick ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Er wirkte maßgeblich an der Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskreis 1941-1944" mit und fungierte als Gutachter in den bundesdeutschen Ghettorentenverfahren.

Flyer(pdf)

Ort:

Online

Veranstalter:

Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal