Vernetzungstreffen „JUGEND erinnert vor Ort & engagiert" | 19.–21. November 2025 | Evangelische Tagungsstätte Hofgeismar
Das Vernetzungstreffen des Förderprogramms „JUGEND erinnert vor Ort & engagiert" fand vom 19. bis 21. November 2025 in der Evangelischen Tagungsstätte Hofgeismar statt. Rund 20 Projektverantwortliche aus 16 Projekten von Gedenkstätten, Geschichtsinitiativen und gemeinnützigen Organisationen aus ganz Deutschland kamen zusammen, um sich über ihre Arbeit auszutauschen, voneinander zu lernen und gemeinsam über Herausforderungen und Perspektiven der erinnerungskulturellen Bildungsarbeit zu reflektieren.
Das Vernetzungstreffen wurde vom Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors im Rahmen des Begleitprojekts „JUGEND erinnert vernetzt" organisiert und richtete sich an alle geförderten Projekte der beiden Förderschienen „JUGEND erinnert vor Ort" und „JUGEND erinnert engagiert". Es bot Raum für fachlichen Austausch, methodische Impulse und kollegiale Beratung. Das Förderprogramm wird von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) finanziert und von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) koordiniert.
Das dreitägige Treffen kombinierte verschiedene Formate: Neben interaktiven Kennenlernrunden und Projektvorstellungen standen ein intensiver Workshop zur Selbstreflexion, partizipative Barcamp-Sessions, individuelle Coachings sowie informelle Austauschformate auf dem Programm. Im Mittelpunkt standen das persönliche Kennenlernen, der Einblick in den Stand aller Projekte und die gemeinsame Reflexion über aktuelle Herausforderungen in der gedenkstättenpädagogischen und erinnerungskulturellen Arbeit mit jungen Menschen.
Der erste Tag begann nach der Anreise am frühen Nachmittag mit einer offiziellen Begrüßung durch Vertreter:innen des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors und der Stiftung EVZ. In der Begrüßung wurde die Bedeutung des Vernetzungstreffens für die Weiterentwicklung der Projektarbeit und den Aufbau eines tragfähigen Netzwerks zwischen den Projekten betont. Anschließend wurde das Programm der drei Tage vorgestellt und die verschiedenen Rollen der Beteiligten – von den Teilnehmenden über die Workshop- und Barcamp-Moderation bis hin zu den Coaches – erläutert.
In interaktiven Kennenlernrunden stellten sich die Projektverantwortlichen und ihre Arbeit vor. Die Teilnehmenden präsentierten ihre Projekte jeweils mit einem Plakat und einem kurzen Statements und tauschten sich über ihre Ansätze, Zielgruppen und methodischen Zugänge aus. Dabei wurde die große Vielfalt der geförderten Vorhaben aus beiden Förderschienen deutlich: Von musikpädagogischen Formaten in der Gedenkstätte Sachsenhausen über digitale Stadtrundgänge in Hamburg und Ulm, von der Auseinandersetzung mit NS-Zwangsarbeit in Villingen-Schwenningen bis hin zu künstlerischen Performances in Ravensbrück, von der Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener in der Gedenkstätte Stalag 326 bis zur Entwicklung inklusiver Bildungsangebote für Kinder am Denkort Bunker Valentin reichte das Spektrum der „vor Ort"-Projekte. Die „engagiert"-Projekte zeigten ebenso vielfältige Zugänge: Von postkolonialen Perspektiven auf Kolonialismus und Nationalsozialismus (Sources d'Espoir), über Fußballfankultur und NS-Geschichte (Fanprojekt Bremen), künstlerische Auseinandersetzungen mit NS-Verbrechen in ländlichen Räumen (Miteinander e.V.) bis hin zu inklusiven Podcast-Projekten in Einfacher Sprache (Erinnerungs-D.i.N.G.), von digitalen Zeitzeugen-Projekten mit KI-Tools (Kibbuz e.V.) bis zu Projekttagen an außerschulischen Lernorten wie dem Geschichtsort Adlerwerke in Frankfurt.
