Buchbesprechung: Christiane Goos - "Ich habe mich geschämt, daß ich zu denen gehöre ..."

Rettungswiderstand in der Wehrmacht im besetzten Polen 1939 bis 1945.
12/2021Gedenkstättenrundbrief 204, S. 36-39
Jochen Böhler

Christiane Goos: "Ich habe mich geschämt, daß ich zu denen gehöre ...".
Rettungswiderstand in der Wehrmacht im besetzten Polen 1939 bis 1945.
Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, 2020.
ISBN: 978-3-7758-1413-3, € 39,90

Jochen Böhler

Die Wehrmacht war von 1939 bis 1944/45 in den deutsch besetzten Gebieten Ost- und Südosteuropas in großem Maße an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung beteiligt. Diese Erkenntnis haben nicht erst die beiden Ausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung gebracht, die dem Thema zur Jahrtausendwende gewidmet waren.[1] Wer es wissen wollte, konnte sich darüber bereits in den Studien Manfred Messerschmidts, Hans Umbreits, Wolfram Manoscheks und anderen detailliert informieren.[2] Die sich um die beiden Wehrmachtausstellungen entspannenden Debatten gaben dann der differenzierten Forschung zur Wehrmacht im Vernichtungskrieg einen enormen Schub, was sich vor allem an den von Mitarbeitern des Instituts für Zeitgeschichte in den 2000er-Jahren veröffentlichten Monografien und Sammelbänden ablesen lässt.[3] Waren zuvor noch vereinzelt Zweifel laut geworden, ob deutsche Soldaten in großem Ausmaß an Massenverbrechen beteiligt gewesen waren, kann nach dieser Publikationsflut davon keine Rede mehr sein.

Von der Öffentlichkeit weniger beachtet etablierte sich aber nahezu zeitgleich ein Forschungszweig, der sich mit der Frage von "Rettern in Uniform" auseinandersetzte. Überraschenderweise engagierten sich hier Vertreterinnen und Vertreter der Zunft, die über jeglichen Verdacht einer revisionistischen Agenda erhaben sind. So gilt Wolfram Wette als Pionier der Forschung zum "Rettungswiderstand" aus den Reihen der Wehrmacht und anderer uniformierter Formationen.[4] Im Unterschied zu früheren Argumentationslinien, die den Widerstand einzelner Offiziere - etwa derer des 20. Juni 1944 - als Freispruch für die Wehrmacht als Ganzes anführten, wird hier individuelles widerständiges Handeln anders interpretiert: Gerade die Beispiele von einzelnen Wehrmachtsoldaten auf allen hierarchischen Ebenen belegen anschaulich, dass es auch innerhalb der militärischen Besatzungsstrukturen - und nicht etwa nur in Wirtschaftsbetrieben wie im Falle von Oskar Schindler oder Berthold Beitz[5] - Spielraum für menschliches Handeln gab. In den im Fließbandverfahren eingestellten bundesrepublikanischen Prozessen zu NS-Gewaltverbrechen war noch weitgehend unhinterfragt ein Befehlsnotstand postuliert worden, der es dem Einzelnen angeblich unter Lebensgefahr gebot, sich systemkonform zu verhalten. Je mehr Beispiele die Forschung zum Rettungswiderstand zutage förderte, desto düsterer zeichnete sich das Bild der Wehrmacht als Ganzes, in der solche Fälle nach wie vor zur absoluten Ausnahme gehörten.

Die vorliegende Monografie legt die Entwicklung des Forschungszweiges zum Rettungswiderstand im Dritten Reich anschaulich dar und untersucht dann konkret Rettungswiderstand von Wehrmachtsoldaten im besetzten Polen zwischen 1939 und 1945. Sie ist dabei keine bloße Bestandsaufnahme, sondern fragt auch nach den Bedingungen und Motivationen widerständigen Verhaltens zur Rettung anderer zu Kriegszeiten. Die Quellengrundlage für diese Untersuchung bilden vor allem die Akten der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zu "Gerechten unter den Völkern", herangezogen werden des Weiteren Verfahrensakten der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg, persönliche Aufzeichnungen der Retter und Geretteten, bisweilen konnten auch Gespräche mit deren Familien geführt werden.

Indem hier das besetzte Polen zur Bühne wird stammt der Hauptteil der gewählten Beispiele naturgemäß aus einer Phase der Besatzung, in der die Kampfhandlungen bereits abgeklungen waren. Zu Beginn und Ende des betrachteten Zeitraums stehen allerdings der deutsche Überfall im Herbst 1939 und die Niederschlagung des Warschauer Aufstandes im Herbst 1944, die beide von Massenerschießungen von Zivilistinnen und Zivilisten unter Wehrmachtbeteiligung begleitet war. Was die Studie dennoch in großem Umfang, gewissermaßen als Nebenprodukt der eigentlichen Forschungsagenda, bereit hält, sind faszinierende Probebohrungen in den Besatzungsalltag deutscher Soldaten im besetzten Polen.

