Arbeit und Identität in Geschichte, Gegenwart und Zukunft

Potenziale und Herausforderungen von langzeitpädagogischen außerschulischen Bildungsprojekten an Gedenkstätten
09/2023Gedenkstättenrundbrief 211, S. 37-46
Friederike Jahn und Verena Bunkus

Eindrücke aus Berlin, Bremen und Zagreb

Berlin an einem Nachmittag im September 2021. Während die S-Bahn über den Köpfen unserer Gruppe rattert, brainstormen die Jugendlichen im Lernort 7xjung über das Thema Identität. Welche Ereignisse haben sie geprägt, was waren wichtige Entscheidungen in ihrem Leben? Am nächsten Tag setzen sie in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz ihre Erkenntnisse mit ihrer Familiengeschichte in Verbindung.

An einem regnerischen Novembertag 2021 erkunden wir mit Junior-Guide Lisa den Denkort Bunker Valentin in Bremen-Farge. Mitten in der gigantischen Ruine beginnen Hamide und Ebru sich zu fragen: Warum gab es im Nationalsozialismus eigentlich Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter?

Es ist schon sehr warm in Zagreb, als die Gruppe in den Osterferien 2022 Elma Hašimbegović trifft. Elma erzählt von ihrer Jugend im belagerten Sarajevo während der postjugoslawischen Zerfallskriege. Die Jugendlichen sind beeindruckt von der Offenheit, mit der sie über ihre Kriegserlebnisse spricht.

Im November 2022 kommt die Gruppe ein letztes Mal zusammen, um im Bremer Rathaus während der »Nacht der Jugend« ihr Projekt zu präsentieren. Meleknur trägt ein Gedicht zum Thema Gastarbeit vor, Maria fragt sich, was eigentlich Freiheit bedeutet, und Jaspinder resümiert: Die Geschichte darf nicht vergessen werden.

Das hier vorgestellte Projekt mit dem Titel »Fremdarbeit – Zwangsarbeit – Gastarbeit: Arbeit und Identität in Geschichte, Gegenwart und Zukunft« wurde von 2019 bis 2022 im Rahmen der Förderlinie »Jugend erinnert« der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) durchgeführt.[1] Die Projektleitung hatte die Landeszentrale für politische Bildung Bremen/Denkort Bunker Valentin inne. Kooperationspartnerin war die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz (GHWK, Berlin).

Das Projekt richtete sich vor allem an Jugendliche mit familiärer Migrationserfahrung, aber auch an Jugendliche ohne Migrationserfahrung, die aus prekären Umfeldern kommen und für deren Lebensweg die selbstbestimmte Teilhabe an Arbeit bzw. dem Arbeitsmarkt wegen ihrer migrantischen und/oder sozialen Herkunft keine Selbstverständlichkeit ist.

Wesentliches Element des Projektvorhabens war der Austausch zwischen den beteiligten Schülerinnen und Schülern aus Bremen und Berlin. Im Projektverlauf fanden vier gemeinsame Begegnungen statt: in Berlin und Bremen (2021), in Zagreb/Kroatien und erneut in Bremen (2022). Zwischen den Aktivitäten als Gesamtgruppe fanden regelmäßige lokale Treffen beider Gruppen statt, bei denen sich die Teilnehmenden vertiefend mit den Projektthemen auseinandersetzten, so bei Workshops, Museumsbesuchen und Z(w)eitzeuginnengesprächen. In und zwischen den Begegnungsphasen begleiteten die Medienpädagogin Irene Izquiero[2] und der »interdisziplinäre Prozesskünstler« Roman Kroke[3] die Schülerinnen und Schüler. Durch ihre Anleitungen konnten die Teilnehmenden das Erfahrene und Erlernte reflektieren und sich dabei künstlerisch und medial ausdrücken. Aus diesen gemeinsamen Prozessen ist ein Blog entstanden, in dem Eindrücke des Projektes gesammelt und vielfältig in Form von Videos, Fotos und Plakaten zugänglich gemacht wurden.[4]

Im Folgenden werden die inhaltlichen Schwerpunkte des Projekts und die besonderen Herausforderungen vorgestellt, die die Arbeit mit der genannten Zielgruppe und der langzeitpädagogische Ansatz mit sich brachten. Anschließend präsentieren wir die Projekt-Ergebnisse.