In einer moderierten Erwartungsabfrage sammelten die Teilnehmenden ihre Bedarfe und Wünsche für das Treffen. An erster Stelle stand Wunsch nach kollegialem Austausch über Herausforderungen in der Projektarbeit, nach praktischen Impulsen für die Vermittlungsarbeit sowie nach Vernetzung und gegenseitiger Unterstützung. Diese Sammlung bildete die Grundlage für die inhaltliche Ausgestaltung der folgenden Tage.
Der Abend klang mit einem informellen Austausch aus, bei dem die Teilnehmenden erste Kontakte vertiefen und sich in entspannter Atmosphäre kennenlernen konnten.
Der zweite Tag begann mit einem aktivierenden Warm-up, das den Übergang vom Frühstück in den intensiven Arbeitstag erleichterte. Anschließend leiteten Jennifer Faber und Verena Haug vom Netzwerk Verunsichernde Orte einen dreistündigen Workshop unter dem Titel „Was ist los? Aktuelle Herausforderungen in der Projektarbeit". Der Workshop bot Raum zur Reflexion bisheriger Projekterfahrungen und zum Austausch über Herausforderungen und positive Erlebnisse in der erinnerungskulturellen und gedenkstättenpädagogischen Arbeit.
Durch den Austausch über eigene Unsicherheiten, Grenzerfahrungen und bestärkende Erlebnisse wurden persönliche und strukturelle Herausforderungen erkundet. Die Teilnehmenden diskutierten über Toleranzgrenzen in der Bildungspraxis und reflektierten konkrete Situationen, in denen ihr pädagogisches Handeln an Grenzen stieß. Mithilfe der Themenzentrierten Interaktion (TZI) nach Ruth Cohn analysierten sie gemeinsam die aktuelle Situation ihrer Projekte: Welche Veränderungen, Befürchtungen und ermutigenden Aspekte prägen die Arbeit? Welche Rolle spielen gesellschaftspolitische Entwicklungen wie der zunehmende Rechtsruck, die Politisierung junger Menschen oder Konflikte im Nahen Osten für die eigene Praxis?
Der Workshop schuf zugleich ein Gruppen- und Netzwerkgefühl und legte die Grundlage für die thematische Ausgestaltung des nachfolgenden Barcamps, indem erste Themen und Fragestellungen sichtbar gemacht wurden.
Nach der Mittagspause erfolgte die Einführung in das Barcamp-Format durch den Moderator Timo Rasche. Im Barcamp gestalten die Teilnehmenden die Inhalte selbst: Sie bringen Themen ein, bieten Sessions an oder schließen sich Gruppen an. In einer gemeinsamen Abstimmungsrunde wurden die Themen gesammelt, geclustert und demokratisch ausgewählt. Über den Nachmittag und den folgenden Vormittag verteilt fanden insgesamt acht Barcamp-Sessions in jeweils drei bis vier parallelen Räumen statt.
Die Themen der Sessions spiegelten die Vielfalt der Herausforderungen und Interessen wider: „Aktivierung junger Menschen & Herausforderungen partizipativer Bildungsarbeit" widmete sich der Frage, wie Jugendliche für Projekte begeistert werden können und welche Spannungsfelder zwischen Freiwilligkeit und Projekterfordernissen bestehen. In der Session „Nachhaltigkeit" wurde der Widerspruch zwischen Nachhaltigkeitsansprüchen und der Projektförderlogiken diskutiert, die ständig „neue, innovative Ideen" verlangen. Die Session „Erinnerungskultur für alle" fragte nach inklusiven Zugängen und der Einbindung von Menschen mit Behinderung in die Gedenkstättenarbeit.
Weitere Sessions beschäftigten sich mit „Komplexitätsreduktion" und der Frage, inwieweit spielerische und kreative Ansätze in der NS-Erinnerungsarbeit legitim sind, mit dem Gendergap und geschlechterreflektierenden Ansätzen in der historisch-politischen Bildung sowie mit künstlerischen Methoden und emotionalen Zugängen in der Bildungsarbeit. Auch praktische Fragen wie „Wie gelingt es, junge Teilnehmende länger am Ball zu halten?" und strukturelle Herausforderungen im Projektmanagement wurden erörtert.