Das Hauptaugenmerk liegt allerdings auf der Frage, ob und wenn ja: welche übergreifenden Muster sich hier aus dem von Wehrmachtsoldaten geleisteten Rettungswiderstand ablesen lassen. So war in der Forschung etwa bisher umstritten, ob dieser spontan oder geplant erfolgte. Beide Möglichkeiten implizieren Unterschiedliches. Im ersten Falle hat der Rettende sich zuvor zumeist keine tiefgreifenden Gedanken gemacht und handelt impulsiv. Im zweiten Falle ist die Bereitschaft zu widerständigem Verhalten oftmals in einem Entwicklungsprozess über einen längeren Zeitraum gewachsen. Die rettende Handlung wird dann bewusst vollzogen, sie ist weniger vom Zufall abhängig und kann bei gleichbleibenden Bedingungen und unveränderter Einstellung auch wiederholt werden.

Bevor die für die Studie gewählten Fallbeispiele vorgestellt werden, widmet sich die Autorin der Frage der Rolle von Indoktrination, Kameradschaft und Tradition innerhalb der Wehrmacht und schreibt beiden mit Bezug auf einschlägige Forschungen eine wichtige Rolle in der Formung von Soldaten und Offizieren im Dritten Reich zu. Für ein Buch mit wissenschaftlichem Anspruch sind diese zutreffenden Ausführungen auf zehn Seiten allerdings etwas knapp gehalten. Dass auch die Darstellung der deutschen Besatzungspolitik 1939-1945 in Polen nicht mehr Raum in Anspruch nimmt, ist dagegen vertretbar, da den Lesenden hier genug erklärt wird, um die im Hauptteil präsentierten knapp zwanzig Momentaufnahmen in den historischen Kontext einzuordnen.

Diese wiederum liefern uns tiefe Einblicke in den Alltag deutscher Besatzung im "Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete". Tiefer dringt nur ein, wer die in Gänze veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen und Briefe des in Warschau stationierten Sportoffiziers Wilm Hosenfeld liest, der den jüdischen Klaviervirtuosen Władysław Szpilman rettete, und dem Roman Polanski dafür 2002 im Film "The Pianist" ein Denkmal gesetzt hat (natürlich kommt er auch in diesem Buch prominent vor).[6] Aber auch weniger und bisher gar nicht bekannte Fälle werden in einer Folge von Einzelstudien vorgestellt, die in zwei Kategorien aufgeteilt sind: Rettungswiderstand durch Arbeitseinsatz und durch Verstecken und Fluchthilfe.[7] Dies, so eine wichtige Erkenntnis des Buches, waren die maßgeblichen Optionen für Wehrmachtsoldaten in der polnischen Etappe, wenn sie an ihrem Einsatzort Juden vor dem Tod retten wollten.

Die Beispiele sind durch die Bank fesselnd: der Offizier, der Juden unter Hinweis auf ihre Unabkömmlichkeit aus einem Lemberger Zwangsarbeitslager herausholt; der Versorgungsbeamte, der Verhungernde im jüdischen Krankenhaus in Drohobycz aus Armeebeständen versorgen lässt; der Kreisbaurat, der in der Nähe von Auschwitz Juden zur Arbeit auf einem von ihm eingerichteten und mit Fluchtwegen versehenen Landgut anfordert; der Dienststellenleiter der Feldwasserstraßen-Abteilung in Pinsk, der ein ganzes Netzwerk aus Eingeweihten aufbaut, um einen jüdischen Mitarbeiter aus der Gefahrenzone zu bringen. Während viele Retter aufgrund ihrer vom Mainstream abweichenden - und lebensgefährlichen - Haltung zum NS-Regime in ihrer peer group isoliert waren, entwickelten sie oftmals ein persönliches Verhältnis zu den Geretteten. Es ist schwer, sich dem Sog der Geschichten, die beim Lesen nahegehen, zu entziehen. Die spezifische Quellenbasis - Aussagen, die dem Zweck dienten, die Retter nachträglich zu ehren - generiert natürlich Erzählungen, die dazu neigen, die Geehrten zu überhöhen, so dass hier manchmal etwas mehr Distanz zum Material gut getan hätte. Wohl ebenfalls diesem Umstand geschuldet ist, dass die Biografien der Retter - dankenswerter Weise auch vor 1939 und nach 1945 - beleuchtet werden (aber um die geht es ja hier auch in erster Linie), während die der Geretteten selber oft nur auf den kurzen Kontakt beider beschränkt bleiben. Hier macht sich bemerkbar, dass der Literaturanhang nahezu ausschließlich auf deutschsprachige Sekundärliteratur verweist.[8] Auch beschränkt sich der Fokus ausschließlich auf gerettete Juden, da ja nur solche Fälle von Rettungswiderstand in den Yad-Vashem-Akten vermerkt sind.[9]