 

Arbeit – was ist das eigentlich?

Leitend für das Projekt waren die vom Historiker Ulrich Herbert geprägten Begriffe der Fremdarbeit, Zwangsarbeit und Gastarbeit, sowohl bezogen auf gesellschaftliche Rollen von Arbeitsmigration als auch auf die Folgen für Selbst- und Fremdwahrnehmung.[5] Wir erweiterten dies um die Dimension der DDR-Vertragsarbeit, da uns die ostdeutsche Perspektive ebenso wichtig erscheint. Herbert bezieht die Begriffe auf unterschiedliche historische Phasen der Arbeitsmigration im 20. Jahrhundert. Historisch, so dieser, habe in Deutschland nie ein Interesse bestanden, Arbeitsmigration als Einwanderungsprozess zu gestalten. Nicht-deutsche Arbeitskräfte seien in dieser Logik lediglich als »ökonomische Reservearmee« zu verstehen, die nach Bedarf einberufen oder wieder entlassen werden können. Diese Haltung beeinflusse bis heute auch die Gesetzgebung zu Arbeitsmigration und Einwanderung.[6]

Im Verlauf des Projekts erhielten die Jugendlichen die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Begriff der Arbeit, mit ihren verschiedenen Formen als wesentlicher Bestandteil der (eigenen) Identität sowie mit (erzwungener) Arbeitsmigration zu beschäftigen. Ausgangspunkt waren die Geschichte und die Ereignisse um den Denkort Bunker Valentin und die GHWK: Ohne NS-Zwangsarbeit hätte die gigantische Baustelle, die Standort einer U-Boot-Montagehalle in Bremen-Farge werden sollte, nicht realisiert werden können. In der Villa am Großen Wannsee besprachen am 20. Januar 1942 fünfzehn hochrangige Vertreter der SS, der NSDAP und der verschiedenen Reichsministerien die Kooperation bei der geplanten Deportation und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden. Ein zentraler Aspekt der »Endlösung der Judenfrage« stellte, so hieß es verklausuliert im Protokoll, die »Vernichtung durch Arbeit« dar.

Das Thema Zwangsarbeit im Nationalsozialismus und damit die Thematisierung von Verfolgungsgeschichten bedeutete für die Teilnehmenden einen konkreten Anknüpfungspunkt für ihr historisches Lernen: So arbeiteten sie in der GHWK mit Biografien von Jugendlichen im Nationalsozialismus und beschäftigten sich anschließend mit ihrer eigenen Geschichte. Sie markierten auf einer Weltkarte die Spuren ihrer Familien und überlegten, durch welche Arten von Arbeit diese geprägt wurden. Dabei wurde klar, wie divers und komplex die verschiedenen Biografien jeder einzelnen Person sind. Dieser Zugang machte zudem deutlich, dass es unterschiedliche persönliche Berührungspunkte mit dem Thema Nationalsozialismus gab: so waren einige Teilnehmende Nachfahren von Verfolgung Betroffener, andere von Tätern. Wieder andere Teilnehmende erzählten ihre Familiengeschichte anhand von Ländern auf dem afrikanischen Kontinent, wobei der Nationalsozialismus aus einer anderen Perspektive betrachtet wurde. Biografisches Arbeiten, historisch und aktuell, bildete damit einen wichtigen Zugang zum Thema, das immer wieder aufgegriffen wurde. Während ihres Aufenthalts in Bremen zeichneten die Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes bei einem Comic-Workshop die Geschichte des Zwangsarbeiters Raymond Portefaix, der im Bunker Valentin Zwangsarbeit leisten musste, nach. In einem anderen Workshop erkundete die Gruppe Spuren von kroatischen Zwangsarbeitern in Bremen anhand historischer Dokumente.