Parallel zu den Barcamp-Sessions stand ein individuelles Coaching-Angebot zur Verfügung. In 45-minütigen Einzelgesprächen boten Jennifer Faber und Verena Haug (Verunsichernde Orte) Beratung zu gedenkstättenpädagogischen Fragen wie Vermittlungsmethoden, Selbst- und Rollenverständnis, Umgang mit Teilnehmenden sowie kritischer Auseinandersetzung mit NS-Geschichte und deutscher Erinnerungskultur. Vatan Ukaj und Danielle Alexa Becker (WERTansich(t)) fokussierten auf prozessorientierte Themen wie Konfliktlösung, Team- und Organisationsentwicklung sowie Diversität und Inklusion. Die Coachings boten vertiefende Reflexion und praxisnahe Unterstützung, abgestimmt auf konkrete Projektbedarfe.
Der Tag endete mit einer gemeinsamen Tagesreflexion, in der Eindrücke und Erkenntnisse gesammelt wurden. Am Abend lud ein „Walk and Talk" zu einem Spaziergang in den Park der Akademie ein. Die Verbindung von Bewegung und strukturiertem Dialog in Kleingruppen schuf Raum für vertiefende Gespräche in lockerer Atmosphäre und bot einen entspannten Ausklang des intensiven Arbeitstages.
Der letzte Tag begann mit einem kurzen Einstieg in den Morgen, bevor die letzten beiden Barcamp-Runden stattfanden. Auch am Vormittag liefen parallel zu den Sessions die finalen Coaching-Slots, sodass alle Interessierten die Möglichkeit zur individuellen Beratung erhalten konnten.
In der abschließenden gemeinsamen Reflexion teilten die Teilnehmenden ihre wichtigsten Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Treffen. Viele betonten die Bedeutung des persönlichen Kennenlernens und des kollegialen Austauschs, der Mut macht und das Gefühl vermittelt, mit den eigenen Herausforderungen nicht allein zu sein. Als besonders wertvoll wurden die Barcamp-Sessions erlebt, in denen offene und ehrliche Gespräche über Schwierigkeiten, Unsicherheiten und Grenzen der eigenen Arbeit möglich waren. Die Kombination aus strukturiertem Workshop, partizipativem Barcamp und individuellen Coachings ermöglichte sowohl kollektiven als auch persönlichen Austausch auf unterschiedlichen Ebenen.
Zugleich richteten die Teilnehmenden den Blick nach vorn und sammelten Bedarfe, Ideen und Wünsche für die weitere Vernetzung und Zusammenarbeit. Die Erkenntnisse und Bedarfe aus dem Treffen fließen in die weitere Gestaltung des Begleitprojekts „JUGEND erinnert vernetzt" ein, das vom Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors koordiniert wird. Neben diesem jährlichen Vernetzungstreffen umfasst das Begleitprogramm digitale und analoge Austauschformate sowie methodische Weiterbildungsangebote, die die Projekte während der gesamten Laufzeit begleiten.
Die Einblicke und Diskussionen des Workshops sowie der Barcamp-Sessions wurden durch Graphic Recording visuell dokumentiert. Tiziana Jill Beck von graphicrecording.cool begleitete das Vernetzungstreffen und hielt zentrale Themen, Fragestellungen und Ergebnisse in großformatigen Illustrationen fest. Die visuellen Protokolle machten Diskussionsstränge und Erkenntnisse auf einen Blick sichtbar und ermöglichten es den Teilnehmenden, die Inhalte aus verschiedenen Sessions nachzuvollziehen. Die Graphic Recordings dienten nicht nur der Dokumentation, sondern wurden auch zu einem Gesprächsanlass und trugen dazu bei, komplexe Themen greifbar und einprägsam zu machen.
Das Vernetzungstreffen 2025 legte den Grundstein für ein tragfähiges Netzwerk zwischen den geförderten Projekten. Die Teilnehmenden kehrten mit neuen Impulsen, Kontakten und der Erfahrung gegenseitiger Solidarität in ihre Projektarbeit zurück.
Alle Fotos: Julana Bredtmann / Stiftung Topographie des Terrors