Das Buch schließt mit einer Auswertung der beschriebenen Fälle von Rettungswiderstand im besetzten Polen, die sicherlich auch auf andere Besatzungsräume zutreffen dürfte: Ablehnung des NS-Regimes spätestens zum Zeitpunkt ihres Einsatzes am Ort der Rettung lässt sich bei vielen nachweisen, daneben existierte aber auch oftmals eine Ambivalenz oder gar Nähe zum Nationalsozialismus. Wichtiger war offenbar ein Besatzungsalltag, in dem die Misshandlung und Ermordung von Juden selbstverständlich war, und den Einzelne nicht gewillt waren auf Dauer widerstandslos zu akzeptieren. Erschreckend daher die Einsicht, wie Wenige diese Tatsache tatsächlich zum entschlossenen Handeln bewogen hat. Retter waren allerdings nicht immer isoliert, bisweilen standen ihnen Netzwerke von Gleichgesinnten zur Verfügung oder sie bauten solche auf. Handlungsleitend war in nahezu allen Fällen ein humanitäres Wertesystem, dessen Grundlagen noch vor 1933 gelegt worden waren. Die eingangs gestellte Frage, ob Rettungswiderstand spontan oder geplant geleistet wurde, kann überraschenderweise anhand des hier vorliegenden Materials nicht in die eine oder andere Richtung entschieden werden, beide Varianten sind vertreten. Wer angenommen haben sollte, Spontanität sei typischer für Frontsituationen und Planung für die Etappe, erfährt hier keine Bestätigung.

Wenn man nach knapp 350 Seiten das Buch (das außerdem einen biografischen Annex zu den Rettern aufweist) aus der Hand legt, hat man eine spannende Lektüre hinter sich und ist um viele wertvolle Erkenntnisse reicher. Das Bild der Wehrmacht ist dadurch zugleich noch etwas düsterer geworden, denn in nahezu jedem Beispiel hat man erfahren, wie nahe die deutschen Streitkräfte über Jahre dem Mordgeschehen gekommen waren und sich aktiv daran beteiligt hatten.

 

PD Dr. Jochen Böhler vertritt derzeit den Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er ist Experte für die Zeit der beiden Weltkriege und den Holocaust. In seiner Dissertation "Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939" (erschienen 2006 in der "Schwarzen Reihe" des Fischer-Verlages) hat er erstmals für ein Deutsches Publikum die Verantwortung der Wehrmacht für und ihre Beteiligung an Massenmorden in den ersten Kriegswochen beschrieben.

 

[1] Siehe dazu das Themenheft "'Verbrechen der Wehrmacht'. Anmerkungen zu einer Ausstellung" der Zeitschrift Mittelweg 36, 30 (2021) 5-6.

[2] Manfred Messerschmidt: Die Wehrmacht im NS-Staat. Zeit der Indoktrination. Hamburg: Decker, 1969; Hans Umbreit: Deutsche Militärverwaltungen 1938/39. Die militärische Besetzung der Tschechoslowakei und Polens. Stuttgart: DVA, 1977; Walter Manoschek: "Serbien ist judenfrei". Militärische Besatzungspolitik und Judenvernichtung in Serbien 1941/42. München: Oldenbourg 1995 (2. Aufl.).

[3] Etwa Johannes Hürter: Hitlers Heerführer. Die deutschen Oberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion 1941. München: Oldenbourg, 2006; Peter Lieb: Konventioneller Krieg oder NS-Weltanschauungskrieg? Kriegführung und Partisanenbekämpfung in Frankreich 1943/44. München: Oldenbourg, 2007; Dieter Pohl: Die Herrschaft der Wehrmacht. Deutsche Militärbesatzung und einheimische Bevölkerung in der Sowjetunion 1941-1944. München: Oldenbourg, 2008 (2. Aufl.).

[4] Wolfram Wette (Hg.): Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 2003 (3. Aufl.).

[5] Dieter Pohl: Schindler, Oskar. In: Franz Menges (Hg.): Rohmer - Schinkel (Neue deutsche Biographie, Bd. 22). Berlin: Duncker & Humblot, 2005, S. 791-792; Thomas Sandkühler: "Endlösung" in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz, 1941-1944, Bonn: Dietz, 1994.

[6] Wilm Hosenfeld: "Ich versuche jeden zu retten". Das Leben eines deutschen Offiziers in Briefen und Tagebüchern, hg. von Thomas Vogel. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2004.

[7] Die Beispiele einer dritten Kategorie "Rettungswiderstand in höheren Dienstgraden" lassen sich auf die beiden genannten Kategorien aufteilen.

[8] Manch einschlägiges Werk - etwa Waitman Wade Beorn: Marching Into Darkness. The Wehrmacht and the Holocaust in Belarus. Cambridge, MA: Harvard University Press, 2014 oder Christopher R. Browning: Ordinary Men. Reserve Police Battalion 101 and the Final Solution in Poland. New York, NY: HarperCollins, 1992 (2. Aufl.) - wurde dabei leider übersehen.

[9] Auf den Pionier zum Thema Rettungswiderstand aus polnischer Perspektive Jan Turnau (Hg.): Zehn Gerechte. Erinnerungen aus Polen an die deutsche Besatzungszeit 1939-1945. Mainz, Matthias-Grünewald-Verlag (u.a.), 1989 nimmt die Studie keinen Bezug.

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