Dass auch nach 1945 ausländische Arbeiterinnen und Arbeiter in der Bundesrepublik und der DDR prekären Bedingungen ausgesetzt waren und dass auch heute das Thema (Zwangs-)Arbeit hohe Relevanz besitzt, wurde in Gesprächen mit Z(w)weitzeuginnen und Z(w)eitzeuginnen deutlich.

Diese Treffen wurden im Vorfeld von den Jugendlichen vorbereitet. In Berlin sprachen sie mit David Macou, einem ehemaligen Vertragsarbeiter und Zeugen der Pogrome von Hoyerswerda 1992. Dieser kam 1979 von Mosambik in die Deutsche Demokratische Republik, um zu studieren.[7] Besonders interessierte die Gruppe die Beweggründe Davids, in die DDR zu gehen. Außerdem gab es konkrete Nachfragen zu seinen Arbeits- und Lebensbedingungen und wie die Geschehnisse von Hoyerswerda sein Leben geprägt haben. In Bremen wiederum fand ein hybrides Treffen mit dem Zweitzeugen Yilmaz Altundang statt, der von seiner Kindheit und Jugend als Kind türkischer Gastarbeitender berichtete. Besonders die Aspekte des Aufwachsens mit familiären und gesellschaftlichen Widersprüchen und Gegensätzen, die manche Teilnehmende aus eigener Erfahrung sehr nah gingen, bestimmten das Gespräch. Yilmaz beschrieb die Veränderung des gesellschaftlichen Klimas und reflektierte: Während seine Eltern die Frage nach ihrer Herkunft als schmeichelnd wahrnahmen, empfand Yilmaz sie als Form des Otherings. In Zagreb, als Elma Hašimbegović von ihrer Kindheit in den postjugoslawischen Zerfallskriegen erzählte, erkannten Teilnehmende Parallelen zu ihren eigenen Familiengeschichten. Somit fanden sie einen neuen Zugang zur Geschichte ihrer Eltern, die aus Kriegen geflohen oder selbst als Gastarbeitende nach Deutschland gekommen waren.

Auf diesem Wege kamen die Jugendlichen den historischen Veränderungen von Arbeit im 20. Jahrhundert auf die Spur, konnten aber auch Kontinuitäten erkennen. Dies wurde sowohl rückbezogen auf die Frage nach individueller Bedeutung von Arbeit als wesentlichem Bestandteil der Identität, als auch auf die Frage nach kollektiver Bedeutung und Organisation von Arbeit mit dem expliziten Schwerpunkt auf Arbeitsmigration.

Über den gesamten Projektverlauf waren alle historischen Fragestellungen und Inhalte stetig mit Fragen an die Gegenwart verbunden: Welche Bedeutung hat Erinnerung an diese Geschichte(n) heute? Was hat die Vergangenheit mit der persönlichen und gesellschaftlichen Realität der Jugendlichen zu tun? Ziel war es, dass die Teilnehmenden ein kritisches Bewusstsein zum Einfluss von Arbeit auf die eigene Biografie entwickeln können: die Teilnahme am Arbeitsmarkt, die Art der dort ausgeübten Tätigkeit und ihre Entlohnung beeinflussen gesellschaftliche Anerkennung und Teilhabe. Arbeit stiftet bzw. entzieht so Sinn auf individueller Ebene. Im Umkehrschluss kann die Teilhabe an Arbeit und die Art der Arbeit auch sozialen wie ökonomischen Ausschluss definieren und so biografische Verunsicherungen verursachen. Gerade an der eigenen Schwelle zur Arbeitswelt sollte verdeutlicht werden, dass Arbeit wesentlich über Erfolg oder Misserfolg einer Biografie bestimmen kann, aber gleichzeitig auch eine kollektive Komponente besitzt.

