Veranstaltungen

24. August 2018 , 20:00 Uhr
Vortrag

Vortrag zur Ausstellung "Religion: Evangelisch - Prostestanten im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936-1945"

Programm:

Im Rahmen der Offenen Kirche zeigen wir vom 6. August bis 17. September die Ausstellung "Religion: Evangelisch. Protestanten im Konzentrationslager Sachsenhausen." Wir konnten den Kurator Dr. Ulrich Prehn für den 24. August als Referenten gewinnen. Er spricht zum Thema "Opfer und Täter: Machtverhältnisse – Beziehungsgeflechte – Handlungsspielräume."

Im Folgenden stellt uns Andrea Gorys die Ausstellung vor:

Stellen Sie sich vor, Sie sind 17 Jahre alt. Sie gehen im humanistischen Marienstift-Gymnasium in Stettin zur Schule, einer gesitteten Lehranstalt inmitten von Diktatur und Krieg. Sie haben eine Predigt gelesen, in der sich der Bischof Clemens August Graf von Galen gegen die Krankenmorde der Nationalsozialisten wehrt. Sie wollen, dass ihre Mitschüler diese Predigt zur Kenntnis nehmen. Diese aufklärerische Tat bekommt Ihnen aber schlecht. Sie führt zur Denunziation, sofortigen Verhaftung in der Schule, zu Verhören durch die Gestapo, einer mehrwöchige Haft in einem „Arbeitserziehungslager“ und schließlich direkt von Stettin in das Konzentrationslager Sachsenhausen. So erging es Klaus Reichmuth und Klaus Rendtorff im Januar 1942. Am Ende erlitten sie neun Monate Haft und sie überstanden Sachsenhausen nur, weil sich die Mitgefangenen der Jugendlichen annahmen. Beide waren Söhne von Pfarrern, unter ihnen der ehemalige Landesbischof von Mecklenburg, Heinrich Rendtorff, der schon im Sommer 1933 in Auseinandersetzung mit den sich formierenden „Deutschen Christen“ mit dem Regime in Konflikt geraten und als Bischof abgelöst worden war. „Wenn wir die Jungen festhalten, wollen wir vor allem die Väter treffen“, soll ein Gestapo-Beamter nach der Verhaftung der Mutter von Klaus Rendtorff gesagt haben. Entlarvend dann die Verurteilung zu Konzentrationslager: „weil sie in ihrer Klasse die Anschauungen des Christentums für wahr erklärten und mit dieser Ansicht ihre Klasse beeinflussten.“  Aus dem Konzentrationslager entlassen, meldeten sie sich zum Wehrdienst und wurden mit ihren ehemaligen Klassenkameraden gemeinsam eingesetzt. Klaus Rendtorff überlebte wie viele seines Jahrganges den Krieg nicht. Klaus Reichmuth, der später selbst den Pfarrberuf ergriff, schrieb im Rückblick 1963: „Das ist für mich die Frucht der Monate in Sachsenhausen, dass uns die Hoffnung auf Gottes Handeln in Jesus […] wichtiger wurde als unsere eigene Glaubenskraft, deren Kläglichkeit wir damals erfahren mussten. Wir waren sehr menschliche Werkzeuge, voller Geltungsdrang und Stolz und dann voller Angst und Lebensgier.“ Die Geschichte dieser beiden Jugendlichen wird in der Ausstellung „Religion: Evangelisch. Protestanten im Konzentrationslager Sachsenhausen 1936-1945“ erzählt, die für die Dauer von 6 Wochen in unserem Kirchenraum zu sehen ist. Insgesamt 15 Biographien werden dort vorgestellt. Neben dem bekannten Theologen Martin Niemöller und Juliusz Bursche, dem Bischof der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen, lassen sich andere, zuvor weniger bekannte Schicksale entdecken. Unter ihnen sind ein norwegischer und zwei niederländische Pfarrer. Die Ausstellung lenkt den Blick auch auf Formen der Religionsausübung im Konzentrationslager. Eindrucksvoll ist die Erinnerungszeichnung einer Morgenandacht des norwegischen Häftlings Thorvald M. Davidson, der diese mit der Klage kommentierte, die Blockältesten (also Mitgefangenen) hätten die „illegale“ Morgenandacht unterbunden. Es boten sich aber immer wieder auch Möglichkeiten zu Religionsausübung und Seelsorge im Konzentrationslager. Am Beispiel von Kurt Scharf, Angehöriger der bekennenden Kirche und Pfarrer in Sachsenhausen, weitet sich der Blick aus dem Konzentrationslager hin zur Frage nach dem Verhältnis von Konzentrationslager, Kommune und Kirchengemeinde. Ausstellungskurator Ulrich Prehn verschweigt nicht, dass praktizierende Christen zu den Verbrechern gehörten: Hans Helwig etwa, 1937 bis 1938 Kommandant des KZ Sachsenhausen, war in seiner Heimatgemeinde im Schwarzwald seit 1927 Kirchenältester.

Zeichnung von Thorvald M. Davidsen (undatiert) ©Gedenkstätte Sachsenhausen

Quelle: Evangelische Kirchengemeinde Frohnau

Ort:

Johanneskirche, Zeltinger Platz 18, 13465 Berlin, Deutschland

Veranstalter:

Evangelische Kirchengemeinde Frohnau