 

Herausforderungen, nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie

Der Projektbeginn Ende 2019 wurde nach nur wenigen Monaten von der Corona-Pandemie geprägt, die es zunächst unmöglich machte, die Begegnungen in ihrem ursprünglich geplanten Zeitfenster und den angedachten Formen durchzuführen. Alle Schülerinnen und Schüler mussten die pandemiebedingten Herausforderungen meistern, sodass außerschulische Aktivitäten nicht an erster Stelle standen beziehungsweise schlichtweg eine Zeit lang nicht möglich waren. Schließlich konnte in Bremen die Schule am Rübekamp im Stadtteil Gröpelingen für eine Kooperation gewonnen werden. Gemeinsam mit Roman Kroke bastelten die teilnehmenden Jugendlichen kleine Pakete mit ihren persönlichen Geschichten und Gegenständen, die sie nach Berlin sandten. Nach einer Absage der zunächst anvisierten Partnerschule stieß hier eine offene Ausschreibung auf sehr große Resonanz. Im August 2021 öffnete eine motivierte Gruppe Jugendlicher aus verschiedenen Bezirken gespannt die Bremer Päckchen. Auch wenn sich im Laufe des Jahres 2021 die pandemische Situation verbesserte, gab es weiterhin Schwierigkeiten zu überwinden. Für die Berliner Gruppe galt es, die Treffen an für alle gut erreichbaren Orten zu passenden Zeiten zu organisieren. Anders als in Bremen hatten nicht alle Berliner Jugendlichen Zugang zu elektronischen Endgeräten, mit denen sie an Online-Meetings teilnehmen konnten, sodass diese Option zu Beginn des Projektes verworfen werden musste.[8]

Mit dem Projekt sprachen wir explizit eine Zielgruppe an, die nicht im Fokus »klassischer« historisch-politischer Bildungsarbeit von Gedenkstätten steht. Dadurch gab es im Laufe des Projektes für die Jugendlichen immer neue Schwierigkeiten, die auch mit ihrer teilweise prekären Lage zusammenhing: Wichtige Schulprüfungen, Care-Arbeit innerhalb der Familie und die eigenen Schülerinnenjobs erschwerten die regelmäßige Zusammenkunft über den sehr langen Projektzeitraum. Dies führte dazu, dass einige Teilnehmende das Projekt phasenweise oder vorzeitig verließen.

 

Städte (neu) erkunden, Perspektiven erweitern:
Die Projektdurchführung

Das Projekt bestand aus mehreren Modulen, die im Projektverlauf von verschiedenen Teammitgliedern organisiert und durchgeführt wurden. Die Jugendlichen gestalteten das Programm teilweise selbst mit, entdeckten neue Orte und eigneten sich Wissen zu verschiedenen Schwerpunkten an. Zunächst erkundeten die Bremer Schülerinnen und Schüler im Herbst 2021 Berlin, wo sie kurz nach ihrer Ankunft in der Stadt von den Berliner Teilnehmenden mit einer selbst gestalteten Stadtführung begrüßt wurden. Es folgte ein siebentägiges Programm, das ein gegenseitiges Kennenlernen sowie inhaltliche Workshops im Dokuzentrum NS-Zwangsarbeit, im Lernort 7xjung, in der GHWK und ein Zeitzeugengespräch mit dem mosambikanischen ehemaligen Vertragsarbeiter David Macou beinhaltete. Den Abschluss der Seminarwoche bildete ein zweitägiger künstlerischer Workshop mit Roman Kroke.

Nach diesem intensiven ersten gemeinsamen Seminar folgte bereits wenige Wochen später die zweite Begegnung, dieses Mal für ein verlängertes Wochenende in Bremen. Den Auftakt bildete ein Stadtrundgang im Stadt-Zentrum, bei dem erneut die Lebenswelten der Jugendlichen im Mittelpunkt standen. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Projekt fand in Form eines Comicworkshops mit dem Autor der Graphic Novel »Valentin« Jens Genehr statt – eine gute Verknüpfung von Ort, Thema und Kunst.[9] Eine Teilnehmerin aus Bremen führte die Gruppe schließlich durch den Denkort Bunker Valentin. Sie war dem Ort schon vor Projektbeginn als Junior-Guide verbunden.[10]

Höhepunkt des Projekts war die Fahrt nach Kroatien vor Ostern 2022. Auch hier gab es ein vielfältiges siebentägiges Programm. Zunächst besuchte die Gruppe die Gedenkstätte Jasenovac, ein ehemaliges Konzentrations- und Vernichtungslager der kroatischen Ustascha. Darauf folgten verschiedene Workshops zu den Themen kroatischer Gastarbeit, den postjugoslawischen Zerfallskriegen und der Belagerung Sarajevos von 1992 bis 1996. Ebenso erkundete die Gruppe Zagreb in einer Stadttour unter aktivistischen Gesichtspunkten und plante einen gemeinsamen Freizeittag.

Die »Nacht der Jugend« am 9. November 2022 im Bremer Rathaus war eine perfekte Gelegenheit für die gesamte Gruppe, die im Projektverlauf gemeinsam verhandelten Themen vor der Bremer Stadtöffentlichkeit, Familien, Freundinnen und Freunden zu präsentieren. Die Jugendlichen entschieden sich dafür, die von Irene Izquiero erstellten filmischen Eindrücke des Projekts vorzuführen und dabei selbst geschriebene Gedichte vorzutragen. Die daraus entwickelte Performance war beeindruckend, die Jugendlichen äußerst glücklich. Die Freude war groß, dass das Projekt sogar im Bremer Regionalfernsehen vorgestellt wurde.[11]

 

Kulturelle Bildung als Form der Reflexion

In Berlin und Zagreb stand an den letzten beiden Programmtagen die künstlerische Verarbeitung der Eindrücke im Mittelpunkt. Unter der Leitung von Roman Kroke erhielten die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Erfahrungen und Lernmomente in ein künstlerisches Werk umzuwandeln und somit die Themen in ihrer eigenen Ausdrucksweise zu reflektieren und darzustellen. Um den Jugendlichen die Verzahnung und Überleitung von Eindrücken aus den ersten Tagen in den abschließenden Kunstworkshop zu erleichtern, legte Kroke für sie bereits im Vorfeld konkrete Ankerpunkte: so animierte er sie dazu, Objekte zu sammeln, die für sie eine metaphorische Materialisierung des Erlebten darstellten und später in Skulpturen verarbeitet werden konnten. Die entstandenen Werke beeindruckten durch eine Fülle an Themen, die sich mit Zwangsarbeit und Gastarbeit sowohl historisch als auch gegenwärtig auseinandersetzten und Identität in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verhandelten. Die Themen, die die Jugendlichen bearbeiteten, reichten von Krieg, Gewalt und Gefangensein bis hin zu Frieden, Freundinnenschaft, Empathie und Empowerment.

Das Medienkonzept bestand aus Projektdokumentation und Medienpädagogik. Leitidee war, die Jugendlichen zu einer Reflexion über die Funktionsweise von Medien und damit einhergehend die Verantwortung beim Erstellen medialer Inhalte einzuladen. Irene Izquiero bot Workshops zu unterschiedlichen Medien an und begleitete die Gruppen-Fahrten auch medial. Sie vermittelte Grundsätze und technisches Wissen. Die Jugendlichen setzten das Gelernte direkt anhand kleiner projektbezogener Übungen in die Praxis um. Daraus entstand der bereits erwähnte Projektblog.

 

Fazit und Schlussfolgerungen

Im Laufe des Projektes mit mannigfaltigen Herausforderungen konfrontiert und um neue Erfahrungen reicher, möchten wir im Folgenden unsere Erkenntnisse darlegen und Ergebnisse reflektieren. Das Programm war betreuungsintensiv und organisatorisch aufwendig. Für die Jugendlichen boten wir monatliche Treffen an, die jeweils in Bremen und Berlin auf zum Teil ähnlichen, aufeinander abgestimmten Inhalten basierten. Fragen, die sich die Jugendlichen währenddessen stellten, konnten bei diesen Treffen aufgegriffen und so ein gemeinsames Lernklima entwickelt werden.[12] Die Synchronisation der Bildungseffekte in Bremen und Berlin erwies sich als anspruchsvoll. Die Jugendlichen in ihrer persönlichen Situation mit unterschiedlichen Bedürfnissen wahr- und ernst zu nehmen, bedeutete ein behutsames Antasten beim gleichzeitigen stetigen Vermitteln von Geschichtskenntnissen und Reflexionen darüber.

Die Rahmenbedingungen des Projekts gestalteten wir flexibel, um den Jugendlichen niedrigschwellig die Teilnahme zu ermöglichen. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde die zu Beginn angesetzte Höchstanzahl der Teilnehmenden verringert, was letztlich einen guten Betreuungsschlüssel zwischen Schülerinnen und Schüler und Team zur Folge hatte. Auf individuelle Bedürfnisse, insbesondere in Bezug auf das Projektthema, konnte besser Rücksicht genommen werden. Durch den lebensgeschichtlichen Bezug gelang für die Jugendlichen eine eigene, tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Thema.

Durch den Charakter der außerschulischen Bildungsarbeit waren die Schülerinnen und Schüler vom Leistungsdruck und ihren Rollen innerhalb des Klassenverbandes entkoppelt. Bei den Bremer Jugendlichen, die geschlossen einem Jahrgang angehörten, gab es darüber hinaus sinnvolle Synergien mit den Lehrenden ihrer Schule. Lehrende verlegten für unsere Teilnehmenden Klausuren und unterstützten sie zum Beispiel beim Verfassen von Geschichten und Gedichten. Die Inhalte des Projektes konnten die Jugendlichen als Ergebnisse im Unterricht präsentieren. Teilweise konnten so Inhalte aus den Begegnungen für die Schule künstlerisch und medial aufbereitet werden.[13] Die enge Zusammenarbeit mit der Schule förderte hier die Integration des Gelernten in den Schulalltag. In Berlin gestaltete sich das mitunter schwieriger, da die Jugendlichen verschiedenen Schulen (und Schultypen) angehörten und von diesen nicht immer gleichwertig unterstützt wurden.

Die Berliner und Bremer Jugendlichen nutzten darüber hinaus ihre Zeit im Projekt, um über Praktika und Pläne nach der Schule nachzudenken und darüber mit uns zu sprechen. Über unsere Zielgruppe hinaus wirkten die beteiligten Jugendlichen in ihren jeweiligen Klassenverbänden und peer groups als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, was die Reichweite des Projektes erhöhte.

Das Projekt war langzeitpädagogisch angelegt. Wichtig war uns dabei, Bildung als Prozess zu begreifen. Das hieß einerseits verlässliche und explizite Absprachen zu treffen und andererseits Improvisations- und Einfühlvermögen zu zeigen. Die persönlichen Geschichten der Schülerinnen und Schüler haben uns in ihrer Offenheit überrascht und bewegt. Teilweise war unsere Arbeit mehr sozialpädagogisch denn historisch-politischer Art. Die Vereinbarkeit der verschiedenen individuellen Bedürfnisse bei gleichzeitiger Rückkopplung an die im Projekt-Antrag formulierten Ziele erforderten eine hohe Flexibilität und Belastbarkeit auf allen Seiten, sowohl bei den Jugendlichen als auch im gesamten Team.

Die zu Beginn des Projektes formulierten Ansprüche waren ehrgeizig: Historisches Wissen sollte anhand konkreter Orte vermittelt, eine Relevanz für die Gegenwart hergestellt und ein Angebot der Reflexion geboten werden. Die Auseinandersetzung mit Arbeit in historischer und gegenwärtiger Perspektive sollte kreativ und niedrigschwellig umgesetzt werden. Die Teilnehmenden, in einem lebensweltlichen Ansatz angesprochen, sollten zusätzlich Medienkompetenzen erwerben und medienkritisch geschult werden: Der in der Förderrichtlinie formulierte Innovation wurde so Rechnung getragen. All diese Ansprüche umzusetzen bedeutete einen hohen zeitlichen und organisatorischen Aufwand, umsichtige Koordination, sehr viel zwischenmenschliches Gespür und vor allem Geduld. Mit dem Ende des Projektes bleibt darüber hinaus die Frage der Nachhaltigkeit. Die nun neu geknüpften Kontakte, die neu etablierten Strukturen, die neue Kommunikation werden bei fehlender Finanzierung und bei dem vorherrschenden Innovationsdruck im Antragswesen womöglich keine Fortsetzung finden, was bedauernswert ist.

Strukturelle Schwierigkeiten, Rollenfragen, pandemische Herausforderungen und aufwendige Koordinationen sind eine Seite der Medaille. Das Projekt mit den beiden gleichwertig angelegten Gruppen in Bremen und Berlin zu koordinieren, war durchaus mit Herausforderungen verbunden: Schwierigkeiten bei der Rollenfindung und deren Ausgestaltung im Team – etwa das Aushandeln von Zeitbudgets für Workshops von Beteiligten zwischen historischer und kultureller Bildung –, aufwendige Organisation von Schulbefreiungen, gemeinsamen Terminen und natürlich das Arbeiten unter pandemischen Gesichtspunkten war an manchen Punkten zeit- und nervenaufreibend. Die gemeinsame moderierte Reflexion zum Projektende als interne Evaluation erwies sich als sehr hilfreich, um Probleme offen zu benennen und sie in Zukunft möglichst zu vermeiden. Um professionell auf schwierige Situationen reagieren zu können und den Ansprüchen der Jugendlichen gerecht zu werden, könnte eine regelmäßige Supervision von Mitarbeitenden in der Gedenkstättenarbeit sinnvoll sein. Auch kollegiale Beratung, die sich nicht nur auf die Vermittlungsarbeit beschränkt, erscheint als wertvolle Überlegung für künftige Projekte. Für die Teilnehmenden wiederum etablierten wir wiederkehrendes Feedback, was sehr gut von ihnen angenommen wurde.

»Ich habe mich sehr stark reflektiert, neues gelernt, und bin sozial gewachsen« formulierte eine teilnehmende Person. Wir haben die Gruppe ein Jahr begleitet und konnten sehen, wie sie das Erlebte und Gelernte in ihren Alltag transformierten. Auch wir konnten mit der stärkeren Vertrautheit der Gruppe sehen, wie die Akzeptanz von sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten innerhalb der Schülerinnen und Schüler wuchs und sie miteinander offen sprachen. Fehler und Herausforderungen wurden offen problematisiert und diskutiert. Persönliche Krisen, längere Auslandsaufenthalte, gescheiterte Arbeitsverhältnisse, ihr eigener stärkerer und schwächerer Bezug zum Projekt: Die Jugendlichen ließen sich gegenseitig und uns an ihrem Leben teilhaben.

Eine andere Person war ihre »Verbindung zur Familiengeschichte« wichtig. Sie nutzte die Gelegenheit, ihre Großmutter über deren deutsch-sowjetisch-türkisch geprägte Einwanderungsgeschichte aus Zentralasien zu befragen. Eine andere Teilnehmerin bearbeitete, ermutigt durch die Teilnahme am Projekt, die Geschichte ihres Großvaters, der als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen war. Sie präsentierte ihre persönlichen Eindrücke den anderen Teilnehmenden und eröffnete damit durch ihre Erfahrung aus dritter Generation eine wertvolle Sichtweise für die anderen Teilnehmenden.

Eine dritte Projektteilnehmerin kommentierte: »Das Projekt hat mich nicht verändert, sondern darin bestärkt meine Standpunkte weiter(hin) zu vertreten!« Das ist eine spannende Reflexion: Die Teilnehmerin war schon vor Projektbeginn eine engagierte und leistungsstarke Schülerin. Das Projekt stärkte ihr Selbstbewusstsein und ihren Mut, eigene Standpunkte auch gegen Widersprüche zu vertreten und für sich selbst einzustehen.

Aus dem Projekt heraus sind neue Freundinnenschaften entstanden, die auch über das »Jugend erinnert«-Projekt weiter wirken werden. Das durchweg positive Fazit der Teilnehmenden (und ihrer Eltern) und die gute Resonanz aus den Schulen lassen die Schwierigkeiten des Projektes aber nicht gänzlich verblassen. Gerne schließen wir uns dennoch einem Kommentar einer Teilnehmerin an: »Jeder Jugendliche sollte die Chance bekommen, an solch einem Projekt mitzuwirken!«

 

Friederike Jahn ist freiberufliche Historikerin und arbeitet als freie Mitarbeiterin am Denkort Bunker Valentin, Bremen und dem BDP-Haus Bremen und ist in der politischen Bildung tätig. Sie koordinierte das Projekt ab August 2021 bis zum Projektabschluss im November 2022.

Verena Bunkus arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Sie koordinierte das Projekt als Projektpartnerin von Berliner Seite ab August 2021 bis zum Projektabschluss im November 2022.

 

[1]    In der letzten Ausgabe des GedenkstättenRundbriefes berichtet außerdem Dennis Forster vom Projekt ReMember an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Zum Programm »Jugend Erinnert« vgl. Florian Kemmelmeier: Von Leuchttürmen und den Mühen der Ebene. Begleitung und Vernetzung im Förderprogramm »Jugend erinnert«, in: GedenkstättenRundbrief 207 (09/2022), S. 15–25, sowie das Projekt von Freya Kurek: »Erinnerung ins Land tragen!«. Einblicke in ein gedenkstättenpädagogisches Ausbildungsprojekt aus Schleswig-Holstein und dessen Potenziale für andere Gedenkstätten für NS-Opfer, in: GedenkstättenRundbrief 205 (3/2022), S. 19–30.

 

[2]    ireneizquierdo.com/about/(zuletzt zugegriffen am 16. 4. 2023).

 

[3]    roman-kroke.de/de/(zuletzt zugegriffen am 16. 4. 2023).

 

[4]    Vgl. jugenderinnertbremen.wordpress.com/(zuletzt zugegriffen am 9. 2. 2023).

 

[5]    Ulrich Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, München 2001.

 

[6]    Vgl. Herbert, Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, München 2001, S. 335–336.

 

[7]    Für das Gespräch wurde David Macou von der Filmemacherin und politischen Bildnerin Julia Oelkers begleitet, die das Projekt bruderland.de (zuletzt zugegriffen am 1. 4. 2023) mit ehemaligen Vertragsarbeitern durchführte.

 

[8]    Zum Kontext: Der Stadtstaat Bremen hat im Juli 2020 mit einer sog. »Digitaloffensive« alle Lehrkräfte sowie alle Schülerinnen und Schüler mit iPads ausgestattet, um den Distanzunterricht zu erleichtern.

      Vgl. www.weser-kurier.de/bremen/digitales-lernen-bremen-beschafft-tablets-fuer-alle-schueler-doc7e4g9vii7yp16d8p8l10 (zuletzt zugegriffen am 8. 4. 2023).

      Dies führte dazu, dass – bezogen auf online-meetings – von Bremer Seite sichergestellt war, dass allen Schülerinnen und Schülern entsprechend funktionierende Endgeräte zur Verfügung standen und sie diese auch bedienen konnten.

[9]    thegoldenpress.org/produkt/valentin/ (zuletzt zugegriffen am 16. 4. 2023).

 

[10]  Zum Konzept der Juniorguides:

      www.denkort-bunker-valentin.de/lernen-lehren-forschen/schulprojekte-kooperationen/beitraege/news/bericht-ueber-die-junior-guides-am-denkort-bunker-valentin.html?tx_news_pi1 %5Bcontroller %5D=News&tx_news_pi1 %5Baction %5D=detail&cHash=8b143ae9c84833a30a5bd68e0acd0670 (16. 2. 2023).

[11]  Vgl. www.butenunbinnen.de/videos/nacht-der-jugend-gegen-ausgrenzung-rassismus-toleranz-oberschule-am-leibnitzplatz-antisemitismus-reichspogromnacht-100.html
(zuletzt zugegriffen am 8. 4. 2023).

 

[12]  Zur Pädagogik der Anerkennung vgl. Elke Gryglweski: Anerkennung und Erinnerung Zugänge arabisch-palästinensischer und türkischer Berliner Jugendlicher zum Holocaust, Berlin 2013.

 

[13]  Vgl. vimeo.com/719 149 239?embedded=true&source=video_title&owner=176 942 497 (8. 4. 2023).

